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Diabetesrisiko: Schlechter Schlaf stört den Stoffwechsel

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Diabetesrisiko

Schlechter Schlaf stört den Stoffwechsel


Von Christina Hohmann / Unruhiger oder zu kurzer Schlaf erhöht das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Studien zufolge beeinflusst der Nachtschlaf den Stoffwechsel unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Körpergewicht oder Ernährung. Damit spielen Schlaf und entsprechende Schlafhygiene eine wichtige Rolle in der Prävention der Erkrankung.

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Schlaf ist essenziell für die menschliche Gesundheit, auch für den Stoffwechsel. »Schlaf ist ein stoffwechselmäßig hochaktiver Prozess«, sagte Dr. Sebastian M. Schmid vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Wie wichtig der Schlaf ist, zeigen mittlerweile eine Reihe von epidemiologischen Untersuchungen: Eine kurze nächtliche Schlafdauer und Schlafstörungen erhöhen das Risiko, Übergewicht und Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Ein Beispiel ist die »Nurses’ Health Study«, in der ab 1986 insgesamt 70 000 Krankenschwestern regelmäßig untersucht und unter anderem zu ihren Schlafgewohnheiten befragt wurden. Der Studie zufolge erhöht eine kurze Schlafdauer von weniger als fünf Stunden und eine hohe von mehr als neun Stunden das Risiko für Typ-2-Diabetes deutlich.




Schlaflose Nächte bringen den Stoffwechsel durcheinander: Sie erhöhen den Insulin- und den Glucosepeak nach Mahlzeiten am Folgetag.

Foto: DAK/Wigger


Aus der Analyse ging auch hervor, dass das Diabetesrisiko mit einem hohen Body-Mass-Index (BMI) assoziiert war. Daraus könnte man folgern, dass kurzer Nachtschlaf über die Entwicklung von Übergewicht das Diabetesrisiko beeinflusst. Dass ein kurzer Nachtschlaf zu Adipositas führt, zeigen zwei Metaanalysen mit etwa 600 000 Erwachsenen und 30 000 Kindern.

 

Das ist aber nicht alles: Ein kurzer oder gestörter Nachtschlaf treibt nicht nur das Körpergewicht in die Höhe, sondern bringt auch den Stoffwechsel direkt durcheinander. Dies zeigen unter anderem Studien von Schmid und seinen Lübecker Kollegen. Für seine Untersuchungen hatte das Team die Blutparameter von 15 gesunden, normalgewichtigen Männern über mehrere Tage untersucht. Zwei Nächte lang schliefen die Probanden weniger als 4,5 Stunden, in zwei weiteren zwei Nächten betrug die Schlafdauer jeweils mehr als acht Stunden. Die langen Nächte galten als Kontrolle. Morgens nach dem Aufstehen um jeweils 7 Uhr und dann regelmäßig über den Tag verteilt wurden die Blutwerte gemessen. Währen die Blutparameter sich vor dem Frühstück nicht unterschieden, waren die Auswirkungen des Schlafmangels auf den Glucosestoffwechsel nach dem Frühstück messbar: Sowohl der Insulin- als auch der Blutzuckerspiegel waren bei Schlafrestriktion stark erhöht, berichten die Forscher im Fachjournal »Sleep« (Band 34(3), Seiten 371 bis 377). Dies deutet auf eine verminderte Insulinsensitivität hin. »Das Insulinsignal ist da, sogar stärker als nach normalem Nachtschlaf, es reicht aber nicht aus, um den Blutzuckerspiegel in den Griff zu bekommen«, sagte Schmid. Diese Konstellation entspreche einem Prädiabetes.

 

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung war, dass die Alphazellen der Bauchspeicheldrüse nach Schlafrestriktion weniger Glucagon absondern – den hormonellen Gegenspieler des Insulins, der den Blutzuckerspiegel anhebt. Dies sollte sich eigentlich positiv auf den Glucosewert auswirken. »Wir sind selbst darüber gestolpert«, kommentiert Schmid das Ergebnis. Es sei aber ein sehr robuster Effekt, der in mehreren weiteren Messungen immer wieder auftrat. Schmid vermutet, dass Schlafrestriktion die sekretorische Aktivität des Pankreas insgesamt, also sowohl der Alpha- als auch der Betazellen, verändert. Schmid vermutet, dass dies das Gleichgewicht zwischen den beiden Gegenspielern, das für die Kontrolle des Blutzuckerspiegels wichtig ist, durcheinanderbringt.

 

Mögliche Mechanismen

 

Wie genau der Schlafmangel den Stoffwechsel beeinflusst, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. »Hierzu gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten«, sagte Schmid. Schlafrestriktion könnte die Signale, die die Freisetzung von Substanzen wie Fettsäuren oder Glucose regulieren, beeinflussen. So ergab die von Schmids Team durchgeführte Untersuchung, dass nach zwei Tagen Schlafentzug auch die Konzentration von bestimmten ungesättigten Fettsäuren (NEFA) im Blut steigt, was auf eine verstärkte Lipolyseaktivität hinweist. Erhöhte NEFA-Konzentrationen sind Diabetesmarker beziehungsweise Zeichen für eine Insulinresistenz. »Es gibt vermutlich eine Verbindung zwischen Fett- und Glucosestoffwechsel«, sagte Schmid.

 

Weiterhin könnte Stress eine Rolle spielen. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse) erhöht ist, was sich an hohen Cortisolspiegeln zeigt. Andere Studien fanden diesen Zusammenhang nicht. Auch in Schmids Untersuchung waren die Spiegel von Cortisol und Adrenocorticotropin (ACTH) nach Schlafrestriktion nicht verändert.

 

Ein weiterer Mechanismus könnte die Aktivierung des Immunsystems durch Schlafentzug sein, so der Mediziner. Einige Untersuchungen fanden bei Probanden hohe Zytokinspiegel nach schlaflosen Nächten. Wie die pathophysiologischen Zusammenhänge genau sind, sei noch nicht vollständig erforscht, so Schmid. »Vermutlich spielen mehrere Mechanismen zusammen.«




Zu einer gesunden Schlafhygiene gehört, auf Einschlafhilfen wie Medikamente und Alkohol zu verzichten.

Foto: Fotolia/Lichtbildnerin


Fest steht jedoch, dass Schlafmangel oder gestörter Schlaf ein eigener Risikofaktor für Typ-2-Diabetes neben weiteren wie hohem Körpergewicht oder Bewegungs­man­gel ist. »Schlechter Schlaf beeinflusst mehrere Faktoren des metabolischen Syndroms, Übergewicht und Stoffwechsel, unabhängig voneinander«, sagte Schmid. Dies werde schon daraus deutlich, dass Schlafmangel den Stoffwechsel rasch durcheinanderbringt. Schon zwei Nächte mit Schlafrestriktion wirken sich auf die Insulinausschüttung und den Blutzuckerwert deutlich aus. Die Veränderungen nach kurzem Schlafentzug sind aber vollständig reversibel, sobald die Probanden wieder richtig schlafen können, erklärt der Mediziner. Bleibt die Schlafdauer aber über längere Zeit konstant niedrig, steigt das Diabetesrisiko. »Man weiß nicht, wie lange sich der Körper gegen die Auswirkungen von Schlafmangel wehren kann und wann sich die Veränderungen im Stoffwechsel chronifizieren«, so Schmid. »Das ist schlecht zu prüfen in Studien.«

 

Ein guter, ausreichend langer Schlaf wirkt also schützend. Schmid plädiert dafür, dem Schlaf in der Forschung eine entsprechende Bedeutung zukommen zu lassen. Wichtig sind die neuen Erkenntnisse auch für die Verhinderung weiterer Diabetes-Erkrankungen: Es leben bereits mehr als acht Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland. Mehr als 90 Prozent haben laut Angaben der Deutsche Diabetes-Gesellschaft Typ-2-Diabetes. Wir müssen Risikopatienten entsprechend beraten, um weitere Diabeteserkrankungen zu vermeiden. »Zur Schlafhygiene gehört ein ausreichender, aber auch nicht zu langer Nachtschlaf«, sagte Schmid. Die Dauer liegt großen epidemiologischen Studien zufolge individuell verschieden zwischen sieben und acht Stunden. »Gefunden haben Sie die optimale Länge, wenn Sie tags darauf erst zur Schlafenszeit wieder müde werden«, ergänzte der Experte. Zudem ist es wichtig, auf den Gebrauch von Einschlafhilfen wie Medikamente, aber auch Alkohol zu verzichten. /

 

 

Quelle:

  1. Schmid, S. M., Schultes, B.: Schlechter Schlaf als Risikofaktor für das metabolische Syndrom. Internist 2011, Band 52, Seiten 383 bis 388. doi: 10.1007/s00108-010-2710-6.

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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2011

 

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