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Topische NSAR: Schmerztherapie aus der Tube

PHARMAZIE

 
Topische NSAR

Schmerztherapie aus der Tube


Von Tanja Schweig, Vaals / Bei allen leichten bis mittelschweren Gelenkschmerzen durch Traumen, Überlastungsschäden oder Arthrosen sind topische Analgetika indiziert. Drei Kriterien bestimmen, ob sie auch wirken: der Arzneistoff, die Konzentration und die Galenik.

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Bei akuten sowie chronischen Schmerzen an hautnahen Gelenken fragen Patienten in der Apotheke oft nach topischen Schmerzmitteln. »Schmerzen am Bewegungsapparat sind unser Tagesgeschäft«, so Apotheker Dr. Joachim Kresken, Vorsitzender der Gesellschaft für Dermopharmazie (GD), während eines Firmenseminars der Hermes Arzneimittel im Rahmen der 15. GD-Jahrestagung.




Einem Review zufolge wirken Diclofenac, Ibuprofen, Ketoprofen und Piroxicam in topischen Formulierungen bei akuten muskel-skeletalen Schmerzen besser als Placebo, Indometacin hingegen nicht.

Foto: Hermes Arzneimittel


Nicht steroidale Antiphlogistika (NSAID oder NSAR) in Form von Cremes, Gelen oder Sprays haben einige Vorteile gegenüber der systemischen Schmerzbehandlung: Die Konzentrationen im Blutplasma erreichen höchstens 5 bis 15 Prozent der Werte nach oraler Applikation, was zu einer besseren Verträglich­keit führt. Der manuellen Behand­lung, dem Einmassieren des Präpa­ra­tes also, wird ein positiver psycho­logischer und schmerzreduzieren­der Effekt zugeschrieben. Und die Therapie ist kostengünstig. »Ob die topische Applikation sogar die Compliance erhöht, ist in Studien nicht untersucht. Wahrscheinlich ist dem aber so«, ergänzte Kresken.

 

Der Wirkstoff

 

Bedingung für eine Wirkung ist allerdings, dass die Arzneistoffe in ausreichender Konzentration am Wirkort eintreffen müssen – also in der Subcutis, Muskulatur oder an der Sehne, Gelenkkapsel und Synovia. In einer aktuellen Stellungnahme zu topischen Analgetika zitiert die GD das 2010 erschienene Cochrane-Review, in dem Wissenschaftler aktuelle Studiendaten zusammenfassend bewerten. Das Ergebnis: Diclo­fenac, Ibuprofen, Ketoprofen und Piroxicam wirkten in topischen Formulierungen bei akuten muskel-skeletalen Schmerzen besser als Placebo, Indometacin hingegen nicht. Vergleichende Studien zwischen den topischen NSAR untereinander liegen aber nicht vor. Nur Ketoprofen ist dafür bekannt, dass es – wenn auch selten – Kontakt- oder Photodermatitiden auslöst. Seit April 2011 müssen daher die Fach- und Gebrauchsinformationen einen entsprechenden Hinweis tragen.

 

Die Konzentration

 

Die Quantität der perkutanen Resorption hängt nicht nur von der Chemie des Wirkstoffes ab, sondern auch von seiner Konzentration. Hohe Konzentration in Zubereitungen bewirken auch höhere Wirkstoffspiegel im Zielgewebe. Um Produkte aus dem Markt in Studien miteinander zu vergleichen, müssen ihre Konzentrationen also identisch sein. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Patienten die Präparate nicht unterdosieren, sondern einen mindestens 3 bis 5 Zentimeter langen Gel- oder Cremestrang auf der Region anwenden.

 

Das Vehikel

 

Entscheidend für die Penetration durch die Haut ist schließlich noch das Transportvehikel. Die Rezepturgrundlage entscheidet darüber, wie rasch die Konzentration im Zielgewebe anflutet und welche Konzen­tration vor Ort endgültig erreicht wird. Die größte Anzahl der Präparate kommt derzeit in Form von Gelen auf den Arzneimittelmarkt:

 

In klassischen Hydrogelen baut ein hy­drophiles Polymer, zum Beispiel Carbormer (Polyacrylatderviat) oder ein Celluloseether, ein hochdisperses Gerüst auf, in das sich Wasser einlagert. Diclofenac oder Ketoprofen werden häufig in Hydrogelen vermarktet. Penetrationsförderer wie Lechitin-Derivate steigern die Permeation, zum Beispiel von Ketoprofen aus Hydrogelen.

 

In Emulsionsgelen liegt ein Öl verteilt in einem Hydrogel vor. Aus dem lipophilen Depot diffundiert der Wirkstoff durch die hydrophilen Bereiche in die Haut. Emulsionsgele sind milchig-trüb.

 

In Mikrogelen bildet das tensidähnliche Poloxamer 407 ein hochviskoses Gel aus, sodass eine flüssigkristalline Struktur entsteht. Diese Gele heißen auch Brummgele, weil sie beim Anstoßen der Tube im hörbaren Frequenzbereich in Schwingung geraten. Der Lösungsvermittler Dimethylisosorbid (DMI) sorgt dafür, dass Ibuprofen darin vollständig gelöst vorliegt. Mikrogele sind daher auch transparent. Der Wirkstoff ist in Mizellen von etwa 10 Nanometern Größe eingeschlossen und penetriert so sehr schnell in die Haut. Dabei interagieren die hoch konzentrierten Tenside mit den Hornhautlipiden, führen zu Strukturveränderungen und verbessern die Permeabilität der Haut. Zudem löst enthaltener Isopropylalkohol Lipide aus der Hornhaut und macht sie durchlässiger für den Wirkstoff. Die Inhaltsstoffe ergänzen sich in ihren Wirkungen synergistisch.

 

Professor Dr. Christel Müller-Goymann vom Institut für Pharmazeutische Technologie der Technischen Universität Braunschweig und Kollegen haben untersucht, wie gut Ibuprofen aus unterschiedlichen Grundlagen die Haut passiert und wie viel Arzneistoff in tiefere Strukturen vordringt. Um die jeweils fünfprozentigen Ibuprofen-Fertigprärparate Creme (O/W-Emulsion) und Mikrogel (doc® Schmerzgel) zu vergleichen, dienten den Wissenschaftlern verschiedene gut standardisierbare In-vitro-Versuchsanordnungen, zum Beispiel mit natürlichen Stratum-Corneum-Präparaten ebenso wie mit künstlich hergestellten Hautmodellen aus Zellkulturen. »Das Mikrogel war der Creme immer deutlich überlegen«, informierte Müller-Goymann. Damit wurden zu allen Messzeitpunkten höhere Wirkstoffspiegel vor Ort erreicht. Nach 30 Stunden war etwa viermal mehr Wirkstoff aus dem Mikrogel durch das Hautmodell gewandert als aus der Creme. Dem schnelleren Anfluten sprechen die Forscher in vivo eine schnellere Linderung des Schmerzes zu. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2011

 

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