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HIV-2: Im Schatten des großen Bruders

MEDIZIN

 
HIV-2

Im Schatten des großen Bruders


Von Brigitte M. Gensthaler / Das humane Immunschwächevirus HIV-1 hat weltweit traurige Berühmtheit erlangt. In seinem Schatten steht HIV-2, das vor allem in Westafrika vorkommt. Doch vermehrt wird es auch in Europa, Indien und den USA nachgewiesen. Daten und Fakten zu dem wenig beachteten Aids-Virus.

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HIV-2 gehört wie sein »großer Bruder« HIV-1 zu den Lentiviren in der Familie der Retroviren und kann Aids (acquired immune deficiency syndrome) auslösen. Erstmals wurde dieses Virus 1986, also drei Jahre nach HIV-1 beschrieben. Es kommt vor allem in Westafrika vor und ist in Ländern wie Guinea-Bissau, Gambia, der Elfenbeinküste, Kap Verde, Mali, Mauretanien und dem Senegal weit verbreitet. Nach Schätzungen sollen 1 bis 2 Millionen Menschen in Westafrika mit HIV-2 infiziert sein – gegenüber etwa 33,4 Millionen HIV-1-Infizierten weltweit (1, 2). Das Interesse an dem seltenen Virus wächst, seit man erkannt hat, dass es auch in Industrieländern vorkommt, die eine enge Verbindung mit westafrikanischen Staaten haben. So haben Portugal und Frankreich die höchsten Prävalenzraten in Europa. Einwanderer aus Westafrika haben das Virus auch in die USA gebracht.




Das HI-Virus kommt in zwei Arten vor: HIV-1 und -2. Deutlich seltener, aber auch harmloser ist das wenig bekannte HIV-2. Es führt bei etwa 20 Prozent der Infizierten zu Aids.

Foto: Boehringer Ingelheim


In Deutschland ist HIV-2 selten. Laut Robert-Koch-Institut gibt es unter den HIV-Erstmel­dun­gen seit 1993 genau 80 Fälle mit bestätigter HIV-1- und -2-Doppelinfektion sowie weitere 80 Meldungen, bei denen dies nicht sicher geklärt ist. Eine isolierte HIV-2-Infektion sei bei 31 Patienten belegt, bei weiteren 40 liege keine Bestätigung vor (3). Die zugelassenen diagnostischen Suchtests erfassen beide HIV-Spezies. Eine sichere Unterscheidung ist nach einem positiven Test wichtig, da nicht alle zugelassenen antiretroviralen Arzneistoffe gegen HIV-2 wirksam sind. Bei einigen Bestätigungs­tests ist die Differenzierung allerdings problematisch, und einzelne HIV-2-Infektionen könnten dem HIV-1 zugeordnet werden (1). Eine Doppelinfektion ist nur dann gesichert, wenn Nucleinsäuren beider Viren im Patienten nachgewiesen wurden.

 

Beide HI-Viren werden auf gleiche Weise übertragen: vorwiegend über Sexualkontakte, Blut (Bluttransfusionen und Gebrauch benutzter Injektionsnadeln) sowie perinatal von der Mutter auf das Baby. Jedoch ist HIV-2 deutlich weniger infektiös als die häufigere Spezies HIV-1. Bei infizierten Menschen ist die asymptomatische Phase länger, die Viruslast im Blut niedriger und die CD4-Zellzahlen liegen höher.

 

Acht von zehn HIV-2-Infizierten gelten als »Langzeitüberlebende« (1). Bei 20 bis 25 Prozent schreitet die Immunschwäche voran und kann das Vollbild Aids auslösen. Die Aids-definierenden Erkrankungen sind die gleichen wie bei HIV-1, beispielsweise Tuberkulose, Auszehrung und schwere Infektionen mit Pilzen, (Myco-)Bakterien und Viren. Mitunter wird postuliert, dass eine HIV-2-Infektion vor dem virulenteren HIV-1 schützen, also eine erworbene Immunität auslösen könnte (2). Andere Studien verneinen dies.

 

Wann und womit behandeln?

 

Noch sind viele Fragen offen, ab wann und wie eine HIV-2-Infektion optimal behandelt wird, denn dazu gibt es keine großen Studien. Dies liegt hauptsächlich an der weltweit relativ geringen Zahl der Infizierten, aber auch daran, dass die HIV-2-Epidemie vor allem in Westafrika vorkommt. Generell raten Experten, mit der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) zu beginnen, bevor sich eine schwere Immunschwäche ausprägt. Eine französische Leitlinie von 2008 empfiehlt die Behandlung für alle Patienten mit Krankheitszeichen, für infizierte Schwangere und für asymptomatische Patienten mit CD4-Zellzahlen unter 350/mm3 (2).

 

Wie bei HIV-1 zielt die Therapie auf die viralen Enzyme Reverse Transkriptase (RT), Protease und Integrase ab. Die Virustypen zeigen eine etwa 50-prozentige Homologie in der Aminosäuresequenz der Protease und etwa 60 Prozent Übereinstimmung bei RT und Integrase. Kaum verwunderlich, dass hier nicht alle antiretroviralen Arzneistoffe wirksam sind.

 

HIV-2 ist von Haus aus resistent gegen nicht-nukleosidische RT-Inhibitoren (NNRTI) und gegen Fusionsinhibitoren wie Enfuvirtid. Dagegen sind nukleosidische RTI (NRTI) und Protease-Inhibitoren (PI) wirksam, aber die Aktivität kann aufgrund von natürlichen Polymorphismen der Zielenzyme schwanken. Auf Integrase-Inhibitoren wie Raltegravir und Elvitegravir reagiert HIV-2 empfindlich, entwickelt aber schnell Resistenzen. Da HIV-2 zum Eindringen in die Zelle neben den CCR5- und CXCR4-Corezeptoren (wie HIV-1) noch weitere Corezeptoren nutzt, ist die Wirkung von CCR5-Ant­agonisten wie Maraviroc fraglich.

 

Welche Kombination ist nun die richtige? Während die WHO eine Dreifach-Nukleosidtherapie vorschlägt, empfehlen andere Experten, mit zwei NRTI plus einem Ritonavir-geboosterten PI, in der Regel Lopinavir, Saquinavir oder Darunavir, zu beginnen (2). Andere PI sind weniger wirksam und allenfalls zweite Wahl. Amprenavir und Nelfinavir sollten gar nicht eingesetzt werden. Als Nucleoside eignen sich Tenofovir plus Emtricitabin oder Lamivudin, als Alternative Zidovudin plus Lamivudin, was aber toxischer sein könnte. Stavudin und Didanosin sollten nicht eingesetzt werden, da sie Multiresistenzen gegen alle NRTI auslösen können. Überhaupt entwickelt dieses Virus noch schneller Resistenzen als HIV-1.

 

Im Allgemeinen spricht HIV-2 weniger auf die Therapie an als HIV-1, und die CD4-Zellen des Patienten erholen sich schlechter. Daher überlegen Experten, ob ein früherer Therapiebeginn günstiger wäre. Aber dazu muss die Infektion erst einmal erkannt werden. /

 

Literatur

  1. Camacho, R. J., Silva, J. C., HIV-2: das andere AIDS-Virus. RetroVirus Bulletin 3 (2010) 6-8.
  2. Omobolaji, T., et al., Update on Human Immunodeficiency Virus (HIV)-2 Infection. Clin. Infect. Dis. 52 (6) (2011) 780-787.
  3. HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen in Deutschland. Epidem. Bulletin Nr. 22 (2010) 206-220.

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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2011

 

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