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Mücken: Plagegeister unter Beobachtung

MAGAZIN

 
Mücken

Plagegeister unter Beobachtung


Von Ulrike Abel-Wanek / Mücken erobern durch Klimawandel und Globalisierung Regionen, in denen sie bisher nicht vorkamen, heimische Mücken übertragen vermehrt exotische Krankheiten. Ein Forscherteam erstellt zurzeit eine Mückenkarte für Deutschland, um mögliche Risiken einschätzen zu können.

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Für die meisten Menschen sind sie Schlaf raubende, surrende, lästige Blutsauger, für andere Lebewesen wie zum Beispiel Vögel sind sie nahrhafte Häppchen. Für eine Gruppe von Wissenschaftlern sind Stechmücken, die in wenigen Wochen in Deutschland Hauptsaison haben, zurzeit begehrte Forschungsobjekte. Mithilfe der Insekten soll nach verlässlichen Daten gesucht werden, die es ermöglichen, einen Ausbruch neuer Seuchen rechtzeitig zu erkennen.




Mücke nach einer Blutmahlzeit: Culex quinquefasciatus

Fotos: James Gathany, Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta (USA)


»Innerhalb weniger Jahre wollen wir einen Überblick über die Artenverteilung der Mücken haben und wissen, was an Viren in ihnen steckt«, erläutert Professor Dr. Sven Klimpel, Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts (SDEI) in Müncheberg und des Projektbereichs Medizinische Biodiversität und Parasitologie des Biodiversität- und Klima-Forschungszentrums (BiK-F) in Frankfurt im Gespräch mit der PZ. Welche Mückenarten sich mittlerweile in Deutschland heimisch fühlen und vor allem, welche Virenfracht sie übertragen können, untersucht Klimpel gemeinsam mit Kollegen des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) in Hamburg und der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplagen (Kabs). Das interdisziplinäre Forschungsprojekt »Vorkommen und Vektorkompetenz von Stechmücken« wird von der Leibniz Gemeinschaft mit einer dreiviertel Million Euro gefördert.

 

West-Nil-Fieber in Mitteleuropa

 

Verschiedene Viren nutzen Mücken entweder als Wirt oder als Transportmittel, den sogenannten Vektor, um von einem Wirtsorganismus zum anderen zu gelangen. Die Mikroorganismen werden dabei von der Mücke mit einer Blutmahlzeit aufgenommen und beim nächsten Stich über den Speichel weitergegeben. Wenn eine Mücke zu einer Art gehört, die sowohl Vögel als auch Säugetiere sticht, kann sie Viren von einem Vogel beispielsweise auf einen Menschen übertragen. So auch den Erreger des West-Nil-Fiebers, ein sogenanntes Arbovirus, das in Vögeln vorkommt, aber auch Menschen krank machen kann.




Typische Brutstätten für Stechmücken: alte Flaschen und Dosen, in denen sie manchmal auch auf Reisen gehen.

Klimawandel und ökologische Veränderungen könnten die Ausbreitung und das Verhalten von Stechmücken beeinflussen, so Klimpel. Beispielsweise rücke Anopheles plumbeus, eine in Deutschland heimische Mückenart durch ein verändertes Brutverhalten immer näher in die menschliche Umgebung vor. Die Mücke, die nachweislich importierte Stämme des hochpathogenen Malariaerregers Plasmodium falciparum übertragen kann, habe sich vom »Baumhöhlenbrüter« zum »Regentonnenbrüter« verändert. Auch in den Pfützen alter Autoreifen oder weggeworfener Flaschen und Dosen fühlten sich die Insekten ausgesprochen wohl und ließen sich zum Brüten nieder. Eine der häufigsten in Deutschland vorkommenden und zudem urbanen Mücken sind Culex pipiens s.str. und Culex pipiens molestus, zwei Arten des Culex-pipiens-Komplexes. Beide gelten als Überträger des Westnil-Virus, das sich in den USA in den letzten Jahren flächendeckend ausgebreitet hat. Aus Mitteleuropa kennt man bisher nur regionale Krankheitsausbrüche. Ob das so bleibt, ist unklar. Denn regelmäßig wird das Virus durch Zugvögel eingeschleppt. Inwieweit die heimischen Mücken das Potenzial haben, dieses Virus vom Vogel auf den Menschen zu übertragen, wollen die in dem Forschungsprojekt kooperierenden Taxonomen, Tropenmediziner, Infektionsbiologen, Molekularbiologen und Virologen gemeinsam herausfinden.




Durch die Klimaerwärmung dringen immer mehr Mückenarten in Gebiete vor, die sie vorher nicht besiedelt haben und brüten. Hier Larven der Stechmückengattung Culex.

Etwa 45 verschiedene Mückenarten gibt es in Deutschland. Doch über die Insekten existiert bisher nur lückenhaftes Wissen. Ein Grund ist das schleichende Schwinden des Fachgebiets »Medizinische Entomologie«. Im Rahmen des jetzt anlaufenden Projekts soll deshalb ein Netzwerk mit möglichst vielen zoologischen Instituten weiter ausgebaut beziehungsweise etabliert werden. Kooperationspartner an Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen sind aufgerufen, sich zu beteiligen und Mücken zu fangen und – in Alkohol konserviert oder auf Nadeln präpariert – in einer taxonomischen Referenzsammlung zu dokumentieren. Gleichzeitig erhobene Wetterdaten charakterisieren das Klima zum Zeitpunkt des Mückenfangs. Ziel ist es, eine Datenbank zu erstellen, in die das Datenmaterial aller gesammelten Mücken eingeht. Jedes der Insekten werde zu einem Punkt auf einer Deutschlandkarte: »Wir erhalten eine Verbreitungskarte, die uns zeigt, welche Mückenarten wo und in welchen Anzahlen vorkommen«, erläutert Klimpel. Parallel dazu bestimmen Virologen, welche Viren in den kleinen Blutsaugern zu finden sind. Infektionsversuche sollen zudem zeigen, ob die heimischen Mückenarten bestimmte Viren aufnehmen und weitergeben können. Am Hamburger BNI wird speziell für das Forschungsprojekt eine Arbeitsgruppe für Molekulare Entomologie eingerichtet . Das BNI besitzt Laboratorien der höchsten Sicherheitsstufe, in denen auch gefährliche, neu importierte Viren untersucht werden können.

 

Durch Ektoparasiten übertragene Krankheiten werden zunehmen, davon ist Klimpel überzeugt. Mehr Faktenwissen und weniger Spekulation über das Thema werde das Forschungsprojekt hoffentlich ergeben. /


Quelle und Kontakt:

 

Professor Dr. Sven Klimpel, SDEI

sven.klimpel@senckenberg.de

 

Professor Dr. Egbert Tannich, BNI

tannich@bnitm.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2011

 

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