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Bunsen

Ein großer Naturforscher


Von Christine Stock / Robert Wilhelm Bunsen war nicht nur der Erfinder des nach ihm benannten Gasbrenners mit nichtleuchtender Flamme, sondern einer der bedeutendsten Naturforscher des 19. Jahrhunderts. Sein 200. Geburtstag ist Anlass für einen Blick auf Leben, Laufbahn und Korrespondenz des berühmten Chemikers.

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Vor 200 Jahren, am 30. März 1811 – und nicht, wie mehrfach in der Literatur erwähnt, am 31. März1 – wurde Robert Wilhelm Bunsen als jüngster Sohn des Bibliothekars und ordentlichen Professors der neueren Sprachen Christian Bunsen in Göttingen geboren. Nach Studium, Promotion (mit anschließender eineinhalbjähriger Studienreise nach Berlin, Paris, Wien) und Habilitation an der Universität Göttingen wurde Bunsen 1836 Chemielehrer an der Höheren Gewerbeschule in Kassel. Im August 1839 erfolgte seine Versetzung an die Universität Marburg als außerordentlicher Professor der Chemie, im August 1841 wurde er dort zum ordentlichen Professor ernannt. 1851 wechselte er an die Universität Breslau. Hier wirkte er nur für kurze Zeit (während der er den Physiker Gustav Kirchhoff kennenlernte); denn schon 1852 wurde er an die Universität Heidelberg berufen. Bunsen blieb bis zu seiner Emeritierung Ostern 1889 ununterbrochen in Heidelberg tätig und verstarb dort unverheiratet am 16. August 18992.




Robert Wilhelm Bunsen nach einer Federzeichnung von Ferdinand Justi, 1839

Foto: Bildarchiv Marburg


Noch in seiner Göttinger Zeit hatte Bunsen 1834 im frisch gefällten Eisenhydroxid ein wirksames Mittel gegen Arsenvergiftungen gefunden. Mit der Untersuchung organischer Arsenverbindungen (sogenannter Kakodylverbindungen), die nicht nur übel riechend, sondern auch giftig und hochexplosiv waren (und Bunsen das rechte Augenlicht kosteten), gelang ihm in Marburg der wissenschaftliche Durchbruch. 1841 entwickelte er eine Zink-Kohle-Batterie, das Bunsenelement, mit dem ihm später die elektrolytische Darstellung der Alkali- und Erdalkalimetalle gelang. Er etablierte sich als Experte für Gasanalytik und führte im Anschluss an eine Forschungsreise nach Island (1846) zahlreiche physikalische Arbeiten zur Geisir-Erscheinung, Vulkantätigkeit und Gesteinsbildung durch. Bereits durch diese Vor-Heidelberger Forschungen war Bunsen damals einer der berühmtesten Chemiker Deutschlands und ein gesuchter Lehrer für das Fach der Chemie.

 

Seine wichtigsten Arbeiten fallen jedoch in die Heidelberger Zeit, darunter die mit seinem Schüler Henry Enfield Roscoe ausgeführten photochemischen Untersuchungen und die Ausarbeitung der Spek-tralanalyse gemeinsam mit dem Physiker Gustav Robert Kirchhoff, vielleicht eine der folgenreichsten Entdeckungen des 19. Jahrhunderts. Mit ihrer Hilfe wurden später zahlreiche Elemente entdeckt – von Bunsen selbst die Alkalimetalle Cäsium (1860) und Rubidium (1861) – und der chemische Aufbau von Gestirnen bestimmt.

 

Sowohl in Marburg als auch in Heidelberg hat Bunsen sein universitäres Umfeld entscheidend mitgeprägt. Kurz vor seinem Weggang von Marburg sorgte er für die Gründung eines pharmazeutisch-chemischen Instituts und Schaffung einer ordentlichen Professur für pharmazeutische Chemie3. In Heidelberg gehen die wichtigen Berufungen von Gustav Kirchhoff und Hermann von Helmholtz maßgeblich auf seinen Einfluß zurück. Bunsens Forschungen zur Spektralanalyse zusammen mit Kirchhoff sind ein Beispiel für die erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit von Physiker und Chemiker.




Teilwiedergabe von Bunsens handgeschriebenem Lebenslauf von 1851

Universitätsarchiv Breslau, F 25, Bd. 1, 66



Der 30. März war nicht nur Bunsens Geburtstag, sondern auch mehrfach von besonderer Bedeutung in seiner Laufbahn. Genau an seinem 25. Geburtstag wurde er zum Lehrer der Chemie und chemischen Technologie an der Höheren Gewerbeschule in Kassel ernannt4 . Genau an seinem 40. Geburtstag lehnte er im Hinblick auf seinen nahe bevorstehenden Arbeitsbeginn in Breslau eine erste Berufungsanfrage aus Heidelberg zunächst ab5 , wechselte aber bereits ein Jahr später dann doch dorthin. Heidelberg sollte für mehr als 46 Jahre die Stätte seines Lebens und Wirkens werden, nicht zuletzt aufgrund des milden Heidelberger Klimas, das seiner Gesundheit im Alter sehr zuträglich war.

 

Bunsen stand mit den damals bedeutendsten in- und ausländischen Forschern auf naturwissenschaftlichem Gebiet in Briefkontakt, aber auch mit amtlichen Institutionen und Verwandten6. Die Briefe berichten unter anderem von Bunsens wissenschaftlichen Forschungen, von Berufungsangelegenheiten oder von seinen zahlreichen Reisen.

 

Aus aktuellem Anlass stellt sich die Frage: Gibt es in seiner Korrespondenz auch Äußerungen über seinen Geburtstag? Man würde sich wünschen, etwas Näheres über etwaige Geburtstagsfeiern zu erfahren, aber leider hat sich kein Brief aufgefunden, der darüber direkt Auskunft gibt. Es wird lediglich einmal ein Neujahrsabend im Kreis seiner Heidelberger Freunde mit Hummer und Austern beschrieben.

 

Bunsen war gutem Essen nicht abgeneigt. So versuchte er einmal, seinem besten Freund aus Marburger Zeiten, dem Kirchenhistoriker Ernst Henke, einen Besuch in Heidelberg in den Osterferien mit der Aussicht auf ein gutes Menü schmackhaft zu machen. Die Speisekarte fügte er gleich bei (siehe Abbildung).




Aussicht auf ein gutes Menü (Beilage zu R.W. Bunsen an E. Henke, 14.2.1854).

Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 2741, III.


Dass in den Briefen nicht weiter von Geburtstagen die Rede ist, verwundert nicht vor dem Hintergrund, dass Bunsen in der semesterfreien Zeit zumeist auf Reisen war und sein Geburtstag immer in die Osterferien fiel. Dieser Umstand kam Bunsen sicherlich nicht ungelegen. Zum einen hatte der Naturfreund Bunsen eine große Vorliebe für Reisen7 (seine bevorzugten Reiseziele waren die Schweiz, Unteritalien und Südfrankreich), denn sie brachten ihm die Erholung, die er brauchte, um die anfallenden Arbeiten im kommenden Semester zu bewältigen, zum anderen wurde ihm die Kontaktpflege mit zunehmendem Alter immer lästiger, sodass er »Kundgebungen« zu seinen Ehrentagen möglichst mied. Da er auch sehr korrekt war, fühlte er sich verpflichtet, sich umgehend für Glückwünsche zu bedanken, was ihn gerade im Alter sehr anstrengte8:

 

»Ich war an meinem Promotionstage von hier abwesend und glaubte mich dadurch allen officiellen Bezeugungen entziehen zu können, habe aber bei meiner Rückkehr so viele Kundgebungen der liebenswürdigsten Theilnahme hier vorgefunden, daß ich kaum absehe, wie ich es möglich machen soll, Allen einzeln zu danken. In den letzten Tagen habe ich oft täglich 10 Briefe geschrieben, zahllose Besuche zu machen gehabt und dabei noch die Vorlesungen und das Laboratorium eröffnen müßen.«

 

Unter den erhaltenen Briefen befindet sich kaum Geburtstagspost, nicht zuletzt auch deswegen, weil Bunsen leider den weitaus größten Teil der an ihn gerichteten Briefe vernichtet hat9 . Aus einem Brief von Bunsens Heidelberger Schüler Georg Quincke aus Italien zu Bunsens 88. Geburtstag, seinem letzten, sei im Blick auf das jetzige Jubiläum abschließend zitiert10:

 

Castellamare die Stabia

Hotel Quirisana den 27. März 1899

 

»Hochgeehrter Freund!

Aus demselben Zimmer, in dem wir gemeinsam vor 18 Jahren wohnten, sende ich Ihnen heute unsere herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage und hoffe, daß dieselben Sie trotz des hohen Alters in Frühlingsstimmung und von Frühlingssonne bestrahlt antreffen. Freilich, der Vesuv vor unseren Fenstern hat eine Schneehaube auf, die Apeninen sind von Schnee bedeckt und gestern Morgen waren es 0o. Im Hotel sind Flur und Wohnzimmer geheizt und wir tragen Pelze und Winterschuhe, dabei blühen aber Pfirsich, Kirschen, Birnen, edler Lorbeer u[nd] Laurocerasus; ich pflückte im Port hinter Quirisana eine Handvoll blühender Alpenveilchen und der Himmel ist blau, wie bei warmen Wetter . . . Ich denke noch bis Ostern hier zu bleiben und dann über Neapel, Rom, Pisa heimzureisen. An allen mir durch Sie bekannt gewordenen Orten [ge]denke ich dankbar meines alten Lehrers, der nicht bloß ›Chemie‹ wußte . . . « /


1 Sowohl Bunsens handgeschriebener Lebenslauf von 1851 (Universitätsarchiv Breslau, F 25, Bd 1, 66) als auch sein Lebenslauf von vermutlich 1856 (Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 2741, V, 231) und der Taufeintrag Kirchenbuch Göttingen St. Marien 1794-1823, Bl. 80 Nr. 23 nennen eindeutig den 30. März 1811 als Geburtsdatum. Als neuesten Diskussionsbeitrag zum Problem der unterschiedlichen Datierung siehe M. Quack: Wann wurde Robert Wilhelm Bunsen geboren? Bunsen-Magazin 13,2 (2011), 56-57.

2 Zur Biographie Robert Wilhelm Bunsens vgl. insbesondere G. Lockemann (1949) , H. Debus (1901) und C. Stock (2007), außerdem für die Marburger Zeit C. Meinel (1978), 24-48, und F. Krafft (1996).

3 So nannte R. Schmitz (1981), 936, Bunsen den »Vater der Marburger Pharmazie«.

4 Vgl. Anstellungsreskript vom 30.3.1836 (Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 2741, VII). 5 Vgl. R. W. Bunsen an den Korrespondenten der Heidelberger Philosophischen Fakultät, 30.3.1851 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Rep 76 Kultusministerium, Va Sekt. 4 Tit. X Nr. 32 Bd 1).

6 Im Zuge der systematischen Handschriftensuche im In- und Ausland wurden über 800 Briefe von oder an Bunsen aufgefunden. 305 Briefe aus Bunsens Vor-Heidelberger Zeit wurden zumeist erstmals veröffentlicht in C. Stock: Robert Wilhelm Bunsens Korrespondenz vor dem Antritt der Heidelberger Professur (1852) – Kritische Edition. (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 83), Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (2007).

7 Zur hohen Reisedichte Bunsens siehe F. Krafft (1999) und C. Stock (2007), XLIX–LXXIV.

8 R. W. Bunsen an H. E. Roscoe, 3.11.1881 anlässlich von Bunsens 50-jährigem Promotionsjubiläum (Deutsches Museum München, Archive, Hs. 1005).

9 Zu Bunsens testamentarischer Verfügung über seine Korrespondenz siehe C. Stock (2007), XXXVI-XLII.

10 G. Quincke an R.W. Bunsen, 27.3.1899 (Universitätsbibliothek Heidelberg, Heid. Hs. 2741, III).


Literatur

... bei der Verfasserin

christine.haenel@t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2011

 

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