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Neurologie: Migräne ohne Kopfschmerz

MEDIZIN

 
Neurologie

Migräne ohne Kopfschmerz


Von Christina Hohmann / Es klingt paradox, kommt aber gar nicht selten vor: Migräneattacken ohne Kopfschmerz. Betroffene entwickeln sogenannte isolierte Auren. Häufig wird die Erkrankung nicht richtig diagnostiziert und zum Beispiel als Schlaganfall fehlinterpretiert.

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Charakteristisch für Migräne sind die pulsierenden, pochenden, in der Regel einseitigen Kopfschmerzen. Diese können mit oder ohne eine vorhergehende Aura auftreten. Die häufigste Form ist Migräne ohne Aura. Nur etwa 20 Prozent der Migräniker leiden unter der »klassischen Form«, das heißt sie entwickeln eine Aura vor einer Attacke. Darunter versteht man eine Phase mit neurologischen Erscheinungen oder Ausfallerscheinungen, die zwischen 5 und 60 Minuten andauern kann. Am häufigsten treten visuelle Symptome, wie flackernde Lichtpunkte, Zickzack-Linien, Flimmern, verzerrtes Sehen, Doppelbilder oder Sehausfälle, auf. Zum Teil kommen aber auch sensorische Erscheinungen wie Taubheitsgefühl, Kribbeln, Gesichtsschmerzen oder reversible Lähmungen hinzu. Mitunter treten auch Sprachstörungen oder Schwindel auf.




Bei einer Migräneattacke zieht, der Übererregbarkeits­hypo­these zufolge, eine Welle von Hyperaktivität über die Hirnrinde und verursacht dabei die Aurasymptome.

Foto: Fotolia/ktsdesign


Eine kleine Gruppe von Patienten entwickelt Auren ohne nachfolgende Kopfschmerzen. »Diese isolierten Auren wurden früher auch Migraine-sans-migraine genannt«, sagte Professor Dr. Andreas Straube von der Neurologischen Klinik der Universität München und Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Von den 20 Prozent der Betroffenen, die unter Migräne mit Aura leiden, entwickeln etwa 10 Prozent von Zeit zu Zeit solche isolierten Auren. Selten käme es vor, dass Betroffene ausschließlich isolierte Auren entwickeln. Diese Sonderformen der Migräne treten vor allem in höherem Alter auf, so der Experte.

 

Übererregbarkeit der Hirnrinde

 

Wie Aura und Kopfschmerzen pathophysiologisch zusammenhängen, ist noch nicht vollständig geklärt. Die These, dass sie auf zwei unterschiedlichen Pathomechanismen beruhen könnten und daher unabhängig voneinander auftreten können, ist laut Straube stark umstritten. Er hält eine andere Erklärung für wahrscheinlicher: Beide beruhen auf demselben Pathomechanismus und zwar der Übererregbarkeit der Zellen der Hirnrinde. Die Zellen setzen verstärkt Kaliumionen in den Zellularraum frei, der Ionenhaushalt wird gestört. Dies führt zu einer Depolarisation, die sich über die Hirnrinde ausbreitet: Eine Welle von Hyperaktivität zieht über den Cortex (Cortical spreading depression), vor allem auch über das Sehzenrum, was die genannten visuellen Symptome auslöst. Der Aktivitätswelle folgt eine Inhibitionswelle. Der Hypothese zufolge entwickeln alle Migränepatienten Auren, bei einem Großteil bleiben sie aber subklinisch.

 

Erreicht die Depolarisationswelle den Trigeminusnerv, wird auch dieser aktiviert. Dieser Gesichtsnerv ist für das Übermitteln von Schmerzsignalen verantwortlich. Eine Aktivierung führt dann zum Empfinden von Kopfschmerzen. »Wahrscheinlich ist es so, dass die Schwelle, wann trigeminale Fasern aktiviert werden, von Mensch zu Mensch unterschiedlich hoch liegt«, sagte Straube. Bei Personen mit einer hohen Schwelle würden die trigeminalen Fasern nicht aktiviert, und der Kopfschmerz bleibt aus. Dies ist bei Personen mit isolierten Auren der Fall. Bei einer niedrigen Schwelle, springe die Aktivität auch auf den Trigeminusnerv über, und die charakteristischen Migränekopfschmerzen entstünden. Bei manchen Familien träten gehäuft isolierte Auren auf. Diese Personen hätten vermutlich eine genetische Veranlagung für eine Übererregbarkeit im Cortex, dabei aber eine hohe Erregungsschwelle der trigeminalen Fasern, so Straube.

 

Schwierige Diagnose

 

Isolierte Auren korrekt als Migräne zu diagnostizieren, sei schwierig, weil die charakteristischen Kopfschmerzen fehlen. Viele Patienten, aber auch Hausärzte wären verunsichert und würden an einen Schlaganfall denken, sagte der Experte. Je nach vorherrschenden Symptomen der Aura kann eine Migraine-sans-migraine auch mit wiederkehrenden Hypoglykämien, Morbus Menière (einer durch Schwindelattacken gekennzeichneten Erkrankung des Innenohrs), Fibromyalgie oder neurologischen Störungen verwechselt werden. Betroffene, die typische Aurasymptome wie visuelle Erscheinungen, Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schwindel verspüren, ohne anschließende Kopfschmerzattacke sollten unbedingt einen Arzt aufsuchen, um ernsthafte Ursachen wie eine Transitorische ischämische Attacke auszuschließen.

 

Die Möglichkeiten der Behandlung von isolierten Auren sind gering. Als Therapieversuch könnte Ketaminspray eingesetzt werden, berichtete Straube. Das Anästhetikum sei aber für diese Indikation nicht zugelassen. Bei schweren Fällen könnten auch Wirkstoffe wie Topiramat oder Lamotrigin als Prophylaxe eingesetzt werden. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2011

 

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