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Interstitielle Zystitis: Ständige Qualen in der Blase

MEDIZIN

 
Interstitielle Zystitis

Ständige Qualen in der Blase


Von Brigitte M. Gensthaler, München / Ständiger starker Harndrang, häufiges Wasserlassen und heftige Schmerzen im Unterleib: Diese quälenden Symptome können auf eine interstitielle Zystitis hinweisen. Die Erkrankung der Blasenwand ist selten und betrifft vor allem Frauen.

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Die interstitielle Zystitis ist definitionsgemäß nicht bakteriell bedingt. »Neun von zehn Patienten sind Frauen. Sie haben oft einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bevor die Diagnose gestellt wird«, sagte der Urologe Professor Dr. Arndt van Ophoven, Bochum, vor Journalisten in München.




Die Schmerzen kehren immer wieder: eine Wärmflasche allein hilft oft nicht bei einer interstitiellen Harnblasenentzündung.

Foto: Fotolia/Detailblick


Der Drang zur Toilette beherrscht den Alltag. »Die Patienten müssen oft 30 Mal und häufiger am Tag zur Toilette, aber die Erleichterung hält nur kurze Zeit an. Sie leiden unter heftigsten Schmer­zen, die in Darm, Beckenboden, Geni­talien und den ganzen Unterleib aus­strahlen können.« Die Nachtruhe ist durch den imperativen Harndrang erheb­lich gestört. Das funktionelle Blasen­volumen, also die Menge Harn, die ge­halten werden kann, ist deutlich kleiner als das anatomische Organvolumen.

 

Der neuropathische Schmerz werde als scharf, spitz und stechend beschrieben, erklärte der Arzt, der die Schwerpunkt­abtei­lung Neuro-Urologie am Uniklinikum Marienhospital Herne leitet, bei der von der Medac GmbH unterstützten Veran­staltung. Die chronische Schmerzerkrankung treibe viele Patienten in eine Depression. Manchmal müsse die Blase sogar ganz oder teilweise herausoperiert werden. Nach seiner Erfahrung beginnt die Erkrankung meist mit 40 bis 45 Jahren.

 

»Mucosal cracking« ist typisch

 

Die genauen Ursachen der Beschwerden sind unklar. Nach einer Hypothese entwickle sich der Dauerschmerz aus einer bakteriellen Zystitis, doch bewiesen sei dies nicht. Der Arzt müsse zunächst andere Ursachen, zum Beispiel Blasensteine, Infektionen mit Bakterien, Pilzen und Viren, Herpes genitalis, Blasenkrebs oder -tuberkulose und bei Männern auch eine Prostatitis ausschließen, informierte van Ophoven. »Der Befund interstitielle Zystitis ist eine Ausschlussdiagnose.«

 

Letztlich erfolgt die Diagnose durch eine Blasenspiegelung mit Überdehnung der Harnblase; dies geschieht in Vollnarkose. Beim Ablassen des Füllmediums breche die Blasenschleimhaut auf und könne stark bluten. »Dieses ›Mucosal cracking‹ ist typisch für die Erkrankung.«

 

Bei der Untersuchung kann der Arzt auch Gewebeproben entnehmen. Werden die Schleimhautrisse mit einem Elektrokauter verschorft, haben viele Patienten für einige Wochen weniger Beschwerden, erklärte van Ophoven. Dann müsse man die Prozedur wiederholen.

 

Entzündung in der Blasenwand

 

Bei der interstitiellen Zystitis sind tiefere Zwischenräume in der Blasenwand verändert und entzündet. Offenbar spielt die Schleimhaut der Harnblase eine wichtige Rolle in der Pathogenese. Man vermutet, dass die schützende Glykosaminoglykan-(GAG)-Schicht auf dem Urothel defekt ist. So können aggressive Stoffe aus dem Harn direkt in Kontakt mit der Blasenwand kommen und chronische Entzündungsprozesse anstoßen. Die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen sowie eine neurovegeta­tive Dysbalance scheinen die Entzündungsprozesse in Gang zu halten, sagte van Ophoven.




Foto: Fotolia/loutocky


Derzeit gibt es keine standardisierte und allgemein aner­kannte Therapie der chronischen Blasenwandentzündung. Die Patienten sollten viel trinken, damit der Harn nicht zu stark konzentriert ist. Viele meiden Alkohol, scharfe Speisen und Gewürze.

 

Medikamente werden auch intravesikal appliziert. Dabei werden kleine Volumina in die Blase per Instillation eingebracht und verbleiben dort bis zur nächsten Mik­tion. So sollen zum Beispiel Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure, Natrium-Pentosanpolysulfat und Heparin zur Sanierung der GAG-Schicht beitragen. Allerdings sei die Katheteri­sierung für manche Patienten extrem schmerzhaft, sagte van Ophoven. Bei dem iontophoretischen Verfahren der »Electro Motive Drug Administration« (EMDA) werden Arzneistoffe wie Lidocain und Dexamethason direkt in die Blasenwand eingeschleust.

 

In der peroralen Therapie haben Antidepressiva eine große Bedeutung. Bei vielen Patienten könne Amitriptylin Schmerzen und Drangsymptomatik lindern, berichtete van Ophoven. Dabei gehe es nicht um die antidepressive Wirkung. Er beginne meist mit 25 mg Amitriptylin zur Nacht und steigere bis zur individuell optimalen Dosis. Auch Antihistaminika werden eingesetzt. Anticholinergika seien unwirksam. Zur Schmerztherapie werden nicht steroidale Antiphlogistika, Metamizol sowie Opioide gemäß dem WHO-Stufenschema eingesetzt.

 

Akupunktur, spezielle Massagen und Wärme empfänden viele Patienten als wohltuend, während Beckenbodengymnastik und körperliches Training oft kontraproduktiv seien, sagte der Arzt. Das kann individuell aber verschieden sein. In der Praxis bekämen die meisten Patienten eine kombinierte Therapie. »Meist können wir die Beschwerden lindern, ohne die Blase zu entfernen.« /


Hilfe für Betroffene

Der gemeinnützige Verein ICA-Deutschland e. V. wurde 1993 als erste europäische Organisation auf diesem Gebiet gegründet. Das Kürzel »ICA« steht für Interstitial Cystitis Association. Der Verein will Forschung und Erkenntnisse zu der chronischen Blasenwandentzündung vorantreiben und Patienten, Angehörigen und Ärzten Mut machen. Unter www.ica-ev.de findet man Informationen zum Krankheitsbild, Tagebücher und Fragebögen, Wegweiser zur Therapie sowie Info-Broschüren zum Herunterladen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2011

 

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