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Kariesprophylaxe: Fluorid im Zentrum

MEDIZIN

 
Kariesprophylaxe

Fluorid im Zentrum

Von Annette Immel-Sehr

 

Die Prophylaxe von Zahnkaries ist ein Beispiel dafür, wie viel eine einfache Prävention bewirken kann. Die mechanische Plaqueentfernung und die richtige Fluoridierung sind dabei die wichtigsten Maßnahmen. Mit Beratung und Aufklärung können die Apotheker dazu beitragen, die Motivation ihrer Kunden zu stärken.

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An der Zahnoberfläche findet zwischen Zahnschmelz und Speichel ein permanenter Austausch von Mineralstoffen statt. Wird dieses Gleichgewicht durch pH-Absenkungen gestört, überwiegt die Demineralisation und es bilden sich schließlich kariöse Defekte. Vor allem organische Säuren, die als Stoffwechselprodukt kariogener Bakterien entstehen, greifen das Hydroxylapatitgitter des Zahnschmelzes an und demineralisieren die Zahnoberfläche. Die Primärläsionen, auch als Inititalkaries bezeichnet, sind als weiße Flecken (white spots) erkennbar, können aber durch Einlagerungen von Farbpigmenten aus der Nahrung auch dunkel erscheinen. Wird nicht wirksam interveniert, kann die Zahnkaries weiter in das Dentin (Zahnbein) bis zum Zahnmark (Pulpa) vordringen und irreversible Schäden und Zahnschmerzen hervorrufen. Der Zahn wird instabil und kann beim Kauen plötzlich abbrechen.

 

Voraussetzung für die Entstehung von Zahnkaries ist die Besiedelung des Mundraumes mit Streptokokken und anderen kariogenen Bakterien. Daher ist Karies eine Infektionskrankheit. Zum Befall mit diesen Mikroorganismen kommt es im Laufe des Lebens zwangsläufig. Eltern können aber die Übertragung ihrer eigenen Mikroflora dadurch verhindern, indem sie zum Beispiel nicht den Schnuller ihres Kindes zur »Reinigung« ablutschen oder den Brei mit dem Löffel probieren, mit dem sie anschließend füttern. Kariogene Bakterien ernähren sich von den in der Plaque enthaltenen Speiseresten, vor allem von Kohlenhydraten. Daraus resultiert, dass auch mangelnde Zahnpflege und Fehlernährung ursächliche Faktoren für Zahnkaries sind. Daneben spielen auch Zahnfehlstellungen, verminderter Speichelfluss, veränderte Speichelzusammensetzung und genetische Faktoren eine Rolle. Auch eine häufige starke Säurebelastung bei Reflux oder Erbrechen (Bulimia nervosa) kann den Zahnschmelz schädigen.


Tag der Zahngesundheit

Am 25. September findet der Tag der Zahngesundheit statt. In diesem Jahr steht er unter dem Motto: »Gesund beginnt im Mund: auch unsere Zähne leben länger«. Seit 1991 ist der Tag der Zahngesundheit in Deutschland eine feste Einrichtung. Auch die ABDA ist Mitglied des Aktionskreises, der diese Aktion 1990 initiiert hat und nun jährlich durchführt. In der Zeit rund um den 25. September 2007 finden in Ländern, Städten und Gemeinden eine Vielzahl von Veranstaltungen statt. Wer sich näher informieren oder ein Info-Paket zum Aktionstag bestellen möchte, wird hier fündig: www.tagderzahngesundheit.de.


Kariesprophylaxe steht auf drei Säulen: zahngesunde Ernährung, regelmäßige Entfernung von Zahnbelag und Fluoridierung zur Remineralisation des Zahnschmelzes. Eine zweimal jährliche Kontrolle durch den Zahnarzt rundet dieses einfache Präventionsprogramm ab.

 

Zucker, der alleinige Bösewicht?

 

Jedes Kind weiß, dass dauernde Süßigkeiten die Zähne schädigen. Dass aber auch viele andere Lebensmittel Karies fördern, ist selbst vielen Erwachsenen nicht bekannt. Plaque-Bakterien bilden aus vielen Kohlenhydraten organische Säuren, unabhängig davon, ob sie aus Obst, Brot, Salzstangen oder Süßigkeiten stammen. Das kariogene Potenzial eines Lebensmittels hängt aber nicht allein von seinem Gehalt an Kohlenhydraten ab, sondern auch von der Kontaktzeit auf der Zahnoberfläche. Ständiges Essen fördert die Kariesentstehung, da der pH-Wert in der Mundhöhle permanent erniedrigt ist. Der Speichel kann seiner Aufgabe nicht nachkommen, den ursprünglichen pH-Wert wieder herzustellen und die zur Remineralisation des Zahnschmelzes benötigten Mineralstoffe Calcium und Phosphat zu liefern. Egal ob Kind oder Erwachsener: Wer gerne nascht, der sollte dies beherzt tun und dann auch damit aufhören, anstatt den ganzen Tag über immer wieder einen süßen Bissen zu nehmen. Das gilt auch allgemein für die Mahlzeiten: Man sollte sich satt essen, damit man nicht den ganzen Tag über kleine Häppchen gegen den Hunger braucht und der pH-Wert in der Mundhöhle permanent erniedrigt ist.

 

Der Hinweis »zuckerfrei« ist bezüglich der Kariogenität übrigens missverständlich, denn es bedeutet, dass ein Lebensmittel keinen zugesetzten Haushaltszucker (Saccharose) enthält. Kariogene Zucker wie Glucose, Fructose, Maltose oder Lactose können trotzdem enthalten sein. Das bekannte Signet des Zahnmännchens mit Schirm steht dafür, dass weder Zucker noch andere zahnschädigende Substanzen enthalten sind.

 

Nach dem Verzehr von säurehaltigen Speisen und Getränken (Säfte oder Obst) sollte man erst eine halbe Stunde später die Zähne putzen. Denn durch die Säure ist der Zahnschmelz aufgeweicht und kann durch den mechanischen Druck der Zahnbürste beschädigt werden. Milch und Milchprodukte wirken als natürlicher Kariesschutz. Sie führen nicht nur das zur Zahnhärtung notwendige Calcium zu, sondern bewirken auch eine verbesserte Pufferung in der Mundhöhle. Käse soll die Zähne zusätzlich schützen, indem die im Käse enthaltenen Fette und Proteine eine Schutzschicht auf dem Zahnschmelz bilden, die die Adhäsion von Bakterien hemmt.

 

Manuell oder elektrisch?

 

Die Fülle an Zahnpflegeprodukten verunsichert viele Verbraucher. Worauf kommt es an? Braucht man teure High-Tech-Produkte zur Zahnpflege? Die gemeine Zahnbürste gilt immer noch als Reinigungswerkzeug der ersten Wahl. Wenn die Putztechnik stimmt, kann sie genauso gute Dienste leisten wie elektrische Zahnbürsten. Empfehlenswert sind Produkte mit einem kleinem Kopf, der in alle Ecken reicht. Naturborsten sind obsolet, da sich dort leicht Bakterien einnisten können. Stattdessen sind abgerundete, weiche bis mittelharte Kunststoffborsten sinnvoll, die das Zahnfleisch nicht verletzen. Um sich von Konkurrenzprodukten abzugrenzen, entwickelten Hersteller für ihre Bürsten verschiedene Vorzüge, wie unterschiedlich hohe Borsten und abgewinkelte oder federnde Stiele, die zu einer gründlicheren, gezielteren beziehungsweise nicht zu druckstarken Reinigung führen sollen. Hier darf jeder nach seinen persönlichen Vorlieben entscheiden.

 

Zahnbürsten sollten nach dem Gebrauch gründlich ausgespült und luftig zum Trocknen mit dem Kopf nach oben aufgestellt werden. Wenn die Bürste nicht schon vorher starke Gebrauchsspuren aufweist, empfiehlt es sich, alle zwei Monate eine neue Zahnbürste zu verwenden.

 

Menschen mit Freude an Technik bevorzugen oft elektrische Zahnbürsten. Für Kinder und Jugendliche erhöht sie oft die Motivation zum Zähneputzen. Kranken und behinderten Menschen können elektrische Zahnbürsten die Zahnpflege erheblich erleichtern. Zu den relativ neuen Entwicklungen zählen die elektrischen Schallzahnbürsten, bei denen der Bürstenkopf in sehr schnellem Rhythmus schwingt und die Zahnpasta so fein aufschäumt, dass sie in die Zahnzwischenräume gelangt. Dies soll die Reinigungswirkung weiter verbessern.

 

Für die Reinigung der Zahnzwischenräume ist Zahnseide optimal: Ungeübte Anwender können zunächst mit gewachster Zahnseide beginnen und später auf die ungewachste Variante umsteigen, die eine bessere Reinigungswirkung hat. Bei der Verwendung sollte man nicht sparsam sein, sondern für jeden Zahnzwischenraum einen sauberen unbenutzten Abschnitt verwenden. Es wird empfohlen, Zahnseide mindestens einmal pro Woche, besser aber einmal täglich vor dem Zähneputzen zu verwenden.

 

Mit dreikantigen Dentalsticks aus Kunststoff und vor allem mit Interdentalbürsten lassen sich größere Zahnabstände gut reinigen. Zahnstocher aus Holz sind weniger gründlich und verletzen leicht das Zahnfleisch. Deswegen sind sie nur in Ausnahmefällen anzuwenden.

 

Mundduschen können zwar mit dem druckgetriebenen Wasserstrahl die Hygiene ergänzen, aber die gründliche Reinigung mit der Zahnbürste nicht ersetzen.

 

Fluoridierung ist das A und O

 

Der wichtigste Wirkstoff einer Zahnpasta ist Fluorid. Es bildet nach Reaktion mit dem Hydroxylapatit des Zahnschmelzes das säurestabilere Fluorapatit, das den Zahnschmelz vor Demineralisation schützt. Zudem bildet sich auf der Zahnoberfläche ein dünner säurestabiler Calciumfluorid-Schutzmantel. Fluoride können in Primärkaries-Herde einwandern und dort eine Reparatur, das heißt eine Remineralisation bewirken. Hinsichtlich der kariesprotektiven Wirkung scheinen Aminfluoride den Monofluorphosphaten überlegen zu sein. Aminfluoriden wird zudem ein leichter antibakterieller Effekt zugeschrieben, da sie die bakterielle Glykolyse hemmen.

 

Fluorid ist heute in den allermeisten Zahncremes enthalten. Je nach Alter der Anwender variiert der empfohlene Fluoridgehalt: 500 ppm für Kinderzahnpasten (Milchzähne) und 1250 bis 1500 ppm für Erwachsene. Über die sogenannten Junior-Zahnpasten für Kinder mit bleibenden Zähnen kann man geteilter Meinung sein. Manche dieser Produkte enthalten eine mittlere Fluorid-Konzentration (bis 1000 ppm), die den Bedürfnissen der Zielgruppe besonders entsprechen sollen. Andere Junior-Cremes unterscheiden sich nur im coolen Outfit von einer üblichen Erwachsenen-Zahnpasta. Zusätzlich zur normalen Zahnpasta werden hoch dosierte Fluoridgele und -lösungen zur einmal wöchentlichen Anwendung empfohlen, um die Fluoridierung zu optimieren.

 

Was sonst noch drin ist

 

Neben Fluoriden enthalten Zahnpasten Scheuer- und Poliermittel wie SiO2, Al2O3 und Al(OH)3, Suspensionsmittel, Verdickungs-, Stabilisierungs- und Bindemittel sowie Geschmacks- und Farbstoffe. Chlorhexidin ist in manchen Pasten aufgrund seiner antibakteriellen Eigenschaften enthalten. Andere Pasten sind mit Kräuteressenzen angereichert, die einen angenehmen Geschmack haben und das Zahnfleisch pflegen sollen. Dexpanthenol soll die Wundheilung am Zahnfleisch unterstützen. Für Pyrophosphat wird eine schwache zahnsteinhemmende Wirkung postuliert. Natriumcarbonat findet sich als sogenannter löslicher Putzkörper in Sole-Zahncreme. Nach Hersteller-Angaben soll es schädliche Säuren neutralisieren.

 

Wenn Kalt- oder Warmluftreize einen leichten Schmerz am Zahn verursachen, liegt meist eine Dentinhypersensibilität vor. Sie wird durch freiliegendes Dentin verursacht, dessen Tubuli eröffnet sind. Spezielle Zahncremes für sensible Zähne sollen die freiliegenden Zahnhälse schützen. Beispielsweise können Calciumpräzipitate, wie sie aus Aminfluoriden gebildet werden, die Tubuli verschließen. Auch Strontium- und Kaliumsalze sollen einen Rückgang der Hypersensibilität bewirken. Dies wird jedoch von einigen Experten bezweifelt.

 

Da Dentin weicher ist als Zahnschmelz, sollte man bei empfindlichen Zähnen eine weiche Zahnbürste verwenden. Einige Spezialzahncremes für sensible Zähne enthalten schonendere Putzkörper als normale Zahnpasten.

 

Mundspüllösungen können die Mundhygiene ergänzen, sind aber keine Alternative zur mechanischen Plaqueentfernung. Durch Zusatz von Enzymen verändern sie die Plaquestruktur und ermöglichen eine bessere mechanische Entfernung. Wegen ihrer antiseptischen Wirkung werden auch Phenole, quartäre Ammoniumbasen, Pyrimidene, Schwermetallsalze und Oxidationsmittel in Mundspüllösungen verwendet. Häufigster Inhaltstoff ist Chlorhexidin. Niedrig konzentriert (0,06- bis 0,12-prozentige Lösung) wirkt es bei zweimal täglicher Anwendung plaquereduzierend, in höherer Konzentration (0,2-prozentig) karieshemmend und gingivitisreduzierend. In dieser höheren Konzentration sollte es jedoch nicht länger als sechs Wochen angewendet werden, da Verfärbungen auf Zunge und Zähnen sowie Geschmackirritationen auftreten können. Zusätze von Menthol und anderen Aromen dienen einem angenehmen frischen Geschmack, haben aber keine kariesprophylaktische Wirkung.

 

Der Expertenstreit

 

In den vergangenen Jahren hat sich die Bewertung der lokalen gegenüber der systemischen Fluoridapplikation grundlegend gewandelt. Die meisten Experten gehen heute davon aus, dass eine Kariesprävention praktisch nur durch eine lokale Wirkung des Fluorids zustande kommt. Eine systemische Wirkung ist überhaupt nur eine kurze Zeit möglich, nämlich solange der Zahn noch nicht in die Mundhöhle durchgebrochen ist. Diese Wirkung spielt allerdings für die Kariesprophylaxe eine wesentlich unbedeutendere Rolle als bislang angenommen.

 

Seit einiger Zeit liegen die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde miteinander in fachlichem Streit, welche Karies-Prophylaxe-Maßnahme für Säuglinge und Kleinkinder die richtige ist.

 

Erstere befürworten die tägliche Fluoridtablette in Kombination mit Vitamin D als eine hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit wissenschaftlich gesicherte Maßnahme. Über den Zerfall der Fluoridtablette im Mund soll ein lokale Wirkung in genauer Dosierung zustande kommen. Die Kinderärzte sehen die Wirksamkeit einer 500-ppm-Fluorid-Zahnpasta als nicht gesichert an.

 

Die Zahnmediziner sind da gegenteiliger Meinung. Sie empfehlen die lokale Behandlung mit einer fluoridhaltigen Kinderzahnpasta als Mittel der Wahl und zwar nach Durchbruch der Zähne einmal täglich im ersten und zweiten Lebensjahr und ab dem dritten Lebensjahr zweimal täglich. Fluoridtabletten sollten nach ihrer Ansicht nur in Ausnahmen verordnet werden. Es ist zu hoffen, dass sich die Fachgesellschaften auf Basis der Studienlage bald auf gemeinsame Empfehlungen verständigen, um die Prävention für die Kinder zu optimieren.

 

Bei lang dauernder deutlich überhöhter Fluorid-Zufuhr bei Kindern kann es zu Zahnschmelzflecken (Zahnfluorose) kommen, bei noch höherer Dosierung sogar zu braunen Zahnverfärbungen. Sicherheitshalber ist es empfehlenswert, vor der Verordnung von Fluoridtabletten für Kinder eine Fluoridanamnese zu erheben, um überhöhte Fluoridaufnahmen durch andere Quellen (Speisesalz, Trinkwasser, Mineralwasser, Kuhmilch-Ersatznahrung) zu vermeiden.


Kariesschutz

Mundhygiene und Zahnpflege ab dem Durchbruch des ersten Zahns.
Ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung, maßvoller Umgang mit Süßigkeiten.
Klare Begrenzung der Mahlzeiten. Nicht den ganzén Tag über essen.
Nach dem Verzehr von säurehaltigen Lebensmitteln die Zähne frühestens nach 30 Minuten putzen.
Fluoridiertes Speisesalz verwenden.
Mindestens zweimal täglich Zähneputzen, am besten nach jeder Mahlzeit.
Ab dem sechsten Lebensjahr einmal wöchentlich Verwendung eines Fluoridgels.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt.

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Beitrag erschienen in Ausgabe 38/2007

 

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