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Lauenburger Raths-Apotheke: Gedächtnis des Berufsstands











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Lauenburger Raths-Apotheke

Gedächtnis des Berufsstands


Von Christiane Berg, Hamburg / Die Schau-, Schmuck- und Prunkstücke des Altonaer Museums bergen ein pharmaziehistorisches Kleinod, das es zu bewahren gilt: die original getreue Lauenburger Raths-Apotheke.

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Mit Liebe zum Detail tragen circa zehn Hamburger Apothekerinnen und Apotheker, unter ihnen Ulrich Menard und Dr. Rudolf Rincker, ehrenamtlich zur Hege und Pflege der pharmazeutischen Raritäten bei. Regelmäßig sind sie in der Offizin präsent und geben sowohl nicht kundigen Interessenten als auch »Leuten vom Fach«, also Apothekern, Studenten, PTA und PKA, bei der Herstellung von Pillen, Zäpfchen, Salben und Tinkturen Einblick in die Vergangenheit der Pharmazie.




Ob aus Holz, Keramik oder Glas: Kräuter, Drogen, Arzneien wur­den seit jeher sicher in charakteristischen, apothekenspezifischen Gefäßen vorrätig gehalten.

Fotos: PZ/Berg


Einmal wöchentlich oder auf Wunsch bieten die geschichtlich versierten Pharmazeuten zudem kostenlose Rundgänge durch die ansonsten mit Glas geschützten Räume an, in denen neben Offizin, Labor und Rezeptur auch Material-, Kräuter- und Stoßkammer liegen.

 

Zeitreise und Spurensuche

 

Kästen, Fässer und Büchsen mit kunstvollen Schlössern und Riegeln aus verschiedenen Epochen, alte Balken-Waagen mit zugehörigen Apotheker-Gewichten, ein graugrü­nes Stehpult mit Stempelhalter und Ablage sowie eine tiefrote Regis­trierkasse prägen den von der Diele, dem »Publikumsraum«, durch zwei Bogengänge abgetrennten »Verkaufsraum«.

 

In graugrünen Schränken und hoch hängenden, mit goldenen alchemistischen Zeichen versehenen Regalen lagern in großen und kleinen, hohen und niedrigen Schubläden alphabetisch geordnet alte Heilmittel, getrocknete Wurzeln, Kräuter, Samen, Extrakte, Säfte, aromatische Öle, Pulver und wohlriechender Tee.

 

Gläser mit golddurchwirkten Emaille-Malereien, Porzellan, blau-weiße Fayencen und bauchige Salben-Kruken aus Stein bestimmen das Bild der Rezeptur mit Zugang zum »Arzneikeller« hinter einem der großen Regale. Nur durch eine Sondergenehmigung durfte dieser ebenerdig existieren, weil das häufige Hochwasser der nahen Elbe dessen Betriebssicherheit ansonsten nicht gewährleistet hätte.

 

Blutegeltöpfe, Mikroskope, Thermometer, Moschuskisten, ein Morphinmörser und mahagonifarbene Holzdosen mit noch erhaltenen, früher als Arzneimittel verwendeten pflanzlichen oder tierischen Drogen zeugen von Möglichkeiten der Diagnose und Therapie in Epochen der stets gegenwärtigen Furcht vor grassierenden Seuchen. Besonders jene Apotheken, deren Rechte von Räten vergeben wurden, so auch die Lauenburger Raths-Apotheke, vermochten darüber hinaus mit gemaltem Wappen ein offizielles, würdiges Bild zu vermitteln. Die Distinktion wurde durch umfangreiche Literatur, gewichtige Bücher, Rezeptsammlungen, Herbarien, Medicamentarien, Pharmakopöen und staatliche Vorschriften zur »vorbildlichen Bereitung« von Arzneien noch verstärkt.

 

Mit Generationen im Dialog

 

»Es geht uns nicht darum, in Nostalgie zu schwelgen. Uns liegt die sorgfältige Bewahrung alter Zeitspuren am Herzen. Das hat uns zwischenzeitlich zur eingeschworenen Gemeinschaft gemacht, die sich über weiteren Zuwachs und Unterstützung stets freut«, schildern Menard und Rincker bei einer Führung die Beweggründe des ehrenamtlichen Engagements.




Auf seinem Rundgang durch die Apotheke erläutert Dr. Ulrich Rincker jungen Besuchern, wie Pillen, Zäpchen, Salben und Tinkturen gemacht werden.

Die Museumsbesucher erfahren nicht nur Hintergründe und Fakten über die lange Geschichte der Lauenburger Apotheke und des Apothekenwesens, sondern vieles über die verschiedenen Disziplinen der Pharmazie und hier auch und gerade über die bis in die Antike zurückreichenden Erkenntnisse der Pflanzenkunde als Fundament und tragende Säule der Wissenschaft von der Arznei.

 

Das Museum in Altona, Hamburgs »schöner Schwester«, hat die gesamte Einrichtung der Lauenburger Raths-Apotheke 1996 von ihrer letzten Eigentümerin, Apothekerin Margarete Lammers, als Geschenk erhalten. Dem notariell beglaubigten Schenkungsvertrag lag die Zusage zugrunde, dass die Überführung in die Schau-sammlungsräume des dritten Obergeschosses in der Museumsstraße 23 von einer detaillierten Dokumentation des Bestandes mit Bauplänen, Fotografien, Skizzen und einer wissenschaftlichen Inventarisierung aller Objekte begleitet wird.

 

Der Aufbau des Mobiliars der Offizin konnte im Spätherbst desselben Jahres erfolgen. Die Restaurierung, der Einbau des Labors, die Herrichtung der Nebenräume sowie die akribische Auflistung aller Objekte und Waren kosteten allerdings Zeit. Die feierliche Wiedereröffnung der Apotheke erfolgte schließlich nach fünf Jahren im Beisein der inzwischen hochbetagten Vorbesitzerin am 24. April 2001.

 

Die Chronik und erhaltene Ratsakten berichten über die wechselvolle, von Gefühlen und hartem Konkurrenzkampf bestimmte Geschichte der Apotheke und ihrer Verwalter, Pächter und Eigentümer. Ihre Ursprünge reichen bis in das Jahr 1679 zurück, in dem Cornelius Kramer in der Elbstraße unmittelbar am Strom neben anderen zweigeschossigen spitzgiebeligen Fachwerkhäusern eine Apotheke eröffnete, die in geradezu idealer Weise auch die Flussschiffer versorgen konnte. Verkauf, Konkurs, Versteigerung, erneute Veräußerung: Die Apotheke ging durch viele Hände, bevor der Rat der Stadt Lauenburg zur Verbesserung seiner Einnahmen 1732 die Gründung einer Raths-Apotheke plante.

 

Nach erregtem, von langen Memoranden und starken Emotionen geprägtem Hin und Her zwischen Lauenburg und mehreren, um den Titel des Raths-Apothekers kämpfenden Interessenten, erteilte König Georg II. von England und Hannover der Stadt schließlich das begehrte Privileg. Auch nachdem sich der Lauenburger Rat nach vielen Jahren der Verpachtung 1822 durch Verkauf an den Apotheker Thun von der Apotheke trennte, behielt sie ihren Namen bei. Thun stirbt an der Cholera. Die Apotheke überdauerte weitere Generationen, bis sie schließlich 1952, zwischenzeitlich von der Unter- in die umtriebige Oberstadt verlegt, in den Besitz von Lammers gelangte.

 

Unter Lauenburger Bürgern machte sich zunächst Unmut breit über die Schenkung »ihrer« Raths-Apotheke an das Altonaer Museum für Kunst und Kulturgeschichte. In einem Schreiben an Hamburgs damaligen Ersten Bürgermeister Voscherau forderte Lauenburgs Bürgermeister Albrecht 1996 die Sicherung des bedeutenden »Kulturgutes für die Lauenburger Bürgerinnen und Bürger« und mutmaßte kulturelles »Raubrittertum« seitens der Hansestadt.

 

Abgesehen davon, dass die Übernahme der Apotheke alleinige Entscheidung des Museums war, hatte Lammers sich mehr als fünf Jahre lang erfolglos um die angemessene Unterbringung in Lauenburg bemüht. Es galt schließlich als Glücksfall, dass die Sicherung des begehrten Kulturgutes im Altonaer Museum inmitten der dort unter anderem ausgestellten originalen Stuben aus Bauern- und Fischerhäusern möglich wurde.




Besucher erfahren auch viel über die Erkenntnisse der Pflanzenkunde als eine tragende Säule der Pharmazie.

Auch in Altona war die Aufnahme des Geschenkes wegen Raumnot zu Beginn der Verhandlungen kei­nes­falls sicher. Nicht zuletzt hätte die Museumsleitung sich aus stadt­geschichtlichen Gründen eine orts­an­sässige Apotheke gewünscht, doch hatte infolge des Zweiten Weltkrieges keine mit geschicht­li­cher Tiefe überdauert. So wurde auf den lokalhistorischen Bezug ver­zich­tet und vor allem Wert auf die Darlegung der geschichtlichen Entwicklung der Pharmazie gelegt.

 

Heute ist im Altonaer Museum an­gesichts der vom Hamburger Senat angestrebten Sparmaßnahmen nicht mehr nur der Raum, sondern vor allem das Geld knapp. Dem Museum droht die Demontage. Der vom Ersten Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) nach umfangreichen Protesten gegen die Schließung des Museums einberufene Kulturgipfel endete mit dem Beschluss, die Schließung vorerst auszusetzen. Doch sind für die kommenden Jahre Etatkürzungen in Millionenhöhe geplant.

 

Zurück in die Zukunft

 

Die Zukunft des Museums ist weiter ungewiss. Endgültige Rettung ist nicht in Sicht. »Zwar gilt das Prinzip Hoffnung – allemal, da am 20. Februar Bürgerschaftswahl ist. Doch wird sich auch die neue Bürgerschaft mit der Lösung ihrer generellen finanziellen Probleme schwertun. Fest steht: Die Etatkürzungen können den Tod auf Raten bedeuten. Wir alle mögen uns nicht vorstellen, was das bedeuten kann«, so Menard.

 

Die Volksinitiative »Altonaer Museum bleibt« kämpft weiter um den Erhalt des »Gedächtnisses der Stadt«. Auch die Apotheker, so Menard, sind gut beraten, die Entwicklungen und somit insbesondere das Schicksal der Lauenburger Ratsapotheke als spezifisches »Gedächtnis des Berufsstandes« fest im Auge zu behalten. Er sei somit froh, dass die »Apothekerkammer Hamburg ein Auge drauf hat«. »Über Jahrhunderte war der Arzneimittelfachmann und Apotheker wissender Geheimnisträger, dessen Spezialitäten-Kenntnis und die Fähigkeit, diese zu vermitteln, sein eigentliches Kapital waren.« Dieses »eigentliche Kapital« dürfe nicht verlorengehen, sondern müsse, im Gegenteil, wieder gestärkt werden. Ob Biotechnologie oder Computerchemie: Das moderne pharmazeutische Wissen sei heute größer denn je. »Nach wie vor jedoch ist es vorrangigste Aufgabe des Apothekers, dieses Wissen für den Patienten verständlich zu kommunizieren, das heißt: aus dem wissenschaftlich Abstrakten in das für den Kranken praktisch Konkrete zu übersetzen«. Die Fähigkeit zur professionellen Kommunikation erfordere Selbstbewusstsein, dieses wiederum Identität. Wesentlicher Bestandteil von Identität sei die Erschließung, Wahrung und Wertschätzung der eigenen Geschichte. Menard: »Zukunft hat, wer die Vergangenheit kennt«. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2011

 

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