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AMNOG-Telefonaktion: »Viele Kollegen sind verunsichert«

POLITIK

 
AMNOG-Telefonaktion

»Viele Kollegen sind verunsichert«


Von Daniel Rücker / Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) hat tiefe Spuren in den Apotheken hinterlassen. Zum Ärger über die ökonomischen Folgen gesellt sich eine Ratlosigkeit über die praktische Umsetzung des Gesetzeswerks. Vor allem die Packungsgrößenverordnung macht den Apothekern das Leben schwer.

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Seit Jahresbeginn hat sich die Arbeit in den Apotheken verändert. Mit der Einführung der neuen Packungsgrößenverordnung ist die Auswahl des korrekten Arzneimittels deutlich schwieriger geworden. Beim AMNOG-Expertentelefon der Pharmazeutischen Zeitung am 28. Januar erkundigten sich denn auch die meisten Anrufer nach konkreten Substitutionsfällen. Rund 80 Prozent der mehr als 100 Anrufer wollten wissen, wie Retaxationen möglichst sicher auszuschließen sind. Gleich drei Experten beantworteten die Fragen der Anrufer zu diesem Thema: Lutz Boden von ABDATA, der Jurist und Leiter der Abteilung Vertragswesen des Apothekerverbands Nordrhein, Normann Schuster, und der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes und Chef des Hessischen Apothekerverbandes, Dr. Peter Homann.




Der Beratungsbedarf ist enorm: Mehr als 100 Apotheker und PTA meldeten sich bei den AMNOG-Experten der PZ-Telefonaktion. In drei von vier Fällen ging es um Probleme mit der Packungs­größenverordnung.

Foto: PZ/Archiv


Ein guter Teil der Fragen war nach Bodens Angaben ein Resultat der fehlerhaften Angaben von Arzneimittelherstellern, die so bei den Aut-idem-Recherchen in der Apotheken-Software zu fragwürdigen Ergebnissen führen. Besonders häufig ging es dabei um Packungen mit falscher Packungsgrößenstufe, so zum Beispiel die N3-Packung Omeprazol von KSK mit 60 Tabletten. Sie liegt nach der neuen Packungsgrößen­ver­ord­nung weit außerhalb des Korridors (95 bis 100 Tabletten), ist also keine therapiegerechte Packungsgröße. Dennoch war sie vom Anbieter als N3 gemeldet und wird daher von der Apothekensoftware als N3 zum Austausch angegeben.

 

Häufige Nachfragen gab es auch zu Antibiotika. Hier gibt die Apothekensoftware bisweilen die Substitution zu einem Rabattarzneimittel in einer kleineren Packung an. Für Boden ist der Fall klar. Wenn der Patient aus medizinischen Gründen eine bestimmte Anzahl von Tabletten braucht, dann muss die Substitution hin zu einer kleineren Packung wegen pharmazeutischer Bedenken hinterfragt werden. Wenn ein Arzt die Stückzahl auf dem Rezept notiert, dann müsse der Apotheker auch davon ausgehen, dass diese Stückzahl für die Behandlung benötigt werde.




Christian Meyer und Dr. Frank Diener (rechts)

Generell riet Boden Apothekern, mit ihren Ärzten über die Verordnungen zu sprechen. Manche Pro­bleme entstünden durch noch nicht aktuali­sier­te Software in den Arztpraxen. Zudem wäre vielen Ärzten die neue Packungsgrößenverord­nung noch nicht bewusst. Auch DAV-Vize Homann riet den Anrufern, sich mit Ärzten in Verbindung zu setzen, wenn deren Verordnungs­weise Probleme bereite. Homann: Auch der Arzt möchte, dass sein Patient die richtige Packung bekommt.« Er habe die Erfahrung gemacht, dass in den meisten Fällen ein Gespräch die Probleme löse.

 

Informationen für das gesamte Team

 

Boden machte bei manchen Anrufern eine erhebliche Verunsicherung aus. Geschädigt durch eine Vielzahl von Retax-Wellen wollten sie nachvollziehbar kein Risiko eingehen. Boden: »Viele Kollegen haben die Umsetzungshinweise zur Packungsgrößenverordnung der Apothekerverbände zwar gelesen, sie bleiben aber unsicher. Manche Anrufer wollten sich einfach nur bestätigen lassen, dass sie alles richtig machen.« Offensichtlich habe in manchen Apotheken aber auch der Informationsfluss nicht perfekt funktioniert. So seien den PTA in manchen Fällen die Umsetzungshinweise der Landesapothekerverbände (Auszug: siehe Tabelle) nicht bekannt. Boden appellierte dringend an die Apothekenleiter, das gesamte Team umfassend zu informieren.


Tabelle: Aut idem und Packungsgrößenverordnung

verordnet ist zum Beispiel auszuwählen ist Substitution (zugunsten Rabattarzneimittel) 
Omeprazol 60 St. 60 St. keine Substitution innerhalb derselben N-Stufe, sondern nur mit 60 St. 
Omeprazol 95 St. N3 Substitution innerhalb derselben N-Stufe 
Omeprazol N3 N3 Substitution innerhalb derselben N-Stufe 
Omeprazol 60 St. N3 60 St. keine Substitution innerhalb derselben N-Stufe, sondern nur mit 60 St. 
Omeprazol N3 60 St. 60 St. keine Substitution innerhalb derselben N-Stufe, sondern nur mit 60 St. 
Omeprazol 95 St. N3 N3 Substitution innerhalb derselben N-Stufe 
Omeprazol N3 95 St. N3 Substitution innerhalb derselben N-Stufe 

60 Stück ab 01.01.2011 = keine therapiegerechte Packungsgröße;

95 bis 100 Stück ab 01.01.2011 = N3;

»N-Stufe« bezieht sich auf die Packungsgrößenverordnung, gültig ab 01.01.2011.


Der Experte von ABDATA sieht zwar die Hauptschuld für die Schwierigkeiten bei der Packungsgrößenverordnung außerhalb der Apotheken. Um so wichtiger sei es jedoch, dass die Apotheker selbst ihr Möglichstes tun, die Probleme nicht noch größer werden zu lassen.




Normann Schuster

Fotos: PZ/Ruthard


Immerhin konnte Boden den Anrufern Hoffnung auf Besserung machen. Mit dem Software-Update zum 1. Februar sollten viele Falschmeldungen eliminiert sein. Damit wäre zumindest eine wesentlichen Fehlerquelle ausgeschieden.

 

Auch bei Schuster meldeten sich Anrufer, die vor Retaxierungen Sorge hatten. So fragten einige, ob es denn nach der neuen Packungsgrößenverordnung zulässig sei, innerhalb einer N-Größe nach oben auszutauschen. Schuster bejahte dies. Wenn die N3-Packung eines Herstellers verordnet worden sei, die 98 Tabletten enthalte, die Kasse des Versicherten aber einen Vertrag mit einem Hersteller habe, dessen N3 100 Tabletten enthalte, dann müsse diese abgegeben werden. Die Apothekenbetriebsordnung erlaube dies zweifelsfrei.

 

Einige Anrufer fürchteten auch, für fehlerhafte Meldungen der Hersteller zur Kasse gebeten zu werden. Diese Gefahr sieht Schuster nicht. Nach dem Sozialgesetzbuch V seien vom Hersteller übermittelten Angaben im Rahmen der Abrechnung mit den Krankenkassen verbindlich. Um mögliche langwierige Rechtsstreite zu vermeiden, hält er es allerdings für sinnvoll, wenn DAV und Kassen eine Friedenspflicht darüber vereinbaren würden.

 

Falsch informierte Ärzte

 

Während die Packungsgrößenverordnung die klare Nummer eins unter den Ursachen für die AMNOG-Umsetzungsprobleme ist, scheint die Mehrkostenregelung keine Schwierigkeiten zu bereiten. Dies liegt wohl in erster Linie daran, dass sie kaum angewendet wird. Bei manchen Ärzten scheint sie allerdings für Verwirrung zu sorgen, die auf einer Falscheinschätzung beruht. So berichteten einige Anrufer von Medizinern, die mit der Einführung einer Kostenerstattungsregelung für Wunscharzneimittel das Aut-idem-Kreuz für abgeschafft halten.




Dr. Peter Homann

Seit Januar dürfe der Arzt die Substitution nicht mehr ausschließen, so eine zumindest teilweise verbreitete Fehlmeinung. Schuster stellte dies richtig. Ärzte müssten weiterhin eine Substitution ausschließen, wenn es medizinische Gründe dafür gebe. Daran habe sich nichts geändert. Dasselbe gelte für die Apotheken. Wenn ein Apotheker pharmazeutische Bedenken gegen eine Substitution habe oder ein Fall der Akut-/Notversorgung vorliege, dann dürfe er das nicht über die Kostenerstattungsregelung umsetzen, sondern weiterhin über diese beiden Ausnahmetatbestände. Wichtig sei dabei die Dokumentation auf dem Rezept, also ein entsprechender Vermerk und die Sonder-PZN.

 

Beim DAV-Vize Homann beschwerten sich mehrere Apotheker darüber, dass viele Zahnärzte und Orthopäden ausschließlich N-Verordnungen ausstellen. Dies liege offensichtlich an deren Software. Allerdings resultiere daraus wieder das Problem, dass eine Packung mit einer für die Behandlung ungeeigneten Stückzahl abgegeben werden muss. Besonders bei Antibiotika sei dies bedenklich. Homann riet den Kollegen, die Ärzte mit einem Schreiben auf das Problem aufmerksam zu machen und ihnen zu empfehlen, in der Übergangszeit bis zu einer reibungslosen Umsetzung der Packungsgrößenverordnung nur noch die tatsächliche Stückzahl aufzuschreiben.




Lutz Boden

Deutlich seltener wendeten sich Apotheker an die AMNOG-Experten mit Fragen rund um das Thema Großhandelskonditionen. Von den rund 30 Anrufern waren viele wegen der Neugestaltung der Lieferbedingungen verunsichert. Bei den meisten war der Großhandel schon vorstellig geworden und hatte zum Teil deutlich schlechtere Konditionen für 2011 angekündigt. Einige Apotheker warteten aber noch auf den wenig erfreulichen Besuch.

 

Die Experten der Treuhand Hannover erklärten den Anrufern, welche Stellschrauben es in den Konditionenmodellen gibt und wie man die Verhandlungen erfolgreich führt. So fächern zum Beispiel die Großhändler ihre Sortimente stark auf. Es reicht nicht, nur pauschal rezeptpflichtige und OTC-Arzneimittel anzusprechen. Das Gespräch muss tiefer gehen. Was ist mit Betäubungsmitteln, Kühlware und Hochpreisartikeln? Was gilt für Überweiser? Welche Artikel sind unrabattiert? Weitere Stellschrauben betreffen die Einkaufsmenge, Skonto und Zahlungsziel, Retourenbedingungen und Gebühren. Wer Bestellungen bündelt und auf ein höheres Volumen kommt, erhält oft bessere Rabatte. Wer sich entsprechend vorbereitet, kann die Gespräche viel zielgerichteter führen.




Guido Michels

Auch fragten viele Anrufer nach dem aktuellen Konditionenniveau. Dies am Telefon zu beantworten, ist allerdings schwierig, da die Rabatthöhe von vielen individuellen Faktoren abhängig ist. Auch hat jeder Lieferant seine eigene Strategie, wie Konditionsangebote ausgestaltet werden. Die Treuhand-Experten Dr. Frank Diener, Christian Meyer und Guido Michels gaben aber die Empfehlung, sich im Markt umzuhören. Nicht das erste Angebot muss in jedem Fall das Beste sein. Zudem empfehlen die Experten, sich beraten zu lassen. Denn dem einzelnen Apotheker fehlt oft die Marktkenntnis, um die eigenen Lieferbedingungen zu bewerten. Außerdem hilft ein Vergleich der neu verhandelten Konditionen mit dem alten Status, um die Höhe der Einbußen in Euro zu ermitteln.

 

Generell gelte es, individuelle Verhandlungen zu führen und sich nach Möglichkeit nicht in ein vom Großhändler vorgegebenes Schema pressen zu lassen. Es könne auch sinnvoll sein, sich die Route des Großhändlers anzuschauen, der eine Apotheke beliefere, sagte Diener. Für Großhändler sei es wichtig, die Autos möglichst gut auszulasten. Eine Apotheke, die eine attraktive Lage für den Lieferanten habe, könne dies bei Konditionenverhandlungen in die Waagschale werfen.

 

Über die konkreten Gesetzesmaßnahmen des AMNOG waren die Anrufer meist gut informiert. Trotzdem rieten die Treuhand-Experten, die Auswirkungen des AMNOG auf den Ertrag der Apotheke in Form einer individuellen Wirkungsanalyse überprüfen zu lassen. Diener betonte: »Jede sichere Navigation beginnt mit einer individuellen Analyse der wirtschaftlichen Ausgangslage. Nur wer die möglichen Ertragseinbußen kennt, kann zielgerichtet handeln. In Zeiten sinkender Betriebsergebnisse wird es immer wichtiger, unternehmerisch auf die Herausforderungen zu reagieren. Die Ausgangsbasis dafür sind ein aussagekräftiges Informationssystem und professionelle Beratung durch branchenerfahrene Experten.« /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2011

 

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