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Kuschelhormon Oxytocin

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Kuschelhormon Oxytocin


Das Neurohypophysenhormon Oxytocin gilt als typisches Frauenhormon. Es fördert die Kontraktion des Uterus bei der Geburt und den Milchfluss beim Stillen. Es beeinflusst aber nicht nur den Körper, sondern auch das Sozialverhalten: Oxytocin verstärkt das Vertrauen in Mitmenschen, macht bindungsfähiger und beruhigt – auch bei Männern.

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Oxytocin bedeutet »schnelle Geburt«. Eine physiologische Wirkung ist, dass es bei der Geburt die rhythmische Kontraktion der glatten Uterusmuskulatur bewirkt und somit Wehen auslöst. Zudem stimuliert es die Milchabgabe der Brust. Das Saugen des Babys an der Brust erhöht die Produktion und Freisetzung von Oxytocin aus der Neurohypophyse, das dann die Ejektion der Milch aus der Brustdrüse durch Kontrak­tion des Myoepithels bewirkt.




Zufriedenes Paar: Oxytocin beruhigt Mutter und Baby.

Foto: TK


In der klinischen Geburtshilfe wird Oxytocin parenteral (Wehentropf) zur Einleitung oder Steigerung der Geburtswehen genutzt. Früher stand es auch als Nasenspray zur Verfügung. Diese Darreichungsform ist aber seit 2008 in Deutschland nicht mehr auf dem Markt.

 

Zudem wird Oxytocin oder sein Analogon Carbetocin zur Prophylaxe oder Therapie der sogenannten Uterusatonie eingesetzt. Darunter versteht man die mangelnde Kontraktionsfähigkeit der Gebärmutter nach der Geburt. Diese kann zu schweren Blutungen führen, die weltweit zu den häufigsten Ursachen der Müttersterblichkeit zählen.

 

Neben den genannten physiologischen Wirkungen beeinflusst Oxytocin auch das Verhalten. Es verstärkt zum Beispiel die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind. Die hohen Oxytocinspiegel beim Stillen beruhigen die Mutter und senken bei ihr den Spiegel des Stresshormons Cortisol. Auch der Säugling schüttet nach dem Stillen das Hormon aus, er wird ruhig und zufrieden.

 

In den vergangenen Jahren wurde immer klarer, dass das Hormon nicht nur auf Mutter und Kind wirkt, sondern generell die Bindung zwischen Personen beeinflusst. Neueren Untersuchungen zufolge steigert es die Bindungsfähigkeit, das Vertrauen gegenüber Mitmenschen und die emotionale Kompetenz; es baut Stress ab und wirkt angstlösend. Ausgeschüttet wird es nicht nur beim Stillen, sondern auch bei Hautkontakt mit dem Partner (Streicheln) und bei Geschlechtsverkehr. Daher wird Oxytocin auch als »Kuschelhormon« bezeichnet.

 

Auf das Hormon aufmerksam wurden Verhaltensforscher bei Untersuchungen an Präriewühlmäusen. Die Nager sind streng monogam; haben sie einmal einen Partner gefunden, bleiben sie ihm ein Leben lang treu. Die eng verwandten Bergwühlmäuse dagegen zeigen diese Treue nicht und sind recht sprunghaft. Der Unterschied zwischen den beiden Arten konnte in verschiedenen Untersuchungen auf Oxytocin zurückgeführt werden. Die monogamen Präriewühlmäuse hatten nicht nur höhere Blutspiegel als ihre polygamen Verwandten, sondern auch eine andere Verteilung der Rezeptoren für das Hormon im Gehirn. Dessen entscheidende Rolle ließ sich durch ein weiteres Experiment belegen: Injizierten die Forscher den monogamen Tieren einen Oxytocin-Antagonisten, fingen diese an, ihre Partner zu wechseln.

 

Seitdem versuchen Wissenschaftler, die Wirkung von Oxytocin auf das Verhalten bei Menschen zu erforschen. Eines der ersten Experimente führten Forscher um Markus Heinrichs von der Universität Zürich durch. Sie luden Probanden zu Investitionsspielen ein, bei denen ein Teilnehmer dem anderen Geld leihen musste in der Hoffnung, bei einem späteren Gewinn beteiligt zu werden. Erhielten die Probanden vor dem Spiel Oxytocin als Nasenspray, waren sie eher bereit, Geld zu geben als Kontrollpersonen, die wirkstofffreies Nasenspray erhalten hatten. Die Forscher folgerten, dass Oxytocin das Vertrauen in die Mitmenschen stärkte.

 

In anderen Untersuchungen hatte sich gezeigt, dass Oxytocin beruhigt und sozial kompetenter macht: Es hilft, die Gefühle der Mitmenschen besser zu lesen.

 

Diese Wirkungen wollen Forscher nun therapeutisch bei Krankheitsbildern nutzen, bei denen die sozialen Kompetenzen geschwächt sind. Geprüft wird ein Einsatz von Oxytocin bei Angststörungen, vor allem Sozialphobie, bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und Autismus. Gerade bei Autismus wird Oxytocinmangel als ein möglicher Auslöser diskutiert. Autisten haben bekanntlich Schwierigkeiten mit Bindungen: Sie können kaum Kontakt zu Mitmenschen herstellen, erkennen deren Gefühle und Absichten schlecht und meiden Blickkontakt. Betroffene Kinder haben niedrigere Plasmalevel, und die Höhe der Plasmaspiegel korreliert mit dem Ausmaß der sozialen Kompetenz.

 

Französische Forscher um Angela Sirigu konnten im vergangenen Jahr zeigen, dass Oxytocin die sozialen Fähigkeiten verbessert. Nach Applikation eines Nasensprays konnten Autisten länger Blickkontakt halten und ihr Gegenüber besser einschätzen als zuvor. Die Forschung steht aber noch ganz am Anfang. In klinischen Studien muss das therapeutische Potenzial des Kuschelhormons bei mentalen Erkrankungen weiter untersucht werden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2011

 

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