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Fetales Alkoholsyndrom: Wenn das Ungeborene mittrinkt

MEDIZIN

 
Fetales Alkoholsyndrom

Wenn das Ungeborene mittrinkt

Von Christina Hohmann

 

Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft ist der häufigste Grund für angeborene Behinderungen. Alkoholschäden treten etwa doppelt so häufig auf wie das Downsyndrom. Dabei wären sie durch ein verantwortungsvolles Verhalten zu vermeiden.

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Wenn eine Schwangere Alkohol trinkt, trinkt das ungeborene Kind mit. Sowohl Ethanol als auch das Abbauprodukt Acetaldehyd gelangen über die Plazenta direkt zum Embryo. Schon nach kurzer Zeit hat es den gleichen Alkoholspiegel im Blut wie die Mutter. Doch seine unreife Leber kann die Zellgifte nicht so rasch abbauen. Die notwendigen Stoffwechsel-Enzyme wie die Alkohol-Dehydrogenase sind nur begrenzt oder gar nicht vorhanden. Dadurch ist der Embryo dem Ethanol etwa zehnmal länger ausgesetzt als die Schwangere. In dieser Zeit können die Zellgifte irreversible Schäden an allen Organen, vor allem am Gehirn, verursachen.

 

Jedes Jahr werden neuen Untersuchungen zufolge in Deutschland etwa 10.000 Kinder geboren, die unter dem Alkoholkonsum ihrer Mutter leiden. Die schwerste Form der Schädigung wird als fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet. Rund 2000 solcher Kinder kommen jedes Jahr zur Welt. Sie werden untergewichtig geboren (im Durchschnitt etwa 2200 g) und leiden an einer Reihe von Symptomen: Das Wachstum ist verzögert, sie weisen charakteristische Veränderungen der Gesichtszüge auf, haben organische Fehlbildungen sowie kognitive und emotionale Störungen.

 

Welche Schäden auftreten, hängt vom Zeitpunkt und dem Ausmaß des Alkoholkonsums ab. Gerade in den ersten drei Monaten, in denen sich die Organe entwickeln, kann der Alkohol tiefgreifende Veränderungen verursachen. Das Risiko für einen kleinen Kopf (Mikrozephalie), Gesichtsveränderungen und organische Missbildungen ist in diesem Zeitraum am größten. Im zweiten Trimenon kann Alkohol das Wachstum des Embryos stören und sogar zu Fehlgeburten führen. Trinkt eine Schwangere mehr als 120 Gramm Ethanol (etwa ein Liter Wein) pro Woche, ist das Risiko für Aborte um das Zwei- bis Vierfache erhöht. In den letzten drei Monaten, in denen das Ungeborene hauptsächlich wächst, ist die Gefahr für Wachstumsretardierung und Schäden am Zentralnervensystem am größten. Alkohol in dieser Phase unterbindet die Vernetzung der Gehirnzellen.

 

Das Risiko für schwere Schäden steigt mit zunehmendem Alkoholkonsum der Schwangeren. Das fetale Alkoholsyndrom trat bislang nur bei Müttern auf, die über längere Zeit größere Mengen tranken. Bislang ist ungeklärt, ob ein gelegentlicher Alkoholgenuss in der Schwangerschaft für das Kind unbedenklich ist. Während einige Untersuchungen keinen negativen Effekt fanden, zeigten andere, dass es schon bei einem einmaligen größeren Alkoholkonsum zu einer Fehlgeburt kommen kann. Eine britische Untersuchung ergab zudem, dass Kinder auch bei geringem Alkoholkonsum (etwa ein Glas Alkohol pro Woche) der Mutter Verhaltensauffälligkeiten entwickelten.

 

Da keine Schwellendosis genannt werden kann, gehen Experten derzeit davon aus, dass jeglicher Alkoholkonsum ein Risiko darstellt. »Ein Verzicht auf Alkohol während der Schwangerschaft ist unverzichtbar«, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, anlässlich des weltweiten Tags des alkoholgeschädigten Kindes am 9. September. »Schon ein geringer Konsum oder vereinzelte Trinkexzesse können zu dauerhaften körperlichen und geistigen Behinderungen des Kindes führen.«

 

Am Gesicht abzulesen

 

Die Folgen lassen sich schon im Gesicht des Kindes erkennen. FAS-Kinder haben oft dünne, gerade Lippen, schmal geschnittene und weit auseinanderliegende Augen sowie herabhängende Oberlider (Ptosis). Ebenfalls häufig sind ein verkürzter Nasenrücken (Stupsnase) und ein fliehendes Kinn. Zudem sind die betroffenen Kinder meist sehr dünn, schmächtig und haben einen geringen Kopfumfang. Auffälligkeiten an Armen und Beinen (Handlinien, Verkürzung einzelner Finger) können auftreten sowie Missbildung von inneren Organen.

 

Gravierender als die körperlichen Auffälligkeiten sind meist die psychischen und neurologischen Folgen. Die geistige Entwicklung ist gestört und der Intelligenz-Quotient vermindert. Die betroffenen Kinder neigen zu Konzentrations- und Lernschwäche, Hyperaktivität und Aggressivität. Lang anhaltende Temperamentsausbrüche und Überreaktionen sind typisch. Alkoholgeschädigte Kinder verstehen logische Zusammenhänge, Regeln und Konsequenzen schwer, sie sind vertrauensselig und risikobereit. Die natürliche Angst vor Gefahren fehlt, dadurch gehen die Kinder beim Spielen oder im Straßenverkehr häufig hohe Risiken ein.

 

Nicht alle Auffälligkeiten treten bei jedem Kind mit Alkoholschäden zusammen auf. Beim Vollbild fetales Alkoholsyndrom kommen zur typischen Gesichtsbildung auch Minderwuchs und Störungen der geistigen Entwicklung hinzu. Leichter ausgeprägte Formen der Schädigung werden als fetale Alkoholeffekte (FAE) bezeichnet. Kinder mit FAE weisen häufig keine körperlichen Auffälligkeiten auf und haben einen durchschnittlichen IQ. Doch meist ist das Sozialverhalten gestört.

 

Keine gute Prognose

 

Kinder mit alkoholbedingten Schäden entwickeln sich körperlich weiter, wobei einige Auffälligkeiten insbesondere im Gesicht sich mit der Zeit verlieren. Auch eine niedrige Körpergröße und -gewicht gleichen sich aus, während die Kopfgröße meist unterdurchschnittlich bleibt. Angeborene Herzfehler oder Missbildung der Harnwege lassen sich operativ korrigieren, sodass sie keine Beeinträchtigung mehr darstellen. Anders sieht dies aber im kognitiven Bereich aus: Die meisten Kinder erreichen bei Intelligenz und Sprachentwicklung kein normales Niveau. In der Regel besuchen sie Sonderschulen und benötigen bis ins Erwachsenenalter ständige Betreuung. Auch Verhaltensauffälligkeiten wie Ungeschicklichkeit, Hyperaktivität und Aggressivität sowie soziale Defizite bilden sich nur bedingt zurück. Selbst eine optimale Förderung in Pflegefamilien kann die Entwicklung nicht deutlich verbessern.

 

Warnhinweise auf Flaschen

 

Um alkoholbedingte Schäden zu vermeiden, sollte auf Alkohol in der gesamten Schwangerschaft vollständig verzichtet werden. Die meisten Frauen reduzieren ihren Alkoholkonsum oder stellen ihn ganz ein. Dennoch trinken immer noch zu viele Frauen während der Schwangerschaft weiter. Denn häufig sind sich die werdenden Mütter der möglichen Konsequenzen für das Kind nicht bewusst. Auch von Ärzten wird der gelegentliche Konsum zum Teil verharmlost.

 

Daher ist es besonders wichtig, frühzeitig über die Wirkung von Alkohol auf das ungeborene Kind aufzuklären und ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Teratogen Alkohol zu schaffen. Dies könnte es den Frauen erleichtern, in der Schwangerschaft mit der Unterstützung der Freunde, Familie und vor allem des Partners auf Alkohol vollständig zu verzichten.

 

Zur Prävention von alkoholbedingten Schäden bei Kindern hat Frankreich einen neuen Weg beschritten. Die Regierung hat Warnhinweise für schwangere Frauen auf alkoholischen Getränken, ähnlich den Warnungen auf Zigarettenschachteln, eingeführt. »Wir werden die Erfahrungen der französischen Regierung aufmerksam verfolgen und prüfen, ob dies ein geeigneter Weg ist, um die betroffenen Frauen zu erreichen«, sagt Bätzing. Ein Teil der Routinevorsorge bei Schwangeren sollte auch darin bestehen, Suchtprobleme zu erkennen. Betroffene Frauen sollten an geeignete Hilfsangebote vermittelt werden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2007

 

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