Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

AMNOG: »Es kann nicht sein, dass wir die Suppe allein auslöffeln müssen«

POLITIK

 
AMNOG

»Es kann nicht sein, dass wir die Suppe allein auslöffeln müssen«


Von Daniel Rücker, Eppelborn / Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) belastet die Apotheker extrem. Entsprechend groß ist die Verärgerung über die Politik. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftlichen Konsequenzen, es geht auch um mangelnde Wertschätzung der apothekerlichen Leistungen. Auf einer Informationsveranstaltung der saarländischen Berufsorganisationen in Eppelborn diskutierten rund 500 Apotheker mit Experten die Konsequenzen des verhassten Gesetzes.

ANZEIGE


Drei Referenten, eine Meinung: Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Betriebswirt Dr. Wolfgang Franzen und die Chefin der Apothekengewerkschaft Adexa, Barbara Neusetzer, waren sich einig. Das AMNOG belastet Apothekenleiter und -mitarbeiter unverhältnismäßig stark. Die Apotheker seien die einzigen Leistungserbringer, denen die Politik Einbußen zumute, sagte Becker. Krankenhäusern, Ärzten und Krankenkassen werde dagegen nur der Zugewinn gedeckelt. Damit hätten sich Apotheker auch arrangieren können.




Rund 500 Apothekerinnen und Apotheker kamen nach Eppelborn, um sich über das AMNOG zu informieren.

Foto: Wohlfeil


Becker erläuterte die Konsequenzen des AMNOG Punkt für Punkt und machte dabei deutlich, dass es die Apotheker nicht nur bares Geld kostet, sondern auch erhebliche Mehrarbeit und Bürokra­tie bedingt. Ganz vorne steht dabei die Packungsgrößenverordnung in Kombina­tion mit der Aut-idem-Regelung. Seit Jahres­beginn regiere deshalb in vielen Apotheken das Chaos.

 

Nun gelten aus Sicht der Kassen gleiche Normgrößen als austauschbar, auch wenn sie wegen der Übergangsfrist deut­liche Größenunterschiede aufweisen. Gleichzeitig reiche eine identische Indi­kation für den Austausch. Das Interesse der Patienten sei den Verantwortlichen völlig aus dem Blick geraten, sagte der DAV-Chef. Becker: »Das ist ein Stück aus dem Tollhaus.« Im Jahr 2013 drohe weiteres Ungemach, wenn die Normgrößen auf Versorgungszeiträume abgestellt werden. Riesenpackungen wären die Konsequenz.

 

Zudem sei offen, wie Packungen gekennzeichnet werden, wenn ein Präparat in unterschiedlichen Indikationen unterschiedlich dosiert werde und somit auch unterschiedliche Versorgungszeiträume entstünden. Beckers Bitte an die Politik: »Setzt diese Regelung aus!«




DAV-Vorsitzender Fritz Becker: »Apotheker müssen die Belastung allein tragen.«

Foto: PZ/Archiv


Von der Mehrkostenregelung für Patienten, die weiter ihr Wunscharzneimittel einnehmen möchten, ist der DAV-Chef auch nicht überzeugt. Das Prozedere sei ziemlich bürokratisch, den Apothekern fehlten Informationen zur Berechnung der Preise für den Versicherten. Außerdem müssten Apotheker ihre Patienten vor den hohen Kosten warnen. Es werde die Regel sein, dass die Kassen höchsten die Hälfte des Preises zurückerstatten. Bei manchen Medikamenten könnte der Versicherte sogar auf 80 Prozent der Kosten sitzen bleiben.

 

Weitere Kritik äußerte Becker an unklaren Regelungen, wie Referenzpreise für Impfstoffe ermittelt werden sollen und am mangelnden Mut, der die Bundesregierung davon abgebracht hat, Pick-up-Stellen zu verbieten. Ganz besonders kritisierte er natürlich die Umstellung der Großhandelsvergütung und die Erhöhung des Zwangsrabattes an die Krankenkassen.

 

Mittlerweile habe sich die Befürchtung der Apotheker bestätigt, dass sich der Großhandel seine Einsparsumme vollständig von den Apothekern zurückhole. Manchmal, weiß Becker, versuchten Großhändler sogar, noch mehr von den Apothekern zu holen, zum Beispiel indem sie die Konditionen auch für solche Medikamente verschlechtern, auf die sie überhaupt keinen Abschlag bezahlen.

 

Diskriminierung der Apotheker

 

Becker betrachtet die Entwicklung mit großer Sorge. Die Politik habe angekündigt, die Entwicklung genau zu beobachten. Nun seien die Prognosen der Apotheker eingetreten. Deshalb müsse die Politik schnell handeln. Becker: »Es kann nicht sein, dass wir allein die Suppe auslöffeln müssen.« Becker ärgert sich über das AMNOG auch deshalb, weil es die Apotheken allein als Kostenfaktor sieht. Der Wert der flächendeckenden Arzneimittelversorgung werde nicht erkannt.

 

Gerade einmal 2,7 Prozent der GKV-Ausgaben fielen dafür an. Becker: »Die Apotheken helfen ihren Patienten 365 Tage im Jahr rund um die Uhr. Das ist nun der Dank.« Im Auditorium sah man dies ähnlich. Stellvertretend für die Stimmungslage der 500 Anwesenden brachte es eine Apothekerin auf den Punkt: »Das AMNOG ist eine Diskriminierung unserer Leistung.«

 

Es bringt aber auch einige wenige Verbesserungen. Eine dürfte in den kommenden Monaten zum Tragen kommen. Wie Becker erklärte, müssen Entscheidungen der Schiedsstelle in Zukunft sofort vollzogen werden. Damit dürfte das Gezerre um den Apothekenabschlag für 2010 ein schnelleres Ende finden als im Vorjahr.

 

Da sich der DAV und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung wie bereits 2009 nicht auf die Höhe des Zwangsrabattes der Apotheken an die Krankenkassen einigen konnten, muss die Schiedsstelle über den Abschlag entscheiden. Sie ist mit je fünf Vertretern von Apothekern und Kassen besetzt. Hinzu kommen drei neutrale Experten. Die Leitung hat der ehemalige Chef des Bundesversicherungsamtes, Rainer Daubenbüchel.




Barbara Neusetzer: »Das AMNOG ist eine Belastung für alle Mitarbeiter.«

Foto: PZ/Archiv


Im Jahr 2009 war das Ergebnis der Schiedsstelle für die Apotheker recht erfreulich. Der Kassenab­schlag wurde auf 1,75 Euro gesenkt. Allerdings fochten die Kassen diese Entscheidung an und wollten bis zur endgültigenEntscheidung weiter 2,30 Euro einbehalten. Erst nach einigen Wo­chen konnte der DAV vor Gericht durchsetzen, dass die Kassen nur den niedrigeren Abschlag abziehen dürfen. Eine endgültige Entscheidung über die Klage steht noch aus.

 

In diesem Jahr wird es anders laufen. Die Schieds­stellenentscheidung muss sofort umgesetzt werden, Klagen gegen die Entscheidung haben keine aufschiebende Wirkung mehr. Eine Prognose über den Schiedsspruch wollte Becker nicht abgeben. Nach seiner Berechnung müsste das Ergebnis jedoch unter 1,75 Euro liegen. Die Belastungen für die Apotheker seien 2010 höher gewesen als 2009. Deshalb müsse der Abschlag weiter sinken. Freilich sehen die Kassen dies vollkommen anders.

 

Große Belastungen beschert den Apothekern auch der pharmazeutische Großhandel. Er wälzt die Kürzung seiner Spannen durch das AMNOG vollständig auf die Apotheken ab. Zum Teil werden die Konditionen stärker gekürzt als es der Abschlag von 0,85 Prozent hergibt. Im nächsten Jahr könnte es sogar noch schlimmer kommen, warnte Betriebswirt Franzen. Wenn sich der Großhandel mit der Auffassung durchsetze, dass der Fixanteil von 70 Cent nicht rabattierbar sei, dann würden die Verluste der Apotheker noch deutlich steigen, sagte er.

 

Apotheker müssen hart verhandeln

 

Franzen rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang des Betriebsergebnisses einer durchschnittlichen Apotheke um rund 20 000 Euro, wobei dies natürlich stark vom Anteil rezeptpflichtiger Arzneimittel abhängt. Im kommenden Jahr könnte der Rückgang weitere 10 000 Euro betragen. Wenn nämlich der Großhandelsfixzuschlag im Jahr 2012 grundsätzlich umgestellt wird und der Fixzuschlag von 70 Cent grundsätzlich nicht rabattiert werde, dann blieben als Verhandlungsmasse allein die 3,15  Prozent preisabhängige Marge.

 

Dies hätte zur Folge, dass der Großhandel insgesamt sogar noch besser dastehe als vor dem AMNOG. Franzen empfahl den Apothekern, hart mit dem Grossisten zu verhandeln. Es stehe nicht im Gesetz, dass der Fixzuschlag sakrosankt sei. Zudem kürze der Großhandel die Konditionen über das gesamte Rx-Sortiment, obwohl etwa Lifestyle-Medikamente nicht erstattungsfähig seien.

 

Leiter und Angestellte in einem Boot

 

Angesichts der bedrohlichen Lage für viele Apotheken ist es gut, dass Apothekenleiter und -angestellte an einem Strang ziehen. Gewerkschafts-Chefin Neusetzer bekräftigte den hohen Grad der Übereinstimmung. Das spiegele sich auch im Tarifabschluss für 2011 wider. Mit einer Gehaltssteigerung von 2 Prozent hätten sich Adexa und der Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken auf eine sehr moderate Erhöhung geeinigt. Dies gelte angesichts der aktuell hohen Belastung der Mitarbeiter umso mehr. Neusetzer: »Das AMNOG ist eine Belastungsprobe für alle Mitarbeiter.« Damit zielte sie auf den dramatisch gestiegenen Beratungsbedarf der Patienten wegen der neuen Packungsgrößenverordnung und die geänderten Substitutionsregeln ab.

 

Neusetzer ließ auch keinen Zweifel daran, dass ABDA und Adexa dieselbe Einschätzung vom Gesetz haben: »Wir waren von Anfang an dagegen.« Sie appellierte eindringlich an die Apothekenleiter, auf dem gemeinsamen Weg zu bleiben und nicht über Personalabbau nachzudenken. Dies wäre ein großer Fehler, denn die Angestellten seien das wichtigste Kapital der Apotheken. / 


Zur Übersicht Politik...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2011

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU