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Analekzem: Tabuerkrankung mit hohem Leidensdruck

PHARMAZIE

 
Analekzem

Tabuerkrankung mit hohem Leidensdruck


Von Clarissa Allmacher und Ulrich Amon / Als Analekzem bezeichnet man eine akute oder chronische Entzündung der Haut rund um den Anus beziehungsweise im unteren Abschnitt des Analkanals. Die Patienten leiden vor allem unter dem quälenden Juckreiz, suchen aber aus Scham oft erst spät einen Arzt auf.

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Das Analekzem ist eine der häufigsten diagnostizierten Dermatosen der Anogenitalregion. Seine Entstehung wird durch die Anatomie der Analregion begünstigt: In der Analspalte kommt es zu einem ständigen Haut-auf-Haut-Kontakt; Schweißbildung und Retention des Sekrets schaffen ein feuchtes Mikroklima. Entsprechend der Pathogenese werden drei Formen des Analekzems unterschieden:

 

das irritativ-toxische Analekzem
das kontaktallergische Analekzem
das atopische Analekzem

 

Leitsymptom aller drei Formen ist der Juckreiz (Pruritus ani), der vor allem nachts besonders quälend ist. Weitere Symptome sind Brennen, Wundsein und Nässen.

 

Verschiedene Ursachen

 

Das irritativ-toxische Analekzem ist die häufigste Form, etwa die Hälfte aller Patienten mit Analekzem ist davon betroffen. Es entsteht als Reaktion auf externe Irritanzien und ist die unmittelbare Folge einer direkten Hautschädigung.




Starker Juckreiz ist das Leitsymptom des Analekzems. Aus Scham unternehmen viele Patienten erst zahlreiche Eigentherapie-Versuche, bevor sie einen Arzt aufsuchen.

Foto: Fotolia/Nik Frey


Als Trigger kommen fäkulentes Sekret, übermäßiges Schwitzen, mechanische Traumatisierung durch raues Toilettenpa­pier oder übermäßige Analhygiene, un­ge­eignete Kleidung oder die kumulative Einwirkung von Reinigungsmitteln infra­ge. Aggressive Seifen oder feuchtes Toilettenpapier können die Entwicklung ebenfalls begünstigen.

 

Auch nässende proktologische Erkran­kungen, die zu einem Übertritt von Anal­sekret in die Afterumgebung führen, können ein irritativ-toxisches Analekzem triggern. Dazu gehören Erkrankungen, die den Feinschluss des Afters beein­träch­tigen, etwa Hämorrhoiden oder ein Analprolaps, direkt in die Perianalregion sezernieren, zum Beispiel Kondylome oder Fistelleiden, oder die muskuläre Sphinkterfunktion mindern. Durch die Schädigung der epidermalen Barriere kommt es zu Mazeration und Entzündung der perianalen Haut.

 

Beim allergischen Kontaktekzem reagiert die Haut gegen einen Fremdstoff von außen mit einer spezifischen immunologisch vermittelten Entzündung (Typ-IV-Allergie). Anders als beim irritativ toxischen Ekzem benötigt das allergische Kontaktekzem eine Sensibilisierungsphase, es tritt also nur nach wiederholtem Kontakt mit einem spezifischen Agens auf. Das sind vor allem Inhaltsstoffe von Hautpflegemitteln, Intimsprays und Prokto­logika.

 

Für die Entstehung einer Typ-IV-Allergie ist die Anwendungsdauer nicht von Bedeutung. Oft wurden die entsprechenden Externa ohne Probleme über Jahre angewendet, bevor es zur Allergie kam. Zu den überwiegend nachgewiesenen Allergenen zählen etwa Lidocain, Policresulen, Kamillenextrakt, Mafenid und Cinchocain.

 

Auch die Art des verwendeten Toilettenpapiers spielt eine Rolle: Weißes Zellulosepapier hat eine wesentlich geringere allergische Potenz als feuchtes, recyceltes oder gefärbtes Toilettenpapier. Auslösende Allergene sind vor allem Kathon C6 und Euxyl K400.




Ein Prick-Test gehört zur diagnostischen Klärung, wenn der Verdacht besteht, dass das Analekzem allergisch bedingt ist.

Foto: dpa


Das atopische Analekzem basiert auf einer atopischen Diathese, also der genetisch determinierten Bereitschaft, auf natürlich vorkommende Substanzen der Umwelt überempfindlich zu reagieren. Die Dia­gnosestellung ist einfach, wenn weitere Körperteile wie Knie- und Ellenbeugen befallen sind.

 

Liegt lediglich eine anale Manifestation vor, wird die Diagnosefindung schwierig. Hier helfen die Familien- und Eigen­anamnese, Atopie-Stigmata, Serologie (erhöhter IgE-Spiegel) und Allergietests weiter.

 

Diagnostik entscheidend

 

Eine ausführliche Anamnese über die Dauer und das Auftreten der Erkrankung sowie andere Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis sind Grundlage der Diagnostik. Neben der Ganzkörperuntersuchung erfolgen eine perianale Inspektion, rektal-digitale Tastung, Prokto- und gegebenenfalls Rektoskopie. Je nach Verdacht werden Abstriche entnommen und es erfolgt eine gezielte allergologische Abklärung.

 

Zudem müssen maligne Tumore wie das Rektumkarzinom, die ebenfalls zu einem Analekzem führen können, rechtzeitig ausgeschlossen werden. Differenzialdia­gnostisch sollten zum Beispiel Erythrasma, Candidose, Lichen ruber, Lichen sclerosus et atrophicans bedacht werden. Bei unklarem Befund oder Therapieresistenz muss eine Probebiopsie entnommen werden.

 

Therapie: Linderung an erster Stelle

 

Das Ziel ist vor allem die rasche Linderung der Beschwerden sowie die Beseitigung aller auslösenden und prädisponierenden Faktoren. Dazu zählen die Sanierung bestehender proktologischer Erkrankungen, das Meiden von Irritanzien und Kontaktallergenen. Die Therapie richtet sich nach dem Verlauf (akut, subakut, chronisch). Als Basistherapie werden desinfizierende und adstringierende Sitzbäder, Zinkzubereitungen als Lotion oder Paste und entsprechende Streifeneinlagen aus Mullkompressen oder modernen Wundauflagen eingesetzt.

 

Die kurzfristige topische Therapie mit niedrigpotenten Corticosteroiden kann erwogen werden, eine langfristige Anwendung ist jedoch kontraindiziert. Unter­stützend kommt eine Phototherapie mit UV-Kamm oder Creme-PUVA infrage.

 

Bei etwa 60 Prozent der Patienten findet sich eine Vorbehandlung mit corticoidhaltigen Externa. Vor allem bei langfristigem Steroidabusus gelingt das Ausschleichen der Corticosteroide, wenn gleichzeitig topische Immunmodulatoren eingesetzt werden. Wegen der Neben­wirkung des Brennens brechen allerdings viele Patienten die Behandlung mit Pimecrolimus oder Tacrolimus ab.

 

Das Brennen lässt sich lindern, indem die Patienten einige Minuten vor dem Auftragen der Immunmodulatoren ein amphiphiles Lipidgel dünn applizieren. Nach dem Ausschleichen der Steroide werden auch die Immunmodulatoren langsam in der Anwendungshäufigkeit reduziert. Sie sollten jedoch nach Überwindung des Steroidabusus noch längerfristig etwa ein- bis zweimal pro Woche angewendet werden. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2011

 

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