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Fußgesundheit: Die Deutschen drückt der Schuh

TITEL

 
Fußgesundheit


Die Deutschen drückt der Schuh


Von Elke Wolf / »Rucke di gu, Blut ist im Schuh.« Ganz so dramatisch wie bei Aschenputtel steht es um die Füße nicht. Doch die Mehrheit der Bundesbürger geht mit Schmerzen durch den Alltag. Das führt den einen oder anderen in die Apotheke. Dort kann das pharmazeutische Personal präventiv tätig werden.

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In Industrienationen kommen 98 Prozent der Babys mit gesunden Füßen zur Welt. Bis ins Erwachsenenalter haben sich jedoch 60 Prozent Fußprobleme erlaufen. Experten gehen davon aus, dass falsches Schuhwerk die Hauptursache dafür ist. Tatsächlich: Nur jeder fünfte Bundesbürger trägt Schuhe, die auch passen. Das zeigt der aktuelle Deutsche Fußreport, der Ende August 2010 veröffentlicht wurde. Bei dieser Aktion wurden im Auftrag des Deutschen Schuhinstituts über drei Jahre 10 400 Füße von der kleinen Zehe bis zum Knie morgens, mittags und abends mit einem 3-D-Scanner vermessen. Dafür wurden nach dem Zufallsprinzip Passanten quer durch Deutschland angesprochen.




Kein Kinderspiel: die Füße ein Leben lang gesund erhalten.

Foto: KNA


Danach kaufen und tragen 82 Prozent der Testpersonen Schuhe in einer Größe, die nicht ihren Maßen entspricht. Die meisten wählen zu große Schuhe, besonders die Männer. Nur 20 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer wählen zu kleine Modelle. Aber auch ein zu weiter Schuh bekommt den Füßen nicht, denn der Fuß findet keinen Halt und rutscht in den zum Abrollen gedachten Leerraum. Dadurch werden die Zehen bei jedem Schritt genauso gestaucht als sei der Schuh zu klein, heißt es im Deutschen Fußreport.

 

Ein weiteres Ergebnis: Die durchschnittliche Fußlänge der Deutschen ist trotz steigendem Körpergewicht konstant geblieben. Die Männer treten am häufigsten in Größe 42 auf, die Frauen in Größe 38 oder 39. Vergrößert haben sich jedoch Breite und Umfang der Füße. Und hier liegt die Crux: Um alle Füße mit der richtigen Weite versorgen zu können, wären für jede Größe etwa 17 Weiten erforderlich, errechnet der Fußreport. Doch im Handel gibt es lediglich vier. Zudem neigt der Kunde dazu, die zu enge Weite eines Schuhs durch eine höhere Größe zu kompensieren.

 

Besonders Diabetiker kaufen ihre Schuhe oft zu klein, um sie überhaupt zu spüren. Doch zu enge Schuhe, die reiben und scheuern, können gerade bei ihnen schwere Folgeprobleme nach sich ziehen. Das diabetische Fußsyndrom ist eine der Hauptkomplikationen bei Menschen mit langjährigem Diabetes. Doch dazu später mehr.

 

Weibliche Absatzsorgen

 

Viele Frauen haben im Alter Fußprobleme, die Männer so nicht kennen. Schuld sind Stöckel, Schlappen und Sandalen, die sie in früheren Jahren getragen haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine US-amerikanische Studie mit 3378 Frauen und Männern. Das Team um Alyssa B. Dufour von der Universität in Boston konnte für seine Framingham Foot Study auf Langzeitdaten von Probanden aus der bekannten Framingham-Herzstudie zurückgreifen, die 1948 startete und inzwischen mehrere Generationen umfasst.

 

Für die Fußstudie befragten die Forscher Probanden, die durchschnittlich 66 Jahre alt waren, von 2002 bis 2008 nach Schmerzen in den Füßen sowie den aktuellen und früheren Schuhgewohnheiten. Insgesamt gab einer von vier Teilnehmern an, an den meisten Tagen Schmerzen in den Füßen zu haben – bei den Frauen waren es 29 Prozent, bei den Männern 19 Prozent. Bei den Männern ergab sich kein Zusammenhang zwischen Schuhwerk und Fußschmerzen. Doch bei den Frauen reduzierte »gutes« Schuhwerk (Sportschuhe und Sneakers) die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen in der Ferse, im Fußknöchel und an der unteren Achillessehne um zwei Drittel. Zwei von drei Schmerzpatientinnen hatten im Leben überwiegend auf High Heels oder Pumps gestanden. Die Autoren der Studie raten den jungen Frauen, »sich ihre Schuhauswahl gut zu überlegen, wenn sie im Alter schmerzfreie Füße haben wollen«.




Apothekerin Monika Schübel hat sich mit ihren Kolleginnen auf das Thema Fußgesundheit spezialisiert.

Foto: Einhorn-Apotheke


Dr. Wieland Kinz, der im Auftrag verschie­dener Ministerien in Österreich zum Thema »Kinderfüße und Kinderschuhe« forscht (Kasten), geht noch einen Schritt weiter: »Wir vermuten außerdem, dass die Fehl­stel­lung das Bewegungsmuster verändert und langfristig zu Schäden an den Gelenken und der Wirbelsäule führen kann. Belastbare Daten dazu gibt es jedoch nicht.«

 

Nachvollziehbar ist der Zusammenhang: Beim Laufen auf hohen Schuhen lasten bis zu 80 Prozent des Körpergewichts auf den vorderen Fußballen. Auf die Dauer verkürzen sich Wadenmuskulatur und Achillessehne, Knie- und Hüftgelenke verschieben ihre Stellung. Zudem steht die Wirbelsäule im Hohlkreuz, die gesamte Körperstatik kommt aus dem Lot.

 

Füße mehr pflegen als Gesicht

 

Apothekerin Monika Schübel kann bestätigen, dass die Mehrheit der Deutschen ihre Gehwerkzeuge vernachlässigt. Mit ihren Kolleginnen der Einhorn-Apotheke in München hat sie sich auf das Thema Fußgesundheit spezialisiert. Es sei erstaunlich, wie schlecht die Vorkenntnisse der Kunden sind. Schübel: »Zum Fuß und seiner Pflege gibt es erhebliche Informationsdefizite. Man merkt zwar im Gespräch, wie stark manche Beschwerden die Kunden quälen, aber man redet nicht weiter darüber. Hätte man dagegen eine entzündete Gesichtshaut, wäre man sofort darauf bedacht, etwas dagegen zu tun. Das Gesicht ist einem viel mehr wert als die Füße. Dabei brauchen unsere Füße mehr Pflege als unser Gesicht!«


Kein guter (Ver-)Lauf

Die eigentliche Problematik beginnt im Kindesalter, legt eine Studie der Medizinischen Universität Wien dar. Ein österreichisches Forscherteam um Dr. Wieland Kinz sah sich dazu die Schuhe und Füße von 858 drei- bis sechsjährigen Kindern genauer an. Ihr Ergebnis: Rund 70 Prozent steckten in zu kurzen Straßenschuhen, bei Hausschuhen waren es gar 89 Prozent. Ähnlich ernüchternd verliefen Untersuchungen der Betriebskrankenkasse, die vor einigen Jahren an je rund 1000 Kindern in Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen erhoben wurden.

 

Dass unpassende Schuhe die Füße dauerhaft schädigen können, wurde lange vermutet. Die österreichische Studie hat erstmals einen direkten Zusammenhang nachgewiesen. Dazu überprüften Kinz und Kollegen die Winkelstellung der großen Zehe. Normalerweise stehen die Zehen von Kinderfüßen gespreizt. Doch bei drei Viertel der Kinder war die große Zehe unnatürlich gekrümmt, bei jedem siebten um mehr als 10 Grad. Je kürzer die Schuhe, desto gravierender die Schiefstellung der Großzehe. Ab einer Winkelkrümmung von 20 Grad spricht man vom Hallux valgus.

 

Laut Kinz ist der Schwarze Peter nicht den Eltern, sondern der Schuhindustrie zuzuschreiben. Bei fast allen geprüften Kinderschuhen wich die ausgezeichnete Schuhgröße von der tatsächlichen Innenlänge ab, und zwar unabhängig von Markenschuh oder Billigfabrikat. In nur 3 Prozent ist im Schuh drin, was außen draufsteht. Im Durchschnitt waren die Größen zwei Nummern zu klein angegeben.

 

Kinder können den Unterschied nicht erspüren. Ihre Füße sind weich und biegsam, und ihr Nervensystem ist noch nicht genügend ausgereift, um den Druck erkennen zu können. Auch die altbekannte »Daumenprobe« an der Schuhspitze ist für Kinder nicht geeignet, denn sie ziehen reflexartig die Zehen ein. Profis prüfen dagegen beidhändig. Sie legen die eine Hand auf den Vorfuß, spüren, ob die Zehen ausgestreckt sind und üben dann einen leichten Druck auf den Fuß aus. Mit dem Daumen der anderen Hand testen sie, ob die Schuhlänge ausreicht.


Denn das Gesicht ist in der Regel gut mit Talg- und Schweißdrüsen versorgt. An den Füßen wird dagegen weit weniger Talg abgesondert. Und was die Schweißdrüsen betrifft, nimmt deren Funktion beispielsweise mit beginnendem Diabetes ab, sodass der Haut weniger Feuchthaltefaktoren aus dem Schweiß zur Verfügung stehen.

 

Fußgesundheit ist nicht nur ein Thema für die Zielgruppe 60 plus. Die 20-jährige Frau, die meist auf hochhackigen Schuhen kommt, wird von Schübels Team ebenso für die Problematik sensibilisiert wie der 16-jährige Teenager, der durch seine Vorliebe für Turnschuhe laufend Fußpilz hat, oder die junge Mutter, die für ihren Nachwuchs das geeignete Schuhwerk sucht. Schübel: »In unsere Beratung fließt immer mit ein, dass hinter Hautproblemen am Fuß ernste Erkrankungen oder Fußfehlstellungen stecken können.« Auch der Kunde, dem eine Hüftoperation bevorsteht, dürfte für den Tipp dankbar sein, sich für die Zeit nach dem Eingriff um eine Fußpflege umzuschauen. Gleiches gilt für den Rheumakranken, der sich nur noch schlecht bücken kann.




Selbst aus kleinen Läsionen kann ein diabetisches Fußsyndrom entstehen; hier ein offener Ulcus am Sprunggelenk

Foto: PZ-Archiv


Doch neben der direkten Ansprache des Kunden sind es gezielte Aktionen, die die Apotheke als Fuß-Spezialistin positionieren. So startet die Einhorn-Apotheke alle sechs Wochen eine neue Aktion mit passender Schaufensterdekoration. Beim letzten Sommerfest der Wohnsiedlung war die Apotheke mit einem Barfußpark vertreten, die Kleinsten wurden mit einem Fußquiz ans Thema herangeführt. Demnächst plant Schübel spezielle Fußgymnastikkurse, in denen etwa Senioren angeleitet werden, im Sitzen die Muskulatur der sensiblen Lastenträger zu trainieren.

 

Auch von einer Spezialaktion erhofft sich die Apothekerin Aufmerksamkeit. »Geplant ist ein Tag, an dem ein Orthopädie-Schuhmacher zu uns in die Apotheke kommt und die mitgebrachten Schuhe der Patienten gegen einen geringen Obolus begutachtet.«

 

Vom Fußproblem zum Problemfuß

 

Eine Patientengruppe, bei der ungeeignetes Schuhwerk und nachlässige Fußpflege dramatische Folgen haben können, sind Menschen mit Diabetes mellitus. Doch vielen ist die Problematik des diabetischen Fußsyndroms (DFS) gar nicht bewusst. Das beweist eine aktuelle Befragung von 3375 Diabetikern aus 376 Arzt- und Facharztpraxen. Sieben von zehn wussten nicht, dass Diabetikerfüße schneller Läsionen erleiden als gesunde. 42 Prozent pflegen ihre Füße nur selten oder sporadisch. Ebenso wenige suchen regelmäßig zur Vorsorge einen Podologen auf, und knapp ein Drittel geht überhaupt nicht oder nur selten zum Fußpfleger. Wenn Diabetiker ihre Fußpflege allerdings ernst nehmen, dann auf Empfehlung ihres Arztes oder Apothekers, so die Untersuchung.

 

Nichtwissen, gepaart mit mangelnder Aufklärung und Prävention, ist vermutlich der Grund, warum das DFS immer noch eine der Hauptkomplikationen bei Menschen mit langjährigem Diabetes ist (siehe dazu Diabetisches Fußsyndrom: Erkennen, behandeln und vermeiden, PZ 03/2007). Das Risiko steigt, je länger der Diabetes besteht und je schlechter der Blutzucker langfristig eingestellt ist.

 

Laut Schätzungen lebt etwa ein Viertel aller Diabetiker in Deutschland mit diesem Fußproblem. 42 000 Amputationen werden pro Jahr bei Diabetikern vorgenommen. Damit ist das Ziel, das führende Diabetologen vor 20 Jahren in der St.-Vincent-Deklaration festgeschrieben haben, nicht im Ansatz erreicht. Die Zahl der Bein- und Fußamputationen ist unverändert hoch; durch die gestiegene Zahl an Diabetikern ist die Zahl der unmittelbar Betroffenen sogar eher gestiegen als gesunken. Dennoch hat sich in den letzten Jahren bei der Versorgung viel verbessert.

 

Auslöser des DFS sind vorwiegend Polyneuropathien, die durch langfristig erhöhte Blutzuckerwerte entstehen. Nur zu einem kleineren Teil ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) der Grund. Dabei wird wegen der Arteriosklerose die Blutversorgung in den großen Arterien und damit in den unteren Extremitäten behindert oder gar unterbrochen. Die mangelnde Durchblutung stört die Wundheilung erheblich. Der ischämische Fuß ist oft kalt, ohne tastbare Pulse und eventuell mit schmerzhaften Nekrosen belegt.

 

Die typischen Symptome einer pAVK (Schmerzen unter Belastung oder in Ruhe, eingeschränkte Mobilität, verkürzte Gehstrecke) sind beim Diabetespatienten oft demaskiert. Denn die Nervenschädigung beeinträchtigt die Schmerzwahrnehmung. Zum Nachweis einer pAVK ist deshalb die regelmäßige, also mindestens einmal jährliche Untersuchung der Extremitätenge­fäße mittels einer Dopplersonografie anzuraten.

 

Schrunden und Wunden

 

Bei einer Erkrankung der sensorischen Nervenfasern (sensible Neuropathie) haben diese an Empfindlichkeit eingebüßt und melden Berührungen, Druck, Temperatur, Vibration oder Schmerzen nur noch eingeschränkt an das Gehirn. So kann ein zu heißes Fußbad unbemerkt zu Verbrühungen führen. Ein zu kleiner Schuh wird als angenehm empfunden. Weil sie nicht schmerzen, werden Druckstellen, kleine Wunden oder Blasen nicht wahrgenommen. Und diese können sich schnell zu größeren, schlecht heilenden, infizierten Wundherden auswachsen. Daneben kommt es zu Parästhesien wie Kribbeln und Ameisenlaufen, aber auch zu elektrisierenden, stechenden und brennenden Schmerzen, vor allem in Ruhe oder nachts.




Scheren und Feilen sind für Diabetikerfüße tabu; viel schonender entfernt ein Bimsstein überschüssige Hornhaut.

Foto: AOK


Relativ neu ist die Erkenntnis, dass bereits prädiabetische Zustände wie gestörte Nüchternglukose und gestörte Glucosetoleranz mit einer erhöhten Rate an schmerzhaften Neuropathien assoziiert sind. Das ergab 2009 eine Untersuchung, die das Institut für Klinische Diabetologie der Universitätsklinik Düsseldorf leitete. Von 195 Patienten mit manifestem Diabetes entwickelten rund 13 Prozent eine schmerzhafte Polyneuropathie in den unteren Ex­tremitäten. Bei den Studienteilnehmern mit Glucoseintoleranz gaben knapp 9 Prozent neuropathische Schmerzen an. Bei Stoffwechselgesunden lag die Rate bei 1,2 Prozent.

 

Das bedeutet für die Praxis: Auch Personen, bei denen noch kein Diabetes bekannt ist, können eine schmerzhafte Polyneuropathie entwickeln. Deshalb empfiehlt sich ein oraler Glucosetoleranztest, wenn Menschen über Schmerzen in den Beinen und Füßen klagen. Werden dann erhöhte Nüchternglucosewerte oder eine Glucoseintoleranz nachgewiesen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese für die neuropathischen Schmerzen verantwortlich zeichnen.

 

Auch Schübel kann aus Erfahrung berichten: »Wir haben schon den einen oder anderen Betroffenen wegen seiner massiven Hornhautbildung an den Füßen herausgefischt und ihm nahegelegt, beim Hausarzt seine Blutzuckerwerte untersuchen zu lassen. Die Symptomatik tritt eben schon im Stadium eines Prädiabetes auf.«

 

Die sensorisch-sensible Form der Neuropathie ist nach Expertenmeinung die schwerwiegendste, denn dadurch verändere sich die »anthropologische Matrix« des Menschen. Will heißen: Durch das fehlende Schmerzempfinden nimmt der Betroffene seinen Fuß nicht mehr als wichtigen Teil von sich selbst wahr. Er sieht zwar die bestehende Läsion, zieht daraus aber keine Schlüsse. Das ist vermutlich auch der Grund, warum viele Diabetiker ihre Füße vernachlässigen und ärztliche Therapiemaßnahmen nicht als Hilfe empfinden. Denn subjektiv spüren sie keine Besserung.

 

Von den Schäden sind auch die autonomen Nerven betroffen (autonome Neuropathie). Weil die Haut vermehrt durchblutet (falls keine Durchblutungsstörung vorliegt) ist, fühlen sich die Füße warm und trocken an und haben eine rötliche Farbe. Die Schweißsekretion ist beeinträchtigt; die Schweißdrüsen arbeiten nur noch reduziert oder haben ihre Tätigkeit eingestellt. Unterm Strich überwärmt der Fuß, und die Haut neigt zur Austrocknung, wird rau, spröde und rissig. Der schützende Hydrolipidfilm ist nicht mehr intakt, der transepidermale Wasserverlust steigt und damit das Risiko für Einrisse und Fissuren. Damit sind Pilzen und Bakterien die Türen geöffnet (siehe Kasten).


Oft verwechselt: Fußpilz und trockene Füße

Diabetiker sind für Fuß- und Nagelpilz besonders anfällig. Bei bis zu 70 Prozent sollen sich die auslösenden Dermatophyten an die Fersen geheftet haben, besagen manche Literaturstellen. Fatal ist, dass gerade Diabetiker eine Pilzinfektion nicht oder erst spät entdecken. Durch die Neuropathie spüren sie das vorrangige Symptom Juckreiz oft nicht. Und auch Rötungen treten häufig nicht auf. Die auffallend verdickte Hornschicht und eine starke Abschuppung an den Füßen deuten viele Patienten zunächst als Anzeichen einer trockenen Haut – die in der Tat viele Diabetiker haben. Unbehandelt breiten sich die Dermatophyten rasch von der Haut zu den Nägeln aus. Eine Nagelpilzerkrankung zu behandeln, ist langwierig, zumal Nägel desto langsamer wachsen, je älter ein Mensch ist.

 

Erst der Pilz, dann die Bakterien: Pilzinfektionen sind Wegbereiter für bakterielle Infektionen und erhöhen damit das Risiko für ein diabetisches Fußsyndrom. So ist etwa eine Tinea pedis ein signifikanter Risikofaktor für eine Wundrose, beweist eine multizentrische prospektive Fall-Kontroll-Studie mit 243 Wundrose-Patienten und 467 Kontrollpersonen.

 

Konsequenz für die Praxis: Wer trockene und rissige Haut vermeidet, betreibt Fußpilzprophylaxe und stoppt die Entwicklung eines diabetischen Fußsyndroms.


Oft besteht gleichzeitig eine motorische Neuropathie, bei der die Nerven, die die Muskulatur innervieren, degeneriert sind. Das stört das Zusammenspiel der Fuß- und Unterschenkelmuskeln. Das Gangbild verändert sich. Zehen oder der ganze Fuß verkrümmen, Krallen- und Klauenzehen, Hornhaut und schmerzhafte Schwielen entstehen. Da Schwielen den Druck auf das darunterliegende Weichteilgewebe erhöhen, können sie bei andauernder Druckbelastung unterbluten. Der Bluterguss unter der Hornhaut kann sich infizieren und zu einer größeren Wunde werden.

 

Tun und lassen

 

Die gute Nachricht: Schon durch richtiges Verhalten und richtige Pflege kann man dem diabetischen Fußsyndrom vorbeugen. Je trockener und rissiger die Haut ist, desto häufiger müssen die Füße eingecremt werden (nicht zwischen den Zehen), wenn nötig mehrmals täglich. Eine optimale Fußpflege verbessert das Wasserbindungsvermögen der Haut und reduziert übermäßigen Wasserverlust. Am besten geeignet sind lipidreiche Fußpflegepräparate mit einem Zusatz an feuchtigkeitsbindenden Substanzen. Der Lipidanteil sollte mindestens 20 Prozent betragen (Beispiele Gehwol® med Lipidro Creme, Allpresan® sensitive 3 Schaum-Creme). Die wässrige Phase sollte nicht höher konzentriert sein, da über eine verstärkte Wasserverdunstung der ohnehin erhöhte transdermale Wasserverlust die trockene Haut noch trockener machen würde (»Dochteffekt«).

 

Eine hydrophile Grundlage (O/W-Emulsion oder Schäume) erhöht die Penetra­tionsfähigkeit der Inhaltsstoffe. Überdies lässt sie sich gut verteilen. Dies ist kein unbedeutender Vorteil, denn vielen Diabetikern fällt das Einmassieren der Füße aufgrund eingeschränkter Beweglichkeit schwer. Eingearbeitete Hydrokomplexe, bestehend aus Harnstoff, Glycerin oder Algenextrakten, halten Feuchtigkeit in der Haut und erweichen so die Hornhaut. Zusammen mit einem Präparate-abhängigen Lipidmix sorgen sie für eine ausgeglichene Hydrolipid-Barriere. Die Hautfeuchtigkeit verbessert sich bereits nach der ersten Anwendung; der Effekt hält über 24 Stunden an. Die regelmäßige Anwendung scheint die übermäßige Hornhautbildung einzudämmen, zeigen Untersuchungen. Bei den getesteten Diabetikern nahm die Hornschichtdicke nach zwei Wochen um 17, nach vier Wochen um 36 Prozent ab.

 

An der Vermutung, dass lipidreiche Cremes die Poren verstopfen oder die Haut versiegeln könnten, ist nichts dran. Natürliche Hautfunktionen wie Hautatmung, Transpirationsfähigkeit und Wärmeregu­lation werden durch fettreiche, zudem penetra­tionsfähige Dermatika nicht beeinträchtigt.




Die sensiblen Lastenträger brauchen viel Zuwendung und gute Pflege.

Foto: KNA


Nicht verwendet werden sollten Babyöl, Zinkpasten, Puder oder reine Fettcremes. Auch Hühneraugenpräparate sind für Diabetiker nicht geeignet, da sie meist ätzende Subs­tanzen enthalten. Hellhörig werden sollte der Apotheker auch, wenn ein Diabetiker eine Hydrocortison-Creme für ein Fußmalheur oder gerbende Zusätze für sein Fußbad verlangt. Solche Dermatika trocknen die angegriffene Haut weiter aus.

 

Apotheke im Netzwerk

 

Schübel sieht ihre Apotheke besonders für Diabetiker als Mittelpunkt eines Netzwerks, das verschiedene Berufs­grup­pen zusammenbringt. Sie selbst hat die Zusatzaus­bildung eines Präventionsmanagers erlangt. Diese Wei­terbildung wird vom Wissenschaftlichen Institut für Präven­tion im Gesundheitswesen (WIPIG) der Bayerischen Landesapothekerkammer angeboten. »Wir stellen für unsere Kunden den Kontakt zu Fußpflegern her oder vermitteln für Diabetiker den nächstgelegenen Podologen. Bei einer offensichtlichen Fußfehlstellung verweisen wir auf einen Orthopäden.«

 

Geeignete Ärzte und Podologen in der Nähe, die die Qualitätsanforderungen der Deutschen Diabetes-Ge­sellschaft erfüllen, findet man unter www.ag-fuss-ddg.de (»anerkannte Einrichtungen«). Schübel betont: »Wir wollen nicht in Konkurrenz zu anderen Berufen auftreten, sondern suchen die Kommunikation zum Wohle des Patienten.«

 

Sowohl in der Nationalen Versorgungsleitlinie Diabetes als auch im Diabetes Management Programm ist vorgesehen, dass die lückenlose und umfassende Betreuung von Diabetikerfüßen zunächst dem Hausarzt obliegt. Bei Problemen ist an den Diabetologen zu überweisen. »Vor diesem Hintergrund waren die meisten Hausärzte froh, dass wir dabei unsere Unterstützung anbieten und dem diabetischen Fuß Aufmerksamkeit schenken, damit es erst gar nicht so weit kommt.«


Profi-Pflege verhindert diabetisches Fußsyndrom

Füße täglich auf Verletzungen, Risse und Blasen inspizieren (am besten mit Spiegel)
auch bei kleinsten Läsionen den Diabetologen aufsuchen
Füße regelmäßig mit lipid- und harnstoffhaltigen Cremes oder Schäumen einmassieren, um trockene Haut mit übermäßiger Hornhaut, Rissen und Schrunden sowie Fußpilz zu vermeiden
kurze lauwarme Fußbäder (3 bis 5 Minuten bei etwa 37 °C) zur Vorbereitung auf die Pflege; keine austrocknenden gerbenden Zusätze
beim Abtrocknen die Zehenzwischenräume nicht vergessen, um Fußpilz zu vermeiden
Hornhautentfernung und Nägelkürzen nur mit stumpfen Werkzeugen wie Feile oder Bimsstein; kein Nagelknipser, Hornhautzange, -hobel mit Rasierklinge, keine Nagelschere
nicht barfuß laufen (auch nicht in der eigenen Wohnung), um Verletzungen und Infektionen zu vermeiden
keine Wärmflasche und Heizkissen; besser weiche Wollsocken anziehen
Socken und Strümpfe aus Naturfasern ohne störende Nähte wählen und täglich wechseln
auf gut sitzendes, nicht drückendes Schuhwerk ohne tastbare Innennähte achten, um Druckstellen zu vermeiden. Ein orthopädischer Schuhmacher fertigt individuell auf Rezept.
Obermaterial und Innensohle des Schuhs aus schweißaufsaugendem Leder, um feuchtwarmes Klima zu vermeiden.
Schuhe jeden Tag auf Fremdkörper und Unebenheiten untersuchen
jährliche Vorstellung beim Hausarzt und Diabetologen zur Fußuntersuchung (im Gesundheitspass Diabetes vorgesehen)
normnahe Einstellung der Blutzuckerwerte mit einem HbA1c unter 7 Prozent
für Patienten mit pAVK: aktives Gehtraining verbessert die Laufleistung und die Durchblutung
bei Neuropathie: Fußpflege beim Podologen
Zeh- und Fußdeformationen von einem Orthopäden behandeln lassen

Der diabetesversierte Hausarzt beziehungsweise der Diabetologe sollte bei Diabetikern, die noch keine Fußproblematik aufweisen, einmal jährlich die Füße inspizieren. In Münchens Einhorn-Apotheke werden die Diabetiker engmaschiger erfasst. »Bei den Kunden, bei denen wir das Gefühl haben, dass sie gar nicht geschult sind, haken wir halb- bis vierteljährlich nach. Bei Patienten, die die Problematik gut verstehen und viel für ihre Krankheit tun, reicht einmal jährlich.«

 

Druck macht Beine

 

Während Schübels Team auf sich allein gestellt ist, ist die Linner-Apotheke in Krefeld in ein gut funktionierendes und strukturiertes Fußnetzwerk eingebunden. Das Gefüge »Krefeld gegen Diabetes« besteht seit zehn Jahren und vereint Ärzte aus der Klinik, dem niedergelassenen Bereich und aus Schwerpunktpraxen, niedergelassene Podologen und 28 Apotheken, die sich auf das Thema Diabetes spezialisiert haben.

 

»Die Krefelder Aktion hat sich auf einem Patiententag entwickelt, wo sich die Patienten massiv darüber beschwert haben, dass die Versorgung und Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern in der Betreuung von Diabetikern völlig unzureichend wäre«, erzählt der Eigentümer der Linner-Apotheke, Manfred Krüger, der Pharmazeutischen Zeitung. Daraufhin hätten sich Ärzte und Apotheker zusammengesetzt.

 

Als hilfreich bezeichnet Krüger den Umstand, dass damals sowohl die Apothekerkammer als auch die Ärztekammer Nordrhein Qualitätszirkel eingerichtet hatten. Dort wurde die Arbeit koordiniert. Bis heute wird jährlich mindestens ein Qualitätszirkel für die beteiligten Berufsgruppen veranstaltet, ebenso gemeinsame Fortbildungen, bei denen Ärzte vor Apothekern vortragen und umgekehrt. Krüger: »In den Qualitätszirkeln wurde zum Beispiel genau festgehalten, wann ein Apotheker einen Patienten mit Haut- oder Nagelpilz zum Arzt verweisen muss und wann noch Selbstmedikation möglich ist.«

 

In diesem Zusammenhang verweist Krüger auf die »Kommission zur Einbindung der Apotheker in die Versorgung von Menschen mit Diabetes« (EADV) der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), deren Mitglied er ist. Die EADV hat ein Curriculum zur Weiterbildung von Apothekern und PTA erstellt. Diese spezielle Zusatzausbildung haben derzeit etwa 5000 Apotheker in Deutschland absolviert. Eine gesonderte Schulung widmet sich dem diabetischen Fußsyndrom. Ziel ist es, möglichst viele gefährdete Patienten zu erkennen.

 

Krüger weiß, dass die von der EADV angestoßenen Aktivitäten heute noch kon­trovers diskutiert werden. Doch das Krefelder Projekt beweist, dass die Zusammenarbeit funktionieren kann. Krüger macht ganz wesentlich »die guten persönlichen Verbindungen« zur Ärzteseite dafür verantwortlich, dass das Netzwerk in seiner Region durch »einen Kraftakt« zum Vorzeigeprojekt avanciert ist.

 

Prävention beginnt in Apotheke

 

Auch in puncto Dokumentation hat das Krefelder Netzwerk einiges vorzuweisen. Aktionen zur Prävention sind dokumentiert (www.diabetes-apokrefeld.de) und publiziert. Dennoch: »Wir sind noch weit davon entfernt, unser Engagement in Sachen Füße zu einer bekannten und auch genutzten pharmazeutischen Dienstleistung in Apotheken zu machen. Mittlerweile wissen die Patienten in Krefeld zwar, dass sie sich mit ihrem Problem an die zertifizierten Apotheken wenden können. Aber diese Art von Information, Netzwerkarbeit und integrierter Versorgung innerhalb einer ganzen Stadt ist die Ausnahme und sonst eher das Engagement einzelner Apotheken.«

 

In der Tat sind die bestehenden Fußnetzwerke derzeit in Kliniken angesiedelt, wo sich ein Team aus Orthopäden, Gefäß-, Neuro- und Plastischen Chirurgen, Diabetologen und Podologen mit der Verhinderung einer drohenden Amputation befasst. »Hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt und Tertiärprävention betrieben. Wir brauchen jedoch eine Primärpräven­tion! Und dafür sind Apotheken prädestiniert«, appelliert Schübel. /

 

Literatur bei der Verfasserin


Elke Wolf studierte Pharmazie in Frankfurt am Main. Die Approbation als Apothekerin erfolgte 1995 im Anschluss an das praktische Jahr in einer öffentlichen Apotheke und in der pharmazeutischen Industrie bei der damaligen Sandoz AG in Nürnberg. Nach einem Praktikum und einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung schreibt sie seit mehr als zehn Jahren als freie Journalistin für Fach- und Publikumsmedien sowie für die Industrie. Die PZ-Leser kennen sie seither als Autorin zahlreicher spannender Titelbeiträge.

 

Elke Wolf

Traminer Straße 13

63322 Rödermark

pr-ewolf@t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2011

 

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