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Neu auf dem Markt: Asenapin, Bazedoxifen, Bilastin, Conestat alfa und Vernakalant

PHARMAZIE

 
Neu auf dem Markt

Asenapin, Bazedoxifen, Bilastin, Conestat alfa und Vernakalant


Von Brigitte M. Gensthaler und Sven Siebenand / Gegen Ende des Jahres kamen mit Asenapin, Bazedoxifen, Bilastin, Conestat alfa und Vernakalant fünf neue Arzneistoffe auf den Markt. Big Five oder fünftes Rad am Wagen?

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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Dieser Ausspruch beschreibt im Grunde nur die Extreme bei bipolaren Störungen, die man früher vor allem als manisch-depressive Erkrankungen bezeichnete.




Gib mir fünf: Zum Jahresende kamen nochmal fünf neue Arzneistoffe auf den Markt. Insgesamt waren es im Jahr 2010 damit 21 neue Substanzen.

Foto: Fotolia/Janet Heeß


Laut Deutscher Gesellschaft für bipolare Störun­gen ist die Erkrankung bei der Mehrzahl der Patienten eher charakterisiert durch sich oft lang hinziehende Depressionen oder eine beständige Unausgeglichenheit der Stimmungslage, die sich nicht immer in klare Episoden abgrenzen lässt. Schätzungen zufolge erkrankt etwa 1 Prozent der Bevölkerung im Lauf des Lebens an einer bipolaren Störung.

 

Asenapin

 

Mitte Dezember 2010 kam mit Asenapin (Sy­crest® 5 und 10 mg Sublingualtabletten, MSD) eine weitere Therapieoption für bipolare Störun­gen auf den Markt. Zugelassen ist das neue Neuroleptikum zur Behandlung mäßiger bis schwerer manischer Episoden einer Bipolar-I-Störung bei Erwachsenen.

 

Als Monotherapie nehmen Patienten zu Beginn zweimal täglich 10 mg ein. Davon sollte eine Gabe morgens, die andere abends erfolgen. Für eine Kombinationstherapie wird eine Anfangsdosis von zweimal täglich 5 mg empfohlen. Im Bedarfsfall kann der Arzt die Dosis auf zweimal täglich 10 mg erhöhen. Die Sublingualtabletten dürfen erst direkt vor der Einnahme dem Blister entnommen werden. Der Patient ist darauf hinzuweisen, die Tablette mit trockenen Händen anzufassen, um sie dann unter die Zunge zu legen, bis sie sich vollständig aufgelöst hat. Die Tabletten dürfen nicht gekaut oder geschluckt werden.




Asenapin

Die Bioverfügbarkeit von Asenapin nach peroraler Applikation ist kleiner als 2 Prozent, während sie bei der Sublingualtabletten etwa 35 Prozent beträgt. Um eine optimale Resorption durch die Mundschleimhaut zu gewährleisten, sollte der Patient darauf hingewiesen werden, dass er nach der Gabe zehn Minuten weder essen noch trinken darf. Müssen mehrere Medikamente eingenommen werden, so sollte die Einnahme der Asenapin-Tablette ganz am Schluss erfolgen.

 

Asenapin zählt zu den atypischen Neuroleptika, weist einen benzokondensierten heterozyklischen Siebenring mit struktureller Verwandtschaft zu Quetiapin und Olanzapin auf. Der Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass vor allem die antagonistischen Aktivitäten an D2- und Serotonin- (5-HT)2A-Rezeptoren für die Wirksamkeit eine entscheidende Rolle spielen. Zudem tragen möglicherweise auch Aktivitäten an anderen Rezeptoren, etwa den Serotonin-Rezeptorsubtypen 1A, 1B, 2C, 6, 7 sowie dopaminergen D3- und α2-adrenergen Rezeptoren, zur Wirkung bei.




Stickstoff: dunkelblau; Sauerstoff: rot; Wasserstoff: hellblau; Chlor: magenta; Grafiken: Wurglics, Frankfurt am Main


In zwei dreiwöchigen randomisierten Doppelblindstudien mit insgesamt fast 1000 erwachsenen Patienten wurde Asenapin mit dem Neuroleptikum Olanzapin und Placebo verglichen. Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Veränderung auf der Manie-Einschätzungsskala nach Young (Y-MRS, Young Mania Rating Scale) am Studienende. Dabei bewerten die Patienten die Schwere von Symptomen manischer Episoden auf einer Skala von 0 bis 60. In diesen beiden Kurzzeitstudien verringerte sich der Y-MRS-Wert nach drei Wochen um 11,5 beziehungsweise 10,8 Punkte unter Asenapin versus 14,6 beziehungsweise 12,6 Punkte unter Olanzapin versus 7,8 und 5,5 Punkte unter Placebo. Schon am zweiten Tag wurde ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Verum und Placebo beobachtet. Die Patienten dieser beiden Studien wurden in einer Verlängerungsstudie über weitere neun Wochen untersucht. Dabei konnte die Aufrechterhaltung der Wirkung während zwölf Wochen gezeigt werden.

 

Bei einer zwölfwöchigen Add-on-Studie erhielten 326 Patienten, die bereits mit Lithium oder Valproinsäure behandelt wurden, zusätzlich entweder Asenapin oder ein Placebo. Auch hier war die Veränderung des Y-MRS-Werts Hauptindikator für die Wirksamkeit. Nach drei Wochen hatte sich dieser unter Asenapin um 10,3 Punkte (versus 7,9 Punkte unter Placebo) reduziert, nach zwölf Wochen um 12,7 (versus 9,3 Punkte unter Placebo).

 

Asenapin wurde auch bei Schizophrenie-Patienten untersucht, jedoch konnten die Studien keine ausreichende Wirksamkeit bei dieser Krankheit nachweisen.

 

Die am häufigsten unter Asenapin berichteten Nebenwirkungen sind Somnolenz und Angst. Diese traten sehr häufig auf. Gewichtszunahme, Appetitsteigerung, Geschmacksstörung und Schwindelgefühle zählten ebenfalls zu den häufigen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. In der Fachinformation sind einige Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung benannt. So sollte der Arzneistoff bei Epileptikern nur mit Vorsicht angewendet werden. Wegen der Gefahr einer orthostatischen Hypotonie gilt dies auch für Ältere und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (zum Beispiel Herzinsuffizienz, Herzinfarkt oder Erregungsleitungsstörungen).

 

Aufgrund der Wirkung von Asenapin auf das zentrale Nervensystem ist bei der gleichzeitigen Anwendung von anderen zentral wirksamen Arzneimitteln Vorsicht geboten. Alkohol sollte vermieden werden. Ferner ist es möglich, dass Asenapin aufgrund seiner antagonistischen Wirkung am Alpha-1-Rezeptor die Wirkungen bestimmter Antihypertonika verstärkt, die Wirkung von Levodopa und Dopamin-Agonisten kann das Neuroleptikum dagegen antagonisieren.

 

Vorläufige Bewertung: Scheininnova­tion (Analogpräparat)

 

Bazedoxifen

 

Seit dem 15. Dezember 2010 ist mit Bazedoxifen (Conbriza® 20 mg Filmtabletten, Pfizer) ein neuer Wirkstoff zur Behandlung der postmenopausalen Osteoporose erhältlich. Indiziert ist er bei Frauen mit erhöhtem Frakturrisiko. Gezeigt wurde eine signifikante Verringerung der Inzidenz von Wirbelkörperfrakturen, die Wirksamkeit gegen Hüftfrakturen wurde dagegen nicht nachgewiesen.




Bazedoxifen

Die empfohlene Dosis beträgt einmal täglich 20 mg. Die Patientinnen können die Tablette zu einer beliebigen Tageszeit und zu einer Mahlzeit oder unabhängig schlucken. Sofern die Versorgung über die Nahrung nicht ausreichend ist, wird in der Fachinformation eine Nahrungsergänzung mit Calcium und/oder Vitamin D empfohlen.

 

Frauen nach der Menopause haben ein erhöhtes Osteoporose-Risiko, weil der Estrogen-Spiegel sinkt. Bazedoxifen gehört wie Raloxifen und Tamoxifen zur Gruppe der selektiven Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERM). Auf Brust und Gebärmutter wirkt Bazedoxifen primär wie ein Estrogen-Antagonist, auf Knochen wie ein Agonist. So vermindert es die Knochenresorption und senkt die Spiegel biochemischer Marker des Knochenumbaus auf das prämenopausale Niveau. Diese Wirkungen erhöhen die Knochendichte, was wiederum mit einem verminderten Frakturrisiko einhergehen sollte.

 

In einer Therapiestudie wurde Bazedoxifen an fast 7500 postmenopausalen Frauen mit Osteoporose mit Raloxifen und Placebo verglichen. Alle Frauen nahmen zusätzlich Calcium beziehungsweise Vitamin D ein. Der Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Anzahl neuer Wirbelfrakturen innerhalb von drei Jahren. Es zeigte sich, dass die Inzidenz neuer Wirbelkörperfrakturen mit 20 mg Bazedoxifen und 60 mg Raloxifen im Vergleich zu Placebo signifikant vermindert war. So hatten 2 Prozent der Patientinnen unter Bazedoxifen neue Frakturen erlitten, während es unter Placebo 4 Prozent waren.




Stickstoff: dunkelblau; Sauerstoff: rot; Wasserstoff: hellblau


Die Inzidenz von osteoporosebedingten nicht-vertebralen Frakturen war in den drei Behandlungsgruppen ähnlich (Bazedoxifen: 5,7 Prozent, Raloxifen: 5,9 Prozent, Placebo: 6,3 Prozent).

 

Auch in einer zweijährigen Präventionsstudie mit mehr als 1500 postmenopausalen Frauen mit einem Osteoporoserisiko wurde Bazedoxifen mit Raloxifen und Placebo verglichen. Die Frauen erhielten zusätzlich Calcium. Der Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Veränderung der Knochendichte in der Wirbelsäule nach zwei Jahren. Es zeigte sich, dass sich die durchschnittliche Knochendichte bei den Frauen in den Verumgruppen kaum verändert hatte, bei den Frauen, die Placebo erhalten hatten, war sie jedoch um mehr als 1 Prozent verringert. In beiden Studien war die Wirkung von Bazedoxifen mit der von Raloxifen vergleichbar.

 

Die in Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen des neuen SERM waren Hitzewallungen und Muskelkrämpfe. Diese traten sehr häufig auf. Häufig kam es zum Beispiel zu Mundtrockenheit, Urtikaria, Ödemen und Schläfrigkeit. Kontraindiziert ist Bazedoxifen bei Frauen mit nicht abgeklärten Uterusblutungen und bei Anzeichen oder Symptomen eines Endometriumkarzinoms. Ferner ist der Wirkstoff nur bei Frauen nach der Menopause zugelassen, er darf nicht bei gebärfähigen Frauen zum Einsatz kommen. Gleiches gilt auch für Frauen mit bestehenden oder früheren venösen thromboembolischen Erkrankungen, einschließlich tiefe Venenthrombosen, Lungenembolie oder Retina-Venenthrombose. In der Fachinformation sind Risikofaktoren genannt, die in klinischen Studien mit einer venösen Thromboembolie assoziiert waren: fortgeschrittenes Alter, Adipositas, Immobilisierung, Operation, schweres Trauma und maligne Erkrankungen.

 

Das erklärt, weshalb dazu geraten wird, das Arzneimittel vor und während längerer Immobilisierung, etwa nach einer Operation oder bei längerer Bettruhe, abzusetzen und die Behandlung erst nach vollständiger Wiederherstellung der Mobilität wieder aufzunehmen. Bei Patientinnen mit schweren Nierenproblemen sollte der Arzt Bazedoxifen nur mit Vorsicht einsetzen, bei Leberproblemen gar nicht.

 

vorläufige Bewertung: Scheininnova­tion (Analogpräparat)

 

Bilastin

 

Mit Bilastin (Bitosen® 20 mg Tablette, Berlin-Chemie/Menarini) kam Mitte Dezember 2010 ein neues H1-Antihistaminikum auf den deutschen Markt. Es ist zugelassen zur symptomatischen Behandlung der saisonalen und ganzjährigen allergischen Rhinokonjunktivitis und der Urtikaria.




Bilastin

Die Patienten nehmen einmal täglich eine Tablette vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit oder einem Fruchtsaftgetränk ein. Bei älteren Menschen oder Patienten mit Niereninsuffizienz ist keine Dosisanpassung nötig. Die Einnahme muss nüchtern erfolgen, da Nahrungsmittel die perorale Bioverfügbarkeit signifikant reduzieren. Dies beruht nicht auf einer Interaktion mit Cytochrom-Enzymen, sondern mit dem Transporterprotein OATP1A2, das organische Anionen in die Zelle schleust. Arzneistoffe, die ein Substrat für p-Glykoprotein sind, zum Beispiel Ketoconazol oder Erythromycin, erhöhen die AUC von Bilastin. Dieses wird nach peroraler Gabe rasch resorbiert und nahezu unverändert über Urin und Fäces ausgeschieden.

 

Der neue Wirkstoff gehört zur Gruppe der nicht sedierenden, lang wirksamen Antihistaminika. Er greift antagonistisch an peripheren H1-Rezeptoren, aber nicht an Muskarin-Rezeptoren an. Die Wirkung hält 24 Stunden an. In klinischen Studien trat Müdigkeit nicht häufiger auf als unter Placebo. Bilastin hatte keinen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit. Gleichwohl sollten die Patienten darauf hingewiesen werden, dass es in seltenen Fällen doch zu Schläfrigkeit, Ermüdung und Schwindel kommen kann, die die Fähigkeit zum Autofahren und zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigen.




Stickstoff: dunkelblau; Sauerstoff: rot; Wasserstoff: hellblau

In zwei randomisierten doppel­blinden 14-tägigen Studien mit Patienten, die an saisona­ler allergischer Rhinitis litten, wurde die einmal tägliche Gabe von Bilastin 20 mg mit der von 5 mg Desloratadin und von 10 mg Cetirizin gegenüber Placebo verglichen. In beiden Studien reduzierten die Antihistaminika die Symptome deutlich besser als Placebo; das neue Medika­ment war ebenso wirksam wie Desloratadin und Cetirizin.

 

Das Verträglichkeitsprofil war vergleichbar mit dem des Place­bos. Allerdings klagten unter Bilastin weniger Patienten über Müdigkeit und Fatigue als unter Cetirizin. In einer doppelblinden Studie mit 75 Allergikern, die experimentell Gräserpollen ausgesetzt wurden, war Bilastin ebenso wirksam wie 10 mg Cetirizin und 120 mg Fexofenadin, dessen Wirkung aber nicht so lange anhielt. In einer Studie mit 525 Patienten mit idiopathischer Urtikaria war Bilastin ebenso wirksam und verträglich wie 5 mg Levocetirizin; beide Wirkstoffe hemmten Juckreiz sowie Anzahl und Größe von Quaddeln besser als Placebo.

 

vorläufige Bewertung: Scheininnova­tion (Analogpräparat)

 

Conestat alfa

 

Mit Conestat alfa (Ruconest™ 2100 E Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, Pharming Group) kam Anfang Dezember 2010 ein weiteres Präparat zur Behandlung der Orphan Disease hereditäres Angioödem (HAE, siehe Kasten) auf den Markt. Icatibant (Firazyr®), das als Bradykinin-B2-Rezeptor-Inhibitor ebenfalls bei HAE zum Einsatz kommt, ist bereits seit 2008 verfügbar.


Hereditäres Angioödem

Diese vererbliche Form eines Angioödems ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Sie ist durch unvorhersehbare und wiederkehrende Schwellungen im Gesicht, an Händen und Füßen, im Kehlkopfbereich sowie Bauchraum gekennzeichnet. Bei schätzungsweise 10 000 Patienten in den USA und Europa ist das hereditäre Angioödem (HAE) bisher diagnostiziert. Die Prävalenz wird auf 1:50 000 bis 1:10 000 geschätzt, sodass in der EU und den USA insgesamt 15 000 bis 75 000 Menschen betroffen sein könnten. Während die Attacken an Händen, Füßen und im Gesicht entstellend sind, ist das Anschwellen der Darmwand mit äußerst starken Schmerzen verbunden. Lebensgefahr besteht bei Attacken im Rachen und Kehlkopf, da das Anschwellen der oberen Atemwege zum Ersticken führen kann. Mehr als die Hälfte aller HAE-Patienten erleidet im Laufe des Lebens ein solches Angioödem. Kommt der Patient erst spät zum Arzt, muss gegebenenfalls intubiert oder ein Luftröhrenschnitt durchgeführt werden.


Zugelassen ist Conestat alfa zur Behandlung von akuten Angioödem-Anfällen bei erwachsenen HAE-Patienten mit C1-Esterase-Inhibitormangel.

 

Conestat alfa ist das rekombinante Analogon des humanen C1-Esterase-Inhibitors (rhC1INH), der bisher aus menschlichem Blutplasma gewonnen wurde. Das Mittel darf ausschließlich durch medizinisches Fachpersonal intravenös appliziert werden. Die Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht (KG) des Patienten. Bis zu einem Körpergewicht von 84 kg sind 50 Einheiten pro kg KG empfohlen, schwerere Patienten erhalten 4200 Einheiten. Nach Festlegung der Dosis ist die erforderliche Menge dann als langsame intravenöse Injektion über etwa fünf Minuten zu verabreichen. Im Normalfall reicht eine Einzeldosis aus, um einen akuten Angioödem-Anfall zu behandeln. Bei unzureichendem klinischem Ansprechen ist eine zusätzliche Dosis (50 Einheiten/kg KG bis zu 4200 Einheiten) jedoch möglich. Der Patient sollte innerhalb von 24 Stunden nicht mehr als zwei Dosen injiziert bekommen. Da der Wirkstoff in der Milch transgener Kaninchen produziert wird, muss vor der erstmaligen Gabe sowie nach zehn Behandlungen beziehungsweise mindestens einmal jährlich getestet werden, ob die Patienten Antikörper gegen Kaninchenhautschuppen oder -fell in ihrem Blut aufweisen. Nur wenn das nicht der Fall ist, darf Conestat alfa zum Einsatz kommen.

 

Das Plasmaprotein C1INH ist der Hauptregulator der In-vivo-Aktivierung des Kontakt- und des Komplementsystems. HAE-Patienten haben einen heterozygot vererbten Mangel an C1INH. Deshalb können sie an einer unkontrollierten Aktivierung des Kontakt- und des Komplementsystems mit Bildung von Entzündungsmediatoren leiden, die sich klinisch in Form von akuten Angioödem-Anfällen manifestiert. Die Aminosäuresequenz von Conestat alfa ist identisch mit der des endogenen C1INH. Folglich lassen sich damit die Symptome des Patienten lindern, wenn das Mittel bei einem Anfall injiziert wird.

 

Conestat alfa wurde in zwei placebokontrollierten, randomisierten Doppelblindstudien mit insgesamt 70 HAE-Patienten, die einen C1-Esterase-Inhibitor-Mangel aufwiesen, untersucht. Trat ein Anfall auf, erhielten die Patienten entweder Conestat alfa oder eine Kochsalzlösung injiziert. Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Dauer bis zum Eintritt einer Besserung der Symptome. Die Verbesserung wurde durch die Patienten beurteilt, die den Schweregrad ihrer Symptome auf einer Skala von 0 bis 100 einstuften. Das Ergebnis: Conestat alfa verbesserte die Symptome wirksamer als Placebo. Bei Patienten, die Conestat alfa in einer Dosis von 50 Einheiten/kg KG beziehungsweise 100 Einheiten/kg KG erhielten, zeigte sich nach gut einer sowie zwei Stunden eine erste Besserung. Unter Placebo war das in der einen Studie erst nach mehr als vier Stunden, in der anderen Studie sogar erst nach mehr als acht Stunden der Fall. Die Mehrzahl der Patienten (95 Prozent) wurde erfolgreich mit der Dosis von 50 Einheiten/kg KG behandelt. Nur etwa 10 Prozent benötigten eine zweite Dosis.

 

Die in Studien beobachteten Nebenwirkungen waren zumeist leicht bis mittelschwer, am häufigsten traten Kopfschmerzen auf. Gelegentlich kam es zu Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, Urtikaria, Schwellungen, Rachenreizung, Vertigo und Parästhesie. Die Anwendung bei Schwangeren und Stillenden wird nicht empfohlen, es sei denn, der Arzt schätzt den Nutzen höher ein als die möglichen Risiken.

 

vorläufige Bewertung: Schrittinnovation

 

Vernakalant

 

Seit Anfang Dezember 2010 ist ein neues Antiarrhythmikum auf dem deutschen Markt verfügbar. Vernakalant-Hydrochlorid wird angeboten als Konzentrat mit 20 mg Wirkstoff/ml zur Herstellung einer Infusionslösung (Brinavess®, MSD Sharp & Dohme). Zugelassen ist das Medikament zur raschen Wiederherstellung des Sinusrhythmus des Herzens bei Erwachsenen mit akutem Vorhofflimmern.




Vernakalant

Vorhofflimmern entsteht, wenn die Vorhöfe (Vorkammern) des Herzens sehr rasch und unregelmäßig schlagen. In der Folge entsteht ein unregelmäßiger Herzrhythmus (siehe Kasten). Das neue Medikament wird zur medikamentösen Konversion eingesetzt bei Vorhofflimmern, das innerhalb der letzten sieben Tage, bei Patienten mit Herzoperation in der Anamnese innerhalb der letzten drei Tage begonnen hat. Bei länger bestehendem Vorhofflimmern ist Vernakalant nicht hilfreich.

 

Das Medikament wird, nach Zubereitung der Infusionslösung, in einer Dosis von 3 mg/kg Körpergewicht, maximal 339 mg, über zehn Minuten in die Vene infundiert. Kommt es innerhalb von 15 Minuten nicht zur Kardioversion, kann eine zweite Infusion mit 2 mg/kg KG, maximal 226 mg, folgen. Die Halbwertszeit ist mit zwei bis drei Stunden kurz.

 

Das neue Antiarrhythmikum wirkt vor allem am Herzvorhof (Atrium), indem es bestimmte Natrium- und Kaliumkanäle blockiert. Dadurch blockiert es elektrische Ströme, verlängert die atriale Refraktärzeit und verzögert die Überleitungsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Frequenz. Daher wird die Substanzklasse auch als ARDAs (Atrial repolarization-delaying agents) bezeichnet.


Bedrohliche Herzrhythmusstörung

Vorhofflimmern (VHF) ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und durch unregelmäßigen, meist zu schnellen Herzschlag gekennzeichnet. Kreisende Erregungen, die ihre Größe und Lokalisation in den Vorhöfen ständig ändern, führen zum Flimmern der Herzvorhöfe und unterdrücken den Sinusrhythmus. Über den Atrioventrikular-(AV)-Knoten wird das VHF auf die Herzkammern geleitet. Die Herzfrequenz kann auf mehr als 100 Schläge pro Minute ansteigen, was viele Betroffene als Herzklopfen, Herzjagen und Schwindel spüren. Die Störung verhindert eine geordnete Pumpfunktion der Vorhöfe und kann so die Herzleistung reduzieren. Dies macht sich als allgemeine Leistungsminderung, Schwäche, Luftnot, Schwindel oder Beinödeme bemerkbar. Es gibt aber auch völlig beschwerdefreie Patienten. Manchmal macht dann erst ein Schlaganfall auf die Rhythmusstörung aufmerksam. Eine Dauertherapie, zum Beispiel mit Antikoagulanzien, Betablockern, Calciumantagonisten oder Antiarrhythmika wie Flecainid, Dronedaron oder Amiodaron, kann die Beschwerden und das Schlaganfallrisiko verringern.


Die klinische Wirksamkeit wurde in mehreren randomisierten Studien nachgewiesen. In zwei Studien (ACT I und III) wurde Vernakalant mit Placebo bei 575 Patienten verglichen, bei denen das Vorhofflimmern (VHF) länger als drei Stunden, aber nicht länger als 45 Tage bestand. 51 Prozent der Patienten, die seit maximal sieben Tagen an VHF litten, erreichten die Konversion in den Sinusrhythmus unter Verum gegenüber 4 Prozent unter Placebo; dies geschah meist innerhalb von zehn Minuten. Bei 185 Patienten, die länger als sieben Tage erkrankt waren, gab es keinen signifikanten Vorteil. In der ACT-II-Studie wurde Vernakalant gegen Placebo bei 150 Patienten geprüft, bei denen es nach einer früheren Herzoperation zu VHF gekommen war. Dieses bestand seit maximal drei Tagen. In der Verumgruppe erreichte knapp die Hälfte den Sinusrhythmus, unter Placebo waren es 14 Prozent.




Stickstoff: dunkelblau; Sauerstoff: rot; Wasserstoff: hellblau


Der Neuling war auch gegenüber Amiodaron überlegen, wie die AVRO-Studie zeigte. Innerhalb von 90 Minuten erreichten knapp 52 Prozent der Patienten unter Vernakalant – meist innerhalb von elf Minuten – den Sinusrhythmus gegenüber 5 Prozent unter Amiodaron.

 

Bei Patienten, die auf Vernakalant nicht ansprechen, können die Ärzte eine elektrische Kardioversion erwägen. Die medikamentöse Vorbehandlung beeinflusste die Elektrokardioversion nicht, wenn diese innerhalb von zwei bis 24 Stunden nach der Studienmedikation erfolgte.

 

Die hauptsächlichen Nebenwirkungen waren Geschmacksstörungen (Dysgeusie), Niesen und Parästhesien. Zu den klinisch signifikanten unerwünschten Wirkungen am Herz-Kreislauf-System zählten Hypotonie, Bradykardie und ventrikuläre Arrhythmie. Vernakalant ist kontraindiziert bei Patienten mit schwerer Aortenklappenstenose, niedrigem systolischen Blutdruck (unter 100 mmHg), fortgeschrittener Herzinsuffizienz (NYHA III und IV), Bradykardie und einigen Herzerkrankungen. Zudem darf es nicht innerhalb von vier Stunden nach intravenöser Gabe von Klasse-I- und -III-Antiarrhythmika und bei Patienten mit Herzinfarkt im Vormonat gegeben werden.

 

vorläufige Bewertung: Schrittinnovation / 


Kein großer Wurf

Im Dezember gab es einen Endspurt beim Inverkehrbringen von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen. Insgesamt wurden fünf neue Substanzen auf den Markt gebracht, sodass 2010 zusammen 21 neue Arzneistoffe zur Verfügung stehen. 2009 und 2008 waren es 27 Stoffe. Wer den großen Wurf zum Abschluss eines insgesamt innovationsarmen Jahres erwartet oder erhofft hat, ist enttäuscht worden. Neben den drei Scheininnovationen beziehungsweise Analogprodukten Asenapin, Bazedoxifen und Bilastin lassen sich für das Antiarrhythmikum Vernakalant nur kleine klinische Vorteile erkennen und bei dem C1-Esterase-Inibitor Conestat alfa ist lediglich der gentechnologische Herstellungsprozess innovativ, jedoch ohne klinische Vorteile gegenüber dem bisherigen Produkt. Beide Stoffe können deshalb nur als Schrittinnovationen bewertet werden. Es bleibt also für 2010 bei nur vier Sprunginnovationen: Roflumilast, Amifampridin, Denosumab und Mifamurtid.

 

Professor Dr. Hartmut Morck


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Beitrag erschienen in Ausgabe 01/2011

 

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