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Schichtarbeit: Belastender Kampf mit dem Tagesrhythmus

MEDIZIN

 
Schichtarbeit

Belastender Kampf mit dem Tagesrhythmus

Von Christina Hohmann

 

Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht: Millionen von Menschen in Deutschland arbeiten in wechselnden Schichten oder zu ungewöhnlichen Zeiten. Dies ist für den Organismus sehr belastend.

 

Die Notwendigkeit, am Tag zu schlafen und in der Nacht zu arbeiten, stellt die Beschäftigte im Schichtbetrieb vor Probleme. So ist Schlafmangel fast obligatorisch. Aber auf lange Sicht können auch Depressionen, Ulcuserkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes Folgen der Schichtarbeit sein.

 

Ein Grund hierfür ist der circadiane Rhythmus, dem der Mensch unterliegt. Dieser endogene Rhythmus, der eine Zykluslänge von etwa 25 Stunden hat, steuert neben den Schlaf-Wach-Phasen auch wesentliche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur. Durch die wechselnden Arbeitszeiten müssen Schichtarbeiter ihre innere Uhr immer wieder umstellen. Dies schränkt das Wohlbefinden und die Konzentrationsfähigkeit ein, was viele Menschen als Jetlag nach Fernflügen kennen.

 

Die innere Uhr lässt sich durch äußere Zeitgeber wie Licht, Lärm und Beschäftigung umstellen, weshalb man sich bei Fernreisen schnell an den neuen Rhythmus gewöhnt. Schwieriger ist es allerdings für Schichtarbeiter, denn diese müssen die innere Uhr entgegen den äußeren Zeitgebern umstellen. Sie wissen während der Arbeit, welche Uhrzeit gerade ist, und dass andere Menschen schlafen.

 

Eine wichtige Aufgabe bei der Steuerung des circadianen Rhythmus spielt Melatonin. Der Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im Gehirn erhält über die Sehbahnen die Information, ob es hell oder dunkel ist. Lässt abends das Tageslicht nach, meldet er dies an die Epiphyse, wo Melatonin gebildet wird. Bei Tagensanbruch endet die Melatonin-Synthese wieder. Ein hoher Melatonin-Spiegel im Blut aktiviert die regenerierenden Funktionen des Körpers, während niedrige Spiegel die leistungssteigernden Funktionen aktivieren.

 

Die Anpassung an wechselnde Arbeitszeiten fällt allen Menschen schwer, doch für manche ist sie besonders belastend. Dies gilt vor allem für Menschen über 40 Jahre und Personen mit bestimmten Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Migräne oder Verdauungsstörungen.

 

Neben der biologischen spielt auch die soziale Desynchronisation eine wichtige Rolle. Denn vor allem wechselnde Schichten oder ständige Nachtarbeit greifen tief in das soziale Leben der Arbeiter ein. Diese soziale Isolierung ist ein häufig unterschätzter Faktor, der negative gesundheitliche Folgen haben kann. Denn ein intaktes soziales Umfeld ist einer der wichtigsten Mechanismen, um die Belastungen der Arbeitswelt auszugleichen.

 

Schichtarbeiter leiden an ständigem Schlafmangel. So haben Nachtarbeiter eine um zwei bis vier Stunden kürzere Schlafdauer als andere Menschen. Dies liegt zum einen daran, dass der Schlaf am Tag nicht dieselbe Tiefe erreicht wie in der Nacht und zudem auch störanfälliger ist. Vor allem die höhere Temperatur, das Tageslicht und die Geräuschkulisse am Tag können den Tagesschlaf beeinträchtigen. Ebenso kann auch der Wunsch, am sozialen Leben der Familie teilzuhaben, verhindern, dass der verpasste Schlaf am Tag nachgeholt wird. Dies trifft vor allem bei Eltern von kleinen Kindern zu.

 

Der Schlafmangel führt zu Müdigkeit während der Arbeitszeit, zu Leistungsminderung und Unausgeglichenheit. Zudem ist die Unfallhäufigkeit am Arbeitsplatz und auf dem Heimweg doppelt so hoch wie bei anderen Berufstätigen. Langfristig können die Schlafprobleme sich auch chronifizieren und zu gravierenden Schlafstörungen führen.

 

Empfindlicher Magen-Darm-Trakt

 

Besonders empfindlich scheint der Magen-Darm-Trakt gegenüber den Rhythmus-Umstellungen zu sein. So weisen Beschäftigte in Schicht- und Nachtarbeit deutlich häufiger gastrointestinale Erkrankungen auf als andere Berufstätige. Vor allem Magenschleimhautentzündung und Ulcuserkrankungen wie Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre treten bei Schichtarbeitern vermehrt auf.

 

Nachgewiesen ist auch, dass Schichtarbeiter stärker zu Übergewicht neigen und mehr rauchen als andere Arbeitnehmer. Dies ist aber nicht unbedingt eine Folge der Schichtarbeit, sondern spiegelt auch den niedrigeren sozialen Status der Personen wider.

 

In der Vergangenheit betraf Schicht- und Nachtarbeit hauptsächlich Beschäftigte in der industriellen Produktion. Hier geht aber aufgrund der zunehmenden Automatisierung die Zahl der Beschäftigten zurück. Dagegen steigt derzeit der Anteil an Dienstleistungen, die rund um die Uhr angeboten werden, und damit auch die Zahl der Schichtarbeiter in diesen Sparten.

 

In verschiedenen epidemiologischen Studien war Schichtarbeit auch mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus assoziiert.

 

Trotz der belastenden Tätigkeit sind die Krankenstände bei Schicht- und Nachtarbeitern nicht oder nur kaum erhöht. Dies lässt sich durch den »Healthy worker«-Effekt erklären. In besonders anstrengenden Berufen findet eine Auslese statt, sodass weniger belastbare Arbeitnehmer früh wieder ausscheiden und nur die gesündesten dem Beruf weiter nachgehen.

 

Um Folgeschäden der Schichtarbeit weitgehend auszuschließen, sieht das Arbeitszeitgesetz Vorsorgeuntersuchungen vor Beginn der Beschäftigung und dann im Abstand von drei Jahren vor. Gesundheitliche Bedenken, die gegen die Aufnahme einer Arbeit im Schichtbetrieb sprechen, bestehen unter anderem bei Personen mit chronischer Gastritis, anderen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen und psychischen Störungen.

 

Die Anpassung erleichtern

 

Durch eine geeignete Gestaltung des Schichtplans lassen sich die negativen Auswirkungen der Schichtarbeit zwar nicht vermeiden, aber verringern. So hat es sich gezeigt, dass eine schnelle Rotation (nicht mehr als drei aufeinanderfolgende Früh-, Spät- oder Nachtschichten) für die Arbeitnehmer besser ist als eine langsame. Denn auch nach einer Woche hat sich der Organismus nicht an den veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus anpassen können und die sozialen Nachteile der langen Schichtperioden überwiegen. Zudem ist ein vorwärts gerichteter Wechsel der Schichten physiologischer, das heißt auf eine Frühschichtperiode, sollte die Spätschicht und dann die Nachtschicht folgen. Wichtig ist es auch, nicht zu viel zu arbeiten. So sollte eine Schicht möglichst nicht mehr als acht Stunden betragen, und zwischen zwei Schichten sollte eine Ruhepause von mindestens elf Stunden liegen.

 

Durch verschiedene Methoden lässt sich die Anpassung der physiologischen Funktionen an die wechselnden Schlaf-Wach-Rhythmen experimentell erleichtern. Da auch künstliches Licht die Melatonin-Ausschüttung hemmt und die innere Uhr umstellen kann, ist in Studien versucht worden, durch eine geeignetes Lichtmanagement (mehrstündige Bestrahlung mit hohen Leuchtstärken von 1500 bis 3000 Lux) die Anpassung zu beschleunigen. Obwohl diese gezielte Lichtapplikation gute Ergebnisse liefert, kann die Methode derzeit noch nicht empfohlen werden. Denn durch die Lichtapplikation verändert sich nicht nur die Schlaf-Wach-Phase, sondern auch die physiologischen Funktionen des Organismus. Derzeit ist nicht geklärt, ob dies gesundheitlich unbedenklich ist.

 

Gleiches gilt auch für die Gabe von Melatonin. Die Substanz, die in den USA frei verkäuflich ist und auch im Internet angeboten wird, verstärkt die Schlafbereitschaft und hilft gegen die Symptome des Jetlag. Hierbei handelt es sich aber um eine einmalige Applikation nach einem Fernflug. Der Nutzen und die Risiken bei einer Dauerapplikation, wie sie bei Schichtarbeitern nötig wäre, sind bislang nicht untersucht.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2007

 

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