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Interview: Was geht in den Betroffenen vor?

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Interview

Was geht in den Betroffenen vor?


Von Sabine Klein / Ich könnte ihn umbringen – diesen Satz hat wohl jeder schon einmal gesagt oder gedacht, ohne es wirklich zu meinen. Was aber geht in Patienten vor, bei denen sich Mordgedanken unter Behandlung mit Medikamenten, etwa Alfa-Interferonen, einstellen? Professor Dr. Dr. Frank Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho-therapie und Nervenheilkunde, gibt Einblick.

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PZ: Sind Tötungsfantasien für andere erkennbar?

 

Schneider: Mordgedanken stehen niemandem ins Gesicht geschrieben und sind daher von außen nicht unmittelbar erkennbar. Der eine mag vielleicht auch äußerlich gereizt und angespannt wirken, motorisch unruhig sein und laut agieren, der andere wirkt eventuell ganz ruhig und (über)angepasst.

 

PZ: Was geht im Betroffenen vor?

 

Schneider: Oft stellt das im allgemein-psychiatrischen Kontext vorkommende aggressive Verhalten eine sich allmählich aufschaukelnde Eskalation eines Erregungszustandes dar, seltener ist ein völlig unvorhersehbarer aggressiver Ausbruch, ein sogenannter Raptus, und noch weniger häufig ist im allgemeinpsychiatrischen Kontext ein heimtückisch, geplantes Vorgehen, das sich eher bei Personen mit einem hohen kriminellen Potenzial findet.

 

Bei einem allmählich sich aufschaukelnden Prozess nimmt der Betroffene eventuell eine wachsende innere Anspannung, Unruhe und Reizbarkeit oder Angst wahr, einhergehend mit einer zunehmenden Einengung von subjektiver Wahrnehmung und Denken auf Negatives. Möglicherweise finden sich eine bewusste gedankliche Beschäftigung mit einer gewalttätigen Handlung und verbale Androhungen. Ob und wenn ja, wann und mit wem der Betroffene über seine Gedanken oder Gefühle spricht, kann individuell ganz verschieden sein.

 

PZ: Sind Mordgedanken gefährlich?

 

Schneider: Mordgedanken sollten zunächst einmal immer ernst genommen, beachtet und hinterfragt werden. Wie sicher Personen mit Mordgedanken diese auch in die Tat umsetzen, lässt sich nicht allgemein vorhersagen. Studien zum Vorkommen von Tötungsfantasien weisen darauf hin, dass diese auch in nicht-kriminellen Populationen relativ weit verbreitet sind, wobei eine große Variation hinsichtlich Intensität und Dauer beziehungsweise Häufigkeit besteht.

 

Aus der Erfahrung weiß man, dass Mordgedanken beim ersten Auftreten äußerst selten direkt in die Tat umgesetzt werden. Insbesondere wenn weitere, aggressives Verhalten begünstigende Faktoren hinzukommen, beispielsweise enthemmender Substanzkonsum, reichen eventuell irgendwann die Gedanken oder Fantasien nicht mehr aus oder können nicht mehr kontrolliert werden. Die oben angesprochenen Mordfantasien oder -gedanken sind aber von aggressiven Zwangsgedanken oder -impulsen im Rahmen von Zwangsstörungen abzugrenzen.

 

PZ: Wie sind sie von aggressiven Gedanken und Impulsen im Rahmen von Zwangsstörungen abzugrenzen?

 

Schneider: Letztere drängen sich immer wieder in gleicher Weise auf, obwohl der Betroffene versucht, gegen das Auftreten der Gedanken Widerstand zu leisten, und sie werden als sehr unangenehm und oft unsinnig empfunden. Die Betroffenen haben regelhaft große Angst vor der Ausführung. Aggressive Zwangsimpulse sind ich-fremd – der Patient distanziert sich von den Inhalten, will das nicht denken. Die Patienten haben sonst keine gesteigerte aggressive Grundstimmung. Im Gegensatz dazu beschreibt der Ausschnitt aus dem Tagebuch eines Hepatitis-C-Patienten ja sehr gut die generell aggressiv-gereizte Grundstimmung des Patienten unter der Interferon-Therapie.

 

PZ: Sind Ihnen auch Mordgedanken unter Therapie mit anderen Interferonen bekannt?

 

Schneider: Mordgedanken werden eigentlich immer nur in Verbindung mit Interferon-α beschrieben. Das zeigt vielleicht auch die Bedeutung anderer Faktoren wie der Persönlichkeit des Patienten. Interferon-α wird ja unter anderem zur Behandlung von Hepatitis C eingesetzt, also häufig auch bei Patienten mit Suchtanamnese. Da gibt es eine hohe Komorbidität, vor allem mit auffälligen Persönlichkeitsakzentuierungen/-störungen. / 


Lesen Sie dazu auch Alfa-Interferone: Nebenwirkung Mordgedanken?

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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/52/2010

 

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