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Hilfe für lebertransplantierte Patienten

ORIGINALIA

 
Pharmazeutische Betreuung

Hilfe für lebertransplantierte Patienten

Von Vanessa Kaiser, Anja Klein und Irene Krämer

 

Seit 2002 werden lebertransplantierte Patienten am Universitätsklinikum Mainz pharmazeutisch betreut. Derzeit beginnt ein Studienprojekt zur Pharmazeutischen Betreuung lebertransplantierter Patienten in Kooperation mit öffentlichen Apotheken. Apotheker in öffentlichen Apotheken sollen die Pharmazeutische Betreuung der Patienten nach ihrer Krankenhausentlassung übernehmen.

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Nach einer Organtransplantation werden die Patienten in der Regel auf eine für sie komplett neue und oft sehr umfangreiche Arzneimitteltherapie eingestellt. Mangelndes Wissen über die Lebertransplantation und die nach dem Eingriff einzunehmenden Medikamente können das Auftreten schwerwiegender gesundheitsbezogener Probleme fördern. Zudem ist die Arzneimitteltherapie bei den Patienten häufig mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Vor allem unmittelbar nach dem Krankenhausaufenthalt, wenn der lebertransplantierte Patient zum ersten Mal für den Umgang mit seinen Medikamenten selbst verantwortlich ist, können Schwierigkeiten mit der komplexen Medikation auftreten. Eine verbesserte Kommunikation zwischen Krankenhaus- und Offizinapothekern und eine verstärkte Pharmazeutische Betreuung der Patienten sollten die arzneimittelbezogenen Probleme nach einer Krankenhausentlassung reduzieren und die Compliance und Arzneimittelsicherheit verbessern.


PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.


Als Arzneimittelfachmann kann der Apotheker dem Patienten in dieser Phase unterstützend zur Seite stehen und ihm den »Start in sein neues Leben« erleichtern. Durch eine intensive Patientenschulung wird der Patient mit den Besonderheiten der immunsuppressiven Therapie vertraut gemacht. Ein gut informierter Patient wird zweifelsohne eher in der Lage sein, die Therapieanweisung in korrekter Weise zu befolgen. Durch verbesserte Information und Betreuung kann die Therapie Erfolg versprechender durchgeführt werden.

 

Aspekte der Lebertransplantation

 

Die Lebertransplantation stellt heute ein Standardverfahren bei Patienten mit Leberversagen aufgrund akuter oder chronischer Erkrankungen dar. Abbildung 1 zeigt die Indikationen für eine Lebertransplantation (LTx). In Deutschland wurden im Jahr 2006 rund 1050 Lebertransplantationen durchgeführt (DSO 2006). Obwohl die Anzahl der Lebertransplantationen in den vergangenen Jahren permanent anstieg, ist der Bedarf an Spenderorganen deutlich höher als das Angebot. Jährlich sterben etwa 20 Prozent der Patienten, die auf eine Leber warten. Der Erhalt transplantierter Organe ist deshalb von besonderer Wichtigkeit und sollte nicht durch Non-Compliance gefährdet werden.

 

Zur Vermeidung der Transplantatabstoßung ist eine lebenslange immunsuppressive Therapie nötig. Diese basiert in aller Regel auf den Calcineurininhibitoren Ciclosporin und Tacrolimus, die sich durch eine starke immunsuppressive Wirkung auszeichnen. Durch die Kombination von Wirkstoffen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen (Tabelle 1; nur in der Druckausgabe) wird versucht, ein hohes immunsuppressives Potenzial zu erreichen und gleichzeitig dosisabhängige Nebenwirkungen zu reduzieren.

 

Individualisierte Dosierung nötig

 

Die Calcineurininhibitoren haben eine geringe therapeutische Breite mit ernsten Folgen bei Über- und Unterdosierungen. Ist die Dosierung zu niedrig, besteht eine erhöhte Gefahr von Abstoßungen, ist sie dagegen zu hoch, ist ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Nierenfunktionsstörungen zu erwarten. Calcineurininhibitoren gehören zu den wenigen Arzneimitteln für die ein engmaschiges, routinemäßiges Therapeutisches Drug Monitoring erforderlich ist. Regelmäßig müssen die Arzneistoffkonzentrationen im Blut bestimmt und die Dosierung angepasst werden.

 

Die Immunsuppressiva weisen ein hohes Potenzial an unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Wechselwirkungen auf. Auch aus diesem Grund ist es notwendig, die Patienten zu überwachen und intensiv zu beraten. Durch Monitoring der Comedikation und frühzeitiges Erkennen beziehungsweise Behandlung unerwünschter Arzneimittelwirkungen können daraus resultierende Probleme reduziert werden.

 

Die häufigsten Wechselwirkungen mit Calcineurininhibitoren lassen sich auf das Cytochrom-P450-Enzymsystem zurückführen. Ciclosporin und Tacrolimus sind Substrate von CYP3A4. Eine Kombination mit CYP3A4-Inhibitoren kann zu einer signifikant erhöhten Konzentration der Calcineurininhibitoren führen mit dem Risiko toxischer Erscheinungen, wie einer erhöhten Nephrotoxizität. Es sind Dosisreduktionen der Calcineurininhibitoren bis zu 80 Prozent notwendig.

 

Eine Kombination mit CYP3A4-Induktoren führt zu einem Wirkungsverlust der Calcineurininhibitoren. Die Interaktion tritt meist verzögert auf. Ist die Kombination nicht vermeidbar, müssen die Blutspiegel sorgfältig überwacht und die Dosierung der Immunsuppressiva angepasst werden. Beim Absetzen des Inhibitors beziehungsweise Induktors darf die Dosisadaptation der Immunsuppressiva nicht vergessen werden. Wichtig ist die Aufklärung des Patienten über Johanniskraut als CYP3A4-Induktor in der Selbstmedikation und Grapefruit als CYP3A4-Inhibitor. Diese sollten vom Patienten vermieden werden. Tabelle 2 (nur in der Druckausgabe) zeigt eine Auswahl relevanter CYP3A4-Inhibitoren und -Induktoren.

 

Aufgrund des hohen Potenzials an unerwünschten Arzneimittelwirkungen ist ein sorgfältiges Monitoring, vor allem der Nieren- und Leberfunktion, des Blutdrucks, der Serumelektrolyte (besonders Kaliumkonzentration), der Lipidwerte sowie des Blutbilds angezeigt. Ciclosporin und Tacrolimus führen dosisabhängig häufig zu Niereninsuffizienz. Die Nierenfunktion ist regelmäßig zu kontrollieren und die Kombination mit nephrotoxischen Substanzen zu vermeiden. Ciclosporin und Tacrolimus können zu einem Anstieg des Kaliumspiegels führen. Um eine Hyperkaliämie nicht zu verstärken, sollten kaliumhaltige Arzneimittel, kaliumsparende Diuretika, ACE-Hemmer und Sartane vermieden werden oder nur unter Überwachung des Kaliumspiegels gegeben werden.

 

Eine immunsuppressive Therapie führt häufig zu einer Erhöhung der Blutfettwerte. Bei davon betroffenen Patienten ist eine Statin-Therapie notwendig. Die erhöhte Gefahr von Myopathien und Rhabdomyolysen muss bezüglich der Auswahl des Statins und der Monitoringparameter beachtet werden. Bevorzugt sollten Pravastatin und Fluvastatin in niedriger Dosierung eingesetzt werden. Die Kreatinkinase muss engmaschig kontrolliert werden. Ebenso ist der Patient über Anzeichen einer Myopathie aufzuklären (Muskelschwäche, Muskelschmerzen, dunkel gefärbter Urin).

 

Die Therapie mit Calcineurininhibitoren führt zu weiteren typischen Problemen, wie der Entwicklung einer Hypertonie oder eines Diabetes mellitus. Neurotoxische Erscheinungen wie Tremor, Krampfanfälle und Kopfschmerzen treten häufig auf. Wie bei jeder anderen Immunsuppression besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen und der Ausbildung maligner Erkrankungen. Diese Folgeerkrankungen gilt es frühzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln.

 

Compliance

 

Compliance in der Arzneimitteltherapie, auch Medikamentencompliance genannt, wird definiert als Ausmaß, in dem das Verhalten des Patienten bezüglich der Einnahme seiner Arzneimittel mit dem medizinischen Rat übereinstimmt (Haynes et al. 1979). Non-Compliance bedeutet im Gegenteil, dass der Patient beabsichtigt oder unbeabsichtigt von dem vorgegebenen Therapieplan abweicht.

 

Das Ausmaß der Non-Compliance stellt ein weit verbreitetes und in der Vergangenheit häufig unterschätztes Problem dar. Studien belegen, dass sich Non-Compliance nicht nur negativ auf die Gesundheit des Einzelnen auswirkt (erhöhte Morbidität und Mortalität), sondern auch erhebliche Kosten im Gesundheitssystem verursacht (Mc Donell et al. 2002). Die WHO geht davon aus, dass die Compliance bei chronischen Erkrankungen weltweit bei nur etwa 50 Prozent liegt und sieht deshalb einen klaren Handlungsbedarf, die Compliance zu fördern (WHO 2003).

 

Compliance ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Organfunktion nach Transplantation. Studien belegen, dass Non-Compliance mit der immunsuppressiven Therapie zu Abstoßungsreaktionen, Organverlust und sogar zum Tod führen kann (Laederach-Hofmann und Bunzel 2000). Man könnte annehmen, dass transplantierte Patienten ein hoch motiviertes Patientenkollektiv darstellen und eine gute Compliance zeigen. Leider ist dies nicht der Fall; Non-Complianceraten variieren bei transplantierten Patienten zwischen 5 und 50 Prozent (Laederach-Hofmann und Bunzel 2000, Rovelli et al. 1989, Greenstein und Siegal 1998).

 

Monozentrische Compliancestudie

 

Eine am Universitätsklinikum Mainz durchgeführte Studie mit dem Titel »Pharmazeutische Betreuung lebertransplantierter Patienten unter besonderer Berücksichtigung der Compliance mit der immunsuppressiven Therapie« belegte, dass durch Pharmazeutische Betreuung die Compliance bei lebertransplantierten Patienten signifikant verbessert werden kann. Die Patientenstudie wurde als offene, prospektive, randomisierte Studie mit Kontrollgruppendesign durchgeführt und von der Ethik-Kommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz genehmigt. Es wurde untersucht, inwiefern lebertransplantierte Patienten von einer Pharmazeutischen Betreuung profitieren. 50 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen. 26 Patienten wurden in die Interventionsgruppe und 24 weitere Patienten in die Kontrollgruppe randomisiert. Patienten der Interventionsgruppe wurden während des Studienzeitraums wie üblich ärztlich und zusätzlich pharmazeutisch durch einen Krankenhausapotheker betreut. Die Pharmazeutische Betreuung umfasste eine intensive Patientenschulung (drei bis vier Gespräche) während des stationären Aufenthalts im Krankenhaus, sowie weitere Beratungsgespräche bei Ambulanzbesuchen im Universitätsklinikum Mainz. Die ambulanten Gespräche fanden in der Regel im Anschluss an die ärztliche Untersuchung in der sogenannten Lebersprechstunde der Transplantationschirurgie statt. Patienten der Kontrollgruppe erhielten eine intensive ärztliche Betreuung durch die behandelnden Ärzte ohne zusätzliche Betreuung durch den Krankenhausapotheker. Der Beobachtungszeitraum pro Patient betrug 12 Monate.

 

Durchführung der Studie

 

Noch während des stationären Aufenthalts nach der Transplantation wurden die Patienten der Interventionsgruppe drei- bis viermal an möglichst aufeinanderfolgenden Tagen von einem Krankenhausapotheker geschult. Die Schulung lief weitestgehend standardisiert ab, wobei der Bildungsstand und das Vorwissen des Patienten berücksichtigt wurden. Wenn möglich und erwünscht, wurden Angehörige in die Schulung eingeschlossen. Die Inhalte jedes Schulungsgesprächs wurden ebenso wie der Zeitaufwand auf einem Dokumentationsbogen dokumentiert. Im ersten Gespräch wurde dem Patienten in einfachen Worten die Funktion des Immunsystems und der Wirkmechanismus der Immunsuppressiva erklärt. Dadurch sollte der Patient die Notwendigkeit der regelmäßigen und lebenslangen immunsuppressiven Therapie erkennen. Ein weiterer wichtiger Gesprächsinhalt war die Einstellung der Dosierung der Immunsuppressiva anhand der gemessenen Blutspiegel.

 

Hauptinhalte des zweiten Gesprächs waren unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Wechselwirkungen der Immunsuppressiva. Am Ende des zweiten Gesprächs wurde noch einmal auf die Notwendigkeit einer regelmäßigen Einnahme der Immunsuppressiva eingegangen. Zusammen mit dem Patienten wurde überlegt, wie die Arzneimitteleinnahme in den Tagesablauf eingebunden werden könnte.

 

Das dritte Gespräch begann in der Regel mit einer kurzen Erläuterung wichtiger Labor- und Vitalparameter, um die Kompetenz der Patienten hinsichtlich Selbstüberwachung und Verlaufskontrollen zu stärken. Der Schwerpunkt dieses Gesprächs lag auf einer ausführlichen Beratung zur Entlassmedikation. In der Regel wurde die Entlassmedikation vorher mit den Ärzten besprochen und vor dem Gespräch ein Arzneimitteleinnahmeplan erstellt.

 

In Ergänzung der mündlichen Patientenschulung, die visuell durch Anschauungsmaterial (zum Beispiel Fertigarzneimittel, Bilder zum Immunsystem, Blutspiegelverlauf) unterstützt wurde, wurden dem Patienten schriftliche Informationen mitgegeben. Diese umfassten einen Arzneimitteleinnahmeplan, der die verordneten Arzneimittel mit Wirkstoff- und Handelsnamen, das Anwendungsgebiet und die wichtigsten Informationen zum Arzneimittel enthielt. Des Weiteren erhielten die Patienten schriftliche Informationen zur immunsuppressiven Therapie, die die wichtigsten Gesprächsinhalte zusammenfasste, sowie einen Patientenpass zur Dokumentation der Vital- und Laborparameter.

 

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus fanden regelmäßige Betreuungsgespräche durch den Krankenhausapotheker statt. Nach individuellen Gegebenheiten der Patienten erfolgte während des Studienzeitraums mindestens ein Gespräch pro Quartal und höchstens ein Gespräch pro Monat. Die Treffen bei den Ambulanzbesuchen dienten in erster Linie dazu, die Compliance zu fördern und den Betreuungsplan zu überarbeiten. Wie es das Konzept der Pharmazeutischen Betreuung vorsieht, wurden die vergangenen Wochen rückblickend analysiert und arzneimittelbezogene Fragen geklärt. Bei jedem Treffen wurde gemeinsam mit dem Patienten der Arzneimitteleinnahmeplan aktualisiert. Des Weiteren wurden Laborwerte, insbesondere Blutspiegelverläufe, mit dem Patienten besprochen. Zwischen den Treffen hatten die Patienten immer die Möglichkeit, Kontakt mit dem Krankenhausapotheker aufzunehmen. Kontakte fanden meist über das Telefon statt. Wenn nötig, wurden zusätzliche Termine vereinbart.

 

Ergebnisse der Studie

 

Die Compliance wurde mittels MEMS® (Medication Event Monitoring System) bestimmt, die momentan als Goldstandard in der Compliancemessung angesehen werden. MEMS® (AARDEX Ltd., Zug, Schweiz) sind elektronische Monitoring-Systeme zur Aufzeichnung des Patienten-Einnahmeverhaltens für oral einzunehmende Arzneimittel. Kernstück des Arzneimittelbehälters aus Kunststoff ist eine integrierte Mikroelektronik im Schraubverschluss, die jedes Öffnen und Schließen des Behälters digital aufzeichnet. Die Daten, die während des Beobachtungszeitraums im elektronischen Monitor gespeichert werden, werden mittels eines Kommunikators in eine Computersoftware übertragen. Der Hauptvorteil der MEMS® besteht in der genauen Dokumentation des Compliancemusters. Uhrzeit und Datum der Dosisentnahme werden präzise erfasst. Daraus können Rückschlüsse auf das Einnahmeverhalten des Patienten gezogen werden.

 

Das Studienergebnis zur Dosing Compliance mit der immunsuppressiven Therapie, wird definiert als Prozent der Tage, an denen das Immunsuppressivum korrekt eingenommen wurde. Auf einem Signifikanzniveau von 5 Prozent tendierten Patienten mit Pharmazeutischer Betreuung zu einer statistisch signifikant besseren Compliance als Patienten ohne Pharmazeutische Betreuung. Die mittlere Dosing Compliance der Interventionsgruppe betrug 90,2 ± 6,2 Prozent, die der Kontrollgruppe 80,8 ± 12,4 Prozent (p=0,015; Mann-Whitney U-Test). Der Median der Interventionsgruppe lag bei 91,5 Prozent, der Median der Kontrollgruppe bei 83,4 Prozent. Die Spanne reichte in der Interventionsgruppe von 77,3 bis 100,0 Prozent und in der Kontrollgruppe von 57,3 Prozent bis 99,1 Prozent. Nur 2 Patienten (10 Prozent) der Interventionsgruppe, aber 9 Patienten (43 Prozent) der Kontrollgruppe wiesen eine Dosing Compliance unter 80 Prozent auf (p=0,032; Fisher Exact Test). Diese Patienten wurden im Bezug auf die Dosing Compliance als non compliant eingestuft.

 

Auch hinsichtlich der anderen Methoden zur Compliancemessung (Arzneimittelschwundmessung, Fragebogen nach Morisky und Selbsteinschätzung) zeigte die Interventionsgruppe deutlich bessere Ergebnisse im Vergleich zur Kontrollgruppe.

 

Hervorzuheben sind vor allem die Ergebnisse der Blutspiegelbestimmungen. Lediglich 10 von 125 (8 Prozent) gemessenen Blutspiegeln der Interventionsgruppe, aber 27 von 121 (22 Prozent) gemessenen Blutspiegeln der Kontrollgruppe lagen im subtherapeutischen Bereich. In der Interventionsgruppe wiesen 9, in der Kontrollgruppe 13 Patienten Blutspiegel unterhalb des Zielbereichs auf.

 

Patientenwissen

 

Fragen zum Patientenwissen wurden den Patienten in Form eines Interviews gestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Konzept aus mündlicher und schriftlicher Patienteninformation bewährt hat. Die relativ schlechten Ergebnisse der Kontrollgruppe deuten darauf hin, dass bei Patienten nach Lebertransplantation Beratungsbedarf besteht. Alarmierend war, dass 21 Prozent der Patienten der Kontrollgruppe nicht wussten, warum sie ihr Basisimmunsuppressivum einnehmen beziehungsweise was passieren würde, falls sie es absetzen. 37 Prozent der Patienten der Kontrollgruppe wussten außerdem nicht, wie lange sie ihr Immunsuppressivum einnehmen müssen. Patienten der Interventionsgruppe konnten diese Fragen ohne Probleme beantworten. Patienten der Interventionsgruppe konnten im Vergleich zu Patienten der Kontrollgruppe ihre Begleitmedikation in der Regel problemlos aufzählen. Auffällig war, dass fast die Hälfte der Patienten (46 Prozent) der Kontrollgruppe, aber nur ein Patient (4 Prozent) der Interventionsgruppe nicht wussten, dass zur Blutspiegelbestimmung die Talspiegel, sprich die Blutspiegel vor Einnahme der nächsten Dosis, herangezogen werden. Die Patienten hatten daher bei ihrem ersten Ambulanzbesuch ihr Immunsuppressivum bereits eingenommen, was zu falsch hohen Werten führte. Folglich war häufig ein erneuter Besuch in der Transplantationsambulanz nötig, um eine korrekte Einstellung der Dosis zu gewährleisten. Dies verursachte nicht nur zusätzliche Kosten, sondern führte auch zu Missmut der Patienten.

 

Die Patienten der Interventionsgruppe konnten Fragen zu Einnahmezeiten, Dosierung und Lagerung der Immunsuppressiva in der Regel problemlos beantworten. Sowohl Patienten der Interventionsgruppe als auch Patienten der Kontrollgruppe hatten allerdings Probleme bei der Beantwortung von Fragen bezüglich der Nebenwirkungen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Patienten sich ungern mit diesem Thema auseinandersetzen. Die Erfahrung zeigt, dass das Wissen zu der Arzneimitteltherapie nicht unbedingt eine Garantie für eine gute Compliance ist, und dass umgekehrt auch schlecht informierte Patienten die Therapieanweisungen befolgen. Ein gut informierter Patient wird aber zweifelsohne eher in der Lage sein, die Therapieanweisung in korrekter Weise zu befolgen.

 

Im Fragebogen zur Patientenzufriedenheit mit dem Pharmazeutischen Betreuungsservice bewerteten die Patienten den Betreuungsservice insgesamt äußerst positiv. Effektiv wird eine Behandlung nicht nur durch das optimale Medikament, sondern auch dadurch, dass sich der Patient ernst genommen, verstanden und vor allem ausreichend informiert fühlt. Der Patient wird dann eher in der Lage und bereit sein, die Arzneimitteleinnahme in korrekter Weise zu befolgen. Die Aussagen der Patienten deuten darauf hin, dass eine zusätzliche Pharmazeutische Betreuung dazu beitragen kann.

 

Arzneimittelbezogene Probleme

 

Während des Studienzeitraums dokumentierte der Krankenhausapotheker alle aufgetretenen arzneimittelbezogenen Probleme und daraus resultierende Interventionen. Die arzneimittelbezogenen Probleme und Interventionen wurden nach dem PI-Doc® System nach Schäfer codiert. Insgesamt wurden im Studienzeitraum 162 arzneimittelbezogene Probleme dokumentiert. 73 Prozent der arzneimittelbezogenen Probleme traten in Verbindung mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln auf, 27 Prozent in Verbindung mit freiverkäuflichen Arzneimitteln. Abbildung 2 (nur in der Druckausgabe) zeigt die Häufigkeitsverteilung der arzneimittelbezogenen Probleme in Prozent. 96 Prozent der arzneimittelbezogenen Probleme konnten durch Interventionen des Krankenhausapothekers  gelöst werden. In 60 Prozent der Fälle erfolgte eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.

 

Die Studienergebnisse belegen, dass durch die Pharmazeutische Betreuung von lebertransplantierten Patienten arzneimittelbezogene Probleme aufgedeckt und gelöst werden können. Bezogen auf die Gesamtzahl der betreuten Patienten wurden durchschnittlich 6 Probleme pro Patient festgestellt. Im Vergleich zu anderen pharmazeutischen Betreuungsstudien, in denen zwischen 0,3 und 3,9 Probleme/Patient bei Diabetes-Patienten (Guirguis und Johnson 2003), 2 Probleme/Patient bei Hypertonie-Patienten (Goebel und Schaefer 2003) und 5 Probleme/Patient bei COPD-Patienten (Keiner et al. 2005) beschrieben wurden, liegt die Anzahl der arzneimittelbezogenen Probleme in der vorliegenden Studie sehr hoch. Dies ist vermutlich auf die Besonderheiten der immunsuppressiven Therapie zurückzuführen.

 

Ein häufig auftretendes Problem war, dass dem Patient trotz vorliegender Indikation kein Arzneimittel verordnet wurde. Dieses Problem war vor allem auf eine mangelnde Kommunikation zwischen stationärem und ambulantem Sektor zurückzuführen.

 

Kooperation mit Apotheken

 

Die positiven Studienergebnisse verdeutlichen die Effektivität und Notwendigkeit einer Pharmazeutischen Betreuung lebertransplantierter Patienten durch einen Apotheker. Daher haben wurde eine Nachfolgestudie initiiert, in der die Pharmazeutische Betreuung als Kooperation von einem Krankenhausapotheker und Offizinapothekern durchgeführt werden soll, damit die Patienten noch umfassender betreut werden können. Diese Studie startete im März 2007 am Universitätsklinikum Mainz. Ziel ist die Evaluation eines Pharmazeutischen Betreuungsmodells zur Verbesserung der Schnittstellenbetreuung und Überprüfung der Durchführbarkeit und Effektivität der Pharmazeutischen Betreuung bei lebertransplantierten Patienten in der öffentlichen Apotheke. Wie die monozentrische Studie zeigte, erhöht eine kontinuierliche Betreuung über einen längeren Zeitraum das Wissen des Patienten über seine Transplantation und die dazugehörigen Arzneimittel und fördert somit die Effektivität der Therapie. Die Kernaufgabe der Apotheker ist, den Patienten mit seiner Arzneimitteltherapie zu begleiten und ihn über Dosierung, Anwendung, Wirkung, Nutzen und Nebenwirkungen seiner Arzneimitteltherapie zu beraten. Dadurch soll dem Patienten der Umgang mit den Medikamenten erleichtert und die Arzneimittelsicherheit verbessert werden. Im Rahmen intensiver Beratungsgespräche sollen Therapie und therapierelevante Lebensgewohnheiten erfasst und arzneimittelbezogene Probleme identifiziert werden. Individuelle Lösungsvorschläge werden in Zusammenarbeit mit Arzt und Patient ermittelt und gemeinsam mit dem Patienten umgesetzt. Letztendlich ist auch die Motivation des Patienten, seine Therapieziele zu erreichen, und die Förderung der Compliance ein wichtiger Teilaspekt des Betreuungsprozesses.

 

In die Studie werden Patienten einbezogen, die im Universitätsklinikum Mainz lebertransplantiert wurden und vor der Krankenhausentlassung stehen. Der Patient benennt eine Apotheke seiner Wahl, mit dieser nimmt die Studienleitung Kontakt auf und informiert über die Studie. Bei Zustimmung zur Teilnahme erfolgt die Betreuung des Patienten für ein Jahr. Das Pharmazeutische Personal der kooperierenden Apotheke wird dazu geschult und unterstützt durch ausführliche Unterlagen zum genauen Ablauf der Studie und Informationen über Arzneimittel und den Alltag nach Lebertransplantation. Bei Bedarf steht die Studienleitung beratend zur Seite. Abbildung 3 (nur in der Druckausgabe) zeigt schematisch den gesamten Ablauf der Pharmazeutischen Betreuung. In Abbildung 4 (nur in der Druckausgabe) sind der Ablauf und die Dokumentation in der öffentlichen Apotheke dargestellt. Die Einbindung und Mitarbeit möglichst vieler Apotheken ist von großer Bedeutung, um umfangreiche Erkenntnisse, Erfahrungen und Daten zu sammeln und zukünftig eine optimale Betreuung von lebertransplantierten Patienten zu gewährleisten. Unser gemeinsames Engagement in der Pharmazeutischen Betreuung erfolgt zum Wohle jedes einzelnen Patienten, dem gesamten Berufsstand und der Gesellschaft.


Literatur

Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) (2006) http://www.dso.de.
Goebel, R., Schaefer, M. (2003) Blutdruckkontrolle in Apotheken ­ Ergebnisse zweier Studien in Brandenburg und Thüringen, Teil III. Deutsche Apotheker Zeitung 143: 1314- 1326.
Greenstein, S., Siegal, B. (1998) Compliance and noncompliance in patients with functioning renal transplant: a multicenter study. Transplantation 66: 1718-1726.
Guirguis, L. M., Johnson, J. A. (2003) Diabetes: Are pharmacists managing an impact on patient outcomes? Canadian Pharmacists Journal/Revue des Pharmaciens du Canada 136: 24-27.
Haynes, R. B., Taylor, D. W., Sackett, D. L. (1979) Compliance in health care. John Hokins University Press, Baltimore, Maryland. 49-62.
Keiner, N., Keiner, D., Schaefer, M. (2005) Leitlinienorientierte Arzneimittelversorgung von COPD-Patienten. Beitrag des Apothekers im therapeutischen Team. Krankenhauspharmazie 26: 114-118.
Laederach-Hofmann, K., Bunzel, B. (2000) Noncompliance in organ transplant recipients: a literature review. General Hospital Psychiatry 22: 412-424.
Laederach-Hofmann, K., Bunzel, B. (2000) Solid organ transplantation: are there predictors for posttransplant noncompliance? A literature overview. Transplantation 70: 711-716.
McDonnell, P. J., Jacobs, M.R. (2002) Hospital admissions resulting from preventable adverse drug reactions. The Annals of Pharmacotherapy 36: 1331-1336.
Rovelli, M., Palmeri, D., Vossler, E. (1989) Non-compliance in organ transplant recipients. Transplantation Proceedings 21: 833-834.
World Health Organization (2003) Adherence to long-term therapies. Evidence for action. Geneva WHO 2003.

Für die Verfasser:

Vanessa Kaiser

Apotheke des Universitätsklinikums

Langenbeckstraße 1

55131 Mainz


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2007

 

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