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Impfen: Lassen sich Verweigerer zwingen?

POLITIK

 
Impfen

Lassen sich Verweigerer zwingen?


Von Daniel Rücker / Objektiv gibt es wenige Argumente, auf Impfungen gegen Masern, Röteln oder andere schwerwiegende Infektionskrankheiten zu verzichten. Dennoch wird die Sinnhaftigkeit dieser Prävention heftig und oft emotional überladen diskutiert. Eine kleine Schar der Impfgegner kämpft mit sektiererischem Eifer. Rechtfertigt dies eine Impfpflicht?

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In Deutschland muss jeder selbst entscheiden, ob er sich impfen lässt. Mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) gibt es zwar ein Gremium, das Impfempfehlungen he­rausgibt. Diese sind aber nicht verpflichtend, denn seit 1983 gibt es bei uns keine Impfpflicht mehr, also keine gesetzlich vorgeschriebenen Impfungen. Damals wurde die Pflicht zur Pockenimpfung aufgehoben. In der DDR war die Impfung gegen Kinder- und Jugendkrankheiten, etwa Masern, bis zur Wiedervereinigung verpflichtend. Daraus zu schließen, die Impfpflicht sei ein Instrument undemokratischer Staaten, wäre aber falsch, schließlich gibt es auch in den USA verpflichtende Impfungen.




Impfen ist eine der wirksamsten Präventionsmaßnahmen. Dennoch ist es umstritten, wobei die Kritiker nur bedingt auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzen.

Foto: PZ/Archiv


Auch bei uns hat der Staat sich Möglich­keiten geschaffen, unter bestimmten Be­dingungen Impfungen vorzuschreiben. Das seit 2001 geltende Infektionsschutz­ge­setz erlaubt es den Behörden, in be­stimmten Situationen der Bevölkerung oder bestimmten Gruppen eine Impfung vorzuschreiben. Geregelt ist dies in § 20 (6): »Das Bundesministerium für Ge­sund­heit wird ermächtigt, durch Rechts­verordnung mit Zustimmung des Bundes­rates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifi­schen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist. Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) kann insoweit eingeschränkt werden. [...]«.

 

Der Verzicht auf eine Impflicht hat seinen Preis. Zwar steht die überwiegende Mehrheit der Deutschen dem Impfen positiv gegenüber, es bleibt aber eine kleine Gruppe Impfgegner. Nach Zahlen des Robert-Koch-Institutes (RKI) lehnen bis zu 5 Prozent der Bevölkerung Impfungen ab. Die Zahl ist überschaubar, dennoch kann dies der Gesellschaft nicht egal sein. Denn Impfverweigerer können wiederum andere Menschen anstecken. Besonders emotional wird es, wenn es um Kinder geht. So hat die fehlende Impfpflicht in Deutschland beispielsweise dazu geführt, dass im Vergleich zu anderen Industrienationen bei uns häufiger Kinder an Masern erkranken, eine Infektion, die nicht selten zu erheblichen bleibenden Gesundheitsschäden führen kann. Während in anderen Staaten die Krankheit annähernd ausgerottet ist, liegt die Zahl der Erkrankungen bei uns noch so hoch, dass die STIKO die Impfempfehlung weiterhin aufrecht halten wird. Zugespitzt entsteht daraus die Situation, dass viele Eltern auch deshalb ihre Kinder impfen müssen, weil wenige ihre Kinder ideologisch motiviert nicht impfen.

 

Da die Einführung einer Impfpflicht für Deutschland nicht auf der Agenda steht, haben es Impfbefürworter schwer, ihre Interessen zu wahren. Eine Möglichkeit dazu sind Kindertagesstätten. So fordern Kinderärzte, dass dort nur noch Kinder aufgenommen werden, die alle von der STIKO empfohlenen Impfungen vorweisen können. Es gibt auch Kindertagestätten, die diese Vorgabe in ihre Satzung aufgenommen haben. Ob dies die zum Teil fanatischen Impfverweigerer beeindruckt, ist zweifelhaft.

 

Eindeutige Bilanz

 

Die meisten Argumente der Impfkritiker entziehen sich einer naturwissenschaftlichen Bewertung. Natürlich ist es richtig, dass Impfungen ein potenzielles Risiko für den Impfling bergen. Nicht ganz falsch ist sicher auch die von Impfgegnern geäußerte Vermutung, dass die pharmazeutische Industrie Impfungen nicht aus reiner Menschenliebe entwickelt und sich bisweilen dafür einsetzt, den Kreis der Impflinge über den Rahmen der medizinischen Notwendigkeit hin auszudehnen. So konnten die Hersteller der Impfstoffe gegen Humane Papillomaviren der Versuchung nicht widerstehen, die Vakzine auch für Frauen über 17 Jahren zu bewerben, obwohl hierfür keine STIKO-Empfehlung vorlag und der Nutzen nicht wirklich bewiesen war. Ebenso machten sich Hersteller des Impfstoffes gegen das H1N1-Virus verdächtig, weil sie in einer geschäftlichen Beziehung zu Mitgliedern der STIKO stehen. Das ist bedenklich, daraus jedoch Bedrohungsszenarien zu entwickeln, die denen arabischer Verschwörungstheorien ähneln, geht weit an der Realität vorbei. Natürlich will die pharmazeutische Industrie mit all dem, was sie tut, Geld verdienen. Es ist aber für alle, die einen Zugang zu naturwissenschaftlicher Erkenntnis gefunden haben unstrittig, das der Rückgang der Infektionskrankheiten in den vergangenen 100 Jahren maßgeblich auf Impfungen zurückzuführen ist. Die naturwissenschaftliche Bilanz ist eindeutig.

 

Freilich ist den Impfgegnern mit Erkenntnis nicht immer beizukommen, weil sie auf einer anderen Ebene argumentieren. So gibt es unter den Impfgegnern nicht wenige Eltern, die glauben, der Ausbruch einer Infektion löse beim Kind einen Entwicklungsschub aus, der ohne die Erkrankung ausbleibe. Ein weiteres Argument gegen Impfungen ist die vermeintliche Schädigung des Immunsystems, das durch Impfungen überlastet werde oder eben keine eigenen Abwehrkräfte entwickeln könne, weil es nicht mit natürlichen Erregern in Kontakt kommt. Oftmals zitiert wird auch die Gefahr, Impfungen könnten Autismus, Allergien oder Multiple Sklerose auslösen. Das es für all dies keine wissenschaftlichen Belege gibt, stört die Impfgegner kaum. Im Gegenteil: Für sie ist dies ein weiteres Indiz für die Verkommenheit des industriell-medizinischen Komplexes, denn, so ihre Behauptung, Beweise für ihre kruden Theorien gebe es sehr wohl, sie würden nur von Ärzten und Industrie unter Verschluss gehalten.

 

Angesichts der doch relativ kleinen Gruppe der Verweigerer stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, gegen diese vorzugehen. Immerhin lassen mehr als 90 Prozent der Eltern ihr Kinder impfen und bei einer drohenden Epidemie, zum Beispiel ausgelöst von einem aggressiven Grippeerreger, hat der Staat bereits Instrumente, Menschen zur Impfung zu zwingen. In einem tatsächlichen Krisenfall wäre die Akzeptanz einer Zwangsmaßnahme sicher höher als bei einer generellen Impfpflicht. Auch bleibt zu hoffen, dass bei einer konkreten Bedrohung der eine oder andere Impfgegner aus Angst um seine Gesundheit den Weg zur evidenzbasierten Medizin finden würde. Insofern bleibt es sicherlich ein Ärgernis, dass eine kleine Gruppe sich Impfungen verweigert. Ob dies einen restriktiveren Kurs des Staates rechfertigt, ist jedoch zweifelhaft. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2010

 

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