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Gesundheitswesen: Ethische und finanzielle Fragen noch offen

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Gesundheitswesen

Ethische und finanzielle Fragen noch offen


Von Christina Hohmann, Mainz / Den medizinischen Fortschritt allen Menschen zugänglich zu machen, wird in Zukunft schwierig werden. Wie das Gesundheitssystem der nächsten Generation aussehen könnte und welche ethischen und finanziellen Fragen noch ungeklärt sind, diskutierten Experten in Mainz.

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Gesundheit ist ein existenzielles Gut. Gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem sollten daher alle Menschen haben, sagte Christine Morgenstern, vom Ministerium für Gesundheit, Familie und Frauen des Landes Rheinland-Pfalz auf der Veranstaltung »Gesundheitspolitischer Impuls Rheinland-Pfalz«. Dies auch in Zukunft zu gewährleisten, sei schwierig. Die Medizin befinde sich in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Fortschritt, Ethik und Ökonomie.




Der demografische Wandel und Fortschritte in der Medizin stellen das Gesundheitswesen vor Herausforde­rungen.

Foto: Fotolia/Monkey Business


Die Ökonomie behindere den Fortschritt, beklagte Dr. Engelbert Günster von Boehringer Ingelheim auf der Veranstaltung. Die Politik reagiere auf steigende Gesundheitskosten reflexartig mit Regulierung. In den letzten 14 Jahren seien zwölf Änderungsgesetze zum Gesundheitssystem verabschiedet worden. Mit den Reformen würden immer neue Marktzugangshürden für neue Arzneimittel eingeführt. Die Regulierung führe zudem zu einem zögerlichen Einsatz neuer Arzneimittel. Der Statistik zufolge betrage der Anteil der neu auf den Markt gekommenen Präparate (in den vergangenen fünf Jahren) nach verordneten Packungen in Deutschland 6 Prozent. Damit liege Deutschland in Europa »ganz hinten«, so Günster. Dabei rechne sich der Einsatz von effizienten neuen Arzneimitteln, wenn man Aspekte wie Verhinderung von Arbeitsausfall, von Chronifizierung und die kürzere Verweildauer im Krankenhaus berücksichtige.

 

Eine Analyse der Gesamtkosten unterbleibe aber in der Regel. Günster warb für den Einsatz neuer Medikamente: Man müsse den einzelnen Schritten im Fortschritt eine Chance geben, um einen Sprung machen zu können. Zudem sei zu bedenken, dass die Entwicklung eines neuen Medikamentes etwa 750 Millionen Euro koste. Um die Effizienz des Gesundheitssystems zu verbessern, sei eine ganzheitliche Denkweise nötig und eine Vernetzung der einzelnen Sektoren.

 

Auf die finanziellen Probleme der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ging Martin Schneider vom Verband der Ersatzkassen (vdek) ein. Das Hauptproblem auf der Einnahmenseite sei die Kopplung der GKV-Einnahmen an die Gehälter. »Deutschland hat den niedrigsten Lohnzuwachs in Europa«, so Schneider. Das Bruttoinlandsprodukt sei in den vergangenen Jahren doppelt so stark gewachsen wie die beitragspflichtigen Einnahmen. Das Finanzierungssystem müsste geändert werden. Doch der Streit um Bürgerversicherung und Kopfpauschale sei noch nicht entschieden.

 

Deshalb seien in nächster Zeit keine tiefgreifenden Änderung zu erwarten. Es gebe keine strukturellen Reformen, sondern nur »Kostendämpfungsgesetze«, kritisierte Schneider. Trotz allem steige die Ausgabenseite immer weiter. Welche Rolle die demografische Entwicklung dabei spiele, sei unter Experten noch umstritten. Eventuell führe sie nicht zu einem Kostenanstieg, sondern zu einer Verschiebung der Ausgaben von jüngeren zu älteren Versicherten.

 

Über Priorisierung nachdenken

 

Die demografische Entwicklung werde die medizinischen Versorgungsstrukturen verändern, sagte Professor Dr. Frieder Hessenauer, Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. »Demnächst wird jeder dritte Krankenhauspatient älter als 80 Jahre sein.« Dies bedeute längere Verweildauern in der Klinik und mehr Demenzerkrankungen. Die Altersmedizin werde zunehmend wichtig. Zudem müsste sich die Gesellschaft grundsätzlich darüber klar werden, wie viel sie bereit ist, für Gesundheit auszugeben, und ob eine Priorisierung nötig ist. »Ärzte wollen keine Streichungen«, stellte Hessenauer klar. »Wir wollen uns in Ruhe um unsere Patienten kümmern, ohne den starken ökonomischen Druck und den Zeitdruck.«

 

Der Apotheker könnte dazu beitragen, Wirtschaftlichkeitsreserven im Gesundheitssystem zu erschließen, sagte Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz. Als Beispiel nannte er die Steigerung der Adhärenzraten, die zum Teil »alarmierend gering« seien. Untersuchungen zufolge ließe sich über die Verbesserung der Adhärenz ein größerer Nutzen erzielen als durch die Verbesserung der medizinischen Therapieoptionen.

 

Hier könne sich der Apotheker einbringen und die Umsetzung der ärztlich verordneten Therapie verbessern. Das Tätigkeitsfeld des Apothekers gehe weit über das »Aushändigen der Schachtel« hinaus. Die Politik sollte dieses pharmazeutische Fachwissen nutzen, und die Apotheke nicht nur als Teil der Handelskette begreifen. Der Apotheker sei vielmehr ein »Teil des therapeutischen Teams«. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2010

 

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