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Tinnitus: Ich höre was, was Du nicht hörst

TITEL

 
Tinnitus


Ich höre was, was Du nicht hörst


Von Holger Stark / Phantomgeräusche ohne äußere Schallquelle beim Tinnitus sind Phantomschmerzen in Armen oder Beinen nach einer Amputation vergleichbar, da jeweils ohne äußeres Korrelat schwerwiegende gesundheitliche Beschwerden und Beeinträchtigungen eintreten können.

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Quälende Symptome wie plötzliches oder auch langsam einsetzendes Pfeifen, Summen, Dröhnen, Zirpen, Zischen, Knacken, Rauschen oder Brummen im Ohr führen oftmals zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität mit Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depressionen. Schätzungen gemäß leiden in Deutschland circa 10 Millionen Bundesbürger unter dem quälenden Terror im Kopf. Circa 2,7 Millionen Tinnitus-Patienten (tinnire, lat. = klingeln) sind behandlungsbedürftig. Jährlich erkranken in Deutschland 340 000 Menschen neu (1).

 

Anhaltende Tyrannei

 

Die moderne Welt ist lauter geworden. Der Lärm hat im Laufe der letzten Jahrhunderte bedeutend zugenommen. Unter anderem vor der unsachgemäßen Anwendung von Walkmen und MP3-Playern wird gewarnt. Als alarmierend gilt, dass allein 80 Prozent der jugendlichen Disco-Besucher immer wieder unter Tinnitus leiden (Abbildung 1). Die Rede ist von einer Zivilisations- und Volkskrankheit (2,3).




Abbildung 1: Lange, lautstarke Nächte in Diskotheken gelten als Hauptursache für die Entstehung von Tinnitus bei Jugendlichen.

Foto: Superbild


Auch wenn die Lebensbedingungen zu Zeiten von Paracelsus noch nicht von zum Teil ohrenbetäubenden Straßen-, Flugzeug-, Bahn- oder Maschinengeräuschen am Arbeitsplatz beziehungsweise neuen Hörgewohnheiten mit steigenden Lärmpegeln geprägt waren, so hob der Arzt, Mystiker und Philosoph jedoch bereits um 1500 in seiner Schrift »Die Grosse Wundarzney« starken Lärm als eine Hauptursache für Tinnitus hervor.

 

Hören ist meist die erste Empfindung des Menschen. Die Bedeutung des Hörens als Sinneswahrnehmung, die mit Ohrgeräuschen einhergehen kann, lässt folgendes Experiment mit hörgesunden jungen Probanden erahnen. In einer amerikanischen Studie in einem schallisolierten Raum zeigte sich bei über 90 Prozent der Teilnehmer bereits nach fünf Minuten eine Tinnitus-Wahrnehmung. Tinnitus ist daher keine Erkrankung, sondern eher als ein Symptom oder ein Syndrom anzusehen.

 

Klagten und klagen viele Personen des öffentlichen Lebens über die anhaltende Tyrannei im Kopf, so litt auch Ludwig van Beethoven an quälenden Ohrgeräuschen, vermutlich infolge einer Otosklerose mit zunehmendem Hörverlust. 1801 schrieb er einem seiner Jugendfreunde: »Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort, ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu«. Zivilisationskrankheit hin, Volkskrankheit her: Diskutiert wird, ob die Zahl der Erkrankungen im Laufe der Jahrzehnte tatsächlich gestiegen ist, oder lediglich mehr Patienten ärztliche Hilfe suchen.

 

Ohne den tatsächlichen Leidensdruck der Betroffenen zu berücksichtigen, wurden Ohrgeräusche in populärwissenschaftlichen Artikeln häufig in den Bereich der »erfundenen Krankheiten« gerückt. Weil die Tinnitus-Symptome nicht objektiv messbar sind, gab und gibt es immer wieder Zweifler an der Wahrhaftigkeit der Beschwerden. Tatsache ist, dass ein Großteil der Bevölkerung, wenn auch vorübergehend, so doch mindestens einmal im Leben eine mehr oder weniger ausgeprägte Tinnitus-Erfahrung macht.

 

Dauerhafte Ohrgeräusche können zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Lebensführung bis hin zu Depressionen, Arbeitsunfähigkeit und Suizidandrohungen führen. Sehr häufig (42,6 Prozent) tritt Tinnitus ohne erkennbare äußere Ursache auf. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Prävalenz und Inzidenz nehmen im Alter zu, aber auch Kinder und Jugendliche erkranken, wobei hier, um es der Bedeutung halber noch einmal zu betonen, Traumata und Innenohrschädigungen infolge großer Lärmexpositionen durch lange Nächte in Diskotheken oder Rockkonzerten Hauptursache sind.

 

Verschiedene Schweregrade

 

Tinnitus kann nicht nur durch Lärm (23,6 Prozent), Stress (2,5 Prozent) oder Otosklerose hervorgerufen werden. Häufig lösen Erkrankungen wie Otitis media und externa, virale und bakterielle Infektionen, Hörsturz durch seelische Belastungen und hier zum Beispiel Burn-out, aber auch Tauch­unfälle, Tumore, Morbus Meniere, Verspannungen im Hals-/Nackenbereich, Depressionen, Angststörungen, Schilddrüsenfehlfunktionen, Hyperlipidämie oder Kreislaufbeschwerden das »Ohrensausen« aus. Auch Arzneistoffe können mit 3,4 Prozent zu diesem Syndrom beitragen (Abbildung 2). Neben Salicylaten gelten unter anderem Aminoglykosid-Antibiotika, Schleifendiuretika, Chemotherapeutika oder Malaria-Medikamente als ototoxisch. Der Tinnitus klingt jedoch nach Absetzen der Medikamente zumeist wieder ab.




Abbildung 2: Neben übermäßigem Lärm können unter anderem spezifische Medikamente, Stress oder auch Infektionen mit »Ohrensausen« einhergehen.

Definitionsgemäß werden der seltene objektive und der in 99 Prozent der Krankheitsfälle auftretende subjektive Tinnitus (ICD-10 WH) unterschieden. Beim objektiven Tinnitus, der unter anderem auch durch Gefäßmissbil­dungen oder Tubenfunktionsstörun­gen entsteht, kann der Arzt die infolge genannter Grunderkrankungen bedingten Geräusche zum Beispiel mit dem Stethoskop identifizieren. Der subjektive, von anderen nicht hörbare Tinnitus kann als Tinnitus aureus mit Innenohrgeräuschen beziehungsweise als Tinnitus cerebri mit Kopfgeräuschen verbunden sein. Diese Geräusche können uni- (60 Prozent) oder bilateral (40 Prozent), aber auch mittig auftreten.

 

Von größerer Bedeutung ist die Klassifizierung nach Verlaufsdauer: So hält der akute Tinnitus weniger als drei Monate, der subakute Tinnitus bereits drei bis sechs Monate, der chronische Tinnitus schon mehr als sechs beziehungsweise zwölf Monate an.

 

Größte Praxisrelevanz hat die Einteilung nach Schweregraden (4). So steht Grad I für die kompensierte, also bewältigte Wahrnehmung von Ohrgeräuschen, die keinen Leidensdruck ausüben und 35 bis 40 Prozent aller Krankheitsfälle ausmachen. Tinnitus Grad II (11 bis 17 Prozent) wird vom Patienten hauptsächlich in der Stille wahrgenommen, aber auch bei Stress und anderen psychischen oder physischen Beschwerden als belastend empfunden. Grad III (8 Prozent) geht mit emotionalen, kognitiven und körperlichen Beschwerden und somit der dauerhaften Beeinträchtigung des privaten und beruflichen Lebens einher. Grad IV (0,5 Prozent) ist von der völligen Dekompensation, also mangelnden Bewältigung der Auswirkungen der störenden Symptome gekennzeichnet. Dekompensiert und somit sehr belastend sind die Schweregrade III und IV in jedem Fall behandlungsbedürftig.

 

Wurde früher vermutet, dass Durchblutungsstörungen des Innenohrs zu einem hohen Sauerstoffdefizit und somit zu Tinnitus führen, zeigen neuere Erkenntnisse, dass gestörte Innervationen der peripheren und zentralen Hörbahnen sowie die gestörte Balance zwischen inhibitorischen und exzitatorischen Signalen für die Entstehung maßgeblich verantwortlich sind (5). Da die komplexen neuronalen Verschaltungen sowohl der Hörbahnen als auch des Innenohres von zahlreichen Neurotransmittern gesteuert werden, sind die meisten dieser Signalstoffe mehr oder weniger an der Entstehung beziehungsweise Chronifizierung des Tinnitus beteiligt.

 

Wunderwerk der Natur

 

Um die Pathophysiologie der Hörstörungen beim Tinnitus besser zu verstehen, soll zunächst die Anatomie des Ohres sowie des Hörvorgangs in Erinnerung gerufen werden. Worte oder Musik, Töne oder Klänge: Die Ohrmuscheln fangen die Schallwellen äußerer akustischer Signale auf. Diese werden per Luftleitung weitergetragen und treffen auf das Trommelfell als dünnes Häutchen zwischen dem äußeren Ohr und dem Mittelohr. Durch den Rhythmus der Schallwellen wird es ebenso in Schwingungen versetzt. Über die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel des Mittelohrs werden die Schwingungen mechanisch in die Natrium- beziehungsweise Kalium-ionenreiche Peri- und Endolymphe der Hörschnecke im Innenohr und dort als Wanderwellen in das Corti-Organ, das Sinnes-Epithel der Hörschnecke, weitergeleitet. Das nach dem italienischen Anatom Corti benannte eigentliche Hörorgan in der Schnecke (Cochlea) des Innenohres ermöglicht die Umwandlung der mechanischen in bioelektrische Signale.




Abbildung 3: Elektronenmiskroskopische Aufnahme von Haarzellen im Innenohr, die in der Lymphe schwingen.

Foto: PZ/Archiv


In mehreren Reihen sind dort circa 27 000 Haarzellen (Abbildung 3) angeordnet. Sie bestehen aus einem Zellkörper, dem ein Haarbündel aufsitzt. Diese werden gemäß der durch die Stärke der Schallwellen gepräg­ten Schwingungen der Lymphe ausgelenkt und öffnen oder schließen so die angrenzenden Ionenkanäle der Hörzellen. Durch den Einstrom von Kaliumionen werden diese erregt, wobei wiederum im Zellinneren die Öffnung weiterer Ionenkanäle bewirkt wird. Durch Depolarisation des Hörnervs schließlich werden verstärkt Neurotransmitter bis hin zum auditorischen Cortex im Großhirn ausgeschüttet. Dort werden die ankommenden Signale in Klänge und Sprache übersetzt.

 

Physikalische Schallereignisse werden durch Umsetzung in mechanische und bioelektrische Reize letztlich als psychoakustische Empfindungsgrößen wahrgenommen (Abbildung 4). Das Schallereignis (Schalldruckpegel, Frequenz, Spektrum) wird in ein Hörereignis (Lautstärke, Ton, Klang) transformiert. Nicht mit den Ohren, sondern mit dem Gehirn hören wir, das sich durch große Plastizität gemäß der individuellen Hörfähigkeit auszeichnet.




Abbildung 4: Physikalische Schallereignisse werden durch Umsetzung in mechanische und biolelektrische Reize letztlich zentral in Töne und Klänge übersetzt.


Generell sind die meisten Hörstörungen mit Fehlfunktionen der Haarzellen verbunden. So werden diese durch zu starke Schall- und Druckwellen zum Beispiel bei Lärm im wahrsten Sinne des Wortes »umgehauen« und zu Boden gedrückt. Sie liegen flach und können sich aus eigener Kraft nur selten wieder aufrichten. Der akustische Tsunami hinterlässt ein Trümmerfeld auch in umliegenden Gewebearealen. Es kann zu Gefäßkrämpfen und Schleimhautschwellungen kommen.

 

Vermutet wird, dass nicht nur die Mikro­zirkulation beziehungsweise Sauer- und Nährstoffversorgung brach liegt. Durch die chaotische Innervation in den verletzten Ionenkanälen der Sinneszellen scheinen unkoordiniert weiter Ionen zu strömen, die das Gehirn wiederum fehlinterpretiert und als Rauschen, Pfeifen, Knarren, Klingeln oder Brummen an eines oder beide Ohren »rückmeldet«. 


Selbsthilfegruppen

Als hilfreich empfinden viele Betroffene den Informationsaustausch in Selbsthilfegruppen. Bei der Suche hilft die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL), Wuppertal, die Internetadresse lautet www.tinnitus-liga.de. Die DTL betont, dass Tinnitus-Bewältigung ein lebenslanger Prozess sein kann, der geistige und körperliche Aktivität sowie die Übernahme von Selbstverantwortung bedeutet. Tinnitus sei kein unentrinnbares Schicksal, sondern Impuls für ein verändertes Leben. 


Langfristig kann diese Fehlcodierung zu einem krankhaft veränderten Lernverhalten und Adaptionsprozess der Sinneswahrnehmung in unterschiedlichen Hirn­arealen führen. Die Einprägung der Phantom-Klänge im Gehirn trägt wiederum dazu bei, dass der Tinnitus anhält oder gar zunimmt. Dies ist mit eine Erklärung, wa­rum über 40 Prozent der Tinnitus-Patienten unter extremer Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) leiden.

 

Dringender Handlungsbedarf

 

Wie der plötzliche Hörsturz kann auch der akute Tinnitus sofortiges Handeln erforderlich machen. Die ersten 24 Stunden können entscheidend für die Prognose sein. Zumeist ambulant werden in der Ersttherapie über zehn Tage Plasmaersatzstoffe wie Hydroxyethylstärke (HES) oder niedermolekulare Dextrane infundiert, um die Mikrozirkulation und Durchblutung im Innenohr durch Vergrößerung des Blutvolumens in den Gefäßen zu fördern. In der Hoffnung, dass diese sich wieder regenerieren, soll so eine bessere Versorgung der Haarzellen gewährleistet werden.

 

Zur Herabsetzung der Viskosität des Blutes und Erhöhung der Fließgeschwindigkeit wird zudem Pentoxifyllin verabreicht. Darüber hinaus kommen Glucocorticoide gegen Gewebs-Entzündungen und -Schwellungen zum Einsatz. Insbesondere die Gabe von Hydroxyethylstärke kann mit starken Nebenwirkungen einhergehen. Sie kann quälenden Juckreiz am ganzen Körper verursachen. Nutzen und Risiken von HES-Infusionen müssen daher sorgfältig gegeneinander abgewogen werden (6).

 

Je höher der Schweregrad der Ohrgeräusche ist, umso dringender kann die stationäre Therapie unumgänglich werden. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen wie Krampfanfälle, zentrale Atemlähmung und Herz-Kreislauf-Versagen bei Überdosierung muss auch die kontrovers diskutierte intravenöse Gabe von Natrium/Kalium-Kanal-Blockern wie Lidocain oder Procain zur Modulation der gestörten Ionentransportprozesse in den Haarzellen stationär erfolgen. Es liegen jedoch bislang kaum größere evidenzbasierte Studien vor, die einen eindeutigen Vorteil der Lidocain- oder Procain-Gabe aufzeigen würden.




Abbildung 5: Die HBO in luftdichten Druckkammern unter medizinischer Überwachung wird kontrovers diskutiert.

Foto: Superbild


Gleiches gilt für die ebenso kontrovers diskutierte Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) (7) (Abbildung 5). Bei dieser Therapieform atmen Patienten in luftdichten Druckkammern über eine Gesichtsmaske Sauerstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck ein. Auch hier kann es zu schweren Nebenwirkungen wie Lungenschäden, Krampfanfällen, Übelkeit und Erbrechen oder Rupturen des Trommelfells kommen. Auch hier konnten kontrollierte wissenschaftliche Studien bislang keinen generellen Wirksamkeitsnachweis erbringen.

 

Häufig und gesundheitlich stark belastend ist die Chronifizierung des Tinnitus. Sehr oft gerät der Patient in einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis (Abbildung 6). Die enorme innere Geräuschbelastung geht mit einem stark vermehrten Ruhebedürfnis einher.




Abbildung 6: Sehr oft gerät der Tinnitus-Patient in einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis.

In Stille werden die Tinnitus-Geräusche jedoch häufig noch verstärkt wahrgenom­men und führen zu einer erhöhten Sensi­bilisierung und Empfindlichkeit, die wiederum Schlafstörungen, Angst und Stress sowie langfristig die physische und psychische Dekompensation steigern kann. In der ärztlichen Praxis kann der Einsatz spezieller Tinnitus-Fragebögen zur Abschätzung des Schweregrades eines chronischen Tinnitus sinnvoll sein (Abbildung 7).

 

Off label kamen und kommen insbeson­dere beim chronischen Tinnitus ver­suchs­weise membranstabilisierende Medi­kamen­te wie Antiarrhytmika (Tocainid; in Deutschland nicht mehr erhältlich), Antikonvulsiva (Carbamaze­pin) oder Calciumantagonisten (Nimodi­pin) zum Einsatz. Vor allem beim de­kompensierten Tinnitus können Schlaf­mittel sowie Psychopharmaka wie zum Beispiel Serotonin-Wiederaufnahmehem­mer oder trizyklische Antidepressiva gegen Angst und Depressionen sinnvoll sein (8). Kontrollierte klinische Studien liegen jedoch ebenfalls nicht vor.




Abbildung 7: Spezielle Fragebögen können zur Abschätzung des Schweregrades eines chronischen Tinnitus beitragen. (Zum Vergrößern klicken!)

Der Verbesserung der Sauerstoffversorgung und Mikrozirkulation soll auch die Gabe von Ginkgo biloba dienen. Mindestens 19 verschiedene Studien belegen den Vorteil von Ginkgo gegenüber Placebo. Auch diese Studien werden jedoch zumeist den Anforderungen an ein modernes Studiendesign nicht gerecht. Für die Aufnahme in Cochran-Metastudien sind sie oftmals nicht geeignet (9). Werden Cochran-Maßstäbe angesetzt, ist ein signifikanter Vorteil gegenüber Placebo nicht gegeben. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Spontanheilungsrate hoch ist, ist ein Wirksamkeitsnachweis aufwendig und schwierig. Der Ginkgo-biloba-Einsatz ist jedoch gerade bei langwierigen Krankheitsverläufen nicht zu unterschätzen und sei es als eine intensivierte Placebo-Therapie mit guten Erfolgsaussichten, die aus ethischen Gründen allerdings kontrovers zu diskutieren wäre.

 

Ausstieg aus dem Teufelskreis

 

Eine kausale Therapie existiert aktuell nicht. Derzeitige Behandlungsansätze zielen auf die Linderung der Symptomatik sowie die Verbesserung der Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit der Patienten. Als wirksamste Therapiemethode bei chronischen Ohrgeräuschen gilt die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT), die aus psychologischer Betreuung, dem Erlernen von Ent­span­nungs­tech­niken wie Yoga oder Thai- Chi et cetera, der intensiven Aufklärung und Beratung (Counselling) sowie dem Einsatz von Rausch-Generatoren besteht (10).

 

Im Rahmen der Beratung wird der Patient detailliert über die anatomischen Strukturen des Ohres sowie über Ursachen und Entstehung des Tinnitus informiert (11). Er lernt, den Tinnitus nicht länger als Gefahr zu bewerten und das »unheildrohende Phantom« im Kopf in eine »belanglose Nebensache« umzudeuten. Gelingt dieses, stören die Ohrgeräusche nicht mehr, etwa vergleichbar mit Menschen, die in der Nähe von Bahngleisen leben und den Krach der vorbeifahrenden Züge durch Adaption »überhören«.

 

In der TRT werden auch sogenannte Tinnitus-Noiser/Masker unter anderem in Form von Kopfhörern oder Lautsprechern eingesetzt. Sie werden oft auch wie ein Hörgerät angepasst und getragen und senden ein Breitbandrauschen aus einer Mischung aller für das menschliche Ohr wahrnehmbaren Frequenzen aus (12). Mit verschiedenen Filtersystemen unterscheidet das Gehirn wichtige von unwichtigen Geräuschen. Das gleichförmige Dauergeräusch stuft es als unwichtig ein. Durch das Rauschen des Tinnitus-Noisers tritt der Tinnitus in den Hintergrund. Der Patient kann sich wieder auf Umgebungsgeräusche konzentrieren. Das Rauschen und Pfeifen im Kopf wird schließlich ganz ausgeblendet. Dieser Lernprozess dauert meistens ein bis zwei Jahre an.  

 

Sehr erfolgreich scheint auch die derzeit in Erprobung befindliche maßgeschneiderte Musiktherapie (target notched music) zu sein (13). Eine Arbeitsgruppe aus Münster ließ Tinnitus-Patienten Placebo-kontrolliert sechs bis 12 Monate lang über Kopfhörer ausgewählte Musikstücke hören, bei denen die spezifischen Frequenzbereiche ihrer Ohrgeräusche mithilfe moderner Techniken herausgeschnitten worden waren. Es zeigte sich, dass die Patienten die fehlende Frequenz in die so modifizierte Musik integrierten und der Tinnitus sich reduzierte beziehungsweise dabei verloren ging.

 

Zum besseren Umgang des Patienten mit den chronischen Ohrgeräuschen tragen auch Psycho- und kognitive Verhaltenstherapie sowie Entspannungsverfahren wie Biofeedback, autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson bei.

 

Die Durchtrennung von Hörnerven zeigt keine Erfolge, ja kann gegebenenfalls sogar mit der Verstärkung des Tinnitus einhergehen. Operative Maßnahmen erlauben heute die Applikation eines Cochlea-Implantats, das innerhalb der Hörschnecke gerichtete elektrische Impulse abgeben kann. Ebenfalls über elektrische Impulse funktioniert die transcutane elektrisch neuronale Stimulation (TENS), für die es früher kommerziell erhältliche Geräte gab, deren Herstellung aber vor einigen Jahren eingestellt wurde. Dagegen erfährt die repetitive transkranielle Magnetstimulation ein Wiederaufleben als alternative Therapieform (14).

 

Neue Therapie-Ansätze

 

Auch neue medikamentöse Tinnitus-Therapieansätze werden diskutiert beziehungsweise getestet (15). So befindet sich derzeit der gleichermaßen antiemetisch und anxiolytisch wirkende selektive Neurokinin-1-Rezeptorantagonist Vestipitant allein beziehungsweise in Kombination mit dem Serotonin-Reuptake-Hemmer Paroxetin in Phase 2 der klinischen Prüfung. An den inneren Haarzellen, so weiß man heute, sind Neurokininrezeptoren lokalisiert, die gleichermaßen der Schmerzweiterleitung und Entzündungsentstehung durch Substanz P dienen.




Abbildung 8: Hörschutz sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Freizeit kann unumgänglich werden, um das Gehör vor dauerhaften Schäden zu bewahren.

Foto: Superbild


Als oral verfügbarer Stimulator der Gluthathion-Peroxidase im Innenohr wird zudem in Phase 2 die Selenverbindung Ebselen getestet, der anti­oxidative und damit protektive Effekte zugeschrie­ben werden. Geprüft wird in Phase 2 des Weite­ren, ob der Na+-Kanalblocker Lidocain als trans­dermales therapeutisches System (TTS) zur An­wendung in Nähe des Ohres gebracht werden kann. Durch den NMDA-Rezeptor­antagonisten AM-101, der sich ebenfalls in Phase 2 der klini­schen Prüfung befindet, soll die glutamaterge Innovation gehemmt werden.

 

Als multipler Ionenkanalblocker befindet sich derzeit das Cyclohexanamin-Derivat Nera­mexan in Phase 3 der klinischen Prüfung (16). Nera­me­xan erinnert strukturell stark an das verwandte und ebenfalls in der Tinnitus-Therapie diskutierte Memantin und hemmt wie dieses gluta­materge NMDA-Rezeptoren an den äußeren Haarzellen. Gleichzeitig werden α9, α10- Untertypen nicotinerger Acetylcholin-Rezeptoren auf den inneren Haarzellen blockiert. Die Neramexan-vermittelte Hemmung der NMDA-Rezeptoren führt zu einer Neuroprotektion, während die Hemmung der cholinergen Ionenkanäle eher eine Zytoprotektion bewirken soll.

 

Die bisher veröffentlichten Daten der doppelblind placebokontrollierten Phase-II-Studie an 150 Patienten belegen, dass Dosierungen von 50 mg und 75 mg pro Tag gegenüber Placebo signifikant verbesserte Therapieerfolge bei Tinnitus zeigen. Die Therapieerfolge wurden mittels des vorgestellten Mini-TF12-Bewertungsschema quantifiziert. In naher Zukunft wird aufgrund dieser Daten vermutlich die Zulassung zur Tinnitus-Therapie beantragt werden.

 

So wie es verschiedene Arten mit unterschiedlichen Schweregraden des Tinnitus gibt, so wird es jedoch auch zukünftig nicht »die« Tinnitus-Behandlung geben (17). Jeder Betroffene muss seine ganz individuelle Lösung suchen und eigene Bewältigungsform finden. Es ist Aufgabe des Apothekers, dem Patienten dieses in der Beratung zu vermitteln, ihm bei der Suche nach passenden Therapieoptionen behilflich zu sein und ihn auch auf die Bedeutung von Entspannungsverfahren, Sport und Ernährung zu verweisen. Stichwort »Prävention«: Generell sind Stressmanagement und »Hörhygiene«, also Hörschutz (Abbildung 8) sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Freizeit, unumgänglich, um das Gehör vor dauerhaften Schäden zu schützen. /


Literatur

  1. G. Hesse. Tinnitus. Thieme-Verlag, Stuttgart, 2008.
  2. S. Holmes, N. D. Padgham. Review paper: More than ringing in the ears: A review of Tinnitus and its psychosocial impact. J. Clin. Nurs. 2009, 18, 2927-2937.
  3. A. H. Lockwood, R. J. Salvi, R. F. Burkhard. Tinnitus.New Engl. J. Med. 2002, 347, 904-910.
  4. M. Koester, C. Storck, P. Zorowka. Geräusche im Ohr: Wie hoch ist der Leidensdruck? MMW-Fortschr. Med. 2004, 1-2, 23-28.
  5. J. J. Eggermont. Tinnitus: Neurobiological substrates. Drug Design Disc. 2005, 10, 1283-1290.
  6. R. Salvi, E. Lobarinas, W. Sun. Pharmacological treatments for tinnitus: New and old. Drugs Fut. 2009, 34, 381-400.
  7. M. H. Bennett, T. Kertesz, M. Perleth, P. Yeung. Hyperbaric oxygen for idiopathic sudden sensorineural hearing loss and tinnitus.Cochrane Database Syst Rev. 2010, 1.
  8. P. Baldo, C. Doree, R. Lazzarini, P. Molin, D. McFerran. Antidepressants for patients with tinnitus. Cochrane Database Syst. Rev. 2009, 4.
  9. M. P. Hilton, E. L. Stuart. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst. Rev. 2010, 3.
  10. J. S. Phillips, D. McFerran. Tinnitus Retraining Therapy (TRT) for tinnitus. Cochrane Database Syst. Rev. 2010, 3.
  11. P. Martinez-Devesa, A. Waddell, R. Perera, M. Theodoulou. Cognitive behavioural therapy for tinnitus.Cochrane Database Syst. Rev. 2009, 1.
  12. G. Goebel, H. V. Wedel. Tinnitus und Hyperakusis: apparativ-akustische Therapie – Teil I, Geräusche als Therapie. HNO-Nachrichten 2005, 2, 32-36.
  13. H. Okamoto, H. Stracke, W. Stoll, C. Pantev. Listening to tailor-made notched music reduces tinnitus loudness and tinnitus-related auditory cortex activity. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 2010, 107, 1207-1210.
  14. S. Vanneste, M. Plazier, E. van der Loo et al. Burst transcranial magnetic stimulation: Which tinnitus characteristics influence the amount of transient tinnitus suppression? Eur. J. Neurol. 2010, 66, 986-990.
  15. A. B. Elgoyhen, B. Langguth. Pharmacological approaches to the treatment of tinnitus. Drug Disc. Today 2010, 15, 300-305.
  16. P.V. Plazas, J. Savino, S. Kracun et al. Inhibition of the α9,α10 nicotinergic cholinergic receptor by neramexane, an open channel blocker of N-methyl-d-aspartate receptors. Eur. J. Pharmacol. 2007, 566, 11-19.
  17. AWMF-Leitlinienregister Nr 17/064 Tinnitus,H.P. Zenner et al. (leitlinien.net beziehungsweise www.arztbibliothek.de/mdb/downloads/tinnitus/dghno/tinnitus.pdf, Zugriff 22.9.2010)

Der Autor

Holger Stark studierte von 1982 bis 1986 Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Nach der Approbation (1987) sowie der Promotion (1991) über Prodrugs und Histamin-H3-Rezeptorantagonisten bei Professor Dr. W. Schunack in Berlin und Habilitation im Fach Pharmazeutische Chemie (1999) über neue Liganden des Dopamin-D3-Rezeptors ist Stark seit 2000 Professor für Pharmazeutische/Medizinische Chemie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt/Main. Stark ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften. Seit 2002 stellvertretender geschäftsführender Direktor des Instituts für Pharmazeutische Chemie ist er seit 2004 auch Vorsitzender der DPhG-Landesgruppe Hessen. Im Fokus seiner wissenschaftlichen Arbeit steht die Entwicklung des klinischen Kandidaten Pitolisan (Phase III) als mögliches Add-on-Pharmakon zur Behandlung der Narkolepsie.

 

Professor Dr. Holger Stark

Johann-Wolfgang-Goethe-Universität

Institut für Pharmazeutische Chemie, Biozentrum

ZAFES/LiFF/NeFF/CMP

Max-von-Laue-Str. 9

60438 Frankfurt am Main

h.stark(at)pharmchem.uni-frankfurt.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2010

 

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