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Aids: Positiv zusammen leben

MAGAZIN

 
Aids

Positiv zusammen leben


Von Ulrike Abel-Wanek / »Genießen Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt«. Diesen hilflosen Rat bekam Matthias Gerschwitz 1994 von dem Arzt, der seine HIV-Infektion diagnostizierte. Der heute 51-Jährige Gerschwitz ist einer der Protagonisten der diesjährigen Welt-Aids-Tag-Kampagne.

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PZ: Jedes Jahr zum Welt-Aids-Tag startet auch in Deutschland eine Kampagne des Bundesministeriums für Gesundheit gegen die Diskriminierung HIV-Infizierter, diesmal unter dem Motto: »Positiv zusammen leben. Aber sicher.« Was ist an dieser Kampagne anders als früher?

 

Gerschwitz: Jetzt stehen da Menschen, die selber betroffen sind. Die sprechen von und nicht über etwas. Das ist authentischer, als prominente Gesichter zu plakatieren oder Kondome abzubilden. Bei der jetzigen Kampagne gibt es sechs Protagonisten: Dirk, Kay, Markus, Hildegard, Renate und mich. Wir geben Einblick in unser Leben und werben so für Respekt und Akzeptanz.




Foto: Fotolia/Rare


PZ: Was will die Kampagne erreichen, und an wen richtet sie sich?

 

Gerschwitz: Einerseits soll sie zeigen, dass HIV-Positive keine Monster sind. Andererseits, das ist meine Interpretation, müssen auch Infizierte Rücksicht auf die Ängste Nicht-Infizierter nehmen. Wir alle sollten lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren.

 

In der rund 30-jährigen Geschichte von HIV kann man bestimmte Marken setzen: Nach der Entdeckung des Virus folgte dem Schock zunächst die Hilflosigkeit, bis es schließlich die ersten Medikamente gab. Die haben sich bis heute so verbessert, dass sie nicht nur lebensverlängernd sind, sondern dass wir Betroffenen wieder Lebensqualität und, bei konsequenter Arzneimitteleinnahme, eine gute Lebenserwartung haben. Das bedeutet: Wir führen Freundschaften und Beziehungen und haben einen Arbeitsplatz. Von den rund 70 000 Menschen, die in Deutschland von HIV oder Aids betroffen sind, steht mindestens die Hälfte in einem ganz normalen Arbeitsprozess. HIV ist also nicht mehr allein eine medizinische, sondern auch eine soziale und gesellschaftliche Herausforderung.

 

PZ: HIV am Arbeitsplatz ist aber nach wie vor ein Tabu.

 

Gerschwitz: Ja, leider. Weil es nach Bekanntwerden einer HIV-Infektion zu Mobbing, Karriereknick oder Kündigungen kommen kann. Arbeitgeber befürchten zudem, man sei nicht mehr so belastbar. Erfahrungen zeigen aber, dass »positive« Arbeitnehmer im Schnitt genauso leistungsfähig sind wie ihre Kollegen.

 

Auch die Angst vor Ansteckung sitzt immer noch tief – obwohl sie im alltäglichen Umgang in der Arbeitswelt so gut wie gar nicht möglich ist. Grundsätzlich ist die Infektionsgefahr aufgrund der Therapie ganz gering, die Viruslast liegt vielfach unter der Nachweisgrenze. Wir sind keine Viren-Schleudern mehr. Das ist den meisten Menschen aber überhaupt nicht bekannt. Das zu kommunizieren, ist der nächste große Schritt. Wir müssen in einen Dialog eintreten, und das bereitet die Kampagne vor.

 

PZ: Außer zum Welt-Aids-Tag und in Fachkreisen scheint das Thema HIV aus der Öffentlichkeit verschwunden zu sein. Warum?

 

Gerschwitz: Wer Angst davor hat, seinen Arbeitsplatz zu verlieren oder von Kollegen, Freunden und Familie abgelehnt zu werden, der sagt lieber nichts. Mit fatalen Folgen übrigens, denn wer diskriminiert wird, schützt sich und andere auch weniger. Außerdem werden wir häufig auf die Infektion reduziert und nicht als Menschen mit einer Krankheit gesehen. Hinzu kommt: Bewusst oder unbewusst wird den Menschen mit HIV selbst die Schuld an ihrer Situation gegeben. Das macht es noch schwerer, etwas über sich zu erzählen. Obwohl immer mehr Menschen in Deutschland mit HIV leben, wird immer weniger darüber gesprochen.

 

Außerdem gibt es ganz viel Verdrängung. Viele Leute glauben, es ginge sie einfach nichts an, weil sie keiner sogenannten Risikogruppe angehörten. Eine trügerische Einstellung, denn es kann jeden treffen. Speziell unter jungen Leuten herrscht viel Unwissen. Ich habe Sätze gehört wie: »HIV ist heilbar, es gibt ja Medikamente«, oder »Ich sehe schon, wenn jemand positiv ist.« Ich habe die Krise gekriegt und gemerkt: Das Thema HIV ist einfach noch nicht durch. Das war auch der Grund dafür, meine Geschichte aufzuschreiben.


Aids-Kampagne

Der erste Welt-Aids-Tag wurde 1988 von den Vereinten Nationen ausgerufen. Seitdem findet er jährlich am 1. Dezember statt. In Deutschland machen auch in diesem Jahr die drei großen mit HIV/Aids befassten Organisationen auf das Thema aufmerksam: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit dem Bundesministerium für Gesundheit, Deutsche Aids-Hilfe und Deutsche Aids-Stiftung. Die diesjährigen Themenschwerpunkte der Kampagne »Positiv zusammen leben. Aber sicher« sind: HIV und Arbeitswelt, Freundschaft und HIV und Einschränkung durch HIV.

 

Menschen mit HIV führen heute ein fast normales Leben, sind berufstätig, haben Freunde und Familie. Die Kampagne will ein selbstverständliches Miteinander fördern. Solange die Infektion noch tabuisiert wird, werden Betroffene aus Angst vor Ausgrenzung und Ablehnung weiter schweigen.

 

Weitere Informationen unter www.welt-aids-tag.de.


PZ: Ihr Buch »Endlich mal was Positives« wurde ausgezeichnet und ist sehr erfolgreich. Eins ist es aber sicher nicht: Betroffenheitsliteratur.

 

Gerschwitz: Nein, es ist offensiv und optimistisch, und vielleicht deshalb auch provokativ. Ich wurde schon gefragt, ob ich mit dieser Art zu denken der Infektion nicht den Schrecken nähme. Das tue ich natürlich nicht. Ich schreibe nicht über die Infektion, sondern den Umgang mit ihr. Der fällt deutlich leichter mit einer guten Portion Humor. »Ich war im Grunde meines Herzens schon immer ein positiver Mensch – da wollte der Körper nicht nachstehen.« An solchen Sätzen in meinem Buch scheiden sich die Geister. Aber wenn ich ein paar Leute bewegen kann, ihre Vorurteile zu überdenken und ihre Meinung zu ändern, dann ist viel gewonnen. An den Zuhörer-Reaktionen bei meinen Lesungen merke ich: Ihnen gefällt ein Buch, das »positiv« mit dem Thema umgeht, das einem Perspektive gibt – ob es einen selbst erwischt hat oder jemanden im Freundes- oder Familienkreis.

 

PZ: Wie sieht es mit Diskriminierung in Ihrem eigenen Leben aus, beispielsweise am Arbeitsplatz?

 

Gerschwitz: Ich bin freiberuflicher Werbefachmann, viele Projekte sind von kurzer Dauer und führen zu wenigen persönlichen Treffen. Hier sehe ich für ein »outing« keine Veranlassung. Ich gehe mit der Infektion nicht hausieren, allerdings verschweige ich sie auch nicht.

 

Ich entscheide von Fall zu Fall. Freunde, Familie und Berufspartner, zu denen ich häufig Kontakt habe, wissen alle Bescheid. Die Letzten, die es nicht wussten haben durch mein Buch erfahren, dass ich HIV-positiv bin.

 

Übrigens arbeite ich seit Längerem als Kommunikations-Berater für Apotheken, Schwerpunktpraxen und Verbände von Ärzten in der HIV-Versorgung. Mein Wissen über die Infektion und die Tatsache, dass ich »positiv« bin, vereinfacht die Zusammenarbeit erheblich. Die Erkrankung kann also auch gute Seiten haben.

 

Diskriminierung hatte ich bis vor Kurzem nicht am eigenen Leib erfahren. Mein soziales Umfeld war und ist bis heute sehr gut. Ausgerechnet in meiner Berliner Stammkneipe war es dann so weit: »Mit dem kann man nicht zusammenstehen. Weißt du nicht, dass der positiv ist?«, sagte jemand einem Freund, der es mir später weitererzählte.

 

PZ: Bonbons seien das nicht, die man zur antiretroviralen Therapie bekommt, schreiben Sie in Ihrem Buch. Und warnen vor einer sich ausweitenden »Pillenmentalität«.

 

Gerschwitz: Im Wissen um die modernen medizinischen Möglichkeiten ist die Bereitschaft für »Unsafe Sex« gestiegen. Einem »Unfall« ist ja dank der Pillen schnell abzuhelfen, so die Meinung einer ganzen Reihe von feierfreudigen Menschen. Die »PEP« oder Post-Exposions-Prophylaxe« ist ein Beispiel dafür. Sie dient der Vorbeugung vor HIV-Infektionen nach Risikokontakten. Zwar gibt es die nicht »auf Wunsch«, sondern nur, wenn die Indikation aus ärztlicher Sicht gegeben ist. Dennoch führt diese Art von Medikamentenhörigkeit den »Safer-Sex-Gedanken« komplett ad absurdum. Das halte ich für sehr gefährlich. Statt Prävention zu betreiben, werden außerdem auch noch starke Nebenwirkungen in Kauf genommen – eine zweifelhafte Folge des Fortschritts.

 

PZ: Sie vertragen die Therapie gut?

 

Gerschwitz: Ja, aber ich habe vieles auch erst lernen müssen. Aufgrund starker Nebenwirkungen hatte ich beispielsweise die Therapie vor einigen Jahren ohne Rücksprache unterbrochen. Die Folge waren katastrophale Blutwerte. Seitdem nehme ich die Tabletten regelmäßig. Es ist Routine geworden, aber noch kein Automatismus. Ich vergesse sie manchmal abends und muss dann wieder aufstehen, um sie zu nehmen. Mit zehn Stück am Tag liege ich im Mittelfeld, manche nehmen mehr, andere weniger. Die Versorgung ist sehr gut in Berlin, es gibt Schwerpunktapotheken, die gut bevorratet sind. »Meine« Apotheke ist die Witzleben-Apotheke am Kaiserdamm.

 

Die Tabletten vertrage ich recht gut, allerdings schlafe ich nachts schlecht und bin dann tagsüber müde. Wenn möglich, mache ich deshalb mittags eine Pause. Mit mittlerweile 51 Jahren weiß ich jedoch nicht: Was liegt an der Infektion, und was liegt am Alter? /


Matthias Gerschwitz:

Endlich mal was Positives.

Books on Demand 2009.

ISBN 978-3-8391-1843-6. 9,95 Euro.

www.endlich-mal-was-positives.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2010

 

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