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Interview: Auch der Lippenstift muss glutenfrei sein

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Interview

Auch der Lippenstift muss glutenfrei sein


Von Annette Immel-Sehr / Eine glutenfreie Diät konsequent im Alltag umzusetzen, ist für den Betroffenen eine Herausforderung. Schließlich muss er auf Lebensmittel verzichten, die vorher im wahrsten Sinn des Wortes »tägliches Brot« waren. Auch bei der Zubereitung in der Küche und beim Außer-Haus-Verzehr ist alles anders. Die PZ sprach mit Ellen Stemmer, Leiterin des Teams Ernährung bei der DZG e. V. in Stuttgart.

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PZ: Was fällt den Betroffenen, die sich glutenfrei ernähren müssen, am schwersten?

 

Stemmer: Es ist tatsächlich das Brot, das die meisten am stärksten vermissen. Glutenfreie Backwaren schmecken und riechen aufgrund der Nichtverwendung der klassischen Brotgetreide anders. Sie sehen auch anders aus. Wir empfehlen, das Brot zu toasten, denn der Röstgeschmack hilft oft über den Eigengeschmack hinweg. Viele vermissen auch die Nudeln. Denn glutenfreie Nudeln unterscheiden sich in Konsistenz und Aussehen von herkömmlichen Nudeln. Mittlerweile gibt es aber sehr gute glutenfreie Nudelsorten. Man muss es einfach ausprobieren, genau wie Brot und Backwaren.

 

PZ: Was kann beim Einkaufen helfen, glutenfreie Produkte zu finden?

 

Stemmer: Die DZG gibt eine Reihe von Listen mit glutenfreien Produkten heraus. Solche Listen gibt es für Lebensmittel, Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel und auch für Arzneimittel. Dort sind zum Beispiel alle glutenfreien Arzneimittel aufgeführt. Naturgemäß sind solche Listen ziemlich umfangreich. Zu Beginn ist es für die Betroffenen oft schwierig, damit Lebensmittel einkaufen zu gehen. Mit der Zeit lernt man das aber.

 

PZ: Warum brauchen die Betroffenen glutenfreie Kosmetika? Es handelt es sich doch um eine Darmerkrankung.

 

Stemmer: Zöliakie-Betroffene dürfen beispielsweise keine glutenhaltige Zahnpasta oder Lippenstift verwenden, denn es wird ja immer ein gewisser Teil verschluckt. Und Menschen mit einer Dermatitis herpetiformis Duhring reagieren auf glutenhaltige Externa mit Hautsymptomen.

 

PZ: Ist das nicht etwas übertrieben mit der Angst vor glutenhaltigem Lippenstift?

 

Stemmer: Nein, keinesfalls. Man geht davon aus, dass Zöliakie-Betroffene 20 ppm Gluten pro Tag sicher vertragen. Das entspricht einem Achtelgramm Weizenmehl! Der Einzelne verträgt vielleicht etwas mehr, aber niemand kennt seinen persönlichen Schwellenwert. Und bei den geringen Mengen, um die es hier geht, hat man keinen Spielraum. Ein bisschen glutenfrei gibt es nicht. Sobald man – bei wiederholten unbewussten oder bewussten Diätfehlern – über den Schwellenwert kommt, können die Antikörper im Blut ansteigen und die Dünndarmschleimhaut kann geschädigt werden, auch wenn möglicherweise keine Beschwerden auftreten.

 

PZ: Was bedeutet das für die Reinlichkeit in der Küche?

 

Stemmer: Hier muss man penibel aufpassen, damit Gluten nicht zum Beispiel über allgemein genutzte Bestecke ins Essen gelangt. Leider werden die Betroffenen oft belächelt, wenn sie es mit der Hygiene so genau nehmen. Manchmal werden die Eltern von Zöliakie-Kindern auch als hysterisch bezeichnet; das ist völlig unpassend.

 

PZ: Gibt es Hilfen, wie man sich außer Haus glutenfrei ernähren kann?

 

Stemmer: Die DZG hat einen Kur- und Ferienführer sowie Pocket Guides für deutsche Großstädte herausgebracht. Diese enthalten praktische Tipps und Listen von Geschäften, Restaurants und Hotels, die auf die Bedürfnisse von Zöliakie-Betroffenen eingestellt sind, sowie kleine Karten »Bitte an den Koch«. Die DZG bietet zudem Inhouse-Schulungen für interessierte Gastronomiebetriebe an. /


Lesen Sie dazu auch Zöliakie: Ein bisschen Gluten ist schon zu viel
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Beitrag erschienen in Ausgabe 46/2010

 

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