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Gesundheitswirtschaft: Mangel an Fachkräften erwartet

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Gesundheitswirtschaft

Mangel an Fachkräften erwartet


Von Martina Janning, Berlin / Fast eine Million Fachkräfte fehlen im Jahr 2030 im Gesundheitswesen wegen des demografischen Wandels, prognostiziert eine aktuelle Studie. In Thüringen werden dann auch viele zusätzliche Apotheker gebraucht, weil Pharmazieingenieure in Rente gehen und ersetzt werden müssen.

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Weitere Wege zur nächsten Apotheke, lange Wartezeiten beim Arzt, schleppende Versorgung im Krankenhaus und ständig überlastetes Personal. So sieht die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens schon in wenigen Jahren aus, resümierte das Darmstädter Wifor-Institut vorige Woche in Berlin. Es hatte im Auftrag der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) über 20 Millionen Datensätze zu Arbeitsmarkt, Altersstruktur und Ausbildungsentwicklung der ärztlichen und nicht-ärztlichen Fachkräfte im Gesundheitswesen ausgewertet und bis zum Jahr 2030 fortgeschrieben.




In 20 Jahren wird viel Fachpersonal im Gesundheitswesen fehlen, glauben Experten. Dann könnte es zum Alltag gehören, dass Menschen in der Offizin länger warten und in ländlichen Gebieten weiter zur nächsten Apotheke fahren müssen.

Foto: Fotolia/Wydmuch


Babybommer gehen in Rente

 

Demnach werden bereits in zehn Jahren in Deutschland fast 56 000 Ärzte sowie 140 000 Pflege- und andere nicht-ärztliche Fachkräfte fehlen. In 20 Jahren könnte die Lücke sogar auf über 950 000 Fachkräfte anwachsen; der Personalbedarf in der Altenpflege ist dabei noch nicht berücksichtigt. Auch die Situation in Apotheken hat die PWC-Studie nicht untersucht.

 

»Wenn die Generation der Babyboomer nach 2020 in Rente geht, wird sie von Anbietern gesundheitlicher Leistungen zu Nachfragern und einen Ersatz für sie gibt es nicht«, sagte Harald Schmidt von PWC bei der Präsentation der Studie. »Tun wir nichts, werden sich die Wartezeiten beim Hausarzt bis 2030 verdoppeln. In den Krankenhäusern werden die Schwestern dann durchschnittlich 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen, wenn die Versorgungsqualität nicht absinken soll«, erklärte der PWC-Gesundheitsexperte.

 

Zehn Apothekerstellen pro Bewerber

 

Welche Auswirkungen der demografische Wandel zu einer Gesellschaft mit vielen alten und weniger jungen Menschen hat, vermag Thoralf Kühne, stellvertretender Geschäftsführer der Landesapothekerkammer Thüringen (LAKT), nicht zu beurteilen. Er weiß aber, dass es schon heute einen Mangel an Nachwuchsapothekern in Thüringen gibt. »Ein Apotheker kann derzeit zwischen zehn Stellenangeboten auswählen.« Manche Apotheker arbeiteten inzwischen bis weit ins Rentenalter hinein.

 

»In den nächsten 20 Jahren wird der Bedarf an Apothekern in Thüringen zunehmen, weil die Pharmazieingenieure aus dem Erwerbsleben ausscheiden«, erläutert Kühne. Diese in der DDR ausgebildeten Fachkräfte müssen dann durch Apotheker ersetzt werden. »Besonders aus diesem Grund werden in 20 Jahren etwa 400 Apotheker in Thüringen fehlen«, schätzt Kühne. Um den kommenden Bedarf zu decken, überlegt die LAKT, eine PR-Kampagne zu machen, um bei Abiturienten für ein Pharmaziestudium, die Arbeit in einer öffentlichen Apotheke und den Standort Thüringen zu werben. Die Kammerversammlung muss die Pläne aber noch genehmigen.

 

Städte sind attraktive Standorte

 

Wenn Pharmazeuten fehlen, werde es einen stärkeren Wettbewerb der öffentlichen Apotheken um approbierte Fachkräfte geben. Apotheken auf dem Land dürften größere Schwierigkeiten als attraktive Standorte in den Städten haben, freie Stellen zu besetzen, glaubt Kühne. Das könnte längere Wartezeiten in Offizinen zur Folge haben und mancherorts auch weitere Wege zur nächsten Apotheke.

 

Der Fachkräftemangel führt dem Wifor-Institut zufolge zu erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten. Nach seinen Berechnungen geht der Wirtschaft bis 2030 deswegen eine Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro verloren. Dr. Dennis Ostwald vom Wifor-Institut warnte davor, nur die Nachfrage zu sehen. »Das Gesundheitswesen ist als Wachstums- und Beschäftigungsmotor in aller Munde. Aber gibt es überhaupt genug Fachkräfte, die das vorhergesagte Wachstum erarbeiten können?«




Harald Schmidt, Gesundheitsexperte bei Princewaterhouse Coopers

Foto: PZ/Zillmer


Um den Fachkräftemangel zu meistern, raten die Autoren, doppelte Versorgungsstrukturen abzubauen. Ansonsten bliebe 2030 fast jede dritte Arztstelle in Kliniken unbesetzt, in Praxen sogar jede zweite. Vor allem in ländlichen Gebieten seien Medizinische Versorgungszentren eine Lösung. Speziell entlohnte Landärzte könnten die Versorgung in der Fläche übernehmen.

 

Ein Notstand in der Pflege sei ohne zusätzliche Kräfte aus dem Ausland nicht abzuwenden, glauben die Wifor-Experten. Bestimmungen, die das Einreisen und Bekommen einer Arbeitserlaubnis erleichtern, reichten allein nicht aus, damit mehr ausländische Pflegerkräfte kommen. Besonders die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen müssten sich bessern, damit Deutschland im drohenden weltweiten Wettbewerb um Pflegekräfte mithalten kann.

 

Ressourcen intelligent nutzen

 

Kurzfristig könne auch eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen dem Fachkräftemangel entgegenwirken. »Dazu müssen flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt und eine verbesserte Kinderbe- treuung angeboten werden«, erklärte Ostwald.

 

»Mehr Geld wird es für das Gesundheitssystem insgesamt nicht geben«, sagte Schmidt und plädierte dafür, die vorhandenen Ressourcen intelligenter einzusetzen. Die Versorgung müsse effizienter werden, um den Personalbedarf zu verringern. Das Umstellen auf eine elektronische Krankenakte könne den Informationsfluss beschleunigen und Ärzte von Bürokratie befreien. Zudem sei eine stärkere Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorgung nötig.

 

Nachwuchskräfte begeistern

 

Eine weitere Strategie: »Der Nachwuchs muss für die Arbeit im Gesundheitswesen begeistert werden«, sagte Ostwald. Dies hat die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände schon auf ihre Agenda gesetzt und im Sommer eine Kampagne gestartet, um Schüler für ein Pharmaziestudium zu interessieren. Denn »die komplexe Versorgung mit Arzneimitteln und der immer breitere Einsatz von Apothekern im Gesundheitswesen« lasse den Bedarf an gut ausgebildeten Pharmazeutinnen und Pharmazeuten wachsen, erklärte die ABDA zum Start der bundesweiten Nachwuchsoffensive im Juni 2010.

 

Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer: »Angesichts der demografischen Entwicklung werben wir deshalb schon bei den Schülern von heute dafür, in einigen Jahren Pharmazie zu studieren.« / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2010

 

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