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Lymphödem: Nicht als Schicksal hinnehmen

TITEL

 
Lymphödem


Nicht als Schicksal hinnehmen


Von Claudia Borchard-Tuch / Ein Lymphödem kann den Patienten schwer beeinträchtigen. Umso wichtiger ist eine frühzeitige Therapie. Wird das Lymphöden nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, schreitet es unaufhaltsam fort und hinterlässt dauerhafte Schäden.

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Das Lymphödem zählt zu den am meisten gefürchteten Komplikationen bei Brustkrebspatientinnen. Es kann weite Bereiche des Körpers erfassen: Arm, Hand, Thoraxwand und Brust schwellen an, spannen und schmerzen. Das Ödem bildet sich meist rasch nach der Operation, manchmal infolge von Narbenschrumpfung oder radiogener Fibrose, aber manchmal auch erst nach Monaten oder Jahren.




Chronisches Armlymphödem im Stadium II nach Operation und Bestrahlung einer Patienten mit Mammakarzinom

Foto: Siems


Während besonders die Armlymphödeme durch verbesserte Operationsverfahren deutlich seltener geworden sind, wird jetzt häufiger ein Mammaödem nach Bestrahlung (postradiogen) beobachtet. Hier ist nicht so sehr der Lymph­abfluss gestaut, sondern es handelt sich eher um ein »entzündliches Ödem« durch radiogene Schädigung der Blutkapillaren. Meist bildet es sich innerhalb von einem bis drei Jahren völlig zurück (5).

 

Selten kann ein Lymphödem des Arms auch andere Ursachen haben, beispielsweise eine Oberarmfraktur oder einen Mediastinaltumor. In jedem Fall sollte der Apotheker einen Patienten, der Anzeichen einer Schwellung bemerkt, sofort zu einem Arzt, möglichst einem Facharzt schicken. Denn das Lymphödem ist ein chronisches, unbehandelt zur Progression neigendes Krankheitsbild.

 

Viele Gründe für ein Symptom

 

Zur Erinnerung: Als Ödem bezeichnet man generell eine pathologische Flüssigkeitsansammlung im Zellzwischen­raum, seltener auch in den Zellen. Die Ursachen können vielfältig sein:

 

Anstieg des kapillären Blutdrucks, zum Beispiel bei Venenerkrankungen oder Rechtsherzinsuffizienz,
sinkender kolloidosmotischer Druck im Blutplasma bei Nieren- und Lebererkrankungen,
gesteigerte Durchlässigkeit der Kapillarwand für Plasmaproteine, zum Beispiel bei entzündlichen oder allergischen Prozessen, und/oder
eine Störung des Lymphabflusses.

 

Neben Brustkrebs können zahlreiche weitere krankhafte Veränderungen den Lymph­abfluss behindern und zu einem Lymphödem führen (sekundäres Lymph­ödem, Tabelle 1). Ist die Störung angeboren, spricht man von einem primären Lymphödem. Es sind nicht genügend Transportgefäße angelegt oder die Lymphbahnen sind stark erweitert, sodass der Transport der Zwischenzellflüssigkeit in den Lymphgefäßen sehr langsam erfolgt (2).


Tabelle 1: Ursachen des primären und sekundären Lymphödems

Lymphödem mögliche Ursachen 
Primär Hypo- oder Aplasie der Lymphgefäße
Fehlanlage von Lymphknoten und/oder der Lymphkollektoren 
sekundär Tumoren
lymphoproliferative Erkrankungen
Bestrahlungen oder Operationen (zum Beispiel Komplikation des
Mammakarzinoms)
Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
rezidivierende Infektionen wie Erysipel, tropische Filarieninfektion, Borreliose 

Achten sollte die Apotheke darauf, dass verschiedene Medikamente zu einer Ödembildung führen oder ein Lymphödem verstärken können. Dazu zählen Calciumantagonisten, speziell vom Nifedipin-Typ (am häufigsten), Phenylbutazon, Nebennierenrinden-Hormone, nicht-steroidale Antiphlogistika und der Abusus von Diuretika. Da die Diurese die relative Eiweißkonzentration im Gewebe erhöht, werden entzündliche Reaktionen mit Bildung von derbem Kollagengewebe beschleunigt. Ein zunächst reversibles Lymphödem wird dann irreversibel.

 

Schweregrade

 

Es gibt verschiedene Schweregrade des Lymphödems. Im Stadium I ist lediglich der eiweißreiche Flüssigkeitsgehalt des Zwischenzellraums erhöht. Das Gewebe ist noch weich, und auf Druck mit dem Finger lässt sich leicht eine Delle erzeugen. Über Nacht bildet sich ein Teil der Schwellung zurück.

 

Im Stadium II wird die zelluläre Population pathologisch. Durch Vermehrung der bindegewebigen Fasern verändert sich der Zwischenzellraum. Das Ödem geht über Nacht nicht mehr zurück, und mit dem Finger lässt sich nur noch schwer eine Delle eindrücken. Da Haut und Subkutangewebe fibrosklerotische Verhärtungen zeigen, kommt es in Gelenknähe zu vertieften Hautfalten.




Lymphödem mit Zehenbeteilung: Typisch ist die nicht abhebbare und nicht ausdrückbare Hautfalte.

Foto: Siems


Im Stadium III kommt es oft infolge rezidivierender Erysipelinfektionen (Kasten), bedingt durch die lokale Immunschwäche im Lymphstaugebiet, zu einer exzessiven Wucherung der bindegewebigen Fasern. Dies führt zu einer massiven Volumenzunahme, sodass das Stadium III auch als »Elephantiasis« bezeichnet wird. Als Folge eines chronischen Lymphstaus schwellen Körperteile, insbesondere die Extremitäten, unförmig an. Die Elephantiasis tropica wird durch Filarien verursacht. Durch den Stich von Mücken und Bremsen gelangen diese Würmer in den Körper und verursachen schwere Krankheitsbilder. Filarien sind nicht nur in Afrika, sondern auch in Südamerika und Asien verbreitet (2).

 

Rechtzeitige Diagnose

 

Ohne frühzeitige adäquate Therapie schreitet ein Lymphödem voran. Je später es diagnostiziert wird, desto schwieriger ist es in den Griff zu bekommen (6). Ein Lymphödem muss daher unbedingt rechtzeitig erkannt werden. Hierzu kann die Apotheke beitragen. Klagt der Patient über Spannungs- und Schweregefühl sowie Brennen und Bewegungseinschränkung einer Körperregion, ist Vorsicht geboten. Das Lymphödem ist typischerweise blass und teigig und verhärtet sich schließlich. Bei Verdacht auf ein Lymphödem sollte der Patient unverzüglich einen spezialisierten Arzt aufsuchen.


Gefährliches Erysipel

Eine häufige Komplikation eines Lymphödems ist das Erysipel, auch Wundrose genannt. Das Erysipel ist eine akute Entzündung der Haut mit Beteiligung des Lymphsystems, die meist durch β-hä­molysierende Streptokokken der Gruppe A verursacht wird. Eintrittspforte für die Keime sind kleine Hautläsionen. Es kommt zu einer schmerzhaften ödematösen Rötung mit flammenförmigen Ausläufern, oft mit Fieber. Auch das Erysipel selbst kann zu einem Verschluss von Lymphbahnen und in der Folge zu einem Lymphödem führen.

 

Das Erysipel wird lokal mit antiseptischen Lösungen (Chinosol, Chlor­amin

2 ‰) behandelt. Bei schweren Verläufen muss der Patient systemisch Antibiotika, beispielsweise ­Penicillin, Chinolone oder Makrolid-Antibiotika, entsprechend Antibiogramm bekommen.


Die Diagnose ist meist klinisch möglich und erfolgt durch Anamnese und körperliche Untersuchung. Beurteilung und Dokumentation des Ödems geschehen am einfachsten über die Umfangsmessung. Die Volumenbestimmung ist heute nicht mehr der wichtigste diagnostische Parameter, sollte aber dennoch erfolgen. Es gibt verschiedene Methoden, um das Volumen von Arm oder Bein zu bestimmen. Die Verdrängung von Flüssigkeit durch Eintauchen der Extremität ist bei Armödemen leicht messbar, bei Beinödemen aber nur schwer durchführbar. Mithilfe optoelektronischer Geräte kann man das Volumen relativ genau bestimmen. Durch optisches Abtasten mittels Infrarot werden die Umfänge gemessen und vom Rechner in das Volumen umkalkuliert. Nachteil: Die Methode ist relativ kostenintensiv (4).

 

Ein weiteres Kriterium ist die größere Dicke der Hautfalte. Auf diese Weise werden Lymphödeme erfasst, die mit der reinen Volumenbestimmung nicht diagnostizierbar sind. Eine normale kutane Falte hat in der Regel eine Dicke unter zwei Zentimetern. Ist die Kutis mit Flüssigkeit gefüllt, kann die Falte dicker sein. Lässt sich die Flüssigkeit ausdrücken, normalisiert sich die Hautfaltendicke. Ist die Verdickung nicht exprimierbar, weist dies auf einen irreversiblen Zustand hin. Eine Fibrosierung oder Verhärtung könnten zugrunde liegen (4).


Anatomie und Funktion des Lymphsystems

Die Lymphgefäße bilden neben den venösen Blutbahnen ein zusätzliches Abflusssystem, über das Zwischenzellflüssigkeit in das Blut zurückgeleitet wird. In Form eines sehr engmaschigen Netzes finden sich – mit Ausnahme der oberflächlichen Hautschichten, des Zentralnervensystems und der Knochen – in allen Geweben zahlreiche Lymphkapillaren, die im Gegensatz zu den Blutkapillaren an einem Ende verschlossen sind, also „blind“ im Gewebe beginnen. Die Wände der Lymphkapillaren haben relativ große Endothellücken, durch die Gewebeflüssigkeit und kleinere Partikel, Zucker, Fette und Proteine in das Lumen eintreten können.

 

Die Lymphkapillaren vereinigen sich zu größer werdenden Lymphgefäßen, die hauptsächlich über den Ductus thoracicus in das Venensystem einmünden. In den größeren Lymphgefäßen beruht der Transport auf rhythmischen Kontraktionen der glatten Gefäßmuskulatur. Ein Rückstrom von Lymphe in die Peripherie wird durch Klappen verhindert.

 

Die in das Venensystem eingespeiste Lymphmenge beträgt unter normalen Bedingungen circa zwei Liter pro Tag. Das Lymphgefäßsystem dient somit in erster Linie dem Abtransport von Eiweißen und anderen Stoffen, die aus dem Gewebe nicht mehr in die Blutkapillaren aufgenommen werden können.

 

Das Lymphsystem gehört zum Abwehrsystem gegen Krankheitserreger und Fremdpartikel. In größeren Lymphgefäßen sind Lymphknoten zwischengeschaltet, die Filterfunktionen wahrnehmen und gröbere Bestandteile wie abgestorbene Zellen zurückhalten. Zugleich werden in den Lymphknoten Lymphozyten gebildet, die der Immunabwehr dienen. Größtes lymphatisches Organ ist die Milz. Wie die Lymphknoten bildet auch sie Lymphozyten.

 

Sämtliche Lymphozyten stammen von sich selbst erneuernden Stammzellen im Knochenmark ab. Während sich die B-Lymphozyten im Knochenmark ausdifferenzieren, erfolgt die immunologische Prägung der T-Lymphozyten im Thymus. Nach Ausbildung eines Reservoirs von gegen spezifische Antigene gerichteten T-Lymphozyten kommt es zur Rückbildung des Thymus nach der Pubertät. Falls Antigene in den Körper gelangen, vermehren sich die entsprechenden T-Lymphozyten in Lymphknoten oder Milz.


Nur selten sind Spezialuntersuchungen wie Lymphszintigrafie, Lymphografie oder Computertomografie erforderlich. Der Arzt muss eine Mitbeteiligung des Herzens, der Nieren und der Blutgefäße abklären und ausschließen. Wichtig ist zu entscheiden, ob ein bösartiger Prozess das Lymphödem hervorgerufen hat. Da ein Großteil der Lymphödeme die Folge einer onkologischen Grunderkrankung ist, muss der Arzt dies immer wieder hinterfragen. Ein benignes (gutartiges) Lymphödem verursacht in der Regel keine anhaltenden Schmerzen oder neurologischen Symptome. Zudem wird der Arzt gezielt nach Operationen, Verletzungen und anderen Erkrankungen sowie den dazugehörigen Therapien fragen (4).

 

Nicht immer Medikamente

 

Eine frühzeitige und konsequente Therapie ist ganz wichtig. Dabei steht die Behandlung des Grundleidens im Vordergrund.

 

Die kontinuierliche Behandlung mit Diuretika ist bei gutartigen Lymphödemen kon­traindiziert. Diuretika sind nur unzureichend wirksam und können für den Patienten schädlich sein, da sie die Eiweißkonzentration im Gewebe und damit die Ödembildung fördern. Nur beim malignen Lymphödem kann die Einnahme eines Diuretikums mit langer Halbwertszeit notwendig sein (3). Leidet ein Patient zusätzlich unter einer Erkrankung, bei der Diuretika indiziert sind, muss er diese selbstverständlich einnehmen.




Manuelle Lymphdrainage am Bein

Foto: Superbild


Sogenannte »Venenmittel«, zum Beispiel Topika mit Rosskastaniensamen-, Mäuse­dorn- oder Weinlaubextrakt, sind zur Be­hand­lung eines Lymphödems nicht geeig­net. Lediglich im Spätstadium der chroni­schen Beinveneninsuffizienz, in dem es zu einem Lymphödem gekommen ist, können topische Venenmittel adjuvant angewendet wer­den. Dann sollte man den Patienten fragen, ob ihm die Präparate Erleichterung verschaffen. Nur wenn er dies bejaht, sollten die Venenmittel weiterhin angewendet wer­den. Bei der Einnahme von Cumarin und cumarinhaltigen Präparaten wurden schwere Nebenwirkungen, insbesondere toxische Schädigungen der Leber, beobachtet.

 

Lymphdrainage und Kompression

 

Meist verhindert die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) erneute Erysipelschübe. Gelingt dies nicht, zum Beispiel bei Patienten mit Neurodermitis, Psoriasis, Mykosen, Lymphzysten (mit Lymphe gefüllte Ausweitungen von Lymphgefäßen an oder unter der Haut) oder lymphokutanen Fisteln, ist eine Antibiotika-Prophylaxe indiziert.

 

Die komplexe physikalische Entstauungstherapie kann bei leichtgradigen Ödemen ambulant erfolgen. Zudem ist sie als Erhaltungstherapie nach stationärer Behandlung hilfreich (5). Die Behandlung mäßig und stärker ausgeprägter Lymphödeme mit dem Ziel der Ödemreduktion sollte stationär in lymphologischen Fachkliniken stattfinden. Die KPE umfasst verschiedene Maßnahmen:

 

manuelle Lymphdrainage (MLD),
Kompressionsbandage und -strümpfe,
spezielle Bewegungstherapie in Kompression und
Hautpflege.

 

Die manuelle Lymphdrainage wird von speziell ausgebildeten Masseuren oder Krankengymnasten angeboten. Es handelt sich um eine schonende Massage der Haut, die den Abtransport der Gewebeflüssigkeit fördert. Unterstützend werden lokal Lymphsalben verwendet, die vielfach Aesculus (Rosskastaniensamenextrakt) enthalten (9). Die Griffe richten sich nach dem Verlauf der Lymphgefäße. Als Alternative oder wirksame Ergänzung zur manuellen Entstauung stehen apparative Lymphdrainagesysteme zur Verfügung, die mittels Druckluftmanschetten einen gerichteten Druck auf die erkrankte Extremität ausüben (2). Bei bestimmten Erkrankungen ist eine Lymphdrainage kontraindiziert (Tabelle 2).


Tabelle 2: Absolute und relative Kontraindikationen der manuellen Lymphdrainage (6)

Körperregion Kontraindikation 
generell absolut:
akute Entzündung durch pathogene Keime
kardiales Ödem
akute Beinvenenerkrankungen
relativ: malignes Lymphödem 
Hals absolut:
Hyperthyreose
Überempfindlichkeit des Sinus caroticus
Herz-Rhythmus-Störungen
relativ: Alter 
Bauch und Becken absolut:
Schwangerschaft, Menstruation
Anfallsleiden (Tachypnoe)
Zustand nach Ileus
Divertikulose
Bauchaortenaneurysma
massive arteriosklerotische Veränderungen
entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn)
starke Verwachsungen als Folge eines operativen Eingriffs
Veränderungen nach strahlentherapeutischer Behandlung von
Bauch- und/oder Unterbauchregion
Strahlenzystitis und -kolitis
Zustand nach tiefer Beckenvenenthrombose
relativ: Alter 

Bei der Kompressionsbehandlung werden die geschwollenen Beine zunächst mit Kompressionsbinden gewickelt. Kompressionsbandagen sind bei einigen Erkrankungen kontraindiziert (Tabelle 3). Geht die Schwellneigung zurück, verordnet der Arzt eine Bestrumpfung nach Maß. Der Patient muss den Strumpf regelmäßig tragen. Nur so wird ein verstärktes Wiederansammeln von Gewebeflüssigkeit verhindert (2).


Tabelle 3: Kontraindikationen der Kompressionsbandage (6)

absolut relativ (nur unter ärztlicher Aufsicht) 
kardiales Ödem
arterielle Verschlusskrankheit
Morbus Sudeck
Sklerodermie 
arterieller Hochdruck
Angina pectoris
Koronarsklerose
Herz-Rhythmus-Störungen
Patienten über 70 Jahre 

Die Art der Bestrumpfung richtet sich nach der Ödemlokalisation. So kann ein Hand-Finger-Ödem mit einem Handschuh mit kurzen oder langen Fingern versorgt werden. Das Unterarm-Hand-Ödem benötigt einen langen Handschuh bis zum Ellbogen, das Armödem einen Armstrumpf. Mamma- und Thoraxwandödeme bilden sich oft sehr gut zurück, da der Lymphabfluss über Lymphgefäße zu den benachbarten Körperregionen aktiviert werden kann. Unterstützend wirken sogenannte Entstauungs-BHs (rezeptierbar).

 

Der Hauptfehler liegt darin, dass zwar die manuelle Lymphdrainage fortgeführt wird, aber keine Kompression erfolgt. Dann versagt die Therapie. In der Apotheke sollte man zudem beachten, dass Kompressionsstrümpfe, die der Patient täglich trägt, nach sechs bis acht Monaten verschlissen sind. Sie müssen dann erneuert werden, um einen Ödemrückfall zu vermeiden. Oftmals muss ein Patient sein ganzes Leben lang regelmäßig zur Kontrolle, um zu entscheiden, wann neue Kompressionsstrümpfe nötig sind (6).

 

Wichtiger Baustein: Bewegung

 

Die Bewegungstherapie ist ein wichtiger Baustein der KPE. Dabei trägt der Patient stets die Kompressionsbandagen oder -strümpfe. Wichtig ist, dass beim Tragen von Kompressionsstrümpfen oder -bandagen ausreichend Bewegung stattfindet, damit die Ödemflüssigkeit durch Anspannung und Entspannung der Muskeln gegen die Kompression abtransportiert wird (8).

 

Welche Übungen im Einzelfall am günstigsten sind, hängt davon ab, an welcher Körperstelle das Ödem besteht. Der Therapeut entwickelt für jeden Patienten ein spezielles Übungsprogramm, das auch die nicht betroffene Seite mit einbezieht. Der Patient darf bei der Bewegung keine Schmerzen haben. Die Apotheke sollte ihn ermutigen, oft zu üben – möglichst zwei- bis dreimal täglich (6).

 

Sorgfältige Hautpflege

 

Bei der Hautpflege ist auf peinlichste Sauberkeit zu achten. Da Erkrankungen der Lymphgefäße die Blutzirkulation in der Haut stören, ist die Haut gefährdet, auszutrocknen und rissig zu werden. Juckreiz, Infektionen und Entzündungen können die Folge sein. Zudem belastet die Kompres­sion die Haut durch erhöhten Abrieb der äußersten Hautschicht sowie durch Aufsaugen des schützenden natürlichen Hydrolipidfilms.

 

Die fehlenden Stoffe (Feuchtigkeit, Säure, Feuchthaltefaktoren und andere) müssen der strapazierten Haut über Pflegeprodukte wieder zugeführt werden. Da aber manche Materialien in Kompressionsartikeln durch mineralische Fette angegriffen werden, dürfen Produkte, die Substanzen wie Paraffin oder Vaseline beinhalten, nicht gleichzeitig mit der Kompression verwendet werden. Darauf sollte die Apotheke bei der Beratung achten.

 

Da Seifen wegen ihres alkalischen Charakters den Säureschutzmantel der Haut zerstören, der Haut viel Fett entziehen und den Hydrolipidfilm angreifen, sollten Patienten mit Lymphödem darauf verzichten. Zur Reinigung der Haut in der Umgebung des Lymphödems sollten sie ausschließlich seifenfreie, unparfümierte, milde medizinische Produkte mit neutralem (pH 7) bis leicht saurem (pH 4,5 bis 5,7) pH-Wert verwenden. Empfehlenswert sind auch Dusch- oder Badeöle mit rückfettender Wirkung. Anschließend muss die Haut, insbesondere zwischen den Zehen und Fingern sowie in Hautfalten, gründlich abgetrocknet werden, wobei jedes Mal ein frisches Handtuch zu verwenden ist.




Der Kompressionsverband soll die Ödembildung dauerhaft zurückdrängen.

Foto: Picture-Alliance


Ebenso sollte der Patient nur unparfümierte, milde medizinische Pflegeprodukte verwenden. Besonders geeignet sind Präparate, die Harnstoff (Urea) und natürliche hautverwandte Öle und Fette wie Aloe vera, Mandel-, Erdnuss- oder Karottenöl enthalten. Manche Patienten entwi­ckeln gegen Präparate mit Lanolin oder Adeps lanae eine Allergie. Auch Präparate mit minera­lischen Fetten, zum Beispiel Vaselin, Paraffin oder Silikone, und ätherischen Ölen sind zu meiden. Erstere können die Haut austrocknen und die Hautporen verstopfen, letztere die Haut reizen. Gegen Eiweißverhärtungen im Unterhaut­gewebe hat sich die verschreibungspflichtige Salbe Unguentum lymphaticum bewährt, die verschiedene Pflanzenextrakte enthält (9).

 

Patient muss aktiv mitarbeiten

 

Wichtig ist, dass der Patient über seine Erkrankung und mögliche Komplikationen, beispielsweise das Erysipel, gut informiert ist. Der Therapeut kann ihm die Lymphdrainage und die Technik der Kompressionsbandage zeigen, damit er zu Hause zum Beispiel durch nächtliche Selbstbandagen am Bein den Entstauungserfolg optimieren kann.

 

Wenn möglich, sollte der Patient die betroffene Extremität hoch lagern und die Haut gut pflegen. Überlastung, Hitzeeinwirkung und Verletzungen sind zu vermeiden. Empfehlenswert ist eine ausgewogene Ernährung mit Gemüse und frischem Obst; die Kochsalzzufuhr hingegen ist einzuschränken (2). Gleichmäßige sanfte Bewegungen wirken positiv, während ruckartige Bewegungen, Überanstrengungen und monotone Belastung der betroffenen Region ungünstig sind. Ebenso sind ein­engende oder abschnürende Kleidungsstücke zu meiden.

 

Zu bedenken ist, dass ein Lymphödem für den Betroffenen oft stigmatisierend ist und ihn im sozialen Leben beeinträchtigt. Darunter leidet das Lebensgefühl. Viele Patienten haben eine onkologische Grunderkrankung, die die Psyche zusätzlich stark belastet. Umso wichtiger sind die kontinuierliche fachärztliche Begleitung, Kontrolle und Führung sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Apotheker und Hausarzt (7). Das Apothekenteam kann Patienten mit Lymphödemen beratend begleiten.

 

Chirurgische Maßnahmen

 

Mögliche operative Verfahren sind die Lymphgefäß-Transplantation oder die Schaffung einer lymphovenösen Verbindung (Anastomose) bei gestauten Lymphgefäßen. Die Mikrochirurgie eröffnet für Lymphgefäßoperationen neue Möglichkeiten, denn auch kleine Gefäße können jetzt anastomosiert werden (1).

 

Je länger ein Lymphödem besteht, desto geringer ist die Chance, dass die Therapie Erfolg hat. Daher sollte man möglichst früh mit der Behandlung beginnen, denn nur im frühen Stadium sind die Ödeme voll rückbildungsfähig. Bei länger bestehender Störung des Lymphabflusses kommt es zu sekundä­ren Veränderungen. Das Gewebe fibrosiert, und es wird vermehrt Fett eingelagert. Also nicht zu lange warten! Wenn sich innerhalb eines halben Jahres unter physikalischer Entstauung mit manueller Lymphdrainage, Übungstherapie und Kompression ein Lymph­ödem nicht zurückbildet, sollte eine Operation erwogen werden. /


Literatur

  1. Baumeister, R. G. H., Frick, A., Die mikrochi­rurgische Lymphgefäßtransplantation. Handchir. Mikrochir. Plast. Chir. 35 (2003) 202.
  2. Deutsche Gefäßliga e.V., Das Lymphödem: Erfolgreich behandeln . . . Oder Schicksal? www.deutsche-gefaessliga.de/lymphoedem.html, 2010.
  3. Földi, E., et al., Zur Diagnostik und Therapie des Lymphödems. www.aerzteblatt.de/archiv/10185/, 2010.
  4. Kasseroller, R., Brenner, E., Kompendium der Lymphangiologie: Manuelle Lymphdrainage, Kompression, Bewegungstherapie. 4. Aufl., Thieme Stuttgart 2010.
  5. Netopil, B., Tumornachsorge. Lymphödem bei Mammakarzinom. Frauenarzt 49, Nr. 4 (2008) 322-325.
  6. Oberlin, M., Diagnostik und Therapie des Lymphödems. Tipps und häufige Fallstricke. ARS MEDICI 2 (2010), S. 67-70.
  7. Österreichische Ärztezeitung. Lymphödem–Lebenslange Therapie. www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-1516-15082008/lymphoedem.html, 2010.
  8. Sauerwald, A., Das Lymphödem. Entstehung und Behandlung. Jobst Beiersdorf, 2001.
  9. Unguentum lymphaticum, Rote Liste 2010.
  10. Weiss, R. F., Fintelmann, V., Lehrbuch der Phytotherapie. 12. Aufl., Hippokrates Stuttgart 2009.

Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Dr. Borchard-Tuch freiberuflich tätig als Fachjournalistin und bearbeitet naturwissenschaftliche und medizinische Themen für Fachzeitschriften und große Zeitungen. Zudem verfasst sie wissenschaftliche Publikationen für die Pharma­industrie und ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

86441 Zusmarshausen

claudia.borchard-tuch(at)a-city.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 38/2010

 

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