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Naturdrogen: Der grüne Kick

MEDIZIN

 
Naturdrogen

Der grüne Kick

Von Bettina Sauer

 

Sie sind leicht erhältlich und gelten als harmlos: Naturdrogen wie Zaubersalbei, Rauschpilze oder Muskatnuss liegen im Trend. Die Bundesregierung sieht dies mit Sorge.

 

Er hätte ruhig mehr in die Wasserpfeife tun können, dachte er noch. Dann trat die Wirkung ein: »Meine Füße flossen aufwärts. Die Beine folgten, mein ganzer Unterköper floss an meinem Gesicht vorbei, über den Kopf hinweg, hinter dem Rücken in mich hinein. Dann verstrudelte mein Körper, verstrudelte mit der ganzen Welt. Wie flüssiges Wachs, das jemand kräftig umrührt.«  So beschreibt ein Konsument im Internet seinen Rausch mit Salvia divinorum.

 

Die Pflanze stammt aus Mexiko und heißt im Volksmund auch Wahrsage-, Azteken- oder Zaubersalbei. Sie enthält Salvinorin, das laut Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) »potenteste natürlich vorkommende Halluzinogen«. Früher versetzten sich mexikanische Schamanen mithilfe der Blätter in Trance. Neuerdings befördern sich damit hierzulande »Salvianauten« in ungeahnte Sphären. Und das ganz legal.

 

Das könnte sich nun ändern. Vor einem Monat, am 16. Juli, hat der zuständige Sachverständigenausschuss empfohlen, Zaubersalbei in Anlage 1 des Betäubungsmittelgesetzes aufzunehmen. Dann wäre der Handel damit strafbar, ähnlich wie der mit Heroin, Ecstasy oder Haschisch. Derzeit setzt sich die Bundesregierung mit dem Vorschlag auseinander. Das teilte sie vorige Woche in ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion mit. »Mit Sorge« betrachte sie »die wachsende Verbreitung« von Salvia divinorum und anderen Naturdrogen. Denn ihr Konsum könne zu schweren Bewusstseinsveränderungen, Psychosen und anderen gesundheitlichen Schäden führen.

 

»In ihrer Antwort konnte die Bundesregierung allerdings keinen Schadensfall und keine Abhängigkeitsentwicklung im Zusammenhang mit Zaubersalbei benennen«, sagt der Berliner Apotheker Tibor Harrach. Er war als Gutachter bei Prozessen gegen einen Berliner tätig, der 81 Kilogramm Salvia divinorum aus Mexiko importiert hatte.

 

Verstärkte Nachfrage

 

Über berauschende Eigenschaften verfügen etwa 60 heimische Pflanzen und Pilze. Hinzu kommen Exoten, die sich hierzulande kultivieren oder aus dem Internet beziehen lassen. Neben Zaubersalbei zählen zu den Favoriten Psilocybe-Pilze, Engelstrompete, Tollkirsche und Stechapfel, so die Erfahrungen der Sozialpädagogin Mona Klerings vom Hamburger Fortbildungsinstitut Drogen und AIDS (HIDA). Seit etwa zehn Jahren bekommt sie vermehrt Beratungsanfragen von Konsumenten, Eltern und Lehrern. Das veranlasste sie, einen Ratgeber zum Thema zu verfassen. Die meisten Naturdrogen sind legal und wirken halluzinogen, unabhängig von der teils sehr verschiedenen chemischen Struktur der Inhaltsstoffe. Unter ihrem Einfluss im Gehirn verändern oder verzerren sich Sinnes- und Selbstwahrnehmungen wie auch das Empfinden von Raum und Zeit.

 

Keine harten Zahlen

 

»Die Vermutung, es bestehe ein Trend zu biogenen Drogen, stützt sich auf einzelne Studien, Fallberichte sowie die Präsenz der Substanzen im Internet«, betont der Psychologe Dr. Tim Pfeiffer-Gerschel. Er leitet in München die Deutsche Referenzstelle der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. »Bislang gibt es keine systematische Erfassung.« Schließlich sei es so gut wie unmöglich, die Vielzahl der Konsumentenmilieus und der überwiegend legal erhältlichen Pflanzen zu dokumentieren. »Ich weigere mich deshalb hartnäckig, Zahlen dazu zu nennen.«

 

2004 kam die Drogenaffinitätsstudie der BZgA zum Ergebnis, dass etwa gleich viele Zwölf- bis 25-Jährige Erfahrungen mit psychoaktiven Pilzen und Pflanzen gemacht hätten wie mit Ecstasy: jeweils rund 4 Prozent. Regelmäßige Umfragen in den Modellstädten Hamburg und Frankfurt und eine europaweite Erhebung der Europäischen Drogen-Beobachtungsstelle kommen für den Konsum psilocybinhaltiger Pilze auf Ergebnisse in einer ähnlichen Größenordnung.

 

»Naturdrogen konsumieren zum einen Erwachsene, die nach spirituellen Erfahrungen suchen«, sagt Klerings. »Oft bekommen sie dabei Anleitung, beispielsweise eines Schamanen.« Jugendliche und junge Erwachsene treibe dagegen eher Neugierde und Experimentierlaune. »Der Kick durch halluzinogene Drogen ist hochindividuell und immer wieder unerwartet. Während viele die Wirkung von Ecstasy wie Folgen einer endlos gleichen Vorabendserie erleben, bieten ihnen Naturdrogen jedes Mal als völlig neuen Film.« Diese Erfahrung könne dazu beitragen, eine psychische Abhängigkeit zu erzeugen. »Zudem kann ein Gefühl von Kontrollverlust und Überforderung entstehen.« Daher eigneten sich die meisten Substanzen auch nicht als Partydrogen. Eher finde der Konsum allein oder in kleinen Gruppen statt, oft unter Rückzug in die Natur.

 

Neben der Rauschwirkung macht wohl vor allem ihre Verfügbarkeit die Pflanzen attraktiv. Man kann sie selber kultivieren oder umsonst aus dem Wald, Garten oder Gewürzregal holen. Klerings betrachtet das Internet als wichtige Ursache für den Trend: »Es bildet die Plattform, um Substanzen zu kaufen oder sich über die Anwendung auszutauschen.«

 

Viele Konsumenten halten sie für weitestgehend harmlos. Sie trügen schließlich das »Gütezeichen Natur«, sagt Klerings. »Deshalb warne ich, sie als Biodrogen zu bezeichnen. In unserem Gedächtnis ist bio abgespeichert als etwas Gutes, Reines, Unbelastetes. Da macht sich kaum ein Mensch bewusst, dass die Pflanzen und Pilze hochwirksame chemische Verbindungen enthalten.«

 

Die zudem unberechenbar sind, weil ihr Gehalt sehr stark schwanken kann. »Zudem reagiert der Körper je nach Gewicht, Konstitution und Beikonsum anderer Rauschmittel ganz unterschiedlich darauf«, sagt Ärztin Dr. Maren Hermanns-Clausen, die die Vergiftungs-Informationszentrale in Freiburg leitet. Ähnlich wie bei den Konsumentenzahlen, fehlen auch bezüglich der Gesundheitsgefahren systematische Erhebungen. »Nur die Giftinformationszentren erfassen alle Anfragen geordnet nach den einzelnen Drogen«, sagt Hermanns-Clausen. »Das sind zwar in der Regel nicht besonders viele, aber bei uns landet auch nur die Spitze des Eisbergs.«

 

Neben dem Risiko, sich zu vergiften oder im Rausch zu verunglücken, sieht Hermann-Clausen große Gefahren im psychischen Bereich. »Halluzinogene Drogen erzeugen eine künstliche Psychose, also ein sehr intensives, mitunter beängstigendes Erlebnis, dem man hilflos ausgeliefert ist«, sagt Klerings. »Wie gut man es später verarbeitet, hängt sehr stark davon ab, welche Erfahrungen und Probleme einen sonst gerade beschäftigen.« Je nach Veranlagung können Konsumenten halluzinogener Drogen sogar auf ihrem Trip »hängen bleiben«, also eine dauerhafte Psychose oder andere psychische Erkrankung entwickeln. »In der Hoffnung auf eine atemberaubende Erfahrung gehen junge Menschen ein hohes Risiko ein«, sagt Hermanns-Clausen.

 

Als Zeichen, Naturdrogen nicht zu verharmlosen, hält sie Verbote für durchaus berechtigt. Pfeiffer-Gerschel sagt: »Ein Verbot bietet einen Anlass, die betreffende Naturdroge zukünftig in Konsumstudien abzufragen und auch sonst genauer zu erforschen.« Klerings warnt jedoch vor einer Politik, die allein auf den erhobenen Zeigefinger setzt. Vielmehr müsse man den Naturdrogen-Konsum als Tatsache akzeptieren und durch Aufklärungs- und andere »Safer Use«-Ansätze so ungefährlich wie möglich gestalten. Diesem Zweck dienen neben der Warnung auch die Internetportale www.drugcom.de der BZgA und www.jugend-hilft-jugend.de vom Hamburger Fortbildungsinstitut für Drogen und AIDS.

 

»Es ist besser, wenn wir die Informationen geben als unseriöse Netzanbieter«, sagt Klerings. Harrach hält »die Kriminalisierung der weitgehend unauffälligen Konsumenten von Zaubersalbei über das Betäubungsmittelgesetz für einen gefährlichen Irrweg. Sie werden dadurch erfahrungsgemäß von Aufklärungs- und Hilfeangeboten weggetrieben. Den Konsum reduziert ein Verbot dagegen nicht.« Klerings fragt sich, wie man die Verwendung von Naturdrogen überhaupt überwachen will. Allmählich beginne hierzulande wieder die Erntezeit für Psilocybe-Pilze. Dabei sind sie seit 2005 verboten.


Als Rauschmittel verwendete Pflanzen und Pilze

Zaubersalbei (Salvia divinorum): Volkstümlich auch als Azteken-, Wahrsage- oder Zaubersalbei bezeichnet. Die Pflanze ist mit dem arzneilich genutzten Salbei verwandt und stammt aus Mexiko, wo die Mazateken-Indianer sie für schamanische Rituale nutzten. Der Hauptwirkstoff, das Diterpen Salvinorin A, gilt als das stärkste natürlich vorkommende Halluzinogen. Die frischen oder getrockneten Blätter werden gekaut oder geraucht. Online-Shops bieten auch Extrakte an. Risiken und Vergiftungssymptome sind bisher weitgehend unerforscht. Vermutlich kann der Konsum die für Halluzinogene typischen psychischen Reaktionen nach sich ziehen.

 

Spitzkegeliger Kahlkopf (Psilocybe semilanceata): Der unauffällige Pilz mit dem dünnen Stiel und dem kleinen ockerfarbenen Hut wächst oft auf Tierweiden und wird frisch oder getrocknet verzehrt. Er enthält die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin, die ähnliche, aber mildere Halluzinationen hervorrufen wie LSD. Nach etwa vier Stunden klingt die Wirkung allmählich wieder ab. »Magic Mushrooms« mit einem weitaus höheren Wirkstoffgehalt werden aus Mexiko und Hawaii importiert und vor allem über das Internet gehandelt.

 

Nachtschattengewächse: Als Rauschmittel werden vor allem einheimische Arten wie Tollkirsche (Atropa belladonna) und Stechapfel (Datura stramonium) verwendet, aber auch die Engelstrompete (Brugmansia/Datura suaveolens), die als Zierstrauch in vielen Gärten vorkommt. Die Pflanzen werden frisch oder getrocknet verzehrt, als Tee getrunken oder geraucht. Sie enthalten die Tropanalkaloide Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin, die starke, mehrstündige Halluzinationen hervorrufen können. Vergiftungen treten leicht auf und äußern sich körperlich unter anderem durch einen möglicherweise lebensbedrohlichen Anstieg der Herzfrequenz, Atemlähmungen, erweiterte Pupillen, Lichtempfindlichkeit, Mundtrockenheit, Sehstörungen, Hautrötungen.

 

Fliegenpilz (Amanita muscaria): Er wird meist roh oder getrocknet verzehrt oder geraucht. In der Regel tritt nach 30 Minuten Schläfrigkeit ein, die vor allem von optischen Halluzinationen und Glücksgefühlen begleitet ist und etwa fünf Stunden anhält. Verantwortlich sind vor allem die Alkaloide Muscarin sowie Ibotensäure und ihr Umwandlungsprodukt Muscimol. Vergiftungen können lebensbedrohlich sein und äußern sich unter anderem als Muskelzuckungen, Verwirrtheit, Bauchschmerzen und Erregungszustände.

 

Muskatnuss (Myristica fragrans): Die getrockneten, gemahlenen Samen des tropischen Muskatnussbaumes dienen als Gewürz und können in hohen Dosen (ab 5 Gramm) berauschend sein. Die Inhaltsstoffe Myristricin, Elemicin und Safrol bewirken Halluzinationen, Euphorie, Benommenheit und Sprachstörungen. Vergiftungserscheinungen sind Herzrasen, Mundtrockenheit, Kopf- und Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.

 

Meerträubel (Ephedra sinica): Die meist aus China oder Tibet eingeführten Rutenzweige enthalten Ephedrin, Pseudoephedrin and andere Alkaloide mit amphetaminartiger Wirkung. Sie stimulieren das sympathische Nervensystem, steigern Wachheit, Konzentration und Leistungsfähigkeit und können in höherer Dosis einen ähnlichen Rausch wie Speed erzeugen. Zeichen einer Überdosierung sind Schweißausbrüche, Herzrhythmusstörungen, Zittern, Krämpfe. Um den (Internet-)Handel mit Ephedra einzuschränken, unterliegt es seit Juli dem Grundstoffüberwachungsgesetz. Apotheken sind von der Regelung ausgenommen und dürfen Ephedra-Präparate weiterhin auf Rezept abgeben. Homöopathische Verdünnungen (ab D1) sind nicht verschreibungspflichtig.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2007

 

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