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Prävention: Allergenarm in den ersten Monaten

MEDIZIN

 
Prävention

Allergenarm in den ersten Monaten


Von Christina Beckmann und Andrea von Berg, Wesel / Eltern, die selbst an Allergien leiden, wollen diese bei ihren Kindern möglichst verhindern. Einige Präventionsmaßnahmen senken nachweislich das Risiko, eine Allergie zu entwickeln. Die Maßnahmen müssen aber sehr früh, in den ersten Lebensmonaten ansetzen.

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Im Zuge der zunehmenden Häufigkeit allergischer Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten ist die primäre Allergieprävention zu einer maßgeblichen Herausforderung für den Pädiater und zu einem Schwerpunkt der klinischen Forschung geworden. Die Entstehung allergischer Erkrankungen ist das Ergebnis einer komplexen Interaktion zwischen genetischer Disposition, früher Allergenexposition und Umweltfaktoren, die entweder protektiven oder Risikocharakter haben können. Die frühe Allergenexposition scheint dabei eine entscheidende Rolle zu spielen. Zahlreiche Interventionsansätze sind empfohlen worden, die im Wesentlichen eine Reduktion der allergenen Last gegenüber Nahrungs- und Inhalationsallergenen in der frühen Kindheit beinhalten. Ziel ist die Vermeidung einer Sensibilisierung und Manifestation allergischer Erkrankungen.




Allergiegefährdete Kinder, die nicht gestillt werden, sollten hypoallergene Säuglingsnahrung erhalten. Der präventive Effekt entwickelt sich in des ersten Monaten, eine Gabe nach dem sechsten Lebensmonat ist wirkungslos.

Foto: Fotolia/St-fotograf


Da der erste Allergenkontakt eines Neugeborenen über die Nahrungszufuhr erfolgt, speziell über die Milchernährung, konzentrieren sich die Ansätze zur primären Prävention bei Säuglingen mit Atopierisiko auf die nutritive Prävention im Sinne einer allergenreduzierten Ernährung des Säuglings in den ersten Lebensmonaten.

 

Die Entwicklung des Immunsystems erfolgt sowohl in der prä- als auch in der postnatalen Periode. Daher ergeben sich theoretisch verschiedene Möglichkeiten zur primären Prävention atopischer Erkrankungen durch Ernährung bei Kindern mit einem familiär bedingtem Allergierisiko:

 

allergenreduzierte Diät der Schwangeren beziehungsweise der stillenden Mutter,
Reduktion der Antigenität der Nahrungsproteine in der Säuglingsmilch mithilfe lebensmitteltechnologischer Verfahren,
Elimination beziehungsweise Ersatz potenzieller Allergene durch andere Proteinquellen,
späte Einführung von Beikost.

 

Muttermilch ist Goldstandard

 

Muttermilch für mindestens vier, besser sechs Monate ist nach wie vor der Goldstandard für eine optimale, weil physiologische Ernährung des jungen Säuglings, auch wenn die Ergebnisse über den allergiepräventiven Effekt der Muttermilch durchaus kontrovers sind. Die Reduktion von Kuhmilch und Hühnerei aus der mütterlichen Nahrung während der Schwangerschaft hat keinen Effekt gezeigt, während eine allergenreduzierte Diät der stillenden Mutter zumindest phasenweise zu einer Reduktion der atopischen Dermatitis führte.

 

Dennoch sollte davor gewarnt werden, der stillenden Mutter eines allergiegefährdeten Kindes generell wesentliche Nahrungsbestandteile vorzuenthalten, weil die Gefahr der Fehlernährung von Mutter und Kind ohne gleichzeitige intensive Betreuung durch eine professionelle Ernährungsberatung zu groß ist.

 

Hydrolysatnahrung

 

Wenn Muttermilch in den ersten sechs Lebensmonaten nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, sollte bei Kindern mit Allergierisiko eine allergenreduzierte Nahrung zugefüttert werden. Hypoallergene Säuglingsnahrungen (HA-Nahrungen) sind technisch behandelte Formulae, in denen die Milchprodukte (Casein oder Molke) in unterschiedlichem Ausmaß durch enzymatische Spaltung, Ultraerhitzung oder Ultrafiltration aufgespalten sind.

 

Je nach Grad der Bearbeitung werden weniger stark bearbeitete Hydrolysate als partiell hydrolysierte Formula oder schwache Hydrolysate (pHF) von stärker bearbeiteten Hydrolysaten als extensiv hydrolysierte Formula oder starke Hydrolysate (eHF) unterschieden. Abhängig vom Ausgangsprotein differenziert man in Molken- oder Caseinhydrolysate.

 

Daraus ergeben sich Säuglingsnahrungen mit unterschiedlichem Molekulargewichtsprofil sowie unterschiedlicher Rest-Antigenität. Starke Hydrolysate wurden zunächst nur zur Therapie der Kuhmilcheiweißallergie und erst später auch zur Prävention eingesetzt, während schwache Hydrolysate ausschließlich in der Prävention eine Rolle spielen.

 

Studien zu pHF und eHF

 

Zahlreiche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass sowohl extensiv als auch partiell hydrolysierte Säuglingsnahrungen einen allergiepräventiven Effekt haben, der sich im Wesentlichen auf die Verringerung der Inzidenz von Nahrungsmittelallergien und atopischem Ekzem erstreckt. Obwohl dieser präventive Effekt sowohl mit pHF als auch mit eHF beobachtet wurde, ging man davon aus, dass starke Hydrolysate präventiv effektiver sind als schwache.

 

In der GINI-Studie (German Infant Nutritional Intervention Study) wurden bei 2252 Kindern mit familiär bedingtem Allergierisiko drei unterschiedliche Hydrolysatnahrungen (ein schwaches und ein starkes Molkenhydrolysat [pHF-M, eHF-M] und ein starkes Caseinhydrolysat [eHF-K]) mit einer regulären Säuglingsmilch im Hinblick auf ihre allergiepräventive Wirkung verglichen. Die Ergebnisse haben allerdings gezeigt, dass der Effekt offenbar nicht allein vom Molekulargewichtsspektrum oder dem Basisprotein abhängt, sondern vom Herstellungsprozess der Nahrung, durch den die Rest-Antigenität bestimmt wird.


Empfehlungen

Zusammenfassend lauten die derzeitigen Ernährungsempfehlungen für Säuglinge mit einem erhöhten Allergierisiko folgendermaßen:

 

Wenn möglich sollten Säuglinge in den ersten vier bis sechs Monaten ausschließlich Muttermilch erhalten.
Das Zufüttern von Milchnahrungen mit intaktem Milcheiweiß (zum Beispiel auf Neugeborenenstationen) ist bei allergiegefährdeten Kindern unbedingt zu vermeiden.
Eine spezielle allergenarme Diät der Mutter während der Schwangerschaft und Stillzeit ist nicht zu empfehlen. Wichtig ist eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung.
Kinder, die nicht ausschließlich gestillt werden können und ein erhöhtes Allergierisiko durch familiäre Vorbelastung haben, sollten mit HA-Nahrung gefüttert werden. Ausdrücklich können nur solche HA-Nahrungen empfohlen werden, deren präventiver Effekt durch kontrollierte wissenschaftliche Studien belegt ist.
Säuglingsnahrungen auf Soja-Basis sind kein Ersatz für Kuhmilch. Sie sind zur Allergieprävention nicht zu empfehlen. Gleiches gilt für Ziegen-, Schafs- oder Stutenmilch.
Mit Beginn des fünften Monats sollte unabhängig von der entsprechenden Ernährungsweise (Muttermilch oder Formula) mit der Zufütterung von Beikost begonnen werden.

Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, bei der Wahl einer Säuglingsmilch zur Prävention auf Hydrolysatnahrungen zurückzugreifen, deren präventiver Effekt in kontrollierten Studien belegt ist. In der GINI-Studie hat sich gezeigt, dass sowohl das schwache Molkenhydrolysat als auch das starke Caseinhydrolysat die Häufigkeit der atopischen Dermatitis im Vergleich zu einer regulären Säuglingsmilch auf Kuhmilchbasis signifikant reduziert hat.

 

Aus jährlichen, von den Eltern ausgefüllten Fragebögen wurde im Alter von sechs Jahren die kumulative Inzidenz der allergischen Manifestation, das heißt atopisches Ekzem und/oder Asthma und/oder allergische Rhinitis/Rhinokonjunktivitis und deren Symptome ermittelt. Während im Alter von drei Jahren die kumulative Inzidenz allergischer Manifestationen durch das starke Caseinhydrolysat und das schwache Molkenhydrolysat, nicht aber durch das starke Molkenhydrolysat signifikant reduziert war, zeigte sich im Alter von sechs Jahren eine signifikante Reduktion mit allen drei Hydrolysatnahrungen.

 

Frühe Hydrolysatgabe effektiv

 

Die weitere Analyse zeigte, dass der Effekt auf die allergische Manifestation im Wesentlichen bedingt war durch die signifikante Reduktion des atopischen Ekzems. So konnte bei jedem vierten Kind durch die frühe Ernährung mit dem starken Molkenhydrolysat, bei jedem dritten Kind mit dem schwachen Molkenhydrolysat und bei annähernd jedem zweiten Kind mit dem starken Caseinhydrolysat ein atopisches Ekzem verhindert werden. Ein Effekt auf die respiratorische Allergie wurde jedoch mit keiner der getesteten Nahrungen gesehen.

 

Es konnte aber darüber hinaus beobachtet werden, dass Kinder aus Familien, in denen ein Angehöriger bereits an einer atopischen Dermatitis leidet oder litt, am meisten von dem starken Caseinhydrolysat profitieren.

 

Aus allen bisherigen Studien mit Hy­drolysatnahrungen werden drei Dinge deutlich: Der präventive Effekt entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten. Nutritive Prävention nach dem sechsten Lebensmonat ist wirkungslos. Die Häufigkeit von Inhalationsallergien wird durch nutritive Präventionsmaßnahmen allein nicht beeinflusst.

 

Häufig wird noch die Verwendung von Sojapräparaten als Milchersatz zur Therapie der Kuhmilcheiweißallergie wie auch zur Allergieprävention genannt. Sie stellt aber keine Alternative dar, weil zwischen 15 und 50 Prozent aller Kinder mit Kuhmilcheiweißallergie eine Sojasensibilisierung entwickeln. Außerdem ist die Ernährung des Säuglings mit Soja in den ersten sechs Lebensmonaten aufgrund des hohen Gehalts an Phytaten, Aluminium und Phyto­estrogenen obsolet.

 

Beikost nicht möglichst spät

 

Im Rahmen der primären Allergieprävention für alle, aber besonders auch für die allergiegefährdeten Kinder wird immer auch die späte Einführung von Beikost empfohlen. Hierfür existieren keine prospektiven, kontrollierten Studien. Daher galten bisher sehr uneinheitliche Empfehlungen. Neue Studien zum Einfluss der Variabilität und Allergenität eingeführter Nahrungsgruppen auf die Allergieentstehung zeigen, dass die Verschiebung der Beikosteinführung auf den Zeitraum nach dem sechsten Lebensmonat keinen präventiven Effekt hat und das Risiko sogar erhöhen kann. So war in der GINI-Studie häufiger ein atopisches Ekzem im ersten Lebensjahr nachweisbar, je später die Beikost und je weniger unterschiedliche Beikostgruppen eingeführt wurden.




Mit dem ersten Brei sollte nicht zu spät begonnen werden. Aktuellen Studien zufolge, erhöht das Einführen der Beikost nach dem sechsten Lebensmonat das Allergierisiko.

Foto: Fotolia/Pfluegl


Auch eine britische Studie hatte signifikant häufiger atopisches Ekzem bei später Einführung von Ei und Milchprodukten zum Ergebnis. Seit März 2009 liegt die überarbeitete AWMF-Leitlinie zur Allergieprävention vor. Diese empfiehlt ausschließliches Stillen in den ersten vier Lebensmonaten und Beikosteinführung zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat.

 

Rolle von Probiotika noch unklar

 

Die Bedeutung einer intakten Darmflora für die Aufrechterhaltung der intestinalen Barrierefunktion und für die Verhinderung des Ansiedelns pathogener Keime ist lange bekannt. Neuere Erkenntnisse bringen da­rüber hinaus die Darmflora in Zusammenhang mit Prävention und Therapie allergischer Erkrankungen.

 

Obwohl erste Ergebnisse von Studien mit Probiotika, das heißt speziell gezüchteten Bakterienstämmen wie beispielsweise Lactobacillus GG, gegeben in den letzten Wochen der Schwangerschaft und in der Stillzeit beziehungsweise als Zusatz zur Flaschennahrung, vielversprechend waren (signifikante Reduktion der atopische Dermatitis im Alter von zwei und vier Jahren), sind die Ergebnisse aus Nachfolgestudien keineswegs konsistent. Bevor Probiotika in das Konzept der primären Allergieprävention integriert werden können, müssen weitere Studien deren Nutzen belegen. /


Für die Verfasser:

Dr. Christina Beckmann

Forschungsinstitut zur Prävention von Allergien und Atemwegserkrankungen

Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Marien-Hospital Wesel

Pastor-Janssen-Straße 8-38

46483 Wesel


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Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2010

 

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