Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Verblisterung: Königsweg in die Sackgasse

POLITIK

 
Verblisterung

Königsweg in die Sackgasse


Von Sven Siebenand, Hannover / Ist die individuelle Verblisterung sinnvoll für die Versorgung von multimorbiden chronisch Kranken, insbesondere bei Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen? Auf einem Symposium der Apothekerkammer Niedersachsen kamen Befürworter und Kritiker zu Wort. Der Bundesgesundheitsminister hörte aufmerksam zu, welche Argumente sie hervorbringen konnten.

ANZEIGE


»Die demografische Entwicklung wird sich stärker auf den Bereich der Pflege, als auf den Bereich Gesundheitsversorgung auswirken«, sagte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) in seinem Grußwort bei dem Symposium in Hannover. Rösler verwies auf die hohe Belastung des Pflegepersonals. Die Frage sei, ob die Verblisterung zu dessen Entlastung und zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit im Pflegesektor beitragen kann oder ob dadurch neue Probleme (etwa Haftungsfragen) entstehen.




Informierten sich über Nutzen und Risiken des Verblisterns: (von links) Kammerpräsidentin Magdalene Linz, Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und BAK-Präsidentin Erika Fink

Alle Fotos vom Symposium: AK Niedersachsen


Auf einen Königsweg legte sich der Minister dabei nicht fest. Jedoch müssten am Ende die Patienten einen echten Vorteil haben. Zudem sei es ihm wichtig, dass weniger Arzneimittel verworfen werden. Vertreter der Pflegekräfte, der Gesundheitsökonomie, der pharmazeutischen Industrie, der Krankenkassen, der Apothekerkammern, von Blisterzentren und viele Versorgungsapotheker nahmen an der Veranstaltung teil. Der Minister war sichtlich beeindruckt von der hohen Resonanz auf das Symposium.

 

Die Idee dafür war aus einem Gespräch Röslers mit der Präsidentin der Landesapothekerkammer Niedersachsen, Magdalene Linz, entstanden. Diese machte in ihrem Grußwort deutlich, dass sich Verblistern international bisher nicht durchgesetzt hat. Auch hierzulande seien die Kapazitäten noch um den Faktor 10 höher als der Bedarf. Haupteinsatzort der Verblisterung ist Linz zufolge momentan nicht der ambulante Bereich, sondern Alten- und Pflegeheime. Eine Erhöhung der Compliance durch Blister sei damit unwahrscheinlich, weil sich dort in der Regel die Pflegekräfte und nicht der Patient selbst um die regelmäßige Einnahme der Medikamente kümmern. Für Linz stehen neben der Frage, ob die maschinelle Neuverblisterung die Compliance erhöht, zwei weitere Aspekte im Mittelpunkt des Inte­resses: Kann durch das Verblistern tatsächlich Geld eingespart werden, und lässt sich dadurch der Umfang nicht gebrauchter Arzneimittel reduzieren?




Foto: PZ-Archiv


Der Faktor Mensch

 

Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer, ergänzte noch einen weiteren Punkt. »Der Faktor Mensch ist für Prävention und Therapie von Erkrankungen sehr wichtig«, sagte Fink. Jeder Patient brauche jemanden, der die Informationen filtert und auf seine persönliche Situation herunterbricht. »Das ist keine Vision, sondern heute bereits tägliche Praxis in Apotheken.« Fink fügte hinzu, dass Systeme, die ohne Apotheker auskommen, nicht besser seien als das gegenwärtige System. Chronisch Kranken automatengesteuert Arzneimittel zuzuteilen, lehnt sie ab. »Zum mündigen Patienten kann man sich nicht am Automaten, sondern nur im Gespräch mit dem Fachmann entwickeln.«

 

Warum patientenindividuelle Blister? Das fragte sich auch Dr. Michael Jensen aus der Lamberti-Apotheke in Hildesheim. »Das Fragezeichen bleibt«, so Jensen. Eine Qualitätsverbesserung brächten sie zumindest nicht, sondern die Verlagerung auf ein relativ aufwendiges teilmaschinelles System mit zusätzlichem Kontroll- und Logistik­aufwand. Im Folgenden erläuterte der Apotheker, was ihn zu dieser Einschätzung bringt.




Apotheker Dr. Michael Jensen: »Das Fragezeichen bleibt.«

Die wichtigsten Aufgaben des Pflegepersonals beim Umgang mit Arzneimitteln sind die Dokumentation und Lagerung der Arzneimittel, die Vorbereitung der Vergabe, die Vergabe der Medikamente und die Nachbestellung. »Blistern betrifft ausschließlich die Vorbereitung und nur da­raus folgend die Nachbestellung«, so Jensen. Das Qualitätsziel sei in jedem Fall, das Einhalten der 6-R-Regel. Der richtige Patient müsse das richtige Medikament zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Dosierung, in der richtigen Arzneiform und bei der richtigen Dokumentation bekommen. »Die Verantwortung für diese ›sechs Richtigen‹ liegt in jedem Fall beim Pflegeheim«, sagte Jensen.

 

Er bezweifelt, dass es zu einer besseren Versorgung von Heimbewohnern durch Verblistern kommt. Schließlich muss das Pflegepersonal die festen oralen Arzneimittel aus den Blistern in die Einnahmebecher füllen, das Prozedere habe sich also nicht grundsätzlich verändert. »Ein teurer aufwendiger Umweg ohne qualitative Vorteile«, so der Apotheker. Hinzu komme, dass sich Blistern in vielen Fällen nicht eigne, zum Beispiel für Patienten mit wenigen Arzneimitteln, bei der Akut- und Bedarfsmedikation, bei flüssigen Darreichungsformen und bei Betäubungsmitteln. Jensen zählte eine Reihe von Nachteilen des Blisterns auf. So seien zum Beispiel Dosisänderungen schwer umsetzbar, neue zusätzliche Schnittstellen erhöhten die Fehlerquellen, das Pflegepersonal verliere die Sachkunde sowie das Wissen über Arzneimittel und die visuelle Kontrolle durch das Pflegepersonal sei nicht mehr möglich.




Apotheker, Verblisterer, Politiker diskutierten mit Vertretern von Pharmaindustrie, Krankenkassen und Pflegeheimen über den Sinn des Verblisterns.

Betriebswirtschaftliches Wagnis

 

Interesse am Blistern hätten vor allem die Vertreiber von Blistermaschinen und die Blisterzentren. Krankenkassen, ambulante Patienten und Apotheker hätten dagegen ein geringes Interesse. Für Letztere sei es sogar ein »betriebswitschaftliches Wagnis«. Ein Gutachten von Professor Dr. Eberhard Wille, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, zeigte zudem, dass Verblistern auch keinen gesamtwirtschaftlichen Nutzen bringt. Demnach profitiert nur ein kleiner Teil der Patienten tatsächlich davon. Für Jensen ist die Verblisterung daher nicht der Königsweg, wenn es um die Versorgung von Alten- und Pflegeheimen geht. Er schilderte den Fall eines Heimes, das auf Blister umgestiegen war, damit in einer Sackgasse gelandet war und schließlich »entnervt vom Blisterzentrum« wieder zu ihm zurückgekehrt sei. Jensen hat eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie der Königsweg aussehen könnte: Ein weiterhin gut funktionierendes Dreiecksverhältnis zwischen Arzt, Apotheker und Pfleger mit zentraler Stellung des Letzteren als Verbündetem und Anwalt des Patienten in Sachen Arzneimittelsicherheit. Ferner seien die vertiefte Schulung des Pflegepersonals und die Information durch den Apotheker vor Ort von Bedeutung.




Apotheker Martin Halm: »Meine Patienten sind von dieser Dienstleistung begeistert.«

Ines Kohaupt vom Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie der Universität Köln konnte einige Argumente ihres Vorredners untermauern. Die Apothekerin stellte die Ergebnisse einer prospektiven Studie in drei Pflegeheimen zur Fehlerrate beim Stellen von Medikamenten vor. Inzugedessen nahm sie fast 8800 Erhebungen vor und überprüfte mehr als 48 500 Medikamente in den Dosetten der Heimbewohner. Kohaupt registrierte insgesamt 645 Medikationsfehler. In fast 50 Prozent der Fälle waren diese durch falsches Tablettenteilen bedingt. In 22 Prozent der Fälle fehlte ein Medikament und etwa jedem zehnten entdeckten Fehler lag ein überzähliges Mittel in der Dosette zugrunde.

 

Nach Zusammenfassung der dokumentierten Fehler wurden 131 Fälle hinsichtlich ihrer klinischer Schwere beurteilt. Knapp ein Drittel der Fehler waren leichter, knapp zwei Drittel mittelschwerer und etwa 3 Prozent schwerer Art. Unter anderem hatte Kohaupt bei ihrer Arbeit auch 190 Veränderungen in der Medikation, davon 61 Neuverordnungen, registriert.

 

Schnittstellen sind Fehlerquellen

 

Die Apothekerin hegte Zweifel daran, ob man derartige Medikationsumstellungen beim Verblistern überhaupt so schnell umsetzen kann. »Lassen sich die Fehlerraten beim Stellen von Medikamenten durch das Verblistern minimieren?«, wurde Kohaupt vom Auditorium gefragt. Sie glaubt nicht daran, da in ihrer Untersuchung fast die Hälfte der Fehler durch das Tablettenteilen zustande kamen. Daran würde auch ein Blister nichts ändern. Zudem vertrat sie die Meinung, dass weitere Schnittstellen in der Versorgungskette auch weitere Fehlerquellen bergen.




Ines Kohaupt: Überzählige Präparate in der Do­sette.

In diesem Punkt dürfte ihr Apotheker Martin Halm, der die Entwicklung und Funktion des Blisterzentrums Nord in Schwerin skizzierte, nicht zustimmen. Das Blisterzentrum liefert derzeit an 16 Apotheken aus der Umgebung patientenindividuelle Wochenblister für insgesamt 1800 Patienten. Auch ambulante Patienten versorgt Halm in seiner Apotheker mit den Blistern. »Meine Patienten und Kunden sind von dieser neuen Dienstleistung begeistert«, sagte Halm. Das Blisterzentrum sieht er als »Dienstleister für die Apotheken vor Ort«. Als einen Vorteil des Verblisterns führte der Apotheker die Kostenreduktion für das Gesundheitssystem aus. »Arzneimittelmüll kann durch tablettengenaue Abrechnung reduziert werden«, sagte Halm.

 

Rund 100 Euro im Jahr

 

Daten des Blisterzentrums aus den Jahren 2008 und 2009 würden zeigen, dass eine tablettengenaue Abrechnung zwischen 80 und 110 Euro pro Jahr und Patient einsparen könnte. Diese Zahl wurde jedoch von vielen im Plenum stark bezweifelt, unter anderem weil der Anteil verworfener Medikamente im Alten- und Pflegeheim gar nicht so hoch sei. Als Vorteile der patientenindividuellen Arzneimittelversorgung mittels Blistern nannte Halm unter anderem die Erhaltung der ärztlichen Therapiefreiheit sowie die Nutzung der pharmazeutischen und sozialen Kompetenz der Apotheke – alles Punkte, die auch ohne Verblisterung stattfinden können.

 

Überversorgung in Plastik

 

Andreas Heeke von der AOK Westfalen-Lippe ist sogar der Meinung, dass Blister eher ein Problem als eine Hilfe darstellen. Der Apotheker gab zu bedenken, dass sie das Problem der Polypragmasie, also den Einsatz vieler unterschiedlicher Mittel ohne kritische Hinterfragung, weiter verschärfen könnten. »Ein Blister ist Überversorgung in Plastik gegossen«, sagte der Krankenkassenvertreter. Für ihn ist nicht die mögliche Kosteneinsparung, sondern die Qualität der Arzneimittelversorgung am wichtigsten. »Qualität beziehe ich da­rauf, dass Arzneimittel durch die Apotheken ausgegeben werden und ein Rückkanal zum Arzt stattfindet«, sagte Heeke. Die Kommunikation mit den Ärzten vermisst Heeke jedoch noch zu stark. »Diesen Part sollten Apotheker viel intensiver wahrnehmen.« Das gelte auch in der Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal.




Dr. Udo Puteanus: »Pflegekräfte halten Neuverblistern nicht für hilfreich.«

Apropos Pflegepersonal: Wie steht das Pflegepersonal zum Thema Blistern und Stellen von Arzneimitteln, und was fordert es von Apothekern? Antworten darauf gab Dr. Udo Puteanus vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit in Nordrhein-Westfalen. Er präsentierte die Ergebnisse einer Befragung von Pflegekräften. Die Auswertung von insgesamt 840 Fragebögen ergab, dass mehr als 60 Prozent der Befragten es als nicht hilfreich sehen, wenn die Apotheken die Arzneimittel neuverblistern. Die Gründe dafür liegen hauptsächlich darin, dass der Überblick verloren geht und die Kontrolle erschwert wird.Eine Überprüfung der Verordnung auf Interaktionen und Informationen zur Lagerung, Dosierung und Anwendung von Arzneimitteln finden die Pflegekräfte als pharmazeutische Dienstleistung der Apotheke aber sehr wichtig. Direkte Gespräche des Apothekers mit dem Patienten lehnen sie dagegen eher ab, so Puteanus.

 

Das konnte auch Altenpflegerin Patricia Drube vom Deutschen Bundesverband für Pflegeberufe unterstreichen. Auch sie machte klar, dass das Pflegepersonal klar gegen eine Neuverblisterung von Arzneimitteln ist. Weniger Zeit für das Stellen von Medikamenten, bedeute zudem nicht mehr Zeit für den Patienten. Stattdessen werde das Personal dann für andere Arbeiten eingeteilt. Zudem machte Drube da­rauf aufmerksam, dass das Blistern gar nicht so viel Zeitersparnis bringt, da nicht verblisterbare Arzneiformen, etwa Säfte und Tropfen, doch noch extra bestellt und gelagert werden müssen. Entdeckt der Pfleger dann auch noch ein Fehler im Blister, koste es eine Menge Zeit und Mühe, diesen wieder zu korrigieren.

 

Einfallspforte für Fälschungen

 

»Gesetzesänderungen, die zu einem Systemwechsel in der Arzneimittelversorgung führen würden, bedürfen einer vorherigen Gesetzesfolgenabschätzung«, warnte der Vertreter der pharmazeutischen Industrie, Dr. Reinhard Hoferichter von Sanofi-Aventis Deutschland. Derzeit gebe es zudem noch ungeklärte Fragen zu pharmazeutischer Qualität, Sicherheit und Haftung. Zu klärende Fragen beträfen unter anderem die Stabilität des Arzneistoffs und der Arzneiform. Auch müsse man hinterfragen, welche chemisch-physikalischen Wechselwirkungen zwischen den gemeinsam ver­blisterten Arzneimitteln zu beachten sind.

 

Hoferichter brachte noch einen weiteren Aspekt ins Spiel. Die patientenindividuelle Verblisterung sei eine potenzielle Einfallspforte für Arzneimittelfälschungen. Gründe dafür seien, dass Großpackungen leichter zu fälschen seien als herkömmliche Packungen und die Packungskontrolle durch Apotheker und Patient entfalle. Zudem gehe die Schutzwirkung des in Vorbereitung befindlichen Systems zur Arzneimittelidentifizierung (2-D-DATA-MATRIX-CODE ) beim patientenindividuellen Ver­blistern weitgehend verloren. Hoferichters Vorschlag, um dem entgegenzuwirken: Ein gesetzliches Graumarktbeschaffungsverbot für Großhändler und Verblisterer durch Verpflichtung zum Arzneimittelkauf beim Hersteller. /


Zur Übersicht Politik...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2010

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU