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Priscus-Liste: Schädliche Arzneistoffe im Alter

PHARMAZIE

 
Priscus-Liste

Schädliche Arzneistoffe im Alter


Von Bettina Sauer / Erstmals liegt in Deutschland ein Katalog mit Medikamenten vor, die alte Menschen gefährden. Diese sogenannte Priscus-Liste umfasst 83 Wirkstoffe sowie geeignete Maßnahmen zur Vermeidung von Komplikationen und therapeutische Alternativen. Sie könnte Ärzten und Apothekern eine wertvolle Unterstützung bieten.

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Ein alternder Organismus reagiert anders auf Medikamente als ein junger, was womöglich deren Wirksamkeit beeinflusst oder die Gefahr für Neben- und Wechselwirkungen erhöht. Verschärft werden diese Risiken, weil Senioren oft an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden und entsprechend viele Medikamente benötigen.




Viel hilft viel: Zumindest bekommen ältere Patienten oft eine Fülle an Arzneimitteln verordnet, zumal sie häufig an mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden. Doch birgt eine solche Polypharmakotherapie gerade bei Senioren einige Risiken. Manchmal wäre weniger dann doch mehr.

Foto: picture-alliance


»Allerdings sind die Arzneimitteleffekte bei alten Menschen nicht besonders gut durch klinische Studien überprüft, und so finden sich auch nur wenige Hinweise in den Fachinformationen«, sagt Professor Dr. Petra Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für Klinische Pharmakologie des Helios Klinikums Wuppertal und Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke.

 

Als Anhaltspunkt für eine möglichst sichere Arzneimitteltherapie im Alter hätten Experten in verschiedenen Ländern anhand der vorliegenden Daten Listen mit »potenziell inadäquaten Medikamenten« (PIM) zusammengestellt. Das wohl bekannteste Beispiel ist die US-amerikanische Beers-Liste, die 1991 veröffentlicht und 2003 aktualisiert wurde. »Allerdings lassen sich PIM-Listen aus anderen Ländern nur begrenzt auf Deutschland übertragen«, sagt Thürmann. Schließlich befänden sich dort Wirkstoffe im Handel, die in Deutschland über keine Zulassung verfügen – und umgekehrt. Zudem gebe es oftmals von Land zu Land unterschiedliche therapeutische Leitlinien und Verordnungsgewohnheiten der Ärzte.

 

Forschungsverbund Priscus

 

Aufgrund dieser Überlegungen hat Thürmann mit ihren Kollegen Stefanie Holt und Dr. Sven Schmiedl eine PIM-Liste speziell für Deutschland entwickelt und »Priscus-Liste« getauft. Der Name stammt daher, dass das Projekt zum interdisziplinären Forschungsverbund Priscus (lateinisch für »altehrwürdig«) gehört. Dieser beschäftigt sich mit der Gesundheit im Alter und bezieht Fördermittel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Übrigens zählt die Erarbeitung einer PIM-Liste für Deutschland auch zu den Zielen des Aktionsplans »Arzneimitteltherapiesicherheit 2008/2009« des Bundesministeriums für Gesundheit. Eine Kurzversion der Priscus-Liste und die Vorgehensweise bei ihrer Entwicklung finden sich in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts (doi: 10.3238/arztebl.2010.0543).

 

Als Ausgangspunkt dienten demnach die US-amerikanische Beers-Liste in ihrer ursprünglichen und aktualisierten Fassung sowie PIM-Listen aus Kanada und Frankreich. »Wir haben die Medikamente daraus zusammengetragen und diejenigen aussortiert, die sich in Deutschland nicht auf dem Markt befinden oder dort kaum verordnet werden«, erklärt Thürmann. Im nächsten Schritt galt es umgekehrt, die hierzulande erhältlichen und häufig bei Senioren genutzten, aber dann möglicherweise gefährlichen Medikamente zu ergänzen. Das geschah laut Thürmann auf Basis der Roten Liste, von deutschen Verordnungsdaten und umgangreichen Literaturrecherchen in medizinischen Datenbanken. »Am Ende dieses Prozesses verfügten wir über eine vorläufige Priscus-Liste mit 131 Wirkstoffen und ausführlichen zusätzlichen Informationen.«

 

Diese wurde 25 Experten aus der Altersmedizin, Pharmazie und sechs weiteren Fachrichtungen zur strukturierten, zwei Runden umfassenden Begutachtung vorgelegt. Dabei bewertete jeder Sachverständige die Eignung sämtlicher Wirkstoffe für Senioren auf einer fünfstufigen Skala und gab zusätzliche Kommentare ab. »Dieses Verfahren, eine modifizierte Delphi-Methode, eignet sich zur wissenschaftlichen Einschätzung bestimmter Fragenstellungen, wenn für eine Metaanalyse nicht genug klinische Studiendaten vorliegen«, erklärt Thürmann. Auch andere PIM-Listen würden auf diese Weise entwickelt.

 

Das Ergebnis der deutschen Untersuchung, die finale Priscus-Liste, umfasst 83  Wirkstoffe, die als potenziell ungeeignet für Senioren gelten und 18 verschiedenen Arzneistoffklassen aus einem breiten Spektrum an Behandlungsgebieten entstammen. »Doch lassen sich viele dieser PIM bestimmten Arzneimittelgruppen zuordnen«, sagt Thürmann. Als wichtige Beispiele für riskante Arzneimittelklassen nennt sie die nichtsteroidalen Antiphlogistika und -rheumatika (NSAID), trizyklischen Antidepressiva, Anticholinergika und Benzodiazepine. Letztere etwa zeigen als gruppenübergreifende Probleme ein erhöhtes Risiko für Stürze und nachfolgend auch für Brüche sowie für psychiatrische Reaktionen und geistige Beeinträchtigungen. Das geht aus den Begründungen für die Aufnahme der einzelnen Wirkstoffe auf die Priscus-Liste hervor, die die Autoren ebenfalls liefern. In einer weiteren Rubrik nennen sie Begleiterkrankungen, bei denen die Vermeidung der PIM besonders empfehlenswert erscheint. Doch ist der Katalog nicht bloß eine Negativ-, sondern auch eine Positivliste. Denn darin finden sich zu den riskanten Arzneimitteln auch mögliche unbedenkliche Alternativen. Und sollte sich ein problematischer Wirkstoff gar nicht vermeiden lassen, dann nennen die Autoren geeignete Maßnahmen zum Schutz der Senioren. »Wir sagen beispielsweise, in welchen Abständen die Leberwerte des Patienten zu überprüfen sind, um eintretende Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern«, sagt Thürmann.

 

Pharmakologiebuch für alte Menschen

 

Im Prinzip handele es sich bei der Priscus-Liste um eine Art »Pharmakologiebuch für alte Menschen«. Allerdings erhebe sie derzeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit und müsse im nächsten Schritt ihren Wert zum Schutz der Senioren unter Beweis stellen. Dafür planen Thürmann und ihre Kollegen schon einen großen Praxistest im wörtlichen Sinne. »Wir möchten niedergelassene Ärzte mit einer Kurzversion der Liste ausstatten und dann in einer klinischen Studie überprüfen, ob die konsequente Umsetzung unserer Empfehlungen tatsächlich zur Verringerung von Komplikationen bei Senioren führt.« Wenn die Liste dabei ihren Nutzen bestätigt, könnte sie Einzug in den Arbeitsalltag der Heilberufler halten. Für vorstellbar hält Thürmann beispielsweise die Einarbeitung in Therapieleitlinien und eine Hinterlegung in die Verordnungs- und Apotheken-Software.

 

Die Liste sei als Hilfestellung und Unterstützung für Ärzte und Apotheker gedacht. »Allerdings kann sie die auf den individuellen Patienten bezogene Nutzen-Risiko-Abwägung nicht ersetzen«, betont Thürmann. Doch eigne sie sich, um Heilberufler für die vielfältigen Probleme bei der Arzneimitteltherapie älterer Menschen zu sensibilisieren. Die vollständige Priscus-Liste lässt sich im Internet unter www.priscus.net abrufen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2010

 

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