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Migranten: Neuland für die Gesundheit

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Migranten

Neuland für die Gesundheit


Von Bettina Sauer, Berlin / Der Verlust der Heimat und die neuen Lebensumstände in der Fremde können sich auf die Gesundheit auswirken. Zudem ist die medizinische Versorgung von Migranten nicht immer einfach, vor allem aufgrund von Verständigungsproblemen. Möglicherweise können geschulte Dolmetscher Abhilfe schaffen, hieß es bei einer Tagung des Deutschen Ethikrates.

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Deutschland, Zuwanderungsland: Im Jahr 2009 überstieg die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund erstmals die Marke von 16 Millionen. Das belegen die neuesten, Mitte Juli veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes. Demnach sind 10,6 Millionen der erfassten Personen selbst seit 1950 eingewandert, die übrigen bereits in Deutschland geboren und aufgewachsen. Das Spektrum der Herkunftsländer umfasst die ganze Welt. Doch ein besonders großer Anteil, jeweils rund drei Millionen, entfällt auf Menschen mit Wurzeln in der Türkei sowie (Spät-)Aussiedler aus ehemaligen Ostblockländern. »Ich betrachte es als unsere gesellschaftliche Verantwortung, allen Menschen in Deutschland, auch den zugewanderten, die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen zu lassen«, sagte Professor Dr. Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, im Mai bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates zum Thema Migration und Gesundheit.




Verschiedene Barrieren erschweren die medizinische Versorgung von Migranten.

Foto: Superbild


Wer sein Heimatland verlässt, um in der Fremde Fuß zu fassen, den erwarten neue Chancen und Risiken, auch für die Gesundheit. Aber welche genau? »Die deutsche Datenlage zu diesem Thema ist bislang unzureichend«, sagte Dr. Oliver Razum, Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, bei der Tagung. Unter anderem mangele es in Statistiken an detaillierten Informationen zu den einzelnen Migrantengruppen, beispiels­weise aufgeschlüsselt nach Herkunfts­land, Alter oder sozioökonomischem Status. Um dennoch einen ungefähren Überblick zu schaffen, haben Razum und andere Wissenschaftler im Auftrag des Robert-Koch-Instituts (RKI) die verfügbaren Daten ausgewertet und auf dieser Grundlage 2008 den Bericht »Migration und Gesundheit« veröffent­licht (www.rki.de, Rubrik »Gesundheitsberichterstattung und Epidemiologie«).

 

Demnach zeigt sich, dass das Krankheitsspektrum der Zuwanderer, der Fülle der Herkunftsländer zum Trotz, nicht etwa von exotischen Diagnosen beherrscht wird, sondern dem der Deutschen weitgehend ähnelt. Allerdings lassen sich Unterschiede bezüglich der Häufigkeit feststellen. Weiterhin macht der Bericht deutlich, dass beim Gesundheitszustand von Mi­granten viele Faktoren komplex zusammenwirken: Die möglicherweise ethnisch bedingte genetische Ausstattung, die Krankenvorgeschichte, die Ernährungs- und sonstigen Gewohnheiten im Heimatland, migrationsbedingte Belastungen sowie die neuen Lebensumstände in Deutschland, zum Beispiel ein verändertes Essverhalten.

 

Ähnliches Erkrankungsspektrum

 

»Viele frisch zugereiste Migranten importieren gewissermaßen einen Gesundheitszustand, der die Situation im Herkunftsland widerspiegelt, sich aber im weiteren zeitlichen Verlauf zunehmend der im Zuzugsland anpasst«, erklärte Razum. Besonders stark fällt dieses Phänomen dem Bericht zufolge bei den übertragbaren Erkrankungen auf. So bekommen Ausländer der Statistik des RKI zufolge etwa fünfmal so häufig die Diagnose Tuberkulose gestellt wie Deutsche. Als weiteres Beispiel führen Razum und Kollegen das Bakterium Helicobacter pylori an, das die Magenschleimhaut schädigt und dessen Verbreitung stark vom Hygienestandard eines Landes abhängt. Laut Bericht lässt es sich nur bei jedem vierten erwachsenen Deutschen nachweisen, aber bei 55 bis 85 Prozent der erwachsenen Einwanderer aus der Türkei oder Osteuropa.

 

Doch umgekehrt scheinen manchmal auch Faktoren mit auf die Reise zu gehen, die vor Krankheiten schützen. Zum Beispiel vor Allergien. So leiden dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des RKI von 2006 zufolge 23,9 Prozent der 0- bis 17-Jährigen an mindestens einer ärztlich diagnostizierten atopischen Erkrankung, wie etwa Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis. Unter ihren Altersgenossen mit Migrationshintergrund liegt die Rate dagegen bei 17,7 Prozent.

 

Als weiteres bemerkenswertes Beispiel dient Razum und seinen Kollegen die vergleichsweise lange durchschnittliche Lebenserwartung von Italienern, Griechen und Spaniern, die ihnen wohl laut Studien in der Fremde erhalten bleibt. Neben den positiven Langzeitfolgen der mediterranen Ernährungsweise könnte dazu ein höchst allgemeiner Grund beitragen, nämlich der »healthy migrant effect«: Er besagt, dass insbesondere aktive und gesunde Menschen die Strapazen und Ungewissheiten der Migration auf sich nehmen.

 

Letztere scheint allerdings große Risiken für die seelische Gesundheit mit sich zu bringen, wie beispielsweise die Trennung von Familie und Freunden und die Erfahrung von Fremdheit, vielleicht auch von Fremdenfeindlichkeit. »Zudem erreichen Migranten im Zuzugsland oft nur einen niedrigen sozioökonomischen Status«, sagte Razum. »Und der wiederum scheint den Gesundheitszustand weit mehr zu beeinträchtigen als die Nationalität.« Schließlich seien damit körperliche und seelische Belastungen verbunden, die auch Deutschen in einer ähnlichen Lage zu schaffen machten, etwa eine ungünstige Wohnsituation, Arbeitslosigkeit oder schwere körperliche Arbeit mit einem hohen Unfallrisiko. Tatsächlich zeigen Statistiken, dass ausländische, insbesondere türkische, Beschäftigte deutlich häufiger im Job verunglücken als deutsche.




In Deutschland leben 16 Millionen Menschen mit Migrations­hintergrund. Das Leben in der Fremde kann sich auf die Gesundheit auswirken – im negativen wie im positiven Sinne.

Foto: dpa


Doch auch ein selbstgefährdendes, nämlich gesundheitsschädliches Verhalten scheint unter sozial Benach­teiligten gehäuft vorzukommen. Diesbe­züg­lich zeigen sich bei Einwan­derern im Bericht von Razum und seinen Kollegen grundsätzlich einige Auffälligkeiten: Unter nichtdeutschen Männern liegt die Raucherquote höher als unter deut­schen, und unter ausländischen Frauen gibt es deutlich mehr Fälle von starkem Übergewicht (Body-Mass-Index mindes­tens 30 kg/m2). Letzteres gilt aber nur bei den 40- bis 75-Jährigen. Allerdings neigen laut KiGGS-Studie auffällig viele Kinder mit einem »beidseitigen Migra­tions­hintergrund« zu Übergewicht, und zwar über die gesellschaftlichen Schichten hinweg. Offenbar ist das Gesundheitsverhalten also nicht allein vom Sozialstatus geprägt, sondern auch von weiteren Faktoren, wie etwa Schwierigkeiten bei der Anpassung an die Lebensweise in der neuen Heimat, kulturellen Besonderheiten (wenn etwa ein wohlgenährtes Kind als gesund gilt) oder Unwissenheit um ein nach westlichen Maßstäben gesundes Verhalten.

 

Auch die Angebote des deutschen Gesundheitssystems scheinen viele Migranten nicht zu kennen oder aus anderen Gründen nur unzureichend zu nutzen. Das zeigt sich unter anderem an einer recht geringen Inanspruchnahme von Impfungen und Früherkennungsuntersuchungen. So haben laut KiGGS-Bericht 82,2 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen an allen Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen, aber nur 64,5 Prozent derer mit beidseitigem Migrationshintergrund.

 

Sprachliche Barrieren

 

Auch dem Zugang zu Diagnosen und Therapien stehen Barrieren im Weg, insbesondere sprachlicher Natur. Denn unzureichende Deutschkenntnisse machen die Kommunikation zwischen Migrant und Arzt nicht eben einfach, zumal auf dem komplexen Feld von Körper und Seele, Gesundheit und Krankheit. Oft verstehen dann die Patienten die Therapieempfehlungen der Ärzte nicht, und denen wiederum fällt es schwer, anhand von lückenhaften Beschreibungen und Gesten die richtige Diagnose zu finden. »In der Folge kommt es leicht zu einer Unter- und Fehlversorgung, aber auch zur Durchführung überflüssiger Untersuchungen«, sagte Dr. Ilhan Ilkilic, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Mainz, bei der Jahrestagung. »Oft versuchen sich die Mediziner auch zu behelfen, indem sie Angehörige oder Reinigungspersonal übersetzen lassen.« Doch sei der Einsatz dieser Laien-Dolmetscher nicht unbedingt im Sinne der Patienten, da er den Datenschutz verletze und oft – teils versehentlich, teils absichtlich – zu Fehlübersetzungen oder zum Auslassen wichtiger Informationen führe. Zudem bedeute der Gebrauch derselben Sprache noch lange nicht, dass sich Heilberufler und Patient wirklich verstehen. »Denn die Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und dem Wert von Therapien unterscheiden sich je nach Herkunftskultur erheblich.« So drückten türkische Patienten seelische Beschwerden häufig in Worten aus, die an körperliche Probleme denken lassen. »Meine Leber brennt« zum Beispiel meine nicht etwa einen Organschaden, sondern tiefe Traurigkeit. Zudem schreckten religiöse Muslime vor der Einnahme von Arzneimitteln im Fastenmonat Ramadan zurück (siehe dazu Islamischer Fastenmonat: Arzneimittel im Ramadan). Grundsätzlich verpönt seien bei ihnen meist auch alkoholhaltige oder »unreine«, weil mit Gelatine vom Schwein hergestellte Präparate. »Dann wird zum Beispiel der Einsatz einer Herzklappe abgelehnt.«

 

Im Zuge solcher Kommunikationsprobleme leide aber nicht nur die Behandlungsqualität, sondern auch die Beziehung zwischen Heilberuflern und Patienten und damit bei Ersteren die Arbeitszufriedenheit und bei Letzteren das Gefühl der gesellschaftlichen Akzeptanz. Entsprechend sieht auch die Integrationsbeauftragte Böhmer Handlungsbedarf. »Wir brauchen eine interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens«, sagte sie bei der Tagung. Dabei empfahl sie insbesondere den Einsatz von geschulten Dolmetschern, die auch über medizinische und kulturelle Kenntnisse verfügen und die Klinik- und niedergelassene Ärzte im Falle von Verständigungsproblemen hinzurufen könnten. »Ein solches Angebot sollte im Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung verankert werden.« Wichtig seien auch fremdsprachige Service-Telefone für medizinische Fragen sowie die Bereitstellung von fremdsprachlichem Informationsmaterial zum deutschen Gesundheitssystem sowie zu Präventionsangeboten, Krankheiten und Therapien. Um geeignete Anlaufstellen für Hilfesuchende zu schaffen, fände Böhmer auch eine vermehrte Beschäftigung von ausländischem Personal im Gesundheitswesen und eine vereinfachte Anerkennung entsprechender Ausbildungen begrüßenswert. »Dass diese Maßnahmen wirken, zeigen viele engagierte Modellprojekte.« Nun müsse daraus ein flächendeckender Standard werden. /


Arbeitshilfen für die Apotheke

Ein Bericht des Arbeitskreises Migration und öffentliche Gesundheit der Bundesintegrationsbeauftragten nennt viele Projekte, an die hilfesuchende Migranten verwiesen werden (www.integrationsbeauftragte.de).
Der Informationsdienst »Migration und öffentliche Gesundheit« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) liefert Hintergrundwissen für Heilberufler und einige fremdsprachliche Informationen (www.infodienst.bzga.de).
Das Ethnomedizinische Zentrum in Hannover bietet viele Hilfen: Unter anderem einen »Gesundheitswegweiser« in derzeit 14 Sprachen, einen medizinischen Dolmetscherdienst (vor allem im Raum Hannover) sowie das Projekt »Mit Migranten für Migranten« (MiMi). Dabei halten geschulte Migranten muttersprachliche Fachvorträge zu Gesundheitsthemen und können auch von Apotheken gebucht werden. Zudem können die Mitarbeiter des Zentrums, die mehrere Sprachen sprechen, Migranten Auskunft zu dringenden medizinischen Fragen geben (www.ethno-medizinisches-zentrum.de; Telefon: 0511 16841020; E-Mail: ethno@onlinehome.de).

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Beitrag erschienen in Ausgabe 29/2010

 

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