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Nocebos: Wirkstoffunabhängige Nebenwirkungen

PHARMAZIE

 
Nocebos

Wirkstoffunabhängige Nebenwirkungen


Von Jörn Weißenfeld / Nach der Umstellung auf ein rabattiertes Arzneimittel klagen Patienten häufig über das Auftreten von unerwünschten Arzneimittel-Wirkungen (UAW), die nicht auf einer pharmakologischen Reaktion eines Wirk- oder Hilfsstoffes beruhen. Der weitgehend noch unbekannte Nocebo-Effekt kann eine Erklärung für diese Nebenwirkungen geben.

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Neben den wirkstoffabhängigen Effekten liegen einem Teil der UAW wirkstoffunabhängige Faktoren zugrunde. Dieser Teil der Nebenwirkungen kann durch den Nocebo-Effekt beschrieben werden. Der Begriff Nocebo wurde als Ergänzung zum Placebo (siehe dazu Placebo: Und es wirkt doch) eingeführt, um die negativen von den positiven Wirkungen eines Placebos zu unterscheiden. Der Nocebo-Effekt beschreibt im heutigen medizinwissenschaftlichen Sprachgebrauch das Auftreten von negativen Wirkungen einer Behandlung, die nicht auf einen pharmakologischen Effekt der Wirk- oder Hilfsstoffe zurückzuführen sind.




In Arzneimitteln wirken nicht nur die Inhaltsstoffe. Auch Form und Farbe spielen eine Rolle. Das gilt auch für manche Nebenwirkungen.

Foto: Pixelio/Winter


Das Auftreten des Nocebo-Effekts bei bis zu 27 Prozent aller Patienten wird unter anderem durch deren Erwartungs­haltung, frühere Erfahrungen oder dem Aussehen des Medikaments beeinflusst. Der Effekt äußert sich gewöhnlich in subjektiv empfundenen Zeichen wie Übelkeit, Kopfschmerzen oder Juckreiz. Doch auch Nebenwirkungen wie Tachykardie, Hautausschlag oder Erbrechen können Folgen sein. Die UAW können temporär auftreten oder sich chronifizieren. Frauen oder ältere Patienten leiden häufiger an Nocebo-Symptomen als Männer oder jüngere Patienten.

 

Einfluss nehmende Faktoren

 

Dem Nocebo-Effekt liegen verschiedene Mechanismen zugrunde, die im Einzelnen noch nicht entschlüsselt sind und es teilweise auch nicht werden können. Das Induzieren von Nebenwirkungen durch das Auslösen einer negativen Erwartungshaltung kann eine stressvolle und Angst machende Prozedur sein und beim Patienten zu tatsächlichen Nebenwirkungen führen. Hinzu kommt, dass im Zuge der Auswertung von Studienergebnissen wirkstoffabhängige nicht zweifelsfrei von Nocebo-induzierten Nebenwirkungen oder Adverse nondrug Reactions unterschieden werden können.

 

Bei einigen Medikamenten muss der Patient eine Zuzahlung leisten beziehungsweise Mehrkosten tragen. Diese Eigenanteile können teilweise bei einem Austausch gegen ein wirkstoffgleiches Rabatt-Arzneimittel entfallen. Die finanzielle Einsparung führt bei einigen Patienten zu der Ansicht, dass das für sie preisgünstigere Medikament von einer geringeren Qualität sei. Eine Versorgung der Patienten mit einem aus ihrer Sicht minderwertigen Präparat könnte das Auftreten von Nocebo-induzierten Nebenwirkungen fördern.

 

Sollte durch den Arzt namentlich ein Präparat eines bestimmten Herstellers verordnet und die »Aut-Idem-Regelung« nicht ausgeschlossen sein, bekommt der Patient ein Austauschpräparat gemäß Rabattvertrag. Patienten können dabei zu der Auffassung gelangen, dass sie nicht mit dem vom Arzt gewollten Medikament behandelt werden. Da der Nocebo-Effekt durch die Erwartungshaltung der Patienten beeinflusst wird, kann es auch in diesen Fällen zu unspezifischen Nebenwirkungen kommen.

 

Auch das Aussehen des Arzneimittels hat einen Einfluss auf die Wirkung. So kann die Farbe des Präparats eine entscheidende Rolle spielen und sollte stets zum erwarteten therapeutischen Effekt passen. In Studien wurde blauen Kapseln eine beruhigende, gelben und roten hingegen eine stimulierende und antidepressive Wirkung zugeordnet. Neben der Farbe kann sich das ausgetauschte Medikament hinsichtlich der Darreichungsform, der Größe, der äußeren Form, der Teilbarkeit, der Zusammensetzung der Hilfsstoffe oder der in der Gebrauchsinformation genannten Nebenwirkungen vom Ausgangspräparat unterscheiden und so eine negative Erwartungshaltung fördern.

 

Eine generische Substitution muss jedoch nicht grundsätzlich das Auftreten eines Nocebo-Effekts nach sich ziehen. Ein Wechsel der Darreichungsform oder der Farbe des Präparats sowie eine geringere Zuzahlung könnten die Erwartungshaltung des Patienten auch positiv beeinflussen und umgekehrt zu einem Placebo-­Effekt führen.

 

Fazit

 

Zusammenfassend sind beim Austausch eines Medikaments mehrere Faktoren zu beachten, die die Erwartungshaltung des Patienten beeinflussen und somit zu einem Nocebo-Effekt führen können. Um das Auftreten von Nocebo-induzierten Nebenwirkungen beim Austausch eines Medikaments zu vermeiden, sollte die Substitution Bestandteil eines jeden Arzt-Patienten-Gesprächs sein. Sie sollte zusätzlich durch den Apotheker erläutert werden. Dies gilt vor allem für Patienten, die besonders anfällig für das Auftreten des Nocebo-Effekts sind. Darunter fallen somatisierte, ängstliche oder depressive Patienten. Der Abbruch beziehungsweise die Umstellung einer wirksamen Therapie können so verhindert werden.

 

Prospektive wissenschaftliche Studien werden notwendig sein, um die Frage zu klären, ob die Rabattverträge das Auftreten des Nocebo-Effekts begünstigen und falls ja, in welchem Maße dies zu unerwünschten Nebenwirkungen führen kann. Durch ein entsprechendes Studiendesign müsste gewährleistet werden, dass Nocebo-Effekte von Adverse Nondrug Reactions unterschieden und ebenso Placebo-Effekte erfasst werden. / 

 

Literatur

...beim Verfasser


Kontakt:

Jörn Weißenfeld

Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie, Köln

joern@weissenfeld.org


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Beitrag erschienen in Ausgabe 28/2010

 

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