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Placebo: Und es wirkt doch

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Placebo


Und es wirkt doch


Von Hildegard Tischer / Die echte Wirkung eines Schein­medikaments ist seit Hippokrates bekannt. Über die Jahrhun­derte hinweg griffen Ärzte zu diesem Mittel, wenn sie einem Patienten keine »echte« Behandlung angedeihen lassen konnten. Inzwischen weiß man, welche Mechanismen hinter der Wirkung von Placebos stecken und ansatzweise auch, wie man sie gezielt nutzen kann.

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In den vergangenen Jahren ist der Placebo-Effekt zum Thema eines eigenen Forschungszweigs an der Schnittstelle zwischen Medizin und Psychologie aufgestiegen. In der Praxis haben ihn sicher auch Apothekerinnen und Apotheker bereits erlebt. Er kann beispielsweise dahinterstecken, wenn ein Kunde sich gegen ein Aut-idem-Medikament sträubt, weil dieses bei ihm angeblich nicht so gut wirkt wie das gewohnte Markenpräparat. Bei einigen mag das tatsächlich zutreffen; in den meisten Fällen dürfte es aber daran liegen, dass der Kunde einem No-Name-Produkt weniger vertraut als dem bekannten Logo auf der Packung. Auch dies ist eine Facette des Placebo-Effekts.




Kein Wirkstoff und doch wirksam

Foto: dpa


Die bekannteste Form des Placebos sind Tabletten und Dragees ohne pharmakologischen Wirkstoff. Der Effekt kann aber grundsätzlich bei jeder Form der therapeutischen Intervention auftreten, auch bei Schein-Injektionen, -Operationen oder -Akupunktur und sogar in der Psychotherapie. Der Placebo-Effekt macht immer auch einen Teil der Wirkung echter Medikamente oder ärztlicher Eingriffe aus. Der renommierte Placebo-Forscher Professor Dr. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltens­immunbiologie der Uni-Klinik Essen schätzt, dass bis zu 70 Prozent der Wirkung einer »echten« Therapie auf einem Placebo-Effekt beruhen kann.

 

Operation zum Schein

 

Eine bekannte Studie zu Schein-Operationen ist die des amerikanischen Chirurgen Bruce Moseley. Als Spezialist für Gelenkerkrankungen hatte er zahlreiche ältere Menschen mit Knie-Arthrose unter seinen Patienten, und Arthroskopien gehörten zu seiner Routine. Irgendwann wollte er wissen, ob nicht ein Teil des Behandlungserfolgs auf einem Placebo-Effekt beruht.

 

Er inszenierte ganz normale Operationen mit den üblichen Präliminarien wie Aufnahme ins Krankenhaus, Beruhigungsspritze, Narkose und den typischen Geräuschen eines OP-Saals, operierte aber tatsächlich nur die Hälfte der Patienten. Den anderen ritzte er während der Narkose nur die Haut ein, damit das Knie etwas blutete, und verpasste ihnen eine dicke Naht. Um die Täuschung zu perfektionieren, konnten die Schein-Operierten ebenso wie alle anderen auf einem Monitor eine echte Operation verfolgen, nur dass es bei ihnen gar nicht ihre eigene war.




Eine vorgetäuschte Knieoperation kann ebenso gute Erfolge erzielen wie eine echte Operation, zeigte eine Studie.

Foto: bvmed


Das Ergebnis war, dass die zum Schein operier­ten Menschen nach der Heilungsphase ebenso zufrieden waren mit der Behandlung wie die tat­sächlich Operierten. Moseley betrachtete das als Nachweis für einen Placebo-Effekt. Gleichzeitig zeigte es aber auch, dass eine Kniegelenks-Operation in vielen Fällen nutzlos oder überflüssig ist, weil die Beschwerden auch von selbst oder mit einer weniger invasiven Therapie verschwin­den. Inzwischen gilt dieser Eingriff tatsächlich nicht mehr als Mittel der Wahl bei Kniegelenks­ver­schleiß, sondern wird nur noch bei bestimm­ten, eng eingegrenzten Krankheitsbildern empfohlen (1).

 

Eine Reihe von Analysen wies den Placebo-Effekt auch bei der Akupunktur nach. Wissen­schaftler der Technischen Universität München um Privatdozent Dr. Klaus Linde verglichen die Daten aus 33 Studien, in denen es um die Wirksamkeit von Akupunktur bei Spannungs­kopf­schmerzen und Migräne ging. Insgesamt zeigte sich, dass Akupunktur bei beiden Schmerz­arten sehr gut hilft – eine Schein-Akupunktur aber auch. Beim Spannungskopfschmerz war die echte Nadelung der Scheinbehandlung etwas überlegen, bei Migräne war es umgekehrt. Hier wurden mit den Scheinnadeln sogar bessere Ergebnisse erzielt als mit den echten (2).

 

In der Psychotherapie kann ebenfalls ein Placebo-Effekt entstehen, wenn der Therapeut ein hohes Renommee hat oder dem Hilfesuchenden von einer Vertrauensperson empfohlen wird. Dieses Vertrauen kann den Placebo-Effekt hervorrufen oder erhöhen.

 

Wie die Wirkung zustande kommt

 

Zwei Mechanismen liegen dem Placebo-Effekt zugrunde: Erwartung und Konditionierung. Darüber sind sich die Experten inzwischen einig. Im Fall des Markenpräparats spielen beide eine Rolle. Zum einen ­erhöht das Logo eines bekannten und eingeführten Unternehmens das Vertrauen in dessen Produkte und damit die Erwartung, dass die Medikamente helfen. Hat der Kunde seinen Blutdrucksenker oder sein Rheumamittel schon länger eingenommen, kommt zusätzlich die Konditionierung, das heißt ein Lern- und Gewöhnungsprozess, zum Tragen.




Die Nadeln sitzen – aber wirken sie besser als Placebo?

Foto: AOK


Das wohl bekannteste Beispiel dafür, wie eine Konditionierung entsteht, ist der pawlowsche Hund. Dessen Speichelfluss wurde schon angeregt, wenn er nur die Essensglocke hörte. Die Verbindung zwischen Glocke und Futter hatte sich im Lauf des Trainings so verfestigt, dass die Klingel bereits eine Reaktion auslöste, die normalerweise zum Futter gehört.

 

Robert Ader und Nicolas Cohen konnten 1975 nachweisen, dass die Konditionierung noch viel weiter gehen kann. Eine Zeit lang gaben sie Ratten, die zuvor dursten mussten, gezuckertes Wasser, auf das sich die Tiere stürzten. Gleich­zeitig verabreichten sie ihnen Cyclophosphamid. Damit lösten sie bei den Ratten Übelkeit aus, unterdrückten aber auch deren Immunaktivität. Auf diese Weise konditionierten sie das Immunsystem der Tiere: Gesüßtes Wasser und Abwehrschwäche gingen miteinander einher. Besonders prägend war die Übelkeit als spürbare Folge des Trinkens. Als die Forscher davon ausgehen konnten, dass die Konditionierung erfolgt war, ließen sie das Cyclophosphamid weg und impften die Versuchstiere stattdessen gegen Schaf­erythrozyten, als sie ihnen das Wasser gaben. Die anschließenden Messungen zeigten, dass die Ratten nur sehr wenige Antikörper entwickelten. Das Wasser allein genügte also, um das Immunsystem zu supprimieren.

 

Dieses Experiment zeigt zum einen, dass der Placebo-Effekt sich nicht nur im Kopf abspielt, sondern tatsächlich physiologische Veränderungen bewirkt, zum anderen, welch großen Einfluss die Konditionierung hat (3).

 

Eine aktuellere deutsche Studie von Dr. Regine Klinger von der psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Uni Hamburg sowie Professor Dr. Margitta Worm und Dr. Stephanie Klinger von der Charité Berlin zeigt, wie Konditionierung und Erwartung beim Menschen zusammenspielen. Die Forscherinnen erklärten ihren Probanden, dass sie eine neue Salbe gegen Schmerzen testen wollten. Sie setzten Elektroden an den Armen der Studienteilnehmer an und lösten damit schmerzhafte Stromstöße aus. Anschließend trugen sie eine wirkstofffreie Creme auf die Arme sämtlicher Probanden auf. Der Hälfte erzählten sie, es handle sich um die Salbe mit einem neuen Wirkstoff. Die andere Hälfte wurde darüber aufgeklärt, dass sie eine neutrale Creme erhielt. Danach wurden die Probanden wieder einer Reihe von Stromreizen ausgesetzt. In der zweiten Phase wurden die beiden Probandengruppen noch einmal unterteilt. Bei jeweils der Hälfte beider Gruppen reduzierten die Forscher die Reizstärke um 50 Prozent. Diese Probanden machten also die Erfahrung: Die Salbe wirkt, denn der Schmerz hat nachgelassen. Dabei war es gleichgültig, ob sie wussten, dass es keine echte Salbe ist oder nicht. Sie wurden konditioniert. Die jeweils andere Hälfte beider Gruppen erhielt gleich starke Reize wie zuvor, es trat also keine Linderung und damit auch keine Konditionierung ein. In der dritten Phase schließlich setzten die Forscher sämtliche Probanden gleich starken Reizen aus, einmal vor und einmal nach dem Auftragen der Creme.

 

Das Ergebnis war beeindruckend. Die Testpersonen, die glaubten, sie hätten einen Wirkstoff erhalten, und die in der zweiten Phase konditioniert worden waren, zeigten den deutlichsten Placebo-Effekt. Bei ihnen hatten sich die Erwartung, ein Schmerzmittel zu erhalten, und die Konditionierung durch die tatsächlich eingetretene Schmerzlinderung gegenseitig verstärkt. Die Probanden, die zwar die Konditionierungsphase durchlaufen hatten, aber wussten, dass die Salbe keinen Wirkstoff enthielt, verspürten ebenfalls eine Schmerzlinderung, aber nicht so stark. ­Dieses Experiment bestätigte die Annahme, dass Erwartung und Konditionierung für den Placebo-Effekt verantwortlich sind (4).

 

Die Konditionierung scheint umso besser zu funktionieren, je länger sie eingeübt wurde und je häufiger der konditionierende Impuls eingetreten ist. Wenn ein Kranker beispielsweise drei Wochen lang ein Medikament eingenommen hat, sitzt die Konditionierung weniger fest als nach einem halben Jahr Therapie. Außerdem scheint es darauf anzukommen, wie gut die Tablette oder Spritze gewirkt hatte. Verschwinden beispielsweise Kopfschmerzen nach einer Tabletteneinnahme komplett, kann es auch mit Placebo zu einer deutlichen Schmerzlinderung kommen. Bleibt jedoch immer ein – wenn auch erträglicher – Grundschmerz zurück, wirkt auch ein Scheinmedikament nicht so gut.

 

Die fehlende Konditionierung erschwert die Medikation bei Kleinkindern. Da sie noch nicht die Erfahrung gemacht haben, dass eine Arznei ihre Beschwerden lindert, tritt kein oder kaum ein Placebo-Effekt ein. Auch dies trägt dazu bei, dass sie von manchen Arzneistoffen eine vergleichsweise hohe Dosierung benötigen.

 

Was die Erwartung beeinflusst

 

Die zweite auslösende Komponente des Placebo-Effekts, die Erwartung, kann auf individuellen Vorstellungen und Bildern beruhen. Sie wird zwar auch von der Erfahrung geprägt; es spielen aber sehr viel stärker Symbole und Archetypen mit hinein, wie die beschützende Mutter oder die Projektion von Macht in den weißen Kittel, kraft derer sein Träger sicher etwas gegen die Krankheit ausrichten kann. Diese Symbolkraft zeigt sich beispielsweise daran, dass der Zahnschmerz oft verschwindet, sobald der Patient vor der Tür des Zahnarztes steht. Allein die Erwartung, dass ihm jetzt gleich geholfen wird, bringt schon Erleichterung.




Der Anblick des Arztes weckt die Erwartung auf Heilung oder Linderung.

Foto: AOK


Die Erwartung laufe »über kognitive Faktoren, das heißt, mentale Prozesse, die im Gehirn im prä­frontalen Kortex lokalisiert sind«, erklärt Sched­lowski. »Man weiß es deshalb, weil der Placebo-Effekt nicht funktioniert bei Menschen, bei denen die kognitiven Fähigkeiten gestört sind, beispiels­weise Alzheimer-Patienten oder auch schwerst depressiven Menschen.«

 

Mediziner der Universitätsklinik Hamburg-Eppen­dorf konnten mithilfe hoch auflösender kernspin­tomo­grafischer Aufnahmen nachweisen, dass der Körper aufgrund einer erwarteten Schmerzlinde­rung endogene Opioide ausschüttet. Bei glei­chem realen Schmerzstimulus zeigte sich eine verringerte Nervenzell­aktivität im Rückenmark (5). Die Tatsache, dass das Gehirn Endorphine ausschüttet, widerlegt den häufig gezogenen Schluss, die Schmerzen seien nur eingebildet gewesen, wenn sie durch »nichts« verschwinden konnten.

 

Die Erwartung wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Das Renommee einer Klinik oder eines Arztes oder die Empfehlung von Vertrauenspersonen spielen eine Rolle, Marke und Preis eines Medikaments ebenso wie Größe und Farbe der ­Tabletten. Große, schwer zu schluckende Kapseln etwa wecken höhere Erwartungen als Tropfen oder kleine Pillen. Beruhigungstabletten vertraut der Patient eher, wenn sie blau sind, Antidepressiva sollten gelb sein, und Mittel gegen Rheuma, Arthritis und Schmerzen rot. Das gilt auch für Placebos und entspricht den hierzulande verbreiteten Farbassoziationen. Gelb steht in unseren Breiten für Sonne, Licht und Heiterkeit, Blau für Wasser, Entspannung und Ruhe, Rot für Wärme, aber auch Alarm und Gefahr. Die rote Farbe könnte somit den Anschein erwecken, es handle sich um ein besonders durchschlagendes Mittel.




Auch Größe und Farbe eines Arzneimittels beeinflussen dessen Wirkung.

Foto: ABDA


Eine wichtige Rolle kommt dem Verhalten des Arztes zu. Lobt er das verschriebene Präparat, wirkt es besser, als wenn er dem Patienten kom­mentarlos das Rezept oder Medikament aus­händigt. Gleiches gilt, wenn er berichtet, dass er mit dem Medikament gute Erfahrungen gemacht habe, dass es den Patienten bisher immer gut geholfen habe oder dass es sich um einen ganz neuen, vielversprechenden Wirkstoff handle.

 

Auch die Empathie des Therapeuten gegenüber seinem Patienten macht einen Großteil des Be­hand­lungserfolgs aus. »Die Interaktion zwischen Arzt und Patient, die Art, wie der Arzt sich mit dem Patienten unterhält, wie er ihn annimmt und aufklärt, kann eine Riesenauswirkung haben auf den Erfolg einer Behandlung oder einer Medika­tion«, berichtet Schedlowski. »Wenn wir den Ärztinnen und Ärzten, vor allem den jüngeren, beibringen, wie das funktioniert, wie man die Kommunikation gestaltet im ärztlichen Gespräch, wie man die Compliance beim Patienten erhöht, dass man sich ihm zugewandt verhält, dass man ihn eben nicht in anderthalb Minuten Gespräch abfertigt und ihm anschließend eine Packung Blutdruckmittel über den Tisch schiebt, dann lässt sich dieser Teil des Placebo-Effekts relativ leicht erzielen.«

 

Was Medikamente angeht, so stimuliert sicherlich auch eine positive Interak­tion zwischen dem Apotheker und dem Kunden den Placebo-Effekt, besonders in der Selbstmedikation. Erklärt der Apotheker, warum er gerade dieses Medikament empfiehlt und beschreibt dessen Wirkweise, wird es bei der Mehrheit der Patienten besser helfen, als wenn er es einfach über den HV-Tisch schiebt.

 

Placebo und Pseudo in der Praxis

 

Den Stimulus »Zuwendung« können Ärzte einsetzen, ohne in Konflikt mit der Ethik zu geraten. Schwieriger wird es, wenn sie Stärkepastillen verordnen möchten. Denn das müssen sie ihrem Patienten sagen – auf die Gefahr hin, damit den Placebo-Effekt zunichte zu machen. Deshalb greifen sie gewöhnlich zu sogenannten Pseudo-Placebos. Das sind »echte« Medikamente, aber in einer unwirksamen Dosierung, oder ein Vitaminpräparat oder dergleichen.

 

Es gibt für Deutschland keine Zahlen, wie oft das in der Praxis geschieht. In einer ano­nymisierten Umfrage in den USA von 2008 unter Rheumatologen und Internisten gab gut die Hälfte an, regelmäßig Scheinmedikamente einzusetzen. Fünf Prozent verordnen echte Placebos, während die anderen Pseudo-Placebos verwendeten, und zwar überwiegend leichte, frei verkäufliche Schmerzmittel und Vitamine, ein kleinerer Teil auch leichte Beruhigungsmittel (6). Umfragen in Israel (7) und Dänemark ergaben ein ähnliches Bild, sodass für Deutschland ein vergleichbares Verschreibungsverhalten anzunehmen ist.

 

Schein oder Sein?

 

Zwischen Placebo und Pseudo-Placebo liegen Mittel, deren Wirksamkeit nicht sicher nachgewiesen ist, wie Globuli und Bach-Blüten. Es gibt zwar Studien, die beiden eine pharmakologische Wirksamkeit bescheinigen, aber noch mehr, die zu einem gegenteiligen Urteil gelangen. Vor dem Hintergrund, dass Placebos eine echte Wirkung anstoßen, verblasst jedoch die Bedeutung dieser Diskussion.




Echte Heilmittel oder Placebo: Die Studienlage ist unklar, aber vielen Patienten helfen Homöopathika dennoch.

Foto: dpa


Patienten, die homöopathische Mittel wünschen, neh­men sie mit einer hohen positiven Erwartungshaltung ein, weil sie ihrer Weltanschauung und ihren Vorlieben entsprechen. Hinzu kommt eine gewisse Konditio­nie­rung, da normalerweise jeder Erwachsene in seinem Leben schon einmal die Er­fahrung gemacht hat, dass Arzneimittel ihm geholfen haben. Diese positive Erfah­rung überträgt sich sowohl auf Placebos als auch auf Globuli oder andere Sub­stanzen. Somit tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit die gewünschte Wirkung ein. Ob dieser eine pharmakologisch nachweisbare Substanz zugrunde liegt oder ein Placebo, ist unwesentlich.

 

Sicher gebietet es die Vernunft und die Pflicht, ein­deutig falsche Erwartungen zu dämpfen und die Pa­tienten entsprechend aufzuklären. Aber in Fällen, in denen solche Mittel erfahrungsgemäß helfen, spricht nichts dagegen, sie zu verwenden – wenn dem Pa­tien­ten keine Gefahr durch Verzögerung einer nach­gewie­sen effektiven Therapie droht.

 

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

 

Die Kehrseite der Medaille »Placebo« ist das Nocebo. Der pawlowsche Hund liefert auch hierzu ein Beispiel. Iwan Pawlow gab einem seiner Hunde eine Zeit lang Morphiumspritzen. Von diesen wurde dem Tier schlecht, und es musste sich übergeben. Nachdem der Hund sozusagen gelernt hatte, dass ihm die Spritzen Übelkeit verursachen, tauschte Pawlow das Morphin gegen Salzlösung aus. Der Hund musste trotzdem erbrechen. Der Hund zeigte die Nebenwirkungen von Morphin, nicht die Wirkung.

 

Auch hier spielen Erwartung und Konditionierung eine Rolle. Beim pawlowschen Hund handelte es sich um Konditionierung. Beim Menschen kommt noch die Erwartung hinzu. Steht jemand »Chemiehämmern« grundsätzlich ablehnend gegenüber, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass synthetische Arzneistoffe bei ihm schlecht wirken, die Nebenwirkungen aber umso deutlicher auftreten. Nocebo-Effekte zeigen sich häufig in diffusen leichten Beschwerden wie Unwohlsein, Schlafstörungen, Müdigkeit oder Verdauungsproblemen.

 

Dass der Körper Angst in Schmerz umsetzt, konnten italienische Neurowissenschaftler um Fabrizio Benedetti bei frisch operierten Patienten belegen. Die Darmschleimhaut bildet bei Angst den Botenstoff Cholecystokinin (CKK), der im Gehirn eine Schmerzreaktion auslöst. Es spielt dabei keine Rolle, wovor der Betreffende Angst hat. Das können Nebenwirkungen eines Medikaments sein, Strahlen, Spritzen oder wie in diesem Fall Schmerzen nach der Operation. Die italienischen Mediziner hatten entdeckt, dass der Nocebo-Effekt nach Operationen bei ihren Patienten weniger stark ausfiel, wenn sie ihnen Proglumid verabreichten. Dieses Präparat bremst die Aktivität von CKK, sodass auch die Schmerzreaktion des Gehirns gemindert wird, obwohl die zugrunde liegende Angst gleich stark bleibt.

 

Um dem Nocebo-Effekt und dem Zusammenhang zwischen Angst und Schmerz genauer auf den Grund zu gehen, machten die Wissenschaftler einen Test. Sie banden 49 Probanden den Unterarm ab und unterbrachen damit die Blutzufuhr. Dann gaben sie den Testpersonen eine Sprungfeder und baten sie, diese mit der Hand so oft zusammenzudrücken, wie sie es aushielten. Die Forscher konnten sicher sein, dass diese Übung ziemlich schmerzhaft wird. Einem Teil der Freiwilligen erzählten sie das im Vorfeld; diese rechneten also damit, dass es weh tun würde und bauten entsprechend Angst auf. Den anderen sagten sie nichts. Nach dem Grad ihrer Schmerzen befragt, gaben die informierten Probanden nach dem Test viel höhere Werte an als die Ahnungslosen. Bekamen die eingeweihten Teilnehmer jedoch vor dem Versuch Proglumid, empfanden sie nicht mehr Schmerzen als die anderen. Damit hatten die Mediziner bewiesen, dass der Nocebo-Effekt eine große Rolle bei der Schmerzentstehung spielt (8).

 

Psyche und Körper interagieren

 

Prinzipiell kann Placebo bei jedem Menschen wirken. Eine typische »Placebo-Persönlichkeit« gibt es nicht. Zumindest hat man noch keine Merkmale identifiziert, die allen Placebo-Respondern gemeinsam sind. »Wir sind alle Placebo-Persönlichkeiten«, stellt Professor Dr. Paul Enck, Forschungsleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uni-Klinik Tübingen, fest. Neuere Studien deuten darauf hin, dass die genetische Disposition zumindest zum Teil bestimmt, wer bei welchen Symptomen auf Placebo reagiert (9, 10).

 

Die Stärke des Effekts wird aber auch von anderen Faktoren bestimmt. Neben der Interaktion mit dem Arzt kommt es auch auf die Situation des Einzelnen ein. Bei hohem Leidensdruck und wenig Aussicht auf Heilung neigen die Menschen dazu, sich an jeden Strohhalm zu klammern. Macht ihnen der Arzt Hoffnung, dass das verschriebene Mittel hilft, ist ihre Bereitschaft höher, dieses auch anzunehmen und wirken »zu lassen«.

 

Seit einigen Jahren versuchen medizinische Psychologen, den Zusammenhang zwischen den psychischen und neurologischen Komponenten, die auch dem Placebo-Effekt zugrunde liegen, gezielt zu nutzen, um das Immunsystem zu stärken oder ein falsch konditioniertes Immunsystem wieder zu normalisieren. Dieser relativ neue Forschungszweig der Psychoneuroimmunologie (PNI) behandelt nach eigenen Aussagen »die Wechselwirkungen zwischen psychischen Faktoren und Faktoren des Nerven-, Hormon- und Immunsystems in Gesundheit und Krankheit und betreibt somit psychosomatische Grundlagenforschung« (11).

 

Professor Dr. Dr. Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie Innsbruck, erklärt im Gespräch mit der PZ: »Wir wissen heute, dass nicht nur psychische Faktoren einen Einfluss auf das Immunsystem haben, sondern umgekehrt die Immunaktivitäten die Psyche beeinflussen können.« So werde beispielsweise die Entstehung von Depressionen auch vor dem Hintergrund von Entzündungen diskutiert. Sie müssten nicht immer aus der Biografie heraus entstehen, sondern könnten auch immunologische Gründe haben.




Freude fürs Immunsystem: Klinik-Clowns setzen auf gute Laune zur Beschleunigung der Genesung.

Foto: KNA


Die klassische Psychosomatik be­schränkt sich darauf, psychische Ur­sachen physischer Erkrankungen zu erforschen, nicht aber den um­ge­kehrten Weg. Als Beispiel für den umgekehrten Mechanismus nennt Schubert das sogenannte Sickness Behaviour: sozialer Rück­zug, erhöhtes Schlafbedürfnis, Ap­pe­titlosig­keit und Antriebslosig­keit, wie es praktisch jeder von Erkältun­gen her kennt. »Vor nicht allzu lan­ger Zeit dachte man noch, dass die­ses Verhalten unspezifisch sei. Heu­te wissen wir, dass das Immun­system bestimmte Zytokine frei­setzt, die im Gehirn 'hochstrate­gisch' Effekte setzen, damit wir uns psychisch verändern.« Diese Ver­änderungen, wie eben Müdigkeit und Rückzugsbedürfnis, zielten darauf ab, dass der Körper seine Energie in die Erregerabwehr kanalisiert; sie seien kein Ausdruck allgemeiner Schwäche. Chronische Entzündungen wie rheumatische Erkrankungen können deshalb auch Depres­sionen hervorrufen oder verstärken.

 

Ähnlich ist es mit dem Hormonsystem. Auch hier können Wechselwirkungen mit psychischen und immunologischen Belastungen entstehen. Schubert berichtet von einer Patientin, bei der schon die Erwartung von Stress genügte, um die Freisetzung von Cortisol zu stimulieren. »Die Dame war schon mit dem belastenden Ereignis konfrontiert, bevor es real bereits eingetreten ist. Die Erwartung des Stresses ist der eigentliche Stressor.« Es passiert also das Gleiche wie bei einem Nocebo-Effekt. Die Erwartung reiche aus, damit der Organismus ganz real reagiert.

 

Praktisch umgesetzt wird die Erkenntnis dieser Zusammenhänge, auch wenn sie noch lange nicht vollständig erforscht sind, beispielsweise in der Psychoonkologie. Brustkrebspatientinnen, die psychotherapeutisch begleitet werden, leiden weniger unter Angst und krankheitsbedingtem Stress, was ihre Prognose verbessert. Auch der Klinik-Clown, den es inzwischen in vielen Krankenhäusern gibt, setzt auf gute Laune zur Beschleunigung der Genesung, denn Lachen stärkt nachweislich das Immunsystem. Es lässt die Konzentration von T-Zellen, Killerzellen und Antikörpern ansteigen.

 

Die Forschung an den Übertragungswegen und Zusammenhängen zwischen Psyche, Immunsystem, Nerven und Hormonen könnte noch spannende Ergebnisse liefern und dazu beitragen, Placebo-Wirkungen ohne Placebo herbeizu­führen. /


Literatur und Quellen

  1. Moseley, J. B., et al., A Controlled Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee. N. Engl. J. Med. 347 (2002) 81-88.
  2. Linde, K., et al., Acupuncture for tension-type headache. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 1. Art. No. CD007587; doi: 10.1002/14651858.CD007587.
  3. Ader, R., Cohen, N., Behaviorally conditioned immunosuppression. Psychosomatic Med., Vol 37, Nr. 4 (1975) 333-340.
  4. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V., ­ 25. 10. 2007.
  5. Eippert, F., et al., Direct Evidence for Spinal Cord Involvement in Placebo Analgesia. Science, Vol. 326 (2009) doi: 10.1126/ science.1180142.
  6. Tilburt, J. C., et al., Prescribing placebo treatments: results of national survey of US internists and rheumatologists. BMJ 2008; 337:a1938, doi: 10.1136/bmj.a1938.
  7. Lichtenberg, P., The Role of Placebo in Clinical Practice. MJM 11, Nr. 2 (2008) 215-216.
  8. Benedetti, F., et al., The Biochemical and Neuroendocrine Bases of the Hyperalgesic Nocebo Effect. J. Neuroscience, Bd. 26, S. 2014; doi: 10.1523/JNEUROSCI.2947-06.2006.
  9. Furmark, Th., et al., A Link between Serotonin-Related Gene Polymorphisms, Amygdala Activity, and Placebo-Induced Relief from Social Anxiety. J. Neuroscience 28 ; Nr. 49 (2008) 13066-13074 ; doi: 10.1523/JNEUROSCI.2534-08.
  10. Leuchter, A., et al., Monoamine Oxidase A and Catechol-O-Methyltransferase Functional Polymorphisms and the Placebo Response in Major Depressive Disorder. J. Clin. Psychopharmacology, August 2009, doi: 10.1097/JCP.obo13e3181ac4aaf.
  11. Webseite des Deutschen Kolloquiums für psychosomatische Medizin. www.dkpm.de/cms/dkpm/arbeitsgruppen/dkpm-arbeitsgruppe-psychoneuroimmunologie-pni.
  12. Interviews  mit  Professores  Dr. Manfred Schedlowski, Dr. Paul Enck und Dr. Dr. Christian Schubert.

 

Weiterführende Literatur

  1. Brody, H., Brody, D., Der Placebo-Effekt. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2002.
  2. Schedlowski, M., Tewes, U. (Hrsg.), Psychoneuroimmunologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxford 1996.
  3. Schubert, Chr., Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart, Juni 2010.

Die Autorin

Hildegard Tischer ist freie Medizinjournalistin und Autorin. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel in Fach- und Publikumszeitschriften. Im Dezember 2009 ist ihr neues Buch »Heilende Einbildung – Medizin zwischen Placebo-Effekt und Wunderheilung« im Verlagshaus der Ärzte, Wien, erschienen. Es beschäftigt sich mit den Placebo-Effekten und der Wirkweise alternativer Heilmethoden. Zu beziehen über den Govi-Verlag.

 

Hildegard Tischer

Goebenstraße 16

65195 Wiesbaden

hildegard.tischer@rbht.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 28/2010

 

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