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Südafrika: Große Unterschiede in der Versorgung

POLITIK

 
Südafrika

Große Unterschiede in der Versorgung


Von Daniel Rücker / In Südafrika gibt es Krankenhäuser auf europäischem Niveau. Gut ausgebildete Allgemein- und Fachärzte und ein großes Spektrum an Arzneimitteln. Davon profitieren kann aber nur eine kleine Minderheit der Menschen in dem Land.

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Eine Erfolgsgeschichte ist dies nicht. Vor gut 16 Jahren endete am Kap die Herrschaft der weißen Minderheit über die schwarze Mehrheit. Nach der ersten freien Wahl des Landes, Ende April 1994, übernahm der Afrikanische Nationalkongress (ANC) die Macht im Land von der Nationalpartei. Seitdem versuchen südafrikanische Regierungen die Gesundheitsversorgung in dem Land gerechter und besser zu machen.



Als neuer Regierungschef ver­sprach Nelson Mandela kurz nach seiner Amtsübernahme den 48 Millionen Südafrikanern ein gerechteres Gesundheits­sys­tem. Mehr Ärzte und mehr Krankenhäuser sollte es in ihren Wohngebieten geben. Die Un­terschiede in Lebens­erwar­tung und Morbidität sollten nivelliert werden. Bei den Zielen ist es bis heute geblieben. Wesentlich näher gekommen ist das Land ihnen aber nicht. Daran änder­ten auch rund 1300 neue medizi­nische Anlaufstellen des öffentlichen Gesundheitswesens nur sehr wenig.

 

Auf den ersten Blick steht es im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern gar nicht so schlecht um die Gesundheitsversorgung in Südafrika. Im Jahr 1996 führte die Regierung von Nelson Mandela eine kostenlose Gesundheitsversorgung für Schwangere und Kinder ein. Gleichzeitig spendierte sie allen Südafrikanern eine kostenlose medizinische Basisversorgung. Das grundlegende Problem im südafrikanischen Gesundheitssystem besteht aber weiter: Die Unterschiede in der Versorgung sind extrem. Die Wohlhabenden sind privat krankenversichert und können sich darüber hinaus weitere Leistungen aus eigener Tasche hinzukaufen. Ihre medizinische Versorgung ist nahe am europäischen Standard. Wer dagegen auf die Leistungen der staatlichen Grundsicherung angewiesen ist, muss mit einem System zurechtkommen, das in vielen Bereichen auf dem Niveau eines Entwicklungslandes liegt.

 

Hohe Kindersterblichkeit

 

Zwischen den beiden Segmenten liegen Welten. Die Unterschiede zwischen den öffentlichen und den privaten Gesundheitseinrichtungen sind erheblich. Ein Blick auf die Kosten verdeutlicht dies: So liegen die Ausgaben für die gut 200 Krankenhäuser der rund 9 Millionen Privatversicherten bei 5 Milliarden Euro. Das ist genauso viel wie die Regierung in 400 öffentlichen Krankenhäusern für 40 fast Millionen Bürger ausgibt. Auch die niedergelassenen Ärzte zieht es in den privaten Sektor. Fast 80 Prozent der Mediziner kümmern sich um rund 15 Prozent der Bevölkerung. Die finanziellen Unterschiede spiegeln sich auch in der medizinischen Qualität wider. Die durchschnittliche Verweildauer in den gut ausgestatten Privatkliniken ist nur halb so hoch wie in den öffentlichen Krankenhäusern.




Nelson Mandela, Südafrikas erster demokratisch gewählter Regierungschef, und seinen aktuellen Nachfolger Jaob Zuma verbindet der Wunsch nach einem gerechteren Gesundheitswesen. Ausreichend Erfolg hatten beide Staatschefs auf diesem Gebiet allerdings nicht.

Fotos: picture-alliance


Wie groß die Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind, belegen auch die Unter­schiede in der Kindersterb­lichkeit. So erleben in der vornehmlich von Schwarzen bewohnten Provinz Kwa-Zulu-Natal 116 von 1000 Kindern ihren fünften Geburtstag nicht. In der Kap-Region sterben nur 46 von 1000 Kindern in diesem Zeitraum. Freilich ist auch diese Zahl kein Ruhmesblatt für das Gesundheitswesen. Mit 69 To­des­fällen pro 1000 Kindern liegt das Land im internatio­nalen Vergleich ziemlich schlecht. Selbst in Nepal, Ägypten oder Peru haben Kinder deutlich bessere Aussichten. Parallel zur hohen Kindersterblichkeit ist auch die Müttersterblichkeit indiskutabel hoch. Im Jahr 2005 überlebten 400 von 100 000 Frauen die Geburt ihres Kindes nicht. Zum Vergleich: Die UN strebt in ihren Millenniumszielen für 2015 eine Müttersterblichkeit von 38 pro 100 000 Geburten an.

 

Eine Ursache für die hohe Kinder- und Müttersterblichkeit ist HIV/Aids. Weil viele Männer Kondome ablehnen und Vergewaltigungen deutlich häufiger sind als etwa in europäischen Ländern, liegt die Republik am Kap bei der HIV-Infektionsrate weit vor allen anderen Ländern der Welt. Dabei sind in Südafrika im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Erde mehr Frauen als Männer mit dem HI-Virus infiziert.

 

HIV/Aids ist ohne Frage das größte Problem des südafrikanischen Gesundheitswesens. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren im Jahr 2004 mehr als 20 Prozent der Südafrikaner zwischen 15 und 45 Jahren mit HIV infiziert. In absoluten Zahlen liegt Südafrika mit 5,5 Millionen HIV-Infizierten nach dem weitaus größeren Indien weltweit an zweiter Stelle. Rund 17 Prozent der HIV-Infizierten weltweit leben in dem Land. Die Lebenserwartung ist laut UNAIDS am Kap durch HIV seit den achtziger Jahren deutlich gesunken.

 

Tuberkulose folgt HIV

 

Die Regierung von Ministerpräsident Jacob Zuma (ANC) will die Erkrankung nun mit kostenloser antiviraler Therapie für die Infizierten eindämmen. 1,5 Millionen Menschen sollen auf Staatskosten behandelt werden. Bislang sind es aber nur rund 500 000. Außerdem verteilen die Behörden mit unterschiedlichem Erfolg Kondome an die Bevölkerung. Im Gefolge von HIV hat sich auch die Tuberkulose in Südafrika immer weiter ausgebreitet. Sie stieg von 1986 bis 2006 um das Vierfache auf rund eine halbe Million Infektionen.

 

Ein weiteres Problem, unter dem das südafrikanische Gesundheitswesen leidet, ist der Exodus der Fachkräfte. So sank die Zahl der Krankenschwestern im öffentlichen Gesundheitswesen seit 1998 von 149 auf 110 pro 100 000 Einwohner. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Krankenschwestern gehen ins Ausland, wo sie mehr verdienen oder wechseln aus demselben Grund in private Gesundheitseinrichtungen. Außerdem sind sie als zumeist jüngere Frauen überproportional von Aids betroffen. Gleichzeitig sinkt auch die Zahl der Ärzte im öffentlichen Sektor. Sie zieht es ganz stark in private Einrichtungen. In den Achtziger Jahren arbeiteten noch rund 60 Prozent der Mediziner im öffentlichen Bereich. Heute sind es nur noch 21 Prozent. Und davon geben wiederum fast die Hälfte an, ihr Land verlassen zu wollen.

 

Auch bei den Apothekern gibt es eine starke Neigung, in andere Länder auszuwandern, weil dort Arbeitsmöglichkeiten und Verdienst besser sind. Gut 10 000 Apotheker gibt es heute am Kap. Von denen arbeitet aber nur ein Bruchteil im öffentlichen Sektor. Somit weist auch die Arzneimittelversorgung in Südafrika erhebliche Lücken auf.

 

Der seit April 2009 amtierende Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi scheint die Probleme bei der Verbesserung des südafrikanischen Gesundheitswesens erkannt zu haben. In einem Statement vor dem Parlament räumte er ein, dass die bestehenden Schwierigkeiten auch auf Fehler in Politik und Administration zurückzuführen seien. Er kündigte an, in Zukunft stringenter an der Fortentwicklung des südafrikanischen Gesundheitswesens zu arbeiten. Dazu gehört für ihn auch eine bessere Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Gesundheitseinrichtungen. So können private Träger Teile ihrer Einrichtungen an den Staat vermieten oder verkaufen. /


Quelle: Die meisten Infomationen dieses Beitrags stammen aus einem Lancet-Sonderheft vom 24. August 2009.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2010

 

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