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Kampf gegen Phantom-Verbrecher


Von Nils Franke, Berlin / Analysen von DNA-Spuren werden immer genauer. Schon kleinste Verunreinigungen können die Polizei auf die falschen Verdächtigen lenken, wie beim Phantom von Heilbronn. Hersteller von Analyse-Mitteln und Forensiker arbeiten an der Verbesserung der Methoden. Die Life-Science-Research-Industrie könnte profitieren.

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Jahrelang hielt das Phantom von Heilbronn die Kriminalbeamten auf Trab. 2009 ging die mit immensem Aufwand betriebene Jagd dann als eine Polizeipanne in die Geschichte ein. An rund 40 Tatorten waren DNA-Spuren einer vermeintlichen Schwerverbrecherin sichergestellt worden – doch sie stammten von den bei der Spurensicherung verwendeten Wattestäbchen.

 

Sie führten zu einer Mitarbeiterin der Firma, welche die Stäbchen produziert. Weitere Fälle kamen ans Licht, bei denen die Spuren von Polizisten stammten.

 

Keimfrei, aber nicht frei von DNA

 

»Kein Hersteller hatte versprochen, dass die Stäbchen frei von DNA sind«, erklärt Dr. Peter Quick vom Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) mit Sitz in Berlin. »Dass sie steril sind, bedeutet nur, dass sie keimfrei sind. Die Kriminalämter haben sich darum beim Einkauf keinen Kopf gemacht.« Quick ist im Vorstand der Abteilung Life Science Research des Verbands.

 

Life-Science-Research-Firmen stellen Hightech-Mittel zur Spurensicherung her, aber auch viele andere Instrumente, Nachweissysteme und Reagenzien für Forschungsinstitute in Medizin und Biologie. Quick erläuterte in Berlin, welche Fortschritte Hersteller und Kriminalämter in der Zwischenzeit erzielt haben.

 

Seit vergangenem Jahr gibt es eine Bund-Länder-Gruppe, die bundeseinheitlich Standards für Instrumente zur Spurensicherung erarbeitet. Der VDGH begleitet die Arbeit der Gerichtsmediziner in einer Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftsdialog. Es gibt ferner Gespräche mit der International Commission of Missing Persons (ICMP) mit Sitz in Sarajewo, die einmal Hüter internationaler Datenbanken werden könnte. Die DNA-Analysen selbst werden verbessert. In Deutschland kommen vom 1. Januar 2011 an einer EU-weiten Empfehlung gemäß zwölf statt wie bisher sieben DNA-Marker zum Einsatz. Sie spüren sogenannte Short Tandem Repeats in der DNA auf: kurze Abschnitte ohne Gene, die auch zwischen Verwandten variieren können und sich deshalb zur Identitätsfeststellung eignen.

 

Bessere Qualität hat ihren Preis

 

Das Problem der Reinheit der Materialien ist aber weiterhin der Knackpunkt. Mit dem Gas Ethylenoxid und mit Bestrahlung lassen sich Kontaminationen zum allergrößten Teil zerstören.

 

Durch mehr Automatisierung, bessere Reinhaltung und mehr Qualitätskontrollen könnte der Preis für ein Abstrichbesteck leicht von 15 Cent auf 1 Euro springen. Es soll außerdem ein BKA-Prüfsiegel geben, das Unternehmen erhalten, welche die neuen Standards einhalten.

 

Sie sollen sich damit auf Ausschreibungen der Kriminalämter bewerben dürfen. »Man ist sich aber einig, dass nie alle Materialien DNA-frei sein können«, stellt Quick klar. Ein Test kann schon mit zwanzig Pikogramm DNA einen Nachweis erbringen, dafür reichen wenige Körperzellen. Mitarbeiter von Herstellern und Beamte der Spurensicherung stellen für die immer genaueren Test eine dauerhafte Quelle von Verunreinigungen dar.

 

Deshalb ist eine sogenannte Eliminationsdatenbank im Gespräch. Alle Mitarbeiter von Herstellerfirmen und der Polizei sollen darin genetisch erfasst werden. Dann könnte ein simpler Abgleich von gefundenen Proben zeigen, ob es sich um eine heiße Spur oder eine Kontamination handelt.

 

In den noch laufenden Gesprächen sind sich Forensiker und Industrie einig, dass die Daten anonymisiert sein sollten, einzelne Mitarbeiter von Firmen also nicht zugeordnet werden können. Allerdings wird die Aufnahme auf Freiwilligkeit beruhen. Ein Argument zur Beteiligung könnte sein, dass die Mitarbeiter mit einem Eintrag in der Datenbank nicht mehr als vermeintliche Täter infrage kommen.

 

»Große Chancen für die Industrie«

 

»Die DNA-Analytik bietet große Chancen«, sagt der stellvertretende Vorsitzende des VDGH, Harald Borrmann. Insbesondere die deutsche Industrie sei auf Innovationen angewiesen, da sie mit den Preisen allein gegenüber Asien nicht mithalten könne. Der VDGH vertritt nach Auskunft Borrmanns 90 Mitglieder mit 3,7 Milliarden Euro Umsatz. Auch für die Politik habe dies Gewicht. Der Verband hofft darauf, dass die größeren Anstrengungen in der Herstellung auch angenommen und bezahlt werden.

 

In Life Science Research sind in Deutschland nach Angaben des VDGH insgesamt 122 Firmen mit 11 000 Mitarbeitern tätig. Sie bedienen einen Markt von 1,56 Milliarden Euro Umsatz. Im Jahr 2008 ist die Branche um 6,9 Prozent, im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent gewachsen, hauptsächlich im Reagenziengeschäft. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2010

 

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