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Vereinigte Staaten: Fast 50 Millionen ohne Versicherung

POLITIK

 
Vereinigte Staaten

Fast 50 Millionen ohne Versicherung

Von Daniel Rücker, Minneapolis 

 

Kein Gesundheitssystem der Welt ist so teuer wie das amerikanische - und kaum eines ist so wenig effizient. Mit der Zahl der Nicht-Versicherten stehen die USA auf dem ersten Platz der Industrienationen. Jetzt steigt im Land der Unmut über diesen Zustand. Gleichzeitig genießen die Reformen in Deutschland viel Zustimmung.

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Manchmal muss man wohl weit reisen, um verstanden zu werden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ist es in der vergangenen Woche zumindest so ergangen. Bei der Konferenz »American and German Healthcare« an der Universität von Minneapolis (US-Bundesstaat Minnesota) wurde ihr zuteil, was ihr in Deutschland versagt wird: absolute Zustimmung zur Gesundheitsreform.

 

Menschenrecht Versicherung

 

Ihren Vortrag zum GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz quittierten die Zuhörer aus Wissenschaft und Industrie, Behörden und Verbänden mit lang anhaltendem Applaus. Sie waren sichtlich beeindruckt von der Reform. Das lag wohl vor allem an der von Ulla Schmidt als Menschenrecht bezeichneten, neu eingeführten Krankenversicherungspflicht in Deutschland.

 

Freilich wussten die meisten im Auditorium auch nicht, dass der Erfolg der seit April geltenden Versicherungspflicht noch völlig ungewiss ist. Nach einer aktuellen Umfrage sind bislang nur einige Tausend Nicht-Versicherte in die GKV zurückgekehrt. Das ist nur ein Bruchteil der bis zu 300.000 Menschen in Deutschland ohne Versicherung.

 

Die Begeisterung der Amerikaner für Ulla Schmidts Vortrag kommt nicht von ungefähr. Um das amerikanische Gesundheitswesen steht es schlecht. Immer mehr Amerikaner sind unzufrieden. Obwohl kein Land der Welt mehr Geld für die Gesundheitsversorgung aufwenden muss, bleiben immer mehr Menschen außen vor. Rund 46 Millionen, das sind immerhin 15 Prozent der Bevölkerung, haben keine Krankenversicherung. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

 

Auch der gleichermaßen bekannte wie umstrittene Dokumentarfilmer Michael Moore nimmt sich in seinem neuesten Streifen dem amerikanischen Gesundheitswesen an. In »Sicko« schildert er Schicksale von Menschen ohne Krankenversicherung und deren Weg in den krankheitsbedingten Ruin. Der Film endet damit, dass Moore Patienten zur Behandlung nach Kuba verschifft.

 

Gesundheitsexperten und Patientenorganisationen schlagen ebenfalls seit einiger Zeit Alarm. Sie fordern ein Umdenken im Gesundheitswesen. An der Spitze dieser Bewegung steht der mächtige Seniorenverband AARP (American Association for retired Persons). »Wir fordern einen ausreichenden Gesundheitsschutz für alle Amerikaner«, sagte der Vorsitzende des AARP-Landesverbands Minnesota, Hubert Humphrey III., beim Kongress in Minneapolis. Übertragen auf Deutschland ist der AARP eine Mischung aus dem Sozialverband VDK und den grauen Panthern. Mit US-weit 39 Millionen Mitgliedern und einem Etat von über 1 Milliarde Euro im Jahr ist er eine nicht zu unterschätzende Macht im Land. Auch Humphrey sieht im Krankenversicherungsschutz ein Menschenrecht und bezeichnete es als eine Frage von Moral und Menschlichkeit, dass alle Menschen eine ausreichende Gesundheitsversorgung erhalten.

 

Unterstützt wird die Forderung des AARP von prominenten Ökonomen wie Professor Dr. Uwe Reinhardt von der Princeton University. Auch er hält es für einen Skandal, dass in einem der reichsten Ländern der Erde so viele Menschen keinen Versicherungsschutz haben. Reinhardt wie Humphrey erwarten, dass der Versicherungsschutz im nächsten Wahlkampf eine nicht unerhebliche Rolle spielen wird. Die mögliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, habe bereits angekündigt, Gesundheit zum Wahlkampfthema zu machen. Sie wirbt für ein Versicherungssystem nach europäischem Vorbild. Allerdings sieht sie sich dabei einer mächtigen Lobby von Vertretern der Privatversicherungen entgegen.

 

Humphrey beklagte, dass in den USA die Qualität der Gesundheitsversorgung vom Arbeitsplatz abhängig ist. Die meisten Menschen sind über ihren Arbeitgeber versichert: Humphrey: »Wer einen guten Arbeitgeber hat, der hat auch eine gute Krankenversicherung.« Wer keinen Arbeitgeber hat, der hat dagegen oft keinen Schutz.

 

Sorgen bereitet den Amerikanern nicht nur die steigende Zahl der Nicht-Versicherten, sondern auch die Ausweitung des Problems auf die Mittelschicht. Sozial Schwache erhalten über das bundesstaatliche Programm Medicaid zumindest eine Basisabsicherung. Rentner können sich bei Medicare versichern. Hauptrisikogruppe sind deshalb zurzeit Berufsstätige. Nach Reinhardts Angaben sind vor allem Menschen im Alter von 50 bis 65 betroffen. Sie gehen in diesem Alter häufig in Frührente, sind aber noch zu jung für eine Versicherung bei Medicare. Stark gefährdet sind auch Arbeiter, die nicht von ihrem Arbeitgeber versichert werden. Natürlich kann sich jeder Amerikaner auch selbst versichern. Doch dies ist teuer. Nach Reinhardts Angaben kostet eine gute Versicherung für eine Familie mit zwei Kinder rund 12.000 US-Dollar pro Jahr.

 

Direkt in die Notfallambulanz

 

Dass auch Ökonomen und Unternehmen mittlerweile heftige Kritik an diesem Zustand üben, hat natürlich auch mit den wirtschaftlichen Konsequenzen des mangelnden Versicherungsschutzes zu tun. Gesunde Mitarbeiter sind leistungsfähiger als Kranke. Außerdem verursachen Nicht-Versicherte oft extrem hohe Kosten, wenn sie krank sind. Viele von ihnen gehen dann in die teure Notfallambulanz eines Krankenhauses, da sie dort nicht ohne weiteres zurückgewiesen werden können. In der Folge platzten diese schnell aus allen Nähten.

 

Obwohl das Problem drängt, ist das Vertrauen der Amerikaner in die Politik nicht allzu groß. Mit einer schnellen Reform rechnen wenige. Selbst der AARP sieht das Projekt »Versicherungsschutz für alle« sehr langfristig. Amerika sei kein Land, dass auf Probleme schnell reagiere. Die deutsche Strategie mit zahlreichen kleinen Reformschritten entspreche nicht der amerikanischen Politik, sagten viele Kongressteilnehmer. Erst wenn sich die Lage dramatisch zugespitze, werde man, dann mit einer kompletten Umstrukturierung reagieren, so die Prognose. Auch Reinhardt gibt einer schnellen Reform keine Chance: »Gesundheit wird ein Wahlkampfthema, aber am Ende bleibt es beim Small-Talk.«

 

Manchen Bundesstaaten dauert dies zu lange, deshalb haben sie eigene Ansätze entwickelt, die Krise im Gesundheitswesen zu überwinden. Cal Ludeman vom Department of Health in Minnesota stellte ein öffentliches Programm vor, dass immerhin 700.000 Menschen, Rentner, Sozialschwache und Arbeitende, versorgt. Im Gegensatz zu anderen Krankenversicherungen legt das Department of Health Wert auf Transparenz, Effizienz und Qualität in der Versorgung. Deshalb halten sich die Kosten im Rahmen. Mit privaten und öffentlichen Angeboten hat es Minnesota geschafft, die Zahl der Versicherten auf rund 90 Prozent und damit deutlich über den US-Durchschnitt anzuheben. Massachusetts und andere Staaten haben eine Versicherungspflicht eingeführt, aber wohl nicht mit allzu großem Erfolg bislang.

 

Bei aller Zustimmung für den Vortrag von Gesundheitsministerin Schmidt ist auch offen, ob die USA zu einem so drastischen Schritt wie einer Versicherungspflicht überhaupt bereit wären. So sagte Professor Frank Carra, Vize-Präsident des Fachbereichs Gesundheitswissenschaften an der Universität von Minnesota, Gesundheitsversorgung sei »ein Recht, kein Privileg«. Gleichzeitig stellte er aber auch klar, dass er dieses Recht keinesfalls über regulatorische Eingriffe umsetzen möchte. Er setzt stattdessen auf den Markt. Für Deutsche ist diese Argumentation kaum nachvollziehbar, scheint der Mangel an Regulierung doch der Hauptgrund für das Versagen des US-Marktes zu sein. Carras Aussage verdeutlicht die Abneigung der Amerikaner gegen staatliche Eingriffe in das Gesundheitswesen.

 

Fehlende staatliche Eingriffe sind wohl auch ein nicht unerheblicher Grund für die hohen Kosten des amerikanischen Gesundheitswesens. Kein Land gibt pro Kopf und absolut für Gesundheitsleistungen so viel Geld aus. Die Kosten im amerikanischen Gesundheitswesen wachsen seit Jahrzehnten schneller als das auch nicht gerade stagnierende Bruttoinlandsprodukt.

 

Zahlreiche Referenten, unter anderem Cerra, Humphrey, Ludemann, und Reinhardt, kritisierten intransparente Preisbildung und mäßige Qualität der Gesundheitsleistungen. Zudem fehlten den Patienten verlässliche Informationen, sagte Reinhardt mit Blick auf Pharmaindustrie und Krankenhäuser. In den USA ist die direkte Verbraucherwerbung auch bei ernsten Erkrankungen erlaubt. Das weckt natürlich Bedürfnisse. Zudem ist der Abrechnungsmodus undurchsichtig. Die Leistungserbringer hätten jeden Versuch, die Transparenz zu erhöhen, gestoppt.

 

Einig waren sich die Referenten, dass dieses Problem gelöst werden muss. Einen Schritt in diese Richtung geht Ludeman. Das Gesundheitsministerium von Minnesota veröffentlicht auf seiner Website Informationen über Qualität und Preise von Leistungserbringern. Dabei nimmt das Ministerium nicht nur Industrie, Ärzte und Krankenhäuser ins Visier, sondern auch die Apotheker. Sie können dort landesweit ihre Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel veröffentlichen.

 

Eine weitgehende Regulierung der Preise, etwa bei Arzneimitteln, scheint aber noch in weiter Ferne. Gemäß ihrer Kultur sind Amerikaner weder ein Freund direktiver Preisregulierungen noch schätzen sie Leistungsausschlüsse oder ein Verbot der Publikumswerbung. Instrumente, wie die Festbeträge, werden von den Amerikanern zwar im Resultat bewundert, zugleich aber als dirigistisch abgelehnt.

 

Kaum Innenstadt-Apotheken

 

Deutliche Unterschiede zwischen den USA und Deutschland gibt es auch bei der Arzneimittedistribution. Große Ketten geben im Apothekenmarkt den Ton an. Von einer Versorgungsdichte wie in Deutschland sind die USA weit entfernt. Apotheken sind häufig in Kaufhäuser und Supermärkte integriert. In den Innenstädten sind sie dagegen Mangelware. Durch eine Stadt wie Minneapolis kann man kilometerweit laufen, ohne auf eine Apotheke zu treffen.

 

Nicht wenige im Auditorium dürften sich deshalb verwundert die Augen gerieben haben, als ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf die Arzneimittelversorgung durch den freiberuflichen Apotheker in Deutschland vorstellte. Wolf war als Mitglied der Delegation von Ulla Schmidt mit der Ministerin und ihrem Mitarbeiterstab mehrere Tage durch die USA gereist und trat deshalb auch als Referent in Minneapolis auf.

 

Wolf berichtete vom Hausapothekenmodell, dessen Übernahme er den Amerikanern empfahl, von der Rolle des Apothekers als Medikationsmanager und als Berater der Patienten in allen Fragen rund um das Arzneimittel. Er pries damit natürlich auch die Vorzüge einer flächendeckenden Versorgung durch die Individualapotheke an. Die Zuhörer verfolgten Wolfs Vortrag mit einer Mischung aus Wertschätzung und Verwunderung. Ihre Apotheken sehen einfach anders aus. Und das ist nicht unbedingt gut so.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 30/2007

 

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