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Medikamentenabhängigkeit: Unerkannte, stille Sucht

PHARMACON MERAN 2010

 
Medikamentenabhängigkeit

Unerkannte, stille Sucht


Unter den Arzneistoffen, die abhängig machen können, rangieren Benzodiazepine ganz vorne. Betroffen sind häufig Frauen und ältere Menschen. Auch wenn sie die Hypnotika dauerhaft nur in niedriger Dosierung einnehmen, ist ein Entzug sinnvoll.

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Etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sollen abhängig von Medikamenten sein, darunter 1,1 bis 1,2 Millionen von Benzodiazepinen und eine halbe Million von Analgetika. Doch Arzneimittelabhängigkeit ist eine »stille Sucht« und bleibt oft unerkannt. Anders als Konsumenten von illegalen Drogen oder Alkohol sind die Betroffenen sozial integriert und unauffällig. Auf 1,7 bis 2,8 Millionen wird die Zahl der Menschen geschätzt, die einen »auffälligen Gebrauch« von psychoaktiven Stoffen haben, berichtete Privatdozent Dr. Niels Bergemann, Chefarzt der AHG Kliniken Daun. Sie nutzen Arzneimittel häufig und kritiklos und haben ein hohes Risiko, davon abhängig zu werden. Tendenziell steige die Zahl der Menschen mit problematischem Arzneimittelgebrauch.




Foto: Fotolia


Eine Abhängigkeit entwickelt sich häufig aus einer ärztlichen, zunächst medizinisch indizierten Verordnung. Immerhin haben 4 bis 5 Prozent der verordneten Medikamente, auch OTC-Arzneimittel, ein entsprechen­des Potenzial. So erhalten Frauen fast doppelt so häufig Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel wie Männer, und auch der Analgetikage­brauch ist höher. Bei den Hypnotika haben die »Z-Substanzen« Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon ein den Benzo­diazepinen vergleichbares Abhängigkeitspotenzial, warnte der Psychiater. Sie sollten ebenfalls nur nach der »4K-Regel« verordnet werden: klare Indikation, korrekte Dosierung, kurze Anwendung, kein abruptes Absetzen.

 

Suchtpotenzial besteht auch beim nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch von Opioiden, Codein, Substitutionsmitteln oder Psychostimulantien. Der adäquate Einsatz von Psychopharmaka dürfe wegen dieses Risikos aber nicht unterbleiben, denn kranke Menschen brauchen eine Therapie, mahnte der Psychiater.

 

Daneben sollte der Apotheker auch auf Stoffe achten, die zwar keine Sucht erzeugen, aber bei Dauergebrauch schädliche Effekte entfalten können. Bergemann nannte unter anderem Laxanzien, nicht-psychotrope Analgetika, Antazida, Diuretika, Vitamine, Steroide und Hormone sowie abschwellende Nasentropfen. Je nach Substanz drohen Gesundheitsschäden auf psychischer und körperlicher Ebene.

 

Trotz der hohen Zahl der Medikamenten-abhängigen Patienten in Deutschland befinden sich nur wenige in Behandlung. Am Anfang der Therapie steht der Entzug, der ausschleichend und eventuell medikamentös unterstützt erfolgt. Bei langjährigem und hohem Konsum sei ein stationärer Aufenthalt erforderlich, berichtete Bergemann. Die meisten Patienten seien von mehreren Stoffen abhängig und/oder haben weitere psychische Begleiterkrankungen wie Depression, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen. Diese müssten weiterhin behandelt werden.

 

Nach dem Entzug sei eine psychotherapeutisch orientierte Entwöhnungsbehandlung wichtig, die unter anderem Krankheitseinsicht und Problembewusstsein steigern soll. Weitere Ziele sind die Förderung von Motivation, Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit. Sehr hilfreich sei es, wenn die Patienten Techniken zur Entspannung und Stressbewältigung erlernen und eine gute Schlafhygiene pflegen, betonte der Psychiater. Bei einem Rückfall wird die Behandlung heute nicht mehr als erfolglos abgebrochen; vielmehr werde dieser als Teil des Genesungsprozesses aufgefasst.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2010

 

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