Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Gesundheitsreport: Verschreibungen von Antidepressiva nehmen zu

POLITIK

 
Gesundheitsreport

Verschreibungen von Antidepressiva nehmen zu


Von Nils Franke, Berlin / Die Menge der verordneten Arzneimittel steigt rasant. Die Techniker Krankenkasse zeigt im Gesundheitsreport erstmals eine zehnjährige Entwicklung auf. Besonders beunruhigend: Antidepressiva sind Spitzenreiter. Schuld daran seien auch die Hartz-Gesetze.

ANZEIGE


Das Volumen der verordneten Arzneimittel ist laut der Techniker Krankenkasse (TK) um 28 Prozent gestiegen, seit die Politik die verschreibungsfreien Medikamente 2004 aus den Kassenleistungen herausgenommen hat. Dies geht aus dem Gesundheitsreport 2010 hervor, den die TK in Berlin vorgestellt hat. Eingeflossen sind die Daten von rund 3,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitslosengeld-I-Empfängern, die derzeit bei der Kasse versichert sind. Es ist der insgesamt zehnte Report, was die Kasse erstmals zum Anlass nahm, Verordnungen und Krankschreibungen für eine ganze Dekade zu analysieren, statt nur den Einjahreszeitraum zu betrachten.




Zu hohe Belastungen am Arbeitsplatz führen dem TK-Bericht zufolge immer häufiger zu psychischen Erkrankungen.

Foto: Fotolia


Rechne man die veränderte Altersstruktur heraus, sei das Verordnungsvolumen sogar um 40 Prozent gestiegen, sagte TK-Vorsitzender Professor Dr. Norbert Klusen. Dies zeige, dass die »Steuerungsversuche seitens der Gesundheitspolitik in der Regel nur kurzfristige Effekte erzielen«.

 

»Beunruhigend« hoch sei aber vor allem das »enorme« Volu­men der verordneten Antide­pressiva. In den letzten zehn Jahren habe es sich bei Män­nern mehr als verdoppelt und bei Frauen nahezu verdoppelt.

 

Hohe Belastung am Arbeitsplatz

 

»Die Arbeitswelt hat sich in diesen zehn Jahren deutlich gewandelt«, erklärte Klusen. »Immer mehr Beschäftigungsverhältnisse sind befristet, dank moderner Kommunikationsmittel sind wir mittlerweile rund um die Uhr und nahezu überall erreichbar. Das geht an den Menschen nicht spurlos vorbei.« Klusen bezeichnete die heutige Arbeitswelt als »Pop-up-Gesellschaft«, in welcher der Arbeitsrhythmus immer seltener selbstbestimmt sei. Zunehmend diktierten die Pop-up-Fenster auf dem Computerbildschirm die Arbeitsabläufe. Sich auf eine Sache zu konzentrieren sei kaum möglich.

 

Damit gingen 40 Prozent mehr psychisch bedingte Fehlzeiten einher. Vor allem durch immer längere Fehlzeiten, weniger durch höhere Fallzahlen. »Und wir wissen: Je länger ein Mitarbeiter ausfällt, umso schwerer fällt oftmals die Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag«, sagte Klusen.

 

Der Vorsitzende der Kasse sieht hier eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, wandte sich jedoch auch warnend an die Politik. Denn eine wesentliche Ursache sei die Hartz-Gesetzgebung, die sich hier erheblich auf das Gesundheitswesen ausgewirkt habe. »Auffällig ist, dass die Krankengeldbezugszeiten in den ersten Jahren des Jahrzehnts rückläufig waren, nach den neuen Arbeitsmarktregelungen jedoch stetig angestiegen sind.«

 

Allein im letzten Jahr haben laut Report die mit Krankengeld verbundenen Fehlzeiten um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Statistisch gesehen bekam im letzten Jahr jeder Beschäftigte gut dreieinhalb Tage Krankengeld. Am häufigsten betroffen ist die Gruppe der Arbeitslosen mit durchschnittlich 8,5 krankengeldbezogenen Fehltagen pro Person.

 

Im gesamten Beobachtungszeitraum erhielten Arbeitslose auch mehr Medikamente verschrieben. »Arbeitslose sind von nahezu allen Diagnosen häufiger betroffen als jede andere Gruppe«, sagte Dr. Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover (ISEG), der die Daten für die TK ausgewertet hat. »Besonders groß ist die Schere jedoch bei den psychischen Störungen.«

 

Konzepte für Erwerbslose fehlen

 

Die Belastungen der neuen Arbeitswelt seien das eine, man müsse sich jedoch ebenfalls vor Augen halten, dass »keine Arbeit zu haben, für die betroffenen Menschen ebenfalls eine enorme Belastung darstellt«, sagte Klusen. Es fehle noch an gesundheitsfördernden Konzepten für Arbeitslose und Beschäftigte in Zeitarbeitsfirmen.

 

Nicht alle Beschwerden seien jedoch durch den Arbeitsplatz bedingt, führte der TK-Vorsitzende aus. Der Anstieg der verordneten Herz-Kreislauf-Medikamente zeige die Folge eines ungesunden Lebensstils, bedingt durch Übergewicht und Bewegungsmangel. Fast 40 Prozent der verschriebenen Arzneien entfallen mittlerweile auf diese Gruppe. Nur ein Drittel des Anstiegs ist mit dem gestiegenen Durchschnittsalter der Beschäftigten zu erklären. Allen voran hat sich das Volumen der Blutdrucksenker in den letzten zehn Jahren sogar mehr als verdoppelt. Auch das Verordnungsvolumen von Antidiabetika hat sich in der vergangenen Dekade verdoppelt. / 


Zur Übersicht Politik...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2010

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU