Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Verhaltenstherapie: Hunde als Schlüssel zur Seele

MEDIZIN

 
Verhaltenstherapie

Hunde als Schlüssel zur Seele

Von Patrick Hollstein

 

Aus Unsicherheit halten Patienten mit psychosozialen Problemen ihre Gefühle oft hinter einer Fassade aus Fehlverhalten und Verschlossenheit verborgen. Hunde als Co-Therapeuten können in einer Verhaltenstherapie Herz und Psyche der Patienten erobern und diesen helfen, neue Verhaltensstrategien zu erschließen.

ANZEIGE

 

Nach zwei Stunden des Herumtobens, Spielens und Jagens ist es so weit: Fünf Erstklässler und elf Hunde schmusen erschöpft, aber glücklich im Gartenpavillon eines weitläufigen Spielgeheges im Norden von Leipzig. Der achtjährige Joshua lässt sogar die feuchten Liebkosungen von Hundedame Lea über sich ergehen; er weiß ja, dass es ein Zeichen der Zuneigung sei. Die Lehrerinnen des Förderschulzentrums für Erziehungshilfe in Leipzig können kaum fassen, dass ihre Schützlinge - allesamt verhaltensauffällige Kinder, die vorübergehend aus dem normalen Grundschulalltag ausgemustert wurden ­ gemeinsam zur Ruhe finden und dabei ihre eigenen Bedürfnisse mit denen der Tiere abstimmen.

 

Für die beiden Leiter der Hundezucht, Dan Ostberg und Tino Hentschel (www.joker-hund.de) und ihre reinrassigen Magyar Viszlas war der Vormittag mit den Kindern eine der leichteren Übungen: An anderen Tagen müssen die ungarischen Vorstehhunde mit jugendlichen Schlägern, Neurotikern, psychosomatischen Asthmatikern, bulämischen Frauen und ADHS-kranken Erwachsenen umgehen: In einem einzigartigen Projekt arbeiten Hunde gemeinsam mit Psychologen als psychosoziale Co-Therapeuten.

 

Den beiden Hundeführern und den am Projekt beteiligten Therapeuten geht es nicht darum, verhaltensgestörten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfach nur ein paar schöne und entspannende Stunden mit den Tieren zu bereiten. Ihr Ansatz setzt auf die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, die sich aus der Interaktion zwischen Mensch und Tier ergeben. »Hunde sind unvoreingenommen und ehrlich. Und sie haben einen hohen Aufforderungscharakter«, erklärt Ostberg. Sich der direkten »Ansprache« durch die Tiere zu entziehen, sei so gut wie ausgeschlossen. »Ist in der Hundetherapie aber erst einmal der Knoten geplatzt, sprechen Klient und Tier eine gemeinsame Sprache, die in ihrer Unverfälschtheit einzigartig und für den Therapeuten extrem aufschlussreich und nützlich ist.«

 

Im normalen zwischenmenschlichen Miteinander sind durch gesellschaftliche Normen, aber auch individuelle Schutzmechanismen diese direkten Umgangsformen allzu oft verloren gegangen. Labile Menschen, die aus verschiedenen Gründen im Konsensdschungel die Orientierung verloren haben, reagieren mit Wut, Verschlossenheit und anderen Zeichen der Unsicherheit.

 

In den Sitzungen versuchen Therapeut und Hundeführer daher, den Klienten in eine Parallelwelt zu versetzen, in der auf Hierarchien und Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen wird. Angst vor den Hunden ist dabei kein Problem. Die Faszination für das Tier und das Gefühl, gemeinsam in einem Klima der Sicherheit von der problembeladenen Außenwelt abgeschirmt zu sein, sind die Grundlagen für das erfolgreiche therapeutische Miteinander. Die Gefahr, sich durch das Verhalten des Tieres verletzt zu fühlen, besteht nicht.

 

»Gerade bei traumatisierten Kindern, ängstlichen oder misstrauischen Menschen, sogenannten austherapierten Patienten oder Klienten mit Sprachstörungen, Gehörlosigkeit und Autismus ist dieser nichtverbale Zugang über das Tier für den Therapeuten eine der wenigen verbleibenden Möglichkeiten, um den Patienten zu erreichen«, erklärt Ostberg. Der Bedarf ist groß: WHO-Angaben zufolge leidet alleine fast jedes fünfte Kind an psychischen Problemen.

 

Erleichterte Diagnose

 

Die Hundetherapie kann dem Psychologen die Diagnosestellung erheblich erleichtern. »Wir hatten eine Patientin mit Essstörungen, von der die Hunde keine Nahrung angenommen haben. Die Tiere haben gespürt, dass die junge Frau im Umgang mit Essen offensichtlich ein Problem hatte«, schildert Ostberg ein Beispiel. Leipziger Wissenschaftler haben mittlerweile ein ganzes Spektrum von Verhaltens- und Interaktionsmustern dokumentiert, das zur Diagnosestellung herangezogen werden kann. Den Hundezüchtern zufolge lässt sich auf diese Weise wertvolle Zeit bei der Suche nach den Ursprüngen von Fehlverhalten einsparen. Bis zu 80 Prozent der oft aufwendigen herkömmlichen Tests seien hinfällig, sagt Ostberg. Auch für die Beobachtung von Verhaltensmustern und -dynamiken innerhalb von Familien und Gruppen bietet sich die Arbeit mit den Hunden an.

 

In den meisten Fällen mündet die Diagnose in eine anschließende Therapie. Weil die Patienten die tierische Behandlung gut akzeptieren, können sie auch schneller zu ihrer Krankheit stehen: Im Umgang mit den Hunden erfahren die Patienten, wie sie jenseits von Tarnmasken und Routinen auf andere wirken. Indem sie so mit ihrem eigenen Wesen konfrontiert werden, erlernen sie gleichzeitig neue Verhaltensstrategien, um mit der Außenwelt besser klarzukommen. Nicht selten werden die Therapiestunden auf Video aufgezeichnet, um bestimmte Verhaltensmuster auch im Nachhinein gegenüber dem Klienten thematisieren und gemeinsam auswerten zu können. »Nach den Sitzungen sind die Patienten nicht gesund«, erklärt Ostberg. »Aber sie sind besser therapierbar.«

 

Durchbrechende Emotionen

 

Nur 10 Prozent der Probanden brechen die Therapie erfahrungsgemäß vorzeitig ab, weil sie sich weigern, sich den Tieren zu öffnen. Denn auch wenn die Sitzungen oft darin bestehen, dass Patient und Hund spielerisch gemeinsame Aufgaben lösen, kann aus dem friedlichen Spaß jederzeit emotionaler Stress werden. Wenn Therapeut und Tier den Schutzschild des Klienten durchbrechen, dann kann dies zu positiven, aber auch sehr negativen Reaktionen führen. Solche Schlüsselmomente sind für den Psychologen extrem hilfreich und markieren nicht selten Wendepunkte für die Therapie. »Man muss jederzeit damit rechnen, dass in den Therapiestunden beim Klienten angestaute Gefühle mit aller Macht hervorbrechen«, erklärt Ostberg. In solchen Situationen kümmert sich der Psychologe oder Therapeut um den Patienten, während sich Hund und Halter zurückziehen.

 

Doch auch ohne Gefühlsausbrüche seitens des Klienten bedeuten die Sitzungen für die Tiere ein Höchstmaß an emotionalem Stress. Insgesamt elf Therapiehunde sind mittlerweile im Einsatz; bereits im Alter von drei Monaten beginnt für die Welpen die Ausbildung: Alle Hunde müssen ein starkes Nervenkostüm entwickeln. Beißen und Knurren sind absolut tabu. Ansonsten dürfen die Tiere in der Sitzung selbst entscheiden, wann sie sich den Forderungen ihres Gegenübers entziehen. »Intelligenten Ungehorsam« nennen die beiden Trainer diese entscheidende Charaktereigenschaft, die die Hunde für die Therapie mitbringen. Wichtig ist zudem, dass die Tiere mit eindeutigen Signalen auf ihr Gegenüber reagieren, damit diese von Therapeut und Patient verstanden werden können. Und natürlich müssen auch die Hunde Spaß bei der Arbeit haben: Obwohl die Therapie für sie stets extrem anstrengend ist, fiebern die aufgeweckten und sozialen Tiere ihren Haltern zufolge jeder Sitzung entgegen.

 

Ostberg und Hentschel haben gemeinsam mit Wissenschaftlern, Psychologen und Therapeuten in den vergangenen zehn Jahren ein Therapiekonzept entwickelt, das in der Fachwelt zunehmend Beachtung findet. Auf wissenschaftlicher Seite waren vor allem die beiden Leipziger Psychologinnen Professor Dr. Christine Ettrich und Dr. Anke Prothmann federführend beteiligt. Zwei Jahre dauerten allein die Vorbereitungen und das Einholen aller erforderlichen amtlichen Genehmigungen. Seitdem haben die Hunde mit rund 770 Klienten mehr als 3000 Therapiestunden absolviert.

 

Doch das Projekt droht immer wieder an der Finanzierung zu scheitern, seit die Universität nach einem Personalwechsel als Kooperationspartner ausgestiegen ist. Heute arbeiten die Hundetherapeuten mit acht Institutionen zusammen. 52 Euro kostet die Stunde mit Hund und Halter. Da die Krankenkassen die Hundetherapie als eine der Maßnahmen im Bereich der Alternativtherapien nicht anerkennen, müssen meist Stiftungen, Sponsoren oder das Jugendamt einspringen.

 

Dass sich die Arbeit mit den intelligenten Tieren in unterschiedlichster Weise auch monetär auszahlen kann, belegen amüsante Berichte anderer Hundehalter: Eine Zahnärztin hat beobachtet, dass ihre Patienten ruhiger sind und weniger Anästhetika verbrauchen, seit ihre Hunde auf dem Hof der Praxis spielen und dabei vom Wartezimmer aus beobachtet werden können. Ein Rechtsanwalt behauptet sogar, kaum noch Prozesse zu verlieren, seit er bei der Auswahl seiner Klienten auf das Verhalten seiner Kanzleihunde Rücksicht nimmt.


Tierische Therapien

Dass Tiere einen positiven Einfluss auf Menschen haben können, ist seit jeher bekannt. Seit den 1960er-Jahren versuchen Ärzte, Psychologen, Pflegedienste und soziale Einrichtungen, die Kraft dieser natürlichen Beziehung für therapeutische, pädagogische oder rehabilitative Zwecke zu nutzen. Mittlerweile gibt es Schulhunde, Altenbesuchsprogramme, Behindertenbegleit- sowie Epilepsiehunde und vieles mehr. Kinder sollen auffällige Verhaltensweisen ablegen, Senioren sollen fühlen, dass sie gebraucht werden, Behinderte und schwer kranke Menschen sollen durch die Arbeit mit Tieren ihre Grenzen überwinden.

 

Neben Hunden kommen vor allem Pferde, aber auch Delfine, Lamas und zahlreiche weitere Tiere zum Einsatz. Seit zwei Jahren veranstaltet ein Verein aus Münster Husky-Schlittentouren in Norwegen, um krebskranken Kindern zu neuer Lebenskraft zu verhelfen. In den USA bilden Häftlinge Behindertenhunde aus, mit außerordentlich positiven Auswirkungen auf das soziale Gefüge in den Justizvollzugsanstalten.


Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 29/2007

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU