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Orale Tumortherapie: Mehr Freiheit, mehr Verantwortung

PHARMAZIE

 
Orale Tumortherapie

Mehr Freiheit, mehr Verantwortung


Von Brigitte M. Gensthaler, München / Peroral bioverfügbare Tumortherapeutika bieten viele Vorteile. Sie reduzieren die Krankenhausaufenthalte und erhöhen die Unabhängigkeit des Patienten. Aber sie fordern von ihm auch viel Kenntnis über die Therapie und Eigenverantwortung.

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»Möglicherweise wird die Beratungsaufgabe des Apothekers bei peroralen Tumortherapeutika unterschätzt«, sagte Dr.Hans-Peter Lipp, Chefapotheker des Uniklinikums Tübingen, bei einem von GSK unterstützten Pressegespräch zur Psychoonkologie in München. Er könne die Patienten und oft auch die Angehörigen über den richtigen Einnahmezeitpunkt, mögliche Wechselwirkungen, Compliancehilfen und Gefahren des »Over-use« beraten.




Um die Compliance zu erhöhen, sollte das Einnahme-Schema so einfach wie möglich gestaltet sein.

Foto: ABDA


Peroralia haben viele Vorteile. Die Patienten sind flexibler in ihrer Lebensgestaltung, da sie nicht mehr so oft ins Krankenhaus oder in die onkologische Ambulanz kommen müssen. Außerdem fühlen sich viele Menschen in ihrer gewohnten Umgebung sicherer und geborgener; das erhöht ihre Lebensqualität. Da für die Applikation kein peripher- oder zentralvenöser Zugang nötig ist, besteht keine Gefahr von katheterasso­ziierten Infektionen oder Extra- und Para­vasaten. Auch das Risiko von venösen Thromboembolien nimmt ab, und »schlechte Venen« spielen keine Rolle für die Therapie mehr, erklärte Lipp. Die perorale Therapie sei für Kliniken und Spezialambulanzen ebenfalls vorteilhaft, denn sie ermögliche die Versorgung von immer mehr Krebspatien­ten. Auch mögliche pharmakoökonomische Vorteile seien zu bedenken.

 

Mehr Wissen zur Therapie

 

Allerdings erfordert die Medikation zu Hause viel Eigenverantwortung, Disziplin und Wissen vom Patienten und seinem Umfeld. »Der Patient muss die Therapie verstehen«, betonte Professor Dr. Petra Feyer, Radioonkologin am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln. Dies betreffe die eigentliche Tumortherapie ebenso wie die Supportivmaßnahmen. Ziel sei letztlich, die Lebensqualität in jeder Phase der Tumorerkrankung zu verbessern.

 

Nach Lipps Erfahrung bestimmen Adhärenz (Compliance) und das soziale Umfeld des Patienten die Arzneimitteltherapiesicherheit wesentlich. Daher sollte man die Einnahme-Schemata so einfach wie möglich gestalten. Man müsse aber nicht nur an Noncompliance, sondern auch an einen Übergebrauch der hochwirksamen Pharmaka denken. Möglicherweise wollen einige Patienten den Tumor damit besonders energisch bekämpfen, andere handeln in suizidaler Absicht. »Glücklicherweise haben die modernen zielgerichteten Therapeutika eine hohe therapeutische Breite«, erklärte der Apotheker am Beispiel einer jungen Patientin mit chronisch myeloischer Leukämie. Die Frau versuchte, sich mit 6400 mg Imatinib das Leben zu nehmen. Doch außer Bauchschmerzen, Fieber und Gesichtsschwellungen erlitt sie keine gesundheitlichen Probleme.

 

Welche Einnahmehinweise kann der Apotheker geben? Nüchtern sollte der Patient zum Beispiel Busulfan, Sorafenib und Nilotinib einnehmen, während Imatinib und Thalidomid nach dem Essen geschluckt werden (Tabelle).


Tabelle: Einnahmeempfehlungen für orale Zytostatika und zielgerichtete Tumortherapeutika

Einnahmezeitpunkt Wirkstoffe (Beispiele) 
nüchtern (60 min vor oder nach dem Essen) Busulfan, Lomustin, Melphalan, Temozolomid, Metho-trexat, 6-Mercaptopurin, Thioguanin, Tegafur/Uracil (UFT), Sartraplatin Sorafenib, Nilotinib, Erlotinib, Lapatinib 
zum oder nach dem Essen Treosulfan, All-trans-Retinsäure, lipophile Retinoide wie Bexaroten, Capecitabin (30 min nach dem Essen), Idarubicin (20 min nach dem Essen), Mitotan, Vinorelbin, Imatinib, Thalidomid (60 min nach dem Essen, zur Nacht) 
unabhängig von der Mahlzeit Cyclophosphamid, Procarbazin, Trofosfamid, Etoposid, Fludarabin, Topotecan Dasatinib, Gefitinib, Sunitinib, Lenalidomid 

(aus: Lipp, H.-P., Klinisch relevante Wechselwirkungen in der Onkologie. PZ-Prisma 16, Nr. 4 (2009) 219-232)


Keine Rolle spielt die Mahlzeit bei Dasatinib, Gefitinib, Sunitinib und Lenalidomid. Der Apotheker müsse der Brustkrebspatientin beispielsweise erklären, dass sie Lapatinib eine Stunde vor dem Essen und Capecitabin eine halbe Stunde danach einnehmen soll.

 

Vorsicht vor Phytos

 

Dringend warnte Lipp vor Phytopharmaka, die jedoch viele Patienten schätzen, um ihr Befinden günstig zu beeinflussen. Gut belegt ist, dass Hypericum das CYP3A4-Isoenzym induziert und damit den Metabolismus vieler Arzneistoffe, unter anderem von Irinotecan, beschleunigt. Inhaltsstoffe im grünen Tee wechselwirken mit Bortezomib, da sie das zentrale Boratom komplexieren. Bislang sei nicht geprüft, ob diese Wechselwirkung auch bei Platinverbindungen auftritt, sagte der Krankenhausapotheker. Ginkgo inhibiert in experimentellen Untersuchungen CYP3A4-Enzyme, und auch Grapefruitsaft zählt zu den CYP-Hemmern.

 

Zur Sicherheit solle der Patient während der Tumortherapie auf Phytopharmaka verzichten, empfahl Lipp. Außerdem sei generell zu prüfen, ob alle Arzneimittel, die der Patient einnimmt, wirklich nötig sind. Eventuell könne man interaktionsträchtige Wirkstoffe austauschen oder eine zeitversetzte Einnahme empfehlen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2010

 

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