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Diabetiker-Warnhunde: Sensor auf vier Pfoten

MEDIZIN

 
Diabetiker-Warnhunde

Sensor auf vier Pfoten


Von Sven Siebenand / Speziell trainierte Hunde sollen Unter- und Über­zuckerungen erschnüffeln und ihre Herrchen und Frauchen rechtzeitig davor warnen. Luca Barrett ist Typ-1-Diabetikerin und hat einen solchen Hund. Nun bildet die Trainerin weitere Tiere zu Helfern aus.

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In der Hundeschule im Emsland stellen die Vierbeiner eindrucksvoll ihr Können unter Beweis, allen voran Finn, der bislang erste Diabetikerwarnhund Deutschlands. Der Labrador-Windhund-Mischling stupst und leckt die Hand von Luca Barrett, seinem Frauchen. Die Diabetikerin weiß sofort Bescheid und nimmt ein zuckerhaltiges Getränk zu sich.




Nicht alle Diabetiker merken es, wenn ihr Blutzucker auf gefährlich niedrige Werte abfällt. Speziell ausgebildete Hunde können rechtzeitig vor einer »Hypo« warnen, zum Beispiel indem sie ihrem Herrchen oder Frauchen die Hand lecken.

Foto: Barrett


Noch vor einigen Jahren wäre diese typische Unterzuckerungssituation für Barrett um einiges gefährlicher gewesen. Denn die Typ-1-Diabeti­kerin leidet unter starken Hypo­glykämie-Wahrnehmungsstörun­gen. »Der Blutzucker sackte mehrmals am Tag rasend schnell in den Keller, mein Professor an der Uni bat mich sogar, wegen der Störung während seiner Vorlesung mein Studium zu unterbrechen«, berichtet sie im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung (PZ).

 

Vergeblich suchte sie zunächst nach technischen Alarmgeräten, die sie zuverlässig und rechtzeitig vor einer Unterzuckerung warnen sollten – Fehlanzeige. Eher zufällig erfuhr sie, dass in den USA Hunde zu Diabetiker-Warnhunden ausgebildet werden. »Kurz entschlossen bin ich dorthin geflogen und habe gelernt, wie man die Hunde trainiert«, so Barrett. Zurück in Deutschland begann sie in Eigenregie, Finn zu trainieren – mit Erfolg. Heute betreibt sie zusammen mit Diana Poyson die erste Ausbildungsstelle zum Diabetiker-Warnhund in Deutschland und ist stolz darauf, auch anderen Betroffenen damit helfen zu können.




Luca Barrett bezeichnet ihren Diabetikerwarnhund Finn als Lebensretter.

Foto: Barrett


Nur einer von 1000 Hunden kommt für das 18-monatige Training infrage. »Ob sich ein Hund eignet oder nicht, sehen wir meist schon im Welpenalter«, sagt Poyson. »Die Hunde müssen nicht nur den richtigen Riecher haben, sie müssen unter anderem auch sensibel sein, beobachten können, Spaß am Lernen haben sowie den Willen besitzen, eine Verbindung zum Menschen aufzubauen.« Selbstbewusste und unabhängige Tiere seien für diese Aufgabe daher meistens ungeeignet. »Einer Untersuchung zufolge haben oftmals Mischlingshunde eine besonders gute Spürnase«, fügt Barrett hinzu.

 

Messgerät mit Fell und Schnauze

 

In den ersten drei Monaten der Ausbildung zeigt sich dann, ob der Hund tatsächlich als Diabetikerwarnhund Karriere machen wird. Unter anderem muss er nach seiner Lehre zuverlässig Unterzuckerungen erschnüffeln können und davor warnen, zum Beispiel indem er die Hand anstupst oder am Arm leckt. »Spätestens, wenn der Blutzucker unter 60 mg/dl abfällt, muss der Hund Alarm schlagen«, sagt Barrett. Dass Hunde dies können, belegten Wissenschaftler der Universität Belfast (»The Journal of alternative and complementary medicine«, doi: 10.1089/acm.2008.0288). In einer Untersuchung mit mehr als 200 Typ-1-Diabetikern, die zugleich Hundehalter waren, fanden sie heraus, dass sogar viele untrainierte Tiere (65 Prozent) tatsächlich eine Unterzuckerung beim Menschen wahrnehmen, oft ohne optische Anhaltspunkte für den Hund. Nun wollen die Forscher klären, was die Hunde genau riechen.

 

Denn dieses Rätsel ist bislang noch nicht entschlüsselt. »Man vermutet, dass die Tiere auf einen Cocktail von Stresshormonen reagieren. Jedoch können es diese nicht ausschließlich sein, denn die Hunde schlagen bei >normalen< Stresssituationen nicht an«, erklärt Barrett. Und was haben die Hunde bei Überzuckerungen in der Nase? Logisch wäre, wenn es der süßliche Geruch der Ketonkörper in der Atemluft ist. »Dem ist vermutlich nicht so«, sagt Barrett. Sie nimmt stattdessen an, dass die Hunde die Substanz Methylnitrat riechen, die Wissenschaftler in großer Menge in der Atemluft von Diabetikern mit erhöhtem Blutzuckerspiegel gemessen haben (»Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, doi: 10.1073/pnas.0706533104). Gegen die Ketonkörper-Hypothese spreche auch, dass die meisten Hunde eine Überzuckerung bereits ab Werten von etwa 180 mg/dl anzeigen. In der Regel lassen sich dann noch gar keine Ketonkörper messen.

 

Schnüffeltest für Hunde

 

Unter- und Überzuckerungen zu erschnüffeln, ist »Nasenarbeit«. Was das genau bedeutet, demonstrieren die beiden Ausbilderinnen auf dem Trainingsplatz. Poyson legt ein getragenes T-Shirt und ein bei einer Unterzuckerung getragenes T-Shirt auf den Rasen. Der typische Geruch bei Unter- oder Überzuckerung hängt noch tagelang in der Kleidung, eingefroren lässt er sich sogar noch länger aufrechterhalten. »Um die Hunde auszubilden, muss ich also glücklicherweise nicht ständig unterzuckern«, erklärt Barrett schmunzelnd.




Von der Welpenklappe ins Trainingslager: Mit ­Shadow hat Ausbilderin Diana Poyson ein neues »Nachwuchstalent« gefunden.

Foto: PZ/Siebenand


Sobald zum Beispiel Dylan, ein wenige Monate alter Labrador-Boxer-Mischling, an dem zweiten T-Shirt schnüffelt, drückt Poyson auf einen Clicker, eine Art Knackfrosch. Das »Click-Clack«-Geräusch ist sozusagen ein positiver Verstärker, der dem Hund ankündigt, dass es eine Belohnung gibt, ein Stück Hundekuchen. Später wird ihm dann beigebracht, das Blutzuckermessgerät zu holen, eine Flasche Cola ans Bett zu tragen oder Türen zu öffnen (siehe Kasten). »Dylan ist noch nicht so routiniert wie Finn, aber er ist ja auch noch in der Ausbildung«, sagt Poyson. Bis zu 250 Kommandos muss der Mischling nach circa 15 Monaten beherrschen. Das Gehirn des Hundes benötigt zwischen 400 und 1000 Wiederholungen, um ein Kommando zu lernen. Viele Aufgaben sind dabei wiederum in mehrere Einzelschritte unterteilt, sodass der Hund zum Beispiel zum Hilfe holen neun Einzelschritte perfekt beherrschen muss, von denen jeder Einzelschritt wieder bis zu 1000 Wiederholungen benötigt.

 

Tägliches Training wichtig

 

Nach durchschnittlich 15 Monaten Ausbildung wird Dylan sein neues Herrchen kennenlernen und mit ihm den ersten Monat im neuen Zuhause verbringen. In diesen Wochen steht neben dem Kennenlernen auch viel Training auf dem Programm. Nach etwa 18 Monaten folgt dann die Prüfung. In den nächsten Wochen wird es für 17 Hunde so weit sein. Bestehen sie, sind sie anerkannte Assistenzhunde. Das heißt, sie sind mit besonderen Rechten ausgestattet und haben zum Beispiel auch Zugang zu öffentlichen Orten, wo es sonst heißt »Wir müssen draußen bleiben«. Unter anderem dürfen Assistenzhunde auch in der Passagierkabine des Flugzeuges mitreisen.


Was können die Warnhunde?

Unterzuckerung erkennen und davor warnen, auch nachts
im Fall einer Unterzuckerung ein zuckerhaltiges Getränk bringen
im Fall einer Unter- oder Über­zuckerung das Blutzuckermessgerät bringen
den Diabetiker bei Orientierungslosigkeit und Sehproblemen durch eine Hypoglykämie sicher führen
bei einem Notfall Alarm schlagen
an die Mitnahme von Traubenzucker und Saft erinnern
an die Insulingabe erinnern

Einer der Prüflinge wird Labrador Charlie sein. Sein Herrchen, Michael Gorke, reist für die Übungseinheiten regelmäßig aus Österreich ins Emsland. »Früher hatte ich große Probleme mit nächtlichen Unterzuckerungen«, sagt Gorke. Dass dies heute nicht mehr so ist, daran habe Charlie wesentlichen Anteil. Denn der warnt zuverlässig vor Unterzuckerungen. »Kürzlich hat er sogar Frau Barrett auf eine Unterzuckerung aufmerksam gemacht, die sie selbst noch nicht bemerkt hatte«, berichtet Gorke. Er habe seinen Entschluss, sich einen Diabetiker-Warnhund anzuschaffen, nie bereut und könne dies auch weiterempfehlen. »Jedoch sollte sich jeder Interessent den Zeitaufwand bewusst machen«, gibt der Diabetiker zu bedenken. Er trainiere täglich bis zu einer Stunde mit dem Hund, hinzu kommen die Übungseinheiten in der Hundeschule.

 

Keine Kassenleistung

 

»Wir befürworten die Ausbildung von Diabetesspürhunden. Beim letzten Weltdiabetestag stellte eine Typ-1-Betroffene ihren Spürhund vor, der sie schon mehrfach auf eine drohende Hypoglykämie hingewiesen hatte. Seitdem fühlt sich die alleinerziehende Mutter kleiner Kinder viel sicherer. Darüber hinaus fördert ein Hund die Bewegung und automatisch neue soziale Kontakte, das ist immer gut«, sagt Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation diabetesDE, zur Ausbildung von Diabetikerwarnhunden. Barrett kann dem nur zustimmen. So ein Hund eigne sich besonders für alleinstehende Diabetiker und für Betroffene, die nachts oft unterzuckern oder Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen haben.

 

Diabetiker, die sich für einen Warnhund interessieren, können mit den beiden Ausbilderinnen Kontakt aufnehmen und sich auf die Warteliste setzen lassen. Vor Kurzem wurde auch ein gemeinnütziger Verein gegründet, der bei der Finanzierung behilflich sein kann. Die Kosten für die Ausbildung belaufen sich auf etwa 3600 Euro. Hinzu kommen unter anderem noch Futterkosten, Tierarzthonorare und Prüfungsgebühren, sodass sich der Kostenvoranschlag für die Ausbildung eines Diabetikerwarnhundes auf etwa 17 500 Euro beläuft. »Anders als in anderen Ländern, etwa den Niederlanden und Großbritannien, beteiligt sich die gesetzliche Krankenversicherung leider nicht an den Kosten«, informiert Barrett. Allerdings seien mittlerweile vier Klagen dagegen vor dem Bundessozialgericht anhängig. Für Finn, Dylan und die anderen Hunde ist das völlig uninteressant. Sie machen nach dem Training das, was andere Hunde auch tun: Sie tollen im Garten herum, jagen Stöckchen nach oder buddeln Löcher. /

 

Weitere Informationen: www.diabetikerwarnhund.de, info(at)diabetikerwarnhund.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2010

 

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