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Hauterkrankungen: Reizstoffe in der Nahrung

MEDIZIN

 
Hauterkrankungen

Reizstoffe in der Nahrung


Von Daniela Biermann und Christina Hohmann / Die Ernährung beeinflusst Hautkrankheiten wie Neurodermitis, Nesselsucht und Schuppenflechte. Ein Verzicht auf ganze Lebensmittelgruppen ist meist unnötig. Doch ist es schwierig, ungeeignete Nahrungsmittel ausfindig zu machen.

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Es juckt, es schuppt und rötet sich: Bestimmte Lebensmittel können die Symptome von Patienten mit Hauterkrankungen verschlechtern. Ein Beispiel ist Neurodermitis, auch atopisches Ekzem genannt. Der Zusammenhang zwischen dieser chronischen, in Schüben verlaufenden Erkrankung mit der Ernährung ist bewiesen, er muss aber differenziert betrachtet werden. So können echte Nahrungsmittelallergien, aber auch Pseudoallergien das Hautbild verschlechtern.




Zucker verstärkt die Symptome bei Neurodermitikern nicht, doch viele Süßigkeiten enthalten Farb- und Konservierungsstoffe, auf die manche Patienten reagieren.

Foto: Picture Alliance/BSIP


Der häufigste Grund, dass Nahrungsmittel einen Schub auslösen, ist eine echte Nahrungsmittelallergie. Dass diese bei Neurodermitikern so häufig auftreten, liegt an deren erhöhter Neigung zu Allergien allgemein. Besonders im Kindesalter ist dies ein Problem: Ein Drittel der Neurodermitis-Kinder hat eine zusätzliche Allergie gegen ein oder zwei Lebensmittel, meistens gegen Grundnahrungsmittel wie Hühnereiweiß, Kuhmilch und Weizen. Diese sollten aber nicht prophylaktisch oder auf Verdacht vom Speisezettel gestrichen werden, da sonst die Gefahr einer Mangelernährung besteht. Zunächst sollte unter ärztlicher Anleitung herausgefunden werden, ob und welche Allergien überhaupt vorliegen. Dazu dienen Hauttests (Prick-Test), Eliminationsdiäten mit anschließender Provokation und Ernährungstagebücher.

 

Ist eine Allergie bestätigt, sollte das betreffende Nahrungsmittel konsequent gemieden werden. Da bei Kindern Allergien oft bis zum Schulalter wieder verschwinden, steht etwa zwei Jahre nach der Diagnose eine weitere Testung zur Überprüfung an. Sensibilisierungen auf Erdnüsse, Haselnüsse und auch Fisch können länger bleiben. Nickel ist ein sehr häufiger Provokationsfaktor, lässt sich jedoch nur sehr schwer aus der Diät ausschließen.

 

Bei erwachsenen Neurodermitikern spielen laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) pollenassoziierte Allergien eine größere Rolle als Allergien auf Grundnahrungsmittel. Sie reagieren dann häufig auf Baum- oder Gräserpollen sowie auf Äpfel, Sellerie oder Gewürze (siehe dazu Lebensmittelallergien: Mit Vorsicht und Verstand essen, PZ 04/2010).

 

Von den echten Allergien zu unterscheiden sind andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie toxische Reaktionen und Enzymdefekte zum Beispiel Lactose- oder Fructoseintoleranz. Diese nehmen laut DGE keinen Einfluss auf die Neurodermitis. Anders dagegen die sogenannten Pseudoallergien: Diese Reaktionen auf Zusatz- und Aromastoffe, Salicylsäure oder biogene Amine können genau wie echte Allergien die Symptome bei Neurodermitikern verschlechtern. Sie sind allerdings deutlich seltener als Allergien. Da es sich bei diesen Unverträglichkeiten nicht um immunologische Reaktionen handelt und somit auch keine Antikörper entstehen, sind Haut- und Bluttest sinnlos. Pseudoallergien lassen sich ausschließlich über eine pseudoallergenarme Diät mit anschließender oraler Provokation diagnostizieren.

 

Keine pauschale Diät

 

Da sowohl die klassischen Allergien als auch die Pseudoallergien individuell unterschiedlich sind, gibt es keine pauschalen Empfehlungen für Neurodermitiker. Auch im Handel angebotene Neurodermitiker-Diäten sind daher ungeeignet. Ernährungsempfehlungen wie generell Schweinefleisch, Tomaten oder tierische Proteine zu meiden, sind nicht haltbar, schreibt die DGE. Auch der Mythos, dass Zucker einen Einfluss auf die Erkrankung hat, ist widerlegt. Allerdings sollte beim Naschen beachtet werden, dass viele Süßigkeiten eine Reihe von Pseudoallergenen wie Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffe enthalten.


Pickel durch Schokolade?

Entgegen lang gehegter Vorurteile wird Akne nach aktuellem Kenntnisstand nur wenig von der Ernährung beeinflusst. Bereits 1969 konnten Wissenschaftler nachweisen, dass kein Zusammenhang zwischen dem Schokoladenkonsum und dem Akneschweregrad besteht. Ob Kohlenhydrate mit hohem glykämischen Index und Milchprodukte mit Akne im Zusammenhang stehen, ist dagegen noch umstritten.


Umstritten ist noch, ob die Substitution von γ-Linolensäure zum Beispiel durch Nachtkerzenöl-Präparate einen Nutzen bringt. Hintergrund dieses Ansatzes ist, dass es vielen Neurodermitis-Patienten an dem Enzym fehlt, das für die Umwandlung von Linolsäure in γ-Linolensäure benötigt wird. Da aus dieser ω-6-Fettsäure über mehrere Zwischenstufen Prostaglandin E gebildet wird, fehlt in der Folge dieses regulierende Zytokin. Der Hypothese zufolge kommt es daher bei Neurodermitikern zu überschießenden Immunreaktionen. Eine Wirkung der Substitution mit γ-Linolensäure ist in Studien bisher nicht bestätigt worden.

 

Als bester Schutz vor Allergien und Neurodermitis gilt weiterhin das Stillen (siehe dazu Schwangerschaft und Stillzeit: Gesunde Ernährung für Mutter und Kind, PZ 16/2009). Eine Mutter sollte ihr Baby mindestens vier Monate voll stillen. Risikokinder können nach dem Abstillen hypoallergene Säuglingsnahrung (HA-Nahrung) erhalten. Derzeit liegen keine besonderen Diätempfehlungen für Schwangere vor, um eine Neurodermitis beim Kind zu verhindern. Besteht ein hohes familiäres Risiko für Neurodermitis oder bekannte Allergien bei den Eltern, sollte die Schwangere eventuell und nur in Absprache mit dem Arzt auf Milch, Eier und Fisch verzichten. Das Risiko einer Mangelernährung darf hierbei nicht unterschätzt werden.

 

Ob Probiotika als Ergänzung der Darmflora ein sinnvoller Zusatz in der Ernährung von Schwangeren und Säuglingen sind, ist derzeit noch umstritten. Untersuchungen zeigen, dass Atopiker weniger Bifidobakterien im Darm beherbergen als Gesunde.

 

Quaddeln durch Pseudoallergene

 

Während Pseudoallergene bei der Neurodermitis eine eher untergeordnete Rolle spielen, sind sie meist die Ursache einer Urtikaria (Nesselsucht). Da bei dieser nicht allergischen Hypersensitivität eine Reaktion oft zeitversetzt zur Exposition auftritt, ist es schwierig, bestimmte Lebensmittel als Auslöser auszumachen. Während bei Neurodermitis manchmal eine siebentägige Eliminationsdiät ausreicht, um das Allergen ausfindig zu machen, läuft eine diagnostische Urtikaria-Diät über einen längeren Zeitraum. Im Wesentlichen gibt es fünf Diättypen: eine zusatzstofffreie, eine histaminarme, eine fettreduzierte, eine oligoallergene und eine pseudoallergenarme Diät.

 

In der Regel wird mit einer pseudoallergenarmen Diät begonnen, bei der sowohl künstliche Zusatzstoffe als auch natürliche Inhaltsstoffe vom Speiseplan gestrichen werden. Dazu gehören die biogenen Amine, aber auch Salicylate, Benzoesäure, natürliche Aromen und Gewürze. Wichtig ist dabei, dem Patienten eine Liste erlaubter Nahrungsmittel zu geben statt einer Negativliste. Am besten kocht er selbst mit frischen, naturbelassenen Lebensmitteln. Nach etwa vier Wochen Diät erfolgt eine Provokation, jedoch nicht mit Einzelstoffen, sondern durch eine pseudoallergenreiche Diät. Dies sollte von einem Arzt überwacht werden, da die Reaktion heftig ausfallen kann. Verschlimmert sich die Urtikaria, schließt sich eine weitere Diätphase bis zur Besserung an. Anschließend erfolgt ein genau zu protokollierender Kostaufbau, bei der der Patient alle drei Tage ein neues Lebensmittel oder jede Woche eine Lebensmittelgruppe zu seinem Speiseplan hinzufügen kann. Dabei sollte er das neue Lebensmittel in großen Mengen verzehren. Da pseudoallergische Reaktionen mengenabhängig sind, kann nur so ein pseudoallergener Effekt ausgeschlossen werden. Umgekehrt bedeutet dies für den Patienten, dass er bestimmte Pseudoallergene in kleinen Mengen nicht zu meiden braucht.



 

 

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung.

Die nächste Folge zum Thema »HIV/Aids«

erscheint in PZ 12 und ist bereits am Montag, dem 22. März,

online verfügbar unter »Zum Thema«.

Dort finden Sie auch eine Übersicht der bereits erschienenen Beiträge.


Die pseudoallergenarme Diät stellt eine Kombination der zusatzstofffreien, histaminarmen und fettreduzierten Diät dar. Bei der zusatzstofffreien Kost sollte der Patient auf Farb-, Konservierungs- und andere Zusatzstoffe verzichten, wie sie oft in Fertiggerichten enthalten sind. In der histaminarmen Diät fallen Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an biogenen Aminen weg. Dazu gehören Käsesorten wie Edamer, alter Gouda und Parmesan, Fischsorten wie Thunfisch, Makrele und Sardine sowie Schokolade, Rotwein und Rohwurst. Eine fettreduzierte Diät mit weniger als 40 Gramm Fett pro Tag (das entspricht etwa einem halben Becher Crème fraîche oder einer dicken Bratwurst) konnte in kleinen Studien die urtikariellen Symptome der Patienten wie Quaddeln senken. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kann eine solche Diät zum jetzigen Erkenntnisstand jedoch nicht empfohlen werden.

 

Die oligoallergene Diät ist sehr strikt. Sie lässt nur zehn Lebensmittel zu, die sehr selten zu Unverträglichkeitsreaktionen führen, zum Beispiel Reis, Kartoffeln, Blumenkohl, Brokkoli, Bananen, Hüttenkäse und Rapsöl. Sie ist extrem unpraktikabel, kann zu Nährstoffmangel führen und ist daher nicht zu empfehlen. Sie sollte nur versucht werden, wenn die pseudoallergenarme Diät keine Besserung der Symptome erbrachte und ist dann nur für maximal sieben Tage einzuhalten.

 

Bei Psoriasis Alkohol meiden

 

Auch bei Psoriasis, der Schuppenflechte, wird ein Zusammenhang mit der Ernährung vermutet. Eine spezifische Diät ist jedoch nicht bekannt. Studien weisen darauf hin, dass Alkoholkonsum das Hautbild bei Psoriatikern verschlimmert. Experimentell konnte Fischöl einzelne Immunfaktoren günstig beeinflussen. In der Klinik konnte es jedoch nicht überzeugen. Eine schwere, rezidivierende Psoriasis geht mit Mangelerscheinungen durch Protein-, Eisen-, Zink- und Magnesiumverlust einher und muss ärztlich behandelt werden. Eine Schuppenflechte kann zudem zusammen mit einer Zöliakie auftreten. In diesem Fall muss der Patient lebenslang auf glutenhaltige Lebensmittel verzichten (siehe dazu Zöliakie: Wenn Getreide krank macht, PZ 08/2010). Insgesamt gelten für Psoriatiker die gleichen Empfehlungen wie für Gesunde auch: Sie sollten sich möglichst ausgewogen und vollwertig ernähren. /


Literatur

  1. Biesalski, H.-K., Ernährungsmedizin, Georg Thieme Verlag (2004)
  2. Leitzmann, C., et al.: Ernährung in Prävention und Therapie, Hippokrates (2009)
  3. DGE-Info Diätetik in der Allergologie, Sonderausgabe 09/2007


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Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2010

 

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