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Magenkrebs: Impfen gegen Helicobacter pylori

MEDIZIN

 
Magenkrebs

Impfen gegen Helicobacter pylori


Von Daniela Biermann / Viren und Bakterien verursachen etwa jede fünfte Krebserkrankung. Mit der Vakzine gegen HPV kam 2006 die erste Impfung zur Vorbeugung von Krebs auf den Markt. Doch wo bleibt der Nachschub gegen all die anderen bösartigen Erkrankungen? Für Magenkrebs gibt es einen vielversprechenden Ansatz.

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Humane Papillomaviren (HPV) lassen Zervixzellen entarten, eine chronische Hepatitis-C-Infektion kann zu Leberkrebs führen und in 90 Prozent der Magenkrebsfälle ist das Bakterium Helicobacter pylori ursächlich beteiligt: Mittlerweile ist es unter Wissenschaftlern unumstritten, dass Krankheitserreger an der Krebsentstehung beteiligt sind. Als Professor Dr. Harald zur Hausen diese These für HPV und Gebärmutterhalskrebs in den 1970er-Jahren aufstellte, wurde er noch belächelt. Vorletztes Jahr bekam er den Nobelpreis für seine Entdeckung, die die Entwicklung von Impfstoffen möglich machte.




Helicobacter pylori ist für 90 Prozent aller Fälle von Magenkrebs verantwortlich. Forscher arbeiten an einer Impfung gegen den Erreger.

Foto: Superbild


Wie schwierig es jedoch ist, eine »Impfung gegen Krebs« zu entwickeln, erklärt Privatdozent Dr. Markus Gerhard vom Klinikum rechts der Isar in München der Pharmazeutischen Zeitung. Denn er arbeitet selbst an einem solchen Ansatz. Der Mediziner forscht an Helicobacter pylori. Die Weltgesundheitsorganisation hat den Keim als Karzinogen der Klasse I und damit als sicher krebserregend eingestuft. Anders als manches Virus baut das Bakterium sein Erbgut nicht in das menschliche Genom ein und verursacht somit keine genetischen Veränderungen, die die Regulation des Zellwachstums beeinflussen. Gerhard und sein Team versuchen zu verstehen, wie Helicobacter die Krebsentstehung beeinflusst und wie man das Bakterium daran hindern kann. »So unterschiedlich die Erreger auch sind, sie haben eines gemeinsam«, sagt Gerhard. »Alle verursachen eine chronische Entzündung mit zum Teil ausgeprägter Immunantwort, die aber ineffektiv ist.«

 

Und das ist die Krux: Das Immunsystem ist die ganze Zeit in Alarmbereitschaft, schafft es jedoch nicht, den Erreger zu eliminieren. Ständig schüttet es Botenstoffe wie Interferone und Interleukine aus, Zellen proliferieren, das Mutationsrisiko steigt. »Die Erreger entgehen dem Immunsystem jedoch mit ausgefeilten Strategien«, so Gerhard. »Helicobacter tarnt sich zum Beispiel, indem es Blutgruppenanti­gene imitiert.« Andere Erreger verstecken sich in körpereigenen Zellen, wie die Herpesviren in den Ganglien. Und viele Erreger unterdrücken bestimmte Teile der Immunabwehr. So produziert Helicobacter das Enzym γ-Glutamyl-Transpeptidase (GGT), das die T-Zellen blockiert, wie Gerhard und seine Kollegen entdeckten. Statt sich zu vermehren und das Bakterium zu attackieren, bleiben die Immunzellen in der Ruhephase des Zellzyklus. Das Bemerkenswerte: Alle mit Helicobacter Infizierten zeigen eine Antikörperantwort gegen das Bakterium, auch wenn die Infektion oft symptomlos verläuft. Die Reaktion des Körpers ist offensichtlich nicht ausreichend, um den Keim zu eliminieren.

 

»Wir sind nun dabei, den Mechanismus der GGT genau aufzuklären«, sagte Gerhard der PZ. Die Münchener Forscher machten eine Struktur an der Oberfläche des Enzyms aus. Diese eignet sich als Epitop für die Induktion von Antikörpern, die das Enzym gezielt lahmlegen. »Diese Impfung provoziert bei unseren Versuchstieren die Bildung weiterer Antikörper und damit eine stärkere Immunisierung als es das Immunsystem im Normalfall schafft«, sagt Gerhard.




Bis Ende dieses Jahrzehnts soll ein Impfstoff gegen Helicobacter zur Verfügung stehen.

Foto: Novartis Behring


Sein Team will eine Impfung mit dem oben genannten Epitop entwickeln. Eine solche Vakzine wäre einfacher herzustellen und vermutlich besser verträglich, als mit dem ganzen Keim zu arbeiten. »Die klassischen Ansätze mit ganzen, inaktivierten Erregern haben bislang bei der Suche nach Impfstoffen gegen Krebs versagt«, so Gerhard. »Wir arbeiten an neuen Ansätzen.«

 

Im Tierversuch setzen die Forscher beispielsweise ein Cholera-Toxin als Adjuvans ein, das noch nicht für die Anwendung beim Menschen zugelassen ist. »Wir reden gerade mit den Behörden, ob wir es am Menschen einsetzen können, wenn wir genug präklinische Daten haben«, sagt Gerhard. Zurzeit arbeitet seine Gruppe auch daran, auf welchem Weg am besten geimpft wird, wie oft, in welchem Abstand und mit welchem Adjuvans. Zudem soll die neue Impfung an einem zweiten Tiermodell getestet werden, bevor weitere präklinische Tests und schließlich die klinische Prüfung folgen.

 

»In dieser frühen Projektphase ist die Finanzierung oft schwierig«, berichtet Gerhard. Wegen Fehlschlägen hätten viele große Pharmafirmen ihre Forschung an Helicobacter mittlerweile zurückgefahren, doch Gerhard ist optimistisch. Da Magenkrebs in Deutschland die fünfhäufigste Krebsart bei Männern und Frauen ist, ist der Bedarf für eine Impfung groß. Zumal das Münchener Impfkonzept nicht nur zur Vorbeugung, sondern auch zur Therapie eingesetzt werden könnte. Erste Versuche deuten darauf hin, dass der Impfstoff auch bei schon bestehender Infektion wirksam ist.

 

Wann könnte es so weit sein? »Eine Impfstoffentwicklung dauert nun mal«, sagt Gerhard. Er gibt zu bedenken, dass der Erreger Millionen Jahre Zeit hatte, sich an seinen Wirt zu adaptieren. Die Erstbeschreibung von Helicobacter erfolgte jedoch erst in den 1980er-Jahren. »Wir liegen daher gut in der Zeit. Wenn alles klappt, gibt es bis Ende des Jahrzehnts einen Impfstoff gegen Helicobacter.« /


Wirtschaftlich effizient

Ist ein Impfstoff gegen Magenkrebs wirtschaftlich effizient? Ja, meint Privatdozent Dr. Markus Gerhard. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung ist mit Helicobacter pylori infiziert. In Deutschland und den USA sind es etwa 30 Prozent. Laut der Deutschen Krebshilfe erkranken hierzulande jedes Jahr 19 000 Menschen an Magenkrebs. In 90 Prozent der Fälle ist Helicobacter verantwortlich. Eine Chemotherapie kostet 50 000 bis 100 000 Euro pro Patient. Die USA geben jedes Jahr je 6 Milliarden US-Dollar zur Behandlung von Magenkarzinomen und Magengeschwüren aus. Um es nicht so weit kommen zu lassen, muss der Keim mit Antibiotika bekämpft werden. Doch trotz Tripeltherapie nimmt die Resistenzrate zu. »Die Entwicklungs- und Impfstoffkosten würden sich mit den jetzigen Therapiekosten die Waage halten«, ist sich Gerhard sicher.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2010

 

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