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Rheumatoide Arthritis: Durch Ernährung Medikamente sparen

MEDIZIN

 
Rheumatoide Arthritis

Durch Ernährung Medikamente sparen

Von Christina Hohmann / Früher belächelt, hat sich mittlerweile die Ernährungsmedizin in der Behandlung von Patienten mit rheumatoider Arthritis etabliert. Die richtige Ernährung kann die Erkrankung zwar nicht heilen, aber helfen, Medikamente einzusparen.

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»Die« Rheumadiät gibt es ebenso wenig wie »das« Rheuma. Denn Rheuma ist ein Überbegriff für mehr als 400 Krankheitsbilder, die heute unter der Bezeichnung Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises zusammengefasst werden. Sie zeichnen sich alle durch Schmerzen im Skelett- und Bewegungsapparat aus, die aber auf unterschiedliche Ursachen zurückgehen. Grob lassen sich die Erkrankungen in vier Kategorien unterteilen: den entzündlichen, den degenerativen (auf Verschleiß beruhenden), den stoffwechselbedingten und den extraartikulären Erkrankungen (Weichteilrheumatismus).


Serie Ernährung

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung. Die nächste Folge zum Thema »Nahrungsmittelallergien« erscheint in PZ 04 und ist bereits am Montag, dem 25. Januar, online verfügbar unter »Zum Thema«.


Durch Ernährung lässt sich nur eine Kategorie der rheumatischen Erkrankungen in gewissem Umfang beeinflussen, nämlich die entzündlichen Gelenkerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew oder Vaskulitiden. Eine Ernährungstherapie kann die medikamentöse Behandlung unterstützen, aber nicht ersetzen.


Die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung ist die rheumatoide Arthritis, auch chronische Polyarthritis genannt. Sie betrifft etwa 800 000 Menschen in Deutschland. Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig verstanden. Anscheinend spielt eine genetische Prädisposition eine Rolle. Ausgelöst wird die Entzündung durch einen autoimmunologischen Prozess, bei dem sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet. Im Falle der rheumatoiden Arthritis ist dies die Gelenkinnenhaut vor allem der kleineren Gelenke an Händen und Füßen. Die chronische Entzündung führt zu Schmerzen und Schwellungen in den betroffenen Gelenken, zu Bewegungseinschränkungen und auf Dauer zu einer Zerstörung der Struktur. Dabei wird die Entzündung durch proinflammatorische Botenstoffe wie Prostaglandine und Leuko­triene, die sogenannten Eicosanoide, in Gang gehalten. Die Bildung dieser Botenstoffe kann durch eine geeignete Ernährung gedrosselt werden. Denn sie werden im Organismus aus Arachidonsäure gebildet, die hauptsächlich mit der Nahrung aufgenommen wird. Der menschliche Körper ist zwar in der Lage, Arachidonsäure aus Linolsäure selbst zu bilden, diese Produktion ist jedoch recht gering. Ein sehr viel größerer Anteil wird dagegen mit der Nahrung und zwar ausschließlich mit tierischen Lebensmitteln aufgenommen. Pflanzliche Lebensmittel sind dagegen arachidonsäurefrei.

 

Der Mensch benötigt pro Tag etwa 50 mg der mehrfach ungesättigten Fettsäure. Die durchschnittliche Aufnahme liegt in Deutschland aber bei 300 bis 350 mg am Tag. Dieses Überangebot macht sich bei Arthritis-Patienten bemerkbar: Je mehr Arachidonsäure im Körper vorhanden ist, desto mehr entzündungsfördernde Botenstoffe können gebildet werden. Entsprechend führt eine Verminderung der Arachidonsäurezufuhr zu einer Abnahme der Eicosanoid-Produktion. Wichtigste Diätmaßnahme für Patienten ist daher, die Arachidonsäurezufuhr zu senken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, nicht mehr als 50 mg der Fettsäure pro Tag zu sich zu nehmen. Da Arachidonsäure nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist, sollten Fleisch und Wurst weitestgehend gemieden werden. Laut DGE sollten Arthritis-Patienten eine lactovegetabile Kost (vegetarische Ernährung mit Milchprodukten) einhalten und nur zwei Portionen Fleisch oder Wurst und zwei Eier pro Woche zu sich nehmen. Besonders reich an Arachidonsäure sind zum Beispiel Schweineschmalz (1700 mg/100 g), Eigelb (297 mg/100 g), Schweineleber (870 mg/100 g) und Leberwurst (230 mg/100 g, siehe dazu auch Tabelle). Muskelfleisch von Huhn, Schwein oder Rind enthält zwischen 42 und 120 mg Arachidonsäure pro 100 g Lebensmittel.


Tabelle: Arachidonsäuregehalt von Lebensmitteln

Lebensmittel Arachidonsäuregehalt (mg/100 g) 
Kuhmilch (3,5 Prozent Fett) 
Kuhmilch (1,5 Prozent Fett) 
Molke 
Speisequark (20 Prozent Fett) 
Camembert 34 
Eigelb 297 
Schweineschmalz 1700 
Magarine 
Weizenkeimöl 
Schweineleber 870 
Leberwurst 230 
Schweinefleisch 120 
Rindfleisch 70 
Huhn 42 
Gemüse (alle Sorten) 
Obst (alle Sorten) 
Nüsse 

Quelle: Ernährungsmedizin, Biesalski et al.


Statt Fleisch sollte dagegen vermehrt Fisch auf den Tisch kommen. Denn Fisch ist reich an Omega-3-Fettsäuren, die sich günstig auf das Entzündungsgeschehen auswirken. In Fischölen ist neben anderen die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA) enthalten, die wegen ihrer strukturellen Ähnlichkeit mit Arachidonsäure die Bildung der proinflammatorischen Botenstoffe hemmt. Sie ist ein Substrat für die eicosanoidbildenden Enzyme, wird aber kaum umgesetzt und wirkt dadurch als kompetitiver Inhibitor. Besonders reich an Fischöl sind fette Seefische wie Hering, Makrele, Lachs, Sardine oder Heilbutt. Die DGE empfiehlt mindestens zwei Fischmahlzeiten pro Woche. Die tägliche Zufuhr von Eicosapentaensäure sollte bei 1 g liegen. Eventuell kann diese Menge durch die Einnahme von Fischölkapseln erreicht werden. Die Supplementation sollte laut DGE immer in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. In Studien senkt eine hoch dosierte Behandlung mit Omega-3-Fettsäuren den Interleukin-1-Spiegel signifikant.

 

Ein Hemmeffekt wie von Eicosapentaensäure lässt sich auch mit α-Linolensäure erreichen, die in pflanzlichen Ölen, vor allem Raps-, Soja-, Lein- und Walnussöl, reichlich vorkommt. Deshalb sollten Patienten mit rheumatoider Arthritis diese Öle zum Kochen und Braten verwenden und entsprechende pflanzliche Streichfette benutzen, rät die DGE.


Ernährungstipps bei Arthritis

Gewicht reduzieren, um die Gelenke zu schonen
nicht rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum vermeiden, da diese die Entzündung fördern
fettreiche tierische Lebensmittel meiden (maximal zwei Fleischmahlzeiten pro Woche)
mindestens zwei Fischmahlzeiten pro Woche, am besten Omega-3-fettsäurereiche Fische wie Makrele, Hering oder Lachs
pflanzliche Öle, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, bevorzugen wie Raps-, Soja-, Lein- oder Walnussöl
eine lactovegetabile Kost einhalten, dies bedeutet viel Obst, Gemüse, Getreide- und Milchprodukte. Diese Kost ist arachidonsäurearm und enthält viele Vitamine und Mineralstoffe
fettarme Milch und Milchprodukte bevorzugen
wegen des erhöhten Osteoporoserisikos sollte auf eine ausreichende Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr geachtet werden.

Diese pflanzlichen Fette haben zudem den Vorteil, dass sie reich an Vitamin E sind. Das fettlösliche Vitamin dient im Körper als Radikalfänger und kann die Bildung von proinflammatorischen Botenstoffen unterdrücken. Es wirkt sich daher positiv auf das Entzündungsgeschehen aus. Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin E ist daher wünschenswert. Die ist aber nicht immer gegeben. Etwa 50 bis 60 Prozent der Patienten mit rheumatischen Erkrankungen sind mit Vitamin E unterversorgt. Dies liegt zum einen an dem erhöhten Bedarf von Rheumapatienten und zum anderen an der zu niedrigen Aufnahme des Vitamins. Dennoch empfiehlt die DGE nicht generell eine Supplementation mit Vitamin E. Wenn sie nötig ist, sollte sie in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Die Dosis sollte zwischen 100 und 200 I. E. pro Tag liegen. Dosen über 400 I. E. können die Immunabwehr aktivieren.




Wegen eines erhöhten Osteoporoserisikos sollten Patienten auf eine ausreichende Calciumzufuhr achten.

Foto: Milch und Markt


Wie für Vitamin E gilt auch für andere Antioxidanzien wie Vitamin C, β-Carotin, Zink oder Selen, dass sie positive Effekte auf die Entzündung haben können. Eine generelle Empfehlung zur Substitution geben aber werden die DGE noch die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie. Allgemein wird empfohlen, auf eine möglichst gesunde Ernährung zu achten, viel Obst und Gemüse zu sich zu nehmen, um Mangelzustände zu verhindern. Ob eine zusätzliche Gabe von Vitamin-Präparaten oder Spurenelementen nötig ist, hängt vom Einzelfall ab. Auch hier gilt wieder, dass solche Präparate nur nach ärztlicher Verordnung eingenommen werden sollten.

 

Osteoporose vorbeugen

 

Patienten mit rheumatoider Arthritis sollten auch auf ihre Calciumzufuhr achten, um eine sekundäre Osteoporose zu vermeiden, die bei dieser Erkrankung häufig auftritt. Die Gründe hierfür sind neben der Entzündung selbst, die den Knochenaufbau unterdrückt, die schmerzbedingte Immobilität und die Cortisontherapie. Um dem Knochenschwund vorzubeugen, sollten Patienten mindestens 1 g Calcium pro Tag zu sich nehmen, empfiehlt die DGE. Sinnvoll ist es, etwa einen halben Liter Milch pro Tag oder dessen Äquivalent in Milchprodukten zu sich nehmen (zum Calciumgehalt verschiedener Lebensmittel siehe Osteoporose und Ernährung: Knochenstarke Kost, PZ 32/2009). Dabei sollten fettarme Varianten den fetten vorgezogen werden. Insgesamt ist die Deckung des Bedarfs über Lebensmittel einer Supplementation vorzuziehen, rät die DGE. Im Einzelfall kann eine Gabe von 1000 mg Calcium in Kombination mit 20 µg Vitamin D sinnvoll sein.

 

Gelenke entlasten

 

Allgemein gilt, dass Patienten mit rheumatischen Erkrankungen Übergewicht – falls vorhanden – abbauen sollten, um die Gelenke zu entlasten. Das Körpergewicht sollte im Normbereich sein, der Body-Mass-Index entsprechend unter 25 liegen (siehe dazu Glossar). Hilfreich ist es für Betroffene auch, die Gelenke regelmäßig zu bewegen, also körperlich aktiv zu sein. Moderater Sport kann die Beweglichkeit und die Gelenkführung erhalten und zudem noch die Muskulatur kräftigen. Zu empfehlen sind laut DGE Sportarten, die die Gelenke nicht zu stark belasten, wie Schwimmen oder Radfahren, aber auch Gehen, Walken, Tanzen oder Gymnastik. Während eines akuten Schubs sollte auf Sport allerdings verzichtet werden. Zudem hat Bewegung den positiven Nebeneffekt, dass sie zur Gewichtsreduktion beitragen kann.

 

Bei Patienten mit Übergewicht kann ein kurzzeitiges, ärztlich begleitetes Fasten versucht werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass Fasten bei Patienten mit rheumatoider Arthritis oft eine überraschende Besserung der Beschwerden bringt. Der Grund hierfür ist, dass durch die fehlende Arachidonsäurezufuhr die Synthese der entzündungsfördernden Botenstoffe dramatisch sinkt. Zudem steigt während des Fastens der Cortisol-Spiegel, während proinflammatorische Botenstoffe abgebaut werden. Das Fasten wird meist als Nulldiät mit zwei bis drei Liter Flüssigkeitszufuhr täglich durchgeführt. Hier können neben Mineralwasser auch Gemüsesäfte oder Molke eingesetzt werden. Eine Besserung der Symptome tritt bereits nach zwei Tagen ein. Der Effekt kann auch nach dem Fasten noch anhalten, wenn der Patient seine Ernährung auf eine lactovegetabile Kost umstellt. Fängt er nach dem Fasten wieder mit der fleischlastigen Hausmannskost an, kommen auch die Beschwerden zurück. /

 

 

Literatur

Biesalski, H. K., et al., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag
DGE-Beratungsstandards: Rheumatische Erkrankungen (2001)
»Diättherapie bei rheumatischen Erkrankungen«, Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (www.dgrh.de)

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag
Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag
Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)
Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag
Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)
Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag
Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag
Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag
J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag
Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag
Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag
Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag
Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag
Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.



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Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2010

 

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