Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Depressionen: Neue Leitlinie veröffentlicht

PHARMAZIE

 
Depressionen

Neue Leitlinie veröffentlicht


Von Bettina Sauer / Die deutschen Fachgesellschaften einigten sich erstmals auf eine gemeinsame Leitlinie zur unipolaren Depression. Demnach lassen sich leichte und mittelgradige Formen mit Medikamenten oder per Psychotherapie behandeln, schwere Depressionen erfordern die Kombination aus beidem. Bezüglich der Wirksamkeit gibt die Leitlinie keinem Medikament den Vorzug.

ANZEIGE


Die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Depressionen haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Doch sind die haus- und fachärztlichen, die psychotherapeutischen und stationären Maßnahmen längst noch nicht optimal abgestimmt. Nur etwa 50 Prozent der depressiven Patienten bekommen die richtige Diagnose, noch weniger eine suffiziente Therapie. Zu diesen Einschätzungen gelangte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Um diese Defizite abzubauen, rief sie 2005 ein Leitlinienprojekt ins Leben. Daran beteiligten sich 28 Fachgesellschaften und -organisationen sowie zwei Patientenverbände. Vier Jahre haben sie an dem Mammutvorhaben gearbeitet und 1232 Fachpublikationen ausgewertet.

 

Erste gemeinsame Leitlinie

 

Das Ergebnis nennt sich »S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression«. Die Bezeichnung »S3« erhalten Leitlinien, wenn sie besonders hohen methodischen und wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Bei den Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) handelt es sich um evidenzbasierte Entscheidungshilfen für eine strukturierte, fachübergreifende Versorgung im deutschen Gesundheitssystem. So besagt die neue kombinierte Leitlinie unter anderem, dass Hausärzte die Behandlung leichter und mittelschwerer Depressionen übernehmen können. Zeigt sich dabei jedoch nach sechs Wochen kein ausreichender Erfolg, sollten sie die Patienten an einen Facharzt oder Psychotherapeuten überweisen. Die Leitlinie wurde Ende November beim Jahreskongress der DGPPN in Berlin erstmals vorgestellt. Im Internet findet sie sich unter anderem auf der Homepage der Fachgesellschaft unter www.dgppn.de.

 

Demnach erfolgt die Diagnose von Depressionen gemäß der »International Classification of Diseases« der Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer zehnten Fassung (ICD-10). Dieser diagnostische Kriterienkatalog nennt mehrere sogenannte Haupt- und Zusatzsymptome, anhand derer sich das Vorliegen und der Schweregrad der Krankheit bestimmen lässt (siehe Kasten). Die neue Leitlinie gibt Ärzten und Psychotherapeuten geeignete Fragen an die Hand, um diese Symptome zu erfassen. Die Therapie richtet sich in erster Linie nach dem Schweregrad der Erkrankung. Doch bevor sie beginnt, verlangt die Leitlinie ein Aufklärungsgespräch mit dem Patienten und gegebenenfalls seinen Angehörigen über Symptome, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten der Depression. Diese Informationen sollen es den Betroffenen ermöglichen, gemeinsam mit dem Behandelnden über die Auswahl der Therapie zu entscheiden.

 

Alle Antidepressiva empfohlen

 

Wenn Patienten mit leichten Depressionen nichts anderes wünschen, empfiehlt die Leitlinie zunächst gar keine Therapie im engeren Sinne, sondern eine »aktiv-abwartende Begleitung« (»watchful waiting«). Wenn sich bei einer Kontrolle nach zwei Wochen keine Verbesserung oder gar eine Verschlechterung des Zustands zeigt, beziehungsweise wenn eine mittelgradige Depression vorliegt, soll eine spezifische antidepressive Arznei- oder Psychotherapie beginnen. Bei schweren Depressionen rät die Leitlinie zur Kombination von Medikamenten und Psychotherapie.

 

Übrigens gibt das Papier keinem bestimmten Behandlungsverfahren oder pharmazeutischen Wirkstoff den Vorzug. Allerdings weist es darauf hin, dass die Gesetzliche Krankenversicherung bei der ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Depressionen nur die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie finanziert. Bezüglich der Medikamente heißt es, alle zugelassenen Antidepressiva besäßen bei ambulanter Anwendung eine vergleichbare antidepressive Wirksamkeit, unterschieden sich aber bezüglich des Neben- und Wechselwirkungsprofils. Dies sei bei der Auswahl individuell zu berücksichtigen. Grundsätzlich solle die Therapie mit Antidepressiva in der niedrigst möglichen, als Anfangsdosis bezeichneten Tagesdosis beginnen. Bei leichten und mittelgradigen Depressionen sei auch ein Behandlungsversuch mit Johanniskraut möglich.

 

Im ersten Monat der Therapie benötigen alle Patienten laut Leitlinie einmal wöchentlich eine Untersuchung. Zeigt sich drei bis vier Wochen nach Beginn kein ausreichender Behandlungserfolg – nämlich eine Verringerung der depressiven Symptomatik um 50 Prozent des Ausgangswerts – , ist wahrscheinlich die Strategie zu wechseln. Vorher sollten Ärzte allerdings die Therapietreue des Patienten überprüfen und ferner kontrollieren, ob sich die Serumspiegel der betreffenden antidepressiven Medikamente tatsächlich im therapeutischen Bereich befinden.

 

Lässt sich das Nicht-Ansprechen eines Patienten nicht durch diese beiden Untersuchungen erklären, rät die Leitlinie wenn möglich zunächst zur Erhöhung der Medikamentendosis (das gilt nicht für selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Daneben kann der Arzt auf ein anderes Arzneimittel (am besten aus einer anderen Wirkstoffgruppe) oder eine andere Psychotherapie umsteigen, eine Kombinationsbehandlung einleiten oder die Therapie mit Lithium verstärken (augmentieren). Letzteres empfiehlt die Leitlinie am ehesten, da sich dadurch selbst bei therapieresistenten Depressionen laut Studien oft große Erfolge zeigten.


Diagnose von Depressionen nach der neuen S3-Leitlinie

Hauptsymptome

gedrückte, depressive Stimmung
Interessenverslust, Freudlosigkeit
Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit

 

Zusatzsymptome

verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
verminderter Appetit
Schlafstörungen
Selbstmordgedanken/-handlungen

 

Leichte Depressionen sind gekennzeichnet durch das Auftreten von zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptomen*.

 

Mittelgradige Depressionen sind gekennzeichnet durch zwei Haupt- und drei bis vier Zusatzsymptome*.

 

Schwere Depressionen sind gekennzeichnet durch drei Haupt- und mindestens vier Zusatzsymptome*.

 

*über mindestens zwei Wochen


Ist eine wirkungsvolle Therapie gefunden, benötigen die Patienten weiterhin alle paar Wochen eine ärztliche Überwachung. Zudem sollen sie die ausgewählten Antidepressiva mindestens vier bis neun Monate über die Remission hinaus einnehmen, und zwar in der gleichen Dosierung wie in der Akutphase. Denn dies verringere das Risiko für einen Rückfall erheblich, heißt es in der Leitlinie. In der Regel seien Antidepressiva über mehrere Wochen ausschleichend abzusetzen.

 

Zudem geht das Papier auf spezielle depressive Patientengruppen ein. Demnach lassen sich bei Betroffenen im Seniorenalter grundsätzlich ähnliche Medikamente anwenden wie bei jüngeren, allerdings unter besonders aufmerksamer Beachtung der Verträglichkeit. Liegt zusätzlich eine Demenz vor, sind Wirkstoffe mit sedierenden und/oder anticholinergen Effekten zu vermeiden. Auch auf weitere psychische und körperliche Erkrankungen, die häufig gemeinsam mit Depressionen auftreten, geht die Leitlinie ein. Zudem widmet sie ein ganzes Kapitel der Vorbeugung, Diagnostik und Therapie von Selbstmordwünschen bei depressiven Patienten. Mit gutem Grund. Etwa die Hälfte aller Selbstmorde in Deutschland wird laut Fallstudien von Menschen mit Depressionen begangen. /


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 50/2009

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU