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EGK: Vorerst ohne E-Rezept

WIRTSCHAFT UND HANDEL

 
EGK

Vorerst ohne E-Rezept


Von Martina Janning, Berlin / Die elektronische Gesundheitskarte (EGK) kommt vorerst ohne ihr Herzstück: das elektronische Rezept. Die zuständige Gesellschaft Gematik soll nachsitzen und die komplexen Prozesse in der Praxis besser abbilden. Experten sehen die Chance, die Karte so zu optimieren, dass sich alle Beteiligten um sie reißen.

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Falsch ist, dass die elektronische Gesundheitskarte (EGK) nicht kommt. Richtig ist, dass das elektronische Rezept auf Eis liegt. Die EGK soll zunächst nur die Stammdaten des Versicherten, sein Foto und den europäischen Auslandskrankenschein enthalten. Wer will, kann freiwillig seine Notfalldaten auf der Karte speichern.

 

»Wir beginnen mit einer erweiterten und datenschutzrechtlich sichereren Krankenversichertenkarte«, erklärte Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler (FDP). Es folge ein schrittweiser Aufbau der Telematik-Infrastruktur. »Die Realisierung weiterer medizinischer Anwendungen wird so lange mit einem unbefristeten Moratorium belegt, bis praxistaugliche, höchsten datenschutzrechtlichen Anforderungen entsprechende Lösungen vorgelegt werden«, sagte Rösler nach einem Gespräch mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Er verfügte die Fortsetzung des EGK-Rollout, der seit Oktober in der Region Nordrhein läuft.

 

Dort haben nach Angaben der Stabsstelle IT der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein etwa 67 Prozent der Ärzte und 85 Prozent der Zahnärzte ein gesponsertes Lesegerät bestellt sowie knapp 90 Prozent der Krankenhäuser erklärt, dass sie die neue Karte akzeptieren.

 

Parallel startet die im Koalitionsvertrag vereinbarte Bestandsaufnahme der Telematik-Infrastruktur. Auf dem Prüfstand steht dabei nicht die EGK, sondern die Gematik – die Gesellschaft für Telematik-Anwendungen der Gesundheitskarte mbH, deren Gesellschafter die Spitzenverbände der Selbstverwaltung – einschließlich des Deutschen Apothekerverbands (DAV) – sind. »Im Fokus der Überprüfung steht die Struktur der Gematik«, erklärte Magnus Fischer, Leiter Vertragsmanagement und Erstattungsrecht bei Fresenius Kabi Deutschland vorige Woche in Berlin in einer Veranstaltung des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) zur elektronischen Gesundheitskarte.




Magnus Fischer

Foto: PZ/Zillmer


Moratorium als Chance

 

Fischer wertete das Moratorium als Chance, die elektronische Gesundheitskarte insgesamt zu verbessern. Er kritisierte, dass die Gematik die Versorgungsabläufe bisher wenig berücksichtigt habe. »Die Gematik geht sehr technisch an das Thema heran. Sie hat sich nicht ausreichend Gedanken gemacht über die Komplexität der Prozesse und die beteiligten Personen«, sagte er. Es gehe immerhin um rund eine Milliarde Verordnungen im Jahr und viele Tausend Beteiligte in Form von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Kliniken, Krankenversicherungen und sonstigen Leistungserbringern im Gesundheitswesen. Fischer plädierte dafür, nichts überzustülpen, sondern die »digitale Welt nach der realen zu formen«.

 

Er wies darauf hin, dass für sonstige Leistungserbringer, zu denen zum Beispiel Homecare-Unternehmen oder Abrechnungsfirmen zählen, noch nicht einmal geklärt sei, wie sie einen elektronischen Berufsausweis erhalten, um auf die Anwendungen der EGK zugreifen zu können. »Verkammerte Berufe« hätten es hier einfacher, resümierte Fischer. Um Ausweis und Verschlüsselungskarte zu bekommen, müssen sich Apotheker an einen Zertifizierungsdienstanbieter wenden, der dann die Berechtigung bei der zuständigen Apothekenkammer überprüft. Auch Frank Bodenstein von der Deutschen Gesundheitsnetz (DGN) Service GmbH diagnostizierte Praxisprobleme bei der EGK. Doch »der Datenschutz ist gut gelöst«, befand der Business Development Manager der DGN-Service, die zur Deutschen Apotheker- und Ärztebank gehört. Er forderte die Gematik auf, »die Scheuklappen abzulegen« und hospitieren zu gehen. »Wir haben die Chance, die elektronische Gesundheitskarte so zu optimieren, dass alle sagen: Die wollen wir haben«, erklärte der Telematik-Experte.




Frank Bodenstein

Foto: PZ/Zillmer


Dreh- und Angelpunkt dabei ist nach Ansicht Bodensteins das elektronische Rezept. Der bisher angenommene Weg, bei dem der Arzt Arznei- oder Hilfsmittel zulasten der Krankenkasse verordnet und der Patient das Rezept in der Apotheke oder einem Sanitätshaus einlöst, bilde nur einen Fall ab. Hausbesuche von Ärzten seien ebenso wenig berücksichtigt wie das Ab-rechnen von Rezepten durch externe Dienstleister.

 

Obschon die Regierung das elektronische Rezept auf Eis gelegt habe, ließen sich die Rezeptprozesse optimieren, erklärte Mathias Redders vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium, der auch Vorsitzender der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Telematik im Gesundheitswesen ist. »Wir haben ein großes Interesse daran, dass es trotz dieser aktuellen politischen Diskussion bei dem Thema in der Praxis weitergeht«, sagte er. Redders verglich die Telematik-Plattform, die nächstes Jahr stehen soll, mit einer Autobahn. Welche Autos, sprich Anwendungen, darauf fahren, sei nun nicht mehr im Detail vorgeschrieben. Jeder könne sein Auto benutzen. Diese Einladung, ein E-Rezept unabhängig von der Gematik zu entwickeln, griff Bodenstein gerne auf. Wenn gewünscht, ließen sich die Anwendungen später in die Gematik-Struktur überführen, sagte er. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2009

 

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