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Schweinegrippe: Polen verzichtet auf Impfung

POLITIK

 
Schweinegrippe

Polen verzichtet auf Impfung


Von Sebastian Becker, Warschau / Die polnische Regierung hat keinen Impfstoff gegen die Schweinegrippe bestellt. Die Angst vor Infektion macht sich zwar auch in Polen breit. Die Kritik an der Regierung hält sich aber in Grenzen.

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Die Schweinegrippe hat nahezu alle Länder in Europa erfasst – auch Polen. Bis Anfang dieser Woche beklagte das Land fünf Todesopfer. Rund 300 Polen seien mit dem H1N1-Virus infiziert, meldeten die einheimischen Medien. Die tatsächliche Zahl dürfte angesichts der zu erwartenden Dunkelziffer deutlich darüber liegen.

 

Wie in vielen anderen Staaten ist die Aufregung um die Schweinegrippe in Polen groß: »Sogar Staatspräsident Lech Kaczynski ist in ein Krankenhaus eingeliefert worden«, titelte das Boulevard-Blatt »Fakt«, das von allen Tageszeitungen die höchste Auflage hat. Blutbild und EKG seien aber in Ordnung gewesen, teilten die behandelnden Ärzte mit. Dabei schaltete »Fakt« verstärkt Anzeigen von Herstellern für Produkte für die Handdesinfektion – und nutzte die Nervosität im Land noch einmal anderweitig für seine kommerziellen Zwecke.

 

Auch wenn die Medien die Krankheit sehr genau beobachten, ist nicht klar, wie groß die Bedeutung der Schweinegrippe in Polen tatsächlich ist. Eindeutig ist nur, dass die Gesamtzahl aller Grippefälle schnell steigt. Wie das einheimische Finanzportal »Money.pl« berichtet, sind von Anfang September bis Mitte November rund 107 000 Polinnen und Polen erkrankt. Das ist vier Mal so viel wie im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Und das Tempo, in dem sich die Infektionen ausbreiten, ist hoch. Allein in der ersten Novemberhälfte sind 66 000 Erkrankungen aufgetreten. Mindestens zehn Patienten müssen intensiv-medizinisch beobachtet werden.

 

Deshalb beschäftigten sich nicht nur die Boulevard-Presse, sondern auch andere Medien mit diesem Thema an prädestinierter Stelle. Meistens lassen die Journalisten Ärzte, Apotheker oder andere medizinische Fachleute zu Wort kommen, die Ratschläge erteilen, wie man etwa das Virus am besten erkennt.

 

Die polnische Regierung hingegen verhält sich sehr zurückhaltend. Für sie scheint die Schweinegrippe kein Problem zu sein. Anders als in den meisten anderen europä­ischen Ländern hat die polnische Regierung keine Impfstoffe für das H1N1-Virus bestellt, sondern nur für die saisonale Grippe. Aus der Sicht von Gesundheitsministerin Ewa Kopacz schützt diese Impfung auch gegen eine H1N1-Infektion.

 

Den meisten Polen kann es jedoch egal sein, ob der normale Impfstoff auch gegen die Schweinegrippe hilft, denn sie werden ihn ohnehin nicht bekommen. Für die rund 38 Millionen Polen wurden gerade einmal 313 000 Impfdosen bestellt. Nur medizinisches Personal, kleine Kinder oder Risikogruppen sollen geimpft werden.

 

Die Apotheker betrachten diese Entwicklung mit Skepsis. »Grundsätzlich ist das ein Schritt in die richtige Richtung«, sagte Dr. StanisBaw Piechula der »Pharmazeutischen Zeitung«. Der Fachmann ist der Präsident der Schlesischen Apotheker-Kammer). Die Ausgabe von Impfstoffen für die saisonale Grippe an bestimmte Risikogruppen wie Ärzte oder Apotheker sei sinnvoll, weil immer mehr von ihnen selbst erkrankten und nicht mehr Patientinnen und Patienten behandeln könnten. »Ich glaube aber nicht, dass die Impfung gegen die saisonale Grippe einen sicheren und wirkungsvollen Schutz vor dem H1N1-Virus garantiert – so wie es die Ministerin sagt«, kritisierte Piechula. Aus medizinischer Sicht gebe es dafür keinen Anhaltspunkt. »Es kann zwar sein, dass der Organismus gestärkt wird, aber ob das auch gegen das H1N1-Virus reichen wird, ist nicht klar.« Die Ministerin wolle der Bevölkerung auf die Schnelle eine Alternative präsentieren, um zu zeigen, dass sie die Situation unter Kontrolle habe und die Regierung angemessen reagiere.

 

Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass Ärzte und Apotheker sich selbst nur selten impfen lassen, weil sie dies angesichts des bislang sehr milden Verlaufs der Erkrankungen für unnötig halten. Wenn die Aufregung über die Schweinegrippe in Polen im internationalen Vergleich durchaus begrenzt ist, kurbelt sie dennoch die Verkaufszahlen für Grippemedikamente an. Im vierten Quartal hat ein regelrechter Run auf die Apotheken eingesetzt. Sie verkaufen im laufenden November pro Tag rund 450 000 Packungen Grippemittel und 20 000 Impfstoffe gegen die saisonale Grippe. Die Apotheken können sich auf ein Rekordjahr freuen. Nach Schätzungen von Money.pl« wird sich das Volumen im Vergleich zu 2008 um 60 Prozent erhöhen. Dabei dürften die Monate November und Dezember eine besondere Rolle spielen. Den Schätzungen zufolge werden die Patienten in diesem Zeitraum insgesamt 1,5 Milliarden Zloty (365 Millionen Euro) für Grippemittel ausgeben. Das sind rund 600 Millionen Zloty (150 Millionen Euro) mehr als zwölf Monate zuvor.

 

Angekündigt hatte sich diese Entwicklung bereits im Oktober. Hier stieg der Verkauf von rezeptfreien Medikamenten im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15 Prozent, wie das Marktforschungsinstitut »Pharma Expert« erklärt. Zu ihnen gehören auch die Grippemittel. Der Gesamtverkauf war im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5,2 Prozent auf 2,3 Milliarden Zloty (560 Millionen Euro) gestiegen.

 

Keine Unruhe

 

Piechola ist dennoch bemüht, die Aufregung um die Grippe zu dämpfen. »Ich persönlich spüre in meiner Apotheke keine Atmosphäre der Unruhe unter den Patienten«, so der Fachmann. Bei ihm läuft alles so wie immer in den Wintermonaten, wenn die Erkrankungen zunehmen. »Es sieht so aus, als ob das Risiko, sich mit dem H1N1-Virus anzustecken, nicht größer ist, als bei einer Ansteckung mit einer saisonalen Grippe«, erklärte Piechola. Es gebe nichts, was darauf hinweise, dass die Schweinegrippe wesentlich gefährlicher sei als der saisonale Erreger.

 

Einen Seitenhieb auf die Medien kann er sich nicht verkneifen: »Die haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf die angespannte Atmosphäre. Meldungen über die angeblichen Nebenwirkungen des Impfstoffes entbehren jeglicher Grundlage.« Auch am Gesundheitsministerium übte Piechola Kritik. »Die Informationen aus dem Ministerium, dass kleine Kinder an den Nebenwirkungen des Impfstoffes gestorben seien, haben noch einmal zusätzlich für eine Abneigung und Ängste unter den Patienten gesorgt.« / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2009

 

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