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Johann Friedrich August Göttling: Die Entwicklung der Chemie- Experimentierkästen

ORIGINALIA

 
Johann Friedrich August Göttling

Die Entwicklung der Chemie- Experimentierkästen


Von Florian Öxler und Christoph Friedrich / Vor 200 Jahren verstarb der Apotheker und Professor der Jenaer Universität Johann Friedrich August Göttling (1753 bis 1809). Mit seinem wissenschaftlichen Wirken gab er der Chemie und Pharmazie wichtige Impulse, prägte aber auch entscheidend die Entwicklung eines heute eher als Spielzeug bekannten Gerätes – die des Chemie-Experimentierkastens.

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PZ-Originalia

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Göttling, der 1753 in Derenburg bei Halberstadt geboren wurde, verlor seinen Vater, als er vier Jahre alt war. Sein Stiefvater sorgte für seine Schulbildung, und 1767 begann er seine Apothekerlehre bei Johann Christian Wiegleb (1732 bis 1800) in Langensalza. Nach fünfjähriger Lehrzeit arbeitete er in verschiedenen Apotheken, wie in Neustadt/Orla, bevor er 1774 eine Anstellung als Provisor bei Wilhelm Heinrich Sebastian Bucholz (1734 bis 1798) in der Hof-apotheke von Weimar erhielt (1). Angeregt durch Bucholz’ wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte Göttling ein erstes Buch, die »Einleitung in die pharmazevtische Chymie für Lernende« (2), und begründete 1779 die erste chemisch-pharmazeutische Fachzeitschrift, den »Almanach oder Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker«. Über seinen Prinzipal Bucholz kam Göttling in Kontakt mit Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757 bis 1828) und dessen Berater Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832). In Goethes Auftrag fertigte er Analysen an und erstellte chemische Gutachten, und auf dessen Empfehlung unterstützte der Herzog den jungen Göttling auch finanziell und ermöglichte ihm ab 1785 ein Studium in Göttingen sowie eine Studienreise in die Niederlande und nach England, wo er die Bekanntschaft von Joseph Priestley (1733 bis 1804) und William Withering (1741 bis 1799) machte. 1788 zurückgekehrt, ließ Goethe ihm in Jena ein Labor einrichten, und nach der Promotion zum Dr. phil. trat Göttling im Jahr darauf eine Stelle als außerordentlicher Professor an der Jenaer Universität an. Erst 1799 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor und in seinem Sterbejahr 1809 schließlich zum Ordinarius berufen.




Haus- und Reiseapotheke um 1750 aus dem Deutschen Apotheken-Museum Heidelberg, die Göttling als Vorbilder für sein Probir-Cabinet gedient haben könnte.

Göttling, der seine Laufbahn wie viele seiner Zeitgenossen als Phlogistiker begann, wie sich anhand seiner »Einleitung in die pharmacevtische Chymie für Lernende« (2) nachweisen lässt, muss ab 1794 als Antiphlogistiker bezeichnet werden. 1794 bemerkte er in seinem »Beytrag zur Berichtigung der antiphlogistischen Chemie auf Versuche gegründet« (3), dass Phosphor nicht nur in Sauerstoff mit leuchtender Farbe, sondern auch in Stickstoff brenne. Er schloss daraus, dass es das Element Stickstoff nicht geben könne, sondern dass der Stickstoff die gleiche ponderable Basis besitze wie Sauerstoff. In Wirklichkeit war natürlich sein Stickstoff mit Luft verunreinigt. Obwohl sich Göttling kritisch mit der Stahlschen Phlogistontheorie auseinandersetzte, gelangte er in Anlehnung an Friedrich Albrecht Carl Gren (1760 bis 1798) und Jeremias Benjamin Richter (1762 bis 1807) zu der Ansicht, dass die Lavoisierschen Elemente keine unteilbaren Körper darstellten, sondern aus einem Grund- und Brennstoff zusammengesetzt seien.




Göttlings Anleitungsbuch zu seinem chemischen Probierkabinett.

Göttlings finanzielle Verhältnisse blieben trotz der herzoglichen Unterstützung zeitlebens angespannt, weshalb er seine Einnahmen durch Nebentätigkeiten aufzubessern suchte. Seinem 1794 nach dem Vorbild Wieglebs gegründeten Privatinstitut zur Ausbildung angehender Apotheker war jedoch kein großer Erfolg beschieden (4). Als wesentlich einträglicher erwies sich hingegen sein Handel mit selbst hergestelltem Zucker und chemischen Reagenzien. Daneben verkaufte Göttling ein »Mineralogisches Taschenlaboratorium«, das der schwedische Bergrat Gustaf von Engeström (1738 bis 1813) in den 1770er-Jahren bekannt gemacht hatte (5). Es enthielt Geräte und Reagenzien zur Lötrohranalyse und dürfte neben den damaligen Haus- und Reiseapotheken als Vorlage für Göttlings eigenes, 1790 vorgestelltes Experimentierset »Vollständiges chemisches Probir-Cabinet« gedient haben.

 

Das »Probir-Cabinet« bestand aus einem zweiteiligen Holzkasten von etwa 31 mal 24 mal 24 Zentimeter und enthielt 38 Reagenzien, eine kleine Waage mit Gewichten, Mörser und Pistill, einen Trichter, ein Lötrohr und zwei kleine Gläschen. Mehr Gefäße waren nicht nötig, da es damals üblich war, chemische Versuche in Wein- und Wassergläsern oder in Tassen durchzuführen. Zum ersten quasi-modernen Chemie-Experimentierkasten avancierte das Set jedoch durch das dazugehörige Anleitungsbuch »Vollständiges chemisches Probir-Cabinet zum Handgebrauche für Scheidekünstler, Aerzte, Mineralogen, Metallurgen, Technologen, Fabrikanten, Oekonomen und Naturliebhaber« (6), das aus zwei Teilen bestand. Im ersten Teil wurde jedes Reagenz und die damit möglichen Nachweisreaktionen in je einem eigenen Kapitel vorgestellt, insgesamt werden 152 Versuche beschrieben. Im zweiten Teil fanden sich Einsatzmöglichkeiten dieser Reaktionen für jede der im Titel genannten Berufsgruppen, worunter der »Gebrauch für Aerzte« mit 57 Seiten den größten Teil ausmachte. Hier wurden Untersuchungen von Mineralwässern, die Analyse von gepanschtem Wein sowie die Aufdeckung von Vergiftungen beschrieben. Da die Apothekenvisitationen damals den Ärzten oblagen, dürften jedoch die Untersuchungen zur Echtheit pharmazeutisch-chemischer Zubereitungen, die ebenfalls beschrieben wurden, am wichtigsten gewesen sein.




Rekonstruktion des Göttlingschen Probierkabinetts aus dem Deutschen Apothekenmuseum Heidelberg.

Mit seiner recht breiten Ausrichtung, die vom professionellen Naturforscher über den gewerbsmäßigen Anwender bis zum chemischen Amateur alle ansprechen sollte, stieß Göttlings »Probir-Cabinet« jedoch nicht nur auf Zustimmung. Neben positiven Kommentaren von Ärzten ist vor allem ein in Leserbriefen ausgetragener Streit Göttlings mit dem Berliner Apotheker und Professor Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760 bis 1833) überliefert, der sich im Kern um die Frage der Zielgruppe drehte (7). Hermbstaedt kritisierte, dass die Anleitung für einen in der Chemie Kundigen völlig unnötig sei, sie aber einem unkundigen Amateur überhaupt keine chemischen Kenntnisse vermitteln könne, so dass dann die »Versuche bloss zum Spielwerk dienen.« Ein Laie könne die Versuche lediglich »nachmachen, und angaffen, ohne den geringsten Nutzen daraus zu schöpfen« (8). Der Streit verließ bald den sachlichen Rahmen, und Göttling und Hermbstaedt warfen sich gegenseitig Inkompetenz auf chemischem Gebiet vor. Dies war prekär, da beide zum Zeitpunkt des Streits am Jahreswechsel 1790/91 gerade erst neue Stellen angetreten hatten. Göttling stritt als Angehöriger der Philosophischen Fakultät der Universität Jena mit der Medizinischen Fakultät um das Recht, Chemievorlesungen halten zu dürfen, und Hermbstaedt war gerade erst an das Berliner Collegium medico-chirurgicum berufen worden. Beide konnten also kein Interesse an einer Beschädigung ihrer fachlichen Reputation haben. Nachdem schließlich sogar mehrere Abonnenten und die Herausgeber der Allgemeinen Literatur-Zeitung, in der die gegenseitigen Anwürfe erschienen, den Verfall des Umgangsformen gerügt hatten, schlief die Diskussion im Frühjahr 1791 wieder ein, ohne indes eine Klärung in der Sache gebracht zu haben.




Titelblatt eines Buches von Göttling.

Als Folge des Streits erschien Göttlings zunächst geplanter und in Anzeigen angekündigter zweiter Teil der Anleitung, der sich mit der Analyse auf dem trockenen Weg (Lötrohr) hätte beschäftigen sollen, nie. Auch der erste Teil erlebte keine Neuauflage. Erst elf Jahre später legte Göttling mit der »Praktischen Anleitung zur prüfenden und zerlegenden Chemie« (Jena 1802) ein Kompendium zeitgenössischer Analysemethoden vor, das als Fortentwicklung des »Probir-Cabinets« angesehen werden kann.

 

Dessen ungeachtet befasste Göttling sich jedoch auch weiterhin mit der Herstellung von chemischen Experimentierkästen, die er nun aber auf ganz bestimmte Adressatenkreise zuschnitt. Ein 1800 herausgebrachtes Set richtete sich ausschließlich an Ärzte. Mit nurmehr 16 Reagenzien erlaubte es die Untersuchung von Mineralwässern auf ihre Inhaltsstoffe und die Überprüfung von Arzneimitteln, und kann daher mehr als analytischer Geräte- und Chemikaliensatz betrachtet werden. In dieser Tradition brachte schließlich auch der Apotheker und Professor der Erfurter Universität Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837) ein eigenes »Chemisches Probiercabinet« (Erfurt 1801) heraus. Es war ausschließlich für professionelle Anwender gedacht, und so stellte sein Begleitbuch auch keine für Amateure und Laien geeignete Experimentieranleitung dar.

 

Göttling entwickelte aber auch ein Experimentierset für Amateure und Anfänger in der Chemie. Schon 1792, also unmittelbar nach dem Streit mit Hermbstaedt, stellte er eine »Sammlung chemischer Präparate zu unterhaltenden und nützlichen Experimenten für Liebhaber der physischen Scheidekunst« vor. Zusammen mit dem Anleitungsbuch »Versuch einer physischen Chemie für Jugendlehrer beym Unterricht« (9) bildete es wieder ein Komplettset, das sich diesmal nur an »Unkundige« richtete.




Abgebildete Geräte aus Göttlings »Versuch einer physischen Chemie für Jugendlehrer beym Unterricht« von 1792.

Die »Sammlung« enthielt 40 Chemikalien und gebrauchsfertige Präparate sowie eine größere Anzahl von Geräten als etwa das »Probir-Cabinet«. Zu den Gegenständen, die den unterhaltsamen Charakter dieses Sets ausmachten, zählen dabei etwa Papierblumen aus Indikatorpapieren, der Bononische Leuchtstein, eine phosphoreszierende Masse aus Bariumsulfid, oder kleine Glasscheiben, in die mittels Flussspat und Schwefelsäure kleine mit Firnis vorgezeichnete Figuren eingeätzt werden konnten. Einige Experimente der Sammlung waren offenbar so beliebt, dass sie schließlich von dem Nürnberger Kaufmann Georg Hieronimus Bestelmeier (1764 bis 1829), der einen frühen Versandhandel betrieb, kopiert und vermarktet wurden. Zu einem konzeptionellen Vorgänger heutiger Chemie-Experimentierkästen wurde die »Sammlung« letztlich jedoch durch ihre Anleitung, in der Göttling alle zeitgenössischen Theorien und Erklärungsmodelle, etwa die chemische Verwandtschaftslehre, ausführlich vorstellte und anhand von Experimenten anschaulich machte.

 

Erstaunlicherweise lassen sich in Deutschland nach Göttling keine derartigen Komplettsets zu chemischen Experimenten für Laien mehr nachweisen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kamen mit der Einführung des obligatorischen Chemieunterrichts an den höheren Schulen wieder Chemie-Experimentierkästen in Umlauf. Große Verbreitung fanden Chemie-Experimentiersets allerdings erst mit den Kosmos-Baukästen der 1920er-Jahre und den Kosmos-Lehrspielzeugen der 1930er-Jahre. Trotz dieser unterbrochenen Traditionslinie können Göttlings »Probir-Cabinet« und »Sammlung« jedoch als die ersten echten Experimentierkästen für Laien und als Vorläufer der modernen Chemie-Experimentiersets angesehen werden. Mit ihrer Konzeption als Komplettsets und der Ausrichtung auf den chemischen Amateur nahmen sie eine Entwicklung vorweg, die sich dann über ein Jahrhundert zu einer noch heute fortdauernden Produktidee entwickelte und seitdem vielen Menschen zu ihrem Erstkontakt mit der Chemie verhalf (10).


Literatur

  1. Aigner, W., Die Beiträge des Apothekers Johann Friedrich August Göttling (1755[sic]–1809) zur Entwicklung der Pharmazie und Sauerstoffchemie. Diss. München 1985.
  2. Göttling, J. F. A., Einleitung in die pharmazevtische Chymie für Lernende. Altenburg 1778.
  3. Göttling, J. F. A., Beytrag zur Berichtigung der antiphlogistischen Chemie auf Versuche gegründet. Weimar 1794.
  4. Pohl, D., Zur Geschichte der pharmazeutischen Privatinstitute in Deutschland von 1779 bis 1873. Diss. Marburg 1972.
  5. von Engeström, G., Beschreibung eines Mineralogischen Taschen-Laboratoriums und insbesondere des Nutzens des Blasrohrs in der Mineralogie. Aus dem Schwedischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Christ[ian] Ehrenfr[ied] Weigel. Greifswald 1774.
  6. Göttling, J. F. A., Vollständiges chemisches Probir-Cabinet zum Handgebrauche für Scheidekünstler, Aerzte, Mineralogen, Metallurgen, Technologen, Fabrikanten, Oekonomen und Naturliebhaber. Erster Theil. Untersuchungen auf dem nassen Wege, Jena 1790.
  7. Öxler, F., Friedrich, C., Experimentierkästen »ohne den geringsten Nutzen«? Eine Diskussion Ende des 18. Jahrhunderts, in: Chemie in unserer Zeit 42 (2008) 282–289.
  8. Hermbstaedt, S. F., Replik auf die Antikritik, in: Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung 2 (1791) 12.
  9. Göttling, J. F. A., Versuch einer physischen Chemie für Jugendlehrer beym Unterricht, wie auch Gebrauchsanleitung der Sammlung chemischer Präparate zu unterhaltenden und nützlichen Versuchen für Liebhaber der physischen Scheidekunst. Jena 1792.
  10. Öxler, F., Zur Geschichte des Chemieexperimentierkastens unter besonderer Berücksichtigung des deutschsprachigen Raums. Diss. Marburg 2009.


Anschrift der Verfasser:

Professor Dr. Christoph Friedrich

Dr. des. Florian Öxler

Institut für Geschichte der Pharmazie der Philipps-Universität

Roter Graben 10

35032 Marburg


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2009

 

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