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Erfahrungsbericht: Pharmazie auf brasilianische Art












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Erfahrungsbericht

Pharmazie auf brasilianische Art


Von Mareike Maas / Zwei Monate Forschungsaufenthalt in Brasilien. Als mein Doktorvater mir den Vorschlag machte, musste ich nicht lange überlegen, um zuzusagen. Die Aussicht, ein mir vollkommen unbekanntes Land zu entdecken, war zu reizvoll. Als dann noch die Apothekerstiftung Westfalen-Lippe ein Reisestipendium zusagte, stand den Planungen nichts mehr im Wege.

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Ende Juni 2009 saß ich dann mit einer großen Portion Vorfreude und einer Handvoll zu untersuchender Proben im Gepäck im Flieger, der mich zunächst nach São Paulo und anschließend in die 600.000-Einwohner-Stadt Ribeirão Preto, etwa 400 km von São Paulo entfernt, bringen sollte. Hier sollte ich für zwei Monate an der Universität arbeiten.

 

In meiner Doktorarbeit, die ich in Münster am Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie unter der Leitung von Professor Dr. Andreas Hensel anfertige, beschäftige ich mich mit der Heilpflanze Eupatorium perfoliatum (Asteraceae), dem indianischen Wasserdost, der volksmedizinisch und homöopathisch als Immunstimulans eingesetzt wird. Die phytochemische Untersuchung der hydrophilen Inhaltsstoffe hatte ich bereits abgeschlossen, die Aktivitätstestung in immunologischen Zellversuchen läuft noch, in Brasilien sollte ich nun die lipophilen Inhaltsstoffe, hierunter vor allem die Sesquiterpenlactone, untersuchen. Hierzu hatte ich die Möglichkeit, im Labor von Professor Dr. Fernando Batista da Costa an der pharmazeutischen Fakultät in Riberão Preto im Labor für Farmacognosia, also der pharmazeutischen Biologie, zu arbeiten.




Der Campus der Universität im brasilianischen Riberão Preto ist auf dem Gelände einer früheren Kaffeefarm entstanden. In den alten Gebäuden im Kolonialstil ist unter anderem ein Museum zur Geschichte der Kaffeeplantage untergebracht.

Fotos: Maas



Die Fakultät in Ribeirão Preto gehört zur Universidade de São Paulo, kurz USP, der Universität des Staates São Paulo. Professor da Costa (oder Fernando, denn in Brasilien duzt jeder jeden, wie ich schnell feststellte) arbeitet schwerpunktmäßig mit den Sesquiterpenlactonen der Asteraceen, wobei neben der Strukturaufklärung unbekannter Verbindungen vor allem die chemotaxonomische Einordnung sowie die Untersuchung der antiinflammatorischen Aktivität der Extrakte und Einzelsubstanzen im Vordergrund steht.

 

Unkompliziertes Unileben

 

Meine Laborkollegen nahmen mich mit der den Brasilianern eigenen Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit auf, und auch meine Unterbringung wurde unkompliziert geregelt: Ich konnte im Appartement von Fernanda, einer Studentin eines benachbarten Arbeitskreises, ein Zimmer beziehen. Das Appartement befand sich im Zentrum von Ribeirão Preto, in einem der bis zu zwanzig-stöckigen Apartment-Hochhäuser, die das Stadtbild prägen.

 

An meinem ersten Arbeitstag im Labor bekam ich zunächst eine Führung über den Campus, der auf dem Gelände einer früheren Kaffeefarm entstanden ist. Die zum Teil alten Gebäude im Kolonialstil, in denen unter anderem ein Museum zur Geschichte der Kaffeeplantage untergebracht ist, und die tropische Bepflanzung, erinnern an diese Zeiten. Auch die Mensa lernte ich natürlich in den ersten Tagen kennen. Sie wird hier liebevoll »bandejão« genannt, was so viel wie »großes Tablett« bedeutet. Das Essen dort ist unglaublich günstig (circa 0,70 Euro). Das Essen ist ausgewogen und gut, nur wenn man Vegetarier ist oder keine Bohnen mag, hat man ein echtes Problem.

 

Die Arbeit im Labor ließ natürlich auch nicht lange auf sich warten: Ich untersuchte meine mitgebrachten Extrakte mittels HPLC und Infrarotspektroskopie, um die Sesquiterpenlacton-reichen Fraktionen zu identifizieren. Mit der Hilfe von Dr. Leonardo Gobbo-Neto, der mich in die Handhabung des Gerätes einführte und die HPLC-Methode beisteuerte, konnte ich die Fraktionen dann ausführlich mittels LC-MS-MS untersuchen – eine gute Möglichkeit, in kurzer Zeit ohne aufwendige Probenvorbereitung wichtige Informationen über die enthaltenen Substanzen zu erlangen. Leider landete ich im Vergleich mit der hauseigenen Sesquiterpenlacton-Datenbank keinen direkten Treffer, sodass ich zur abschließenden Strukturaufklärung um eine Isolierung der Substanzen mittels präparativer Methoden und anschließender NMR-Spektroskopie nicht herumkam. Die präparative Arbeit sollte also die abschließenden Wochen meines Aufenthaltes bestimmen, wobei es mir gelang, eine Handvoll neuer Reinsubstanzen zu isolieren.

 

Cachaça und Churrasco

 

Die Abende und Wochenenden konnte ich dazu nutzen, die Stadt ein wenig besser kennenzulernen: Ribeirão Preto ist eine im brasilianischen Vergleich reiche Stadt mit hohem Lebensstandard. Durch ihre zentrale Stellung im Agrarhandel, vor allem mit Kaffee und Zuckerrohr, hat sie Bedeutung erlangt. Zudem wird die Stadt von den vielen Studenten geprägt; neben dem Campus der USP, der vor allem für seine medizinische Fakultät bekannt ist, gibt es mehrere private Universitäten. So ist das Nachtleben entsprechend ausgeprägt, was ich auch mehrmals zusammen mit meinen Laborkolleginnen, die nicht müde wurden, mir die verschiedenen Szenekneipen zu zeigen, ausprobieren durfte. So ist die Chopperia Pinguím landesweit für ihr eisgekühltes Bier bekannt, in der Cachaçaria dagegen trinkt man natürlich Cachaça, den Zuckerrohrschnaps, der für einen Caipirinha unentbehrlich ist. Am besten schmeckt er gemixt mit einem der unzähligen frisch hergestellten Fruchtsäfte.

 

Die Brasilianer treffen sich am liebsten zum Essen: So konnte ich bei einem Churrasco, das ist eine Grillparty in einem gemieteten Häuschen am Stadtrand, und bei einem Rodizio teilnehmen, hierbei gibt es neben einem Salatbuffet soviel Fleisch, wie man möchte, frisch vom Spieß auf den Teller geschnitten. Der Besuch der Goldgräberstadt Ouro Preto im kolonialen Barockstil im benachbarten Bundesstaat Minas Gerais, der Tagesausflug zum Arzneipflanzensammeln beim Stausee Furnas sowie die Fahrt zum größten Rodeo Südamerikas in Barretos gehörten zu den weiteren Höhepunkten meiner Freizeitgestaltung. Hierbei wurde ich wie selbstverständlich von den Brasilianern eingeladen, in Ouro Preto konnte ich bei der Familie meiner Laborkollegin Daniela unterkommen.

 

Besonders interessierte mich natürlich auch die Ausbildung der Pharmazeuten sowie die Gestaltung der Apotheken in Brasilien. Gelegenheit, mich mit den Pharmazie-Studenten beziehungsweise Doktoranden auszutauschen, hatte ich reichlich. Über Professor Fernando hatte ich auch die Möglichkeit, mehrere Apotheken von befreundeten Apothekern zu besuchen.




Die »Farmácias de manipulação« sind in der Regel im Besitz eines Apothekers. Vom äußerlichen Erscheinungsbild sind sie eher schlicht.

Das Pharmaziestudium läuft in Brasilien ähnlich ab wie in Deutschland: Viereinhalb Jahre werden an der Uni verbracht, wobei sich Vorlesungen mit Laborpraktika abwechseln. Mit der abschließenden Prüfung erhält man seine graduação, wobei man den Abschluss, anders als in Deutschland, auch in einem reinen Abendstudium erhalten kann. Anschließend ist ein sechsmonatiges Praktikum verpflichtend, wobei sich der angehende farmacêutico aussuchen kann, ob er in einer Apotheke, in der Industrie oder vielleicht in einem Forschungslabor der Universität arbeiten möchte. Danach besteht die Möglichkeit, an der Universität einen zweijährigen Masterstudiengang sowie eine drei- bis vierjährige Doktorarbeit anzuschließen. Dieser Weg wird in der Regel nur eingeschlagen, wenn man vorhat, Professor an der Universität zu werden. In der Apotheke und auch in der Industrie, die in Brasilien selten einen Forschungs- und Entwicklungsbereich hat, wird der Doktortitel nicht vorausgesetzt. Sobald man die Doktorarbeit erfolgreich abgeschlossen hat, kann man von einer Universität als Professor eingestellt werden, eine Habilitation wie in Deutschland ist also nicht nötig.

 

Von Farmácias und Drogarias

 

Das brasilianische Gesundheitssystem ist komplex und ein wenig unübersichtlich. Das spiegelt sich auch in der Ausgestaltung der Apothekenlandschaft wider. Es gibt öffentliche (vom Staat finanzierte) und private Apotheken. Die Mehrzahl der Apotheken ist privat, hierbei gibt es wiederum zwei Typen, die farmácias de manipulação und die drogarias. Die farmácias de manipulação sind in der Regel im Besitz eines Apothekers. Vom äußerlichen Erscheinungsbild sind sie schlicht bis elegant, oft in Pastelltönen gehalten und mit wohlklingenden Namen wie »Aquilea« oder »Gallileus« versehen. Der Teil der Apotheke, den der Patient betritt, enthält meist nur eine Theke, an der der diensthabende Apotheker das Rezept oder die Bestellung annimmt. In der farmácia de manipulação werden fast ausschließlich selbst hergestellte Arzneimittel vertrieben, hierbei handelt es sich vor allem um Dermatika, Lösungen zur peroralen Anwendung sowie Kapseln. Außerdem werden oft auch Verdünnungen von Homöopathika hergestellt sowie Phytotherapeutika in Kapseln abgefüllt. Die Verwendung von Arzneitees ist in Brasilien, wahrscheinlich aufgrund des wärmeren Klimas, nicht üblich.

 

Verletzungen der Rezeptpflicht

 

Die drogaria unterscheidet sich schon von der Aufmachung deutlich von der farmácia: Die Außenwerbung ist meist in kräftigem Rot oder Blau gestaltet, und Plakate versprechen zweistellige Rabatte auf Generika. Beim Betreten erinnert die drogaria zunächst an einen Drogeriemarkt. Regale mit Kosmetika und Hygieneartikeln nehmen den meisten Raum ein, am Ausgang gibt es eine Kasse zum Bezahlen. Im hinteren Bereich gibt es eine Verkaufstheke, wo industriell hergestellte Arzneimittel abgegeben werden. Die drogarias gehören normalerweise einer Kette an, dennoch besteht, genau wie in der farmácia, während der gesamten Öffnungszeiten Anwesenheitspflicht für einen Apotheker. Das übrige Personal hat in der Regel keine spezielle pharmazeutische Ausbildung. Die Arzneimittel werden in drei Kategorien unterteilt. Neben freiverkäuflichen Arzneimitteln, die zum Teil auch – als ganze Packung oder in Einzelblistern – in der Freiwahl platziert werden, gibt es verschreibungspflichtige Arzneimittel, die aber bei Bedarf auch ohne ärztliches Rezept abgegeben werden (hierzu zählen zum Beispiel Kontrazeptiva und Antibiotika!). Außerdem gibt es kontrollierte Arzneimittel, diese entsprechen in etwa den deutschen Betäubungsmitteln. Hier wird die Abgabe auf Rezept behördlicherseits kontrolliert.

 

Zurzeit ist die Schwelle zum Arzneimittelmissbrauch in Brasilien sicher deutlich niedriger als in Deutschland, da zahlreiche freiverkäufliche Arzneimittel einfach in der Freiwahl mitgenommen und an der Kasse bezahlt werden können, außerdem wird die Rezeptpflicht offenbar nicht ganz so ernst genommen. Das hat zum Beispiel zu einem oft unangemessenen Gebrauch von Antibiotika mit einer Ausbreitung von Resistenzen geführt. Mittlerweile ist ein Reformprozess im Gange, der genau diesen Problemen entgegenwirken soll: Die Abgabe von freiverkäuflichen Arzneimitteln darf nicht mehr in der Freiwahl erfolgen und die Abgabe von verschreibungspflichtigen Medikamenten soll stärker kontrolliert werden. Die Trennung des Vertriebes von industriell und manuell hergestellten Arzneimitteln trägt sicher auch nicht zur Erhöhung der Arzneimittelsicherheit bei, da zum Beispiel Wechselwirkungen nur unzureichend aufgedeckt werden können. Auf der anderen Seite ist das technologische Know-how und die räumliche Ausstattung in den farmácias de manipulação sehr hoch, und auch die Pharmazeuten, die in einer drogaria arbeiten, nehmen ihren Beruf in der Regel sehr ernst und sind bemüht, den Patienten zur Arzneimittelanwendung umfassend zu beraten.

 

Ausbildungs-Apotheke der Uni

 

Öffentliche Apotheken werden von zwei verschiedenen staatlichen Programmen finanziert: dem Sistema Único de Saúde (»Einheitliches Gesundheits-System«) oder dem Programa Farmácia Popular do Brasil (»Programm Volks-Apotheke von Brasilien«). Hier werden Medikamente zu deutlich reduzierten Preisen oder zum Teil auch umsonst abgegeben. Da nur 20 Prozent der Brasilianer in einer privaten Krankenversicherung sind und die Medikamente in den privaten Apotheken ansonsten komplett aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, sind für viele Brasilianer die öffentlichen Apotheken die einzige Möglichkeit, Medikamente zu erhalten.




Kapselherstellung in der Universitäts-Apotheke: Die Apotheke ist zum einen Ausbildungsapotheke, zum anderen vertreibt sie selbst hergestellte Arzneimittel zu einem besonders günstigen Preis und ermöglicht so auch ärmeren Bevölkerungsschichten den Zugang zu hochwertigen Arzneimitteln.

Abschließend konnte ich noch eine besondere brasilianische Apotheke kennenlernen, die Apotheke des Uni-Campus. An der pharmazeutischen Fakultät gibt es eine voll ausgestattete Apotheke, die sowohl Medikamente selbst herstellt als auch industriell gefertigte Präparate vertreibt. Die Apotheke dient dabei einmal als Ausbildungsapotheke für angehende Pharmazeuten, die sich entscheiden, ihr halbjähriges Praktikum hier zu verbringen, andererseits hat sie den Anspruch, vor allem die selbst hergestellten Arzneimittel zu einem besonders günstigen Preis zu vertreiben und so auch ärmeren Bevölkerungsschichten den Zugang zu hochwertigen Arzneimitteln zu gewährleisten. Zudem findet bei Bedarf Forschung im Bereich der Arzneimittelformulierung statt.

 

Ehe es man sich versieht, sind zwei Monate Brasilien vorüber. Für mich war es eine spannende und interessante Zeit, die Arbeit im Labor hat mich vorangebracht, ich habe ein sehr schönes und aufregendes Land entdeckt und viele nette Bekanntschaften gemacht. Ich werde mich sicher noch oft an die gute Zeit, die ich hier verbracht habe, erinnern.

 

Ein herzliches Dankeschön an die Apothekerstiftung Westfalen-Lippe für die Zusage des Reisestipendiums. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2009

 

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