Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Repellentien: Bissigen Biestern Paroli bieten

PHARMAZIE

 
Repellentien

Bissigen Biestern Paroli bieten

Von Annette Immel-Sehr

 

Der Klimawandel bringt viele Probleme. Doch nicht für alle: Stechmücken, Bremsen, Zecken und Co. profitieren von höheren Temperaturen und pflanzen sich besser fort. Viele Kunden suchen Hilfe in der Apotheke, wenn es darum geht, das geeignete Mittel aus der Vielfalt des Repellentien-Angebots zu finden.

ANZEIGE

 

Wer sich in der warmen Jahreszeit im Freien aufhält, muss mit unliebsamen Begegnungen rechnen. Stiche von Stechmücken, Stechfliegen und Bremsen können nicht nur unangenehm sein, sondern über den ersten Juckreiz oder Schmerz hinaus auch bakterielle Infektionen zur Folge haben. Auch dass Zecken Borrellien und FSME-Viren übertragen, hat sich in der Bevölkerung herumgesprochen. Was kann man also tun, um die Insekten erfolgreich abzuwehren? Den besten Schutz bietet die Kombination aus mechanischen Schutzmaßnahmen, das heißt vor allem bedeckende Kleidung und die Anwendung von Repellentien.

 

Mit Rauch und Gerüchen vertreiben

 

Schon vor Jahrtausenden lernten die Menschen, Insekten durch das Verbrennen von Holz oder stark riechender Pflanzen abzuwehren. Auch mit ätherischen Ölen, die man auf die Haut reibt, lassen sich Insekten abschrecken. Traditionell werden zum Beispiel Bergamotteöl, Eukalyptusöl, Citronellöl, Kokosnussöl, Lavendelöl, Nelkenöl, Zimtöl oder auch Knoblauch einzeln oder in Kombination eingesetzt. Obwohl ätherische Öle eine lange Tradition haben und bei Anhängern der Naturheilkunde sehr beliebt sind, sollte man sie heute als Insektenschutz nicht mehr empfehlen. Das gilt vor allem dann, wenn es auf einen zuverlässigen Schutz ankommt. Denn ätherische Öle wirken nur kurz und haben ein eingeschränktes Wirkungsspektrum. Ein weiterer großer Nachteil ist das zum Teil erhebliche allergisierende Potenzial, das durch Sonnenlichtexposition noch verstärkt wird. Insgesamt ist die Wirksamkeit und Verträglichkeit wesentlich schlechter untersucht als die synthetischer Repellentien.


Tipps zur richtigen Anwendung

das Mittel auf der gesamten unbedeckten Haut lückenlos und gleichmäßig aufgetragen
auch die Hautpartien unter luftiger Kleidung behandeln, da Insekten durch dünne Stoffe stechen können
nicht auf Schleimhäute und verletzte Hautstellen aufbringen
die angegebene Schutzzeit nur als Richtgröße verstehen. Wirkdauer ist abhängig von mechanischem Abrieb, Temperatur (Schwitzen!), Luftfeuchtigkeit und Wind
das Mittel regelmäßig erneut auftragen; dabei ist zu beachten, dass die Schutzwirkung gegen Zecken meist deutlich früher nachlässt als die gegen Mücken
das Mittel nach jedem Wasserkontakt neu auftragen, da Repellentien nur bedingt wasserfest sind
Wenn Kosmetika oder Sonnenschutzmittel angewendet werden, Repellentien zuletzt auftragen. Der Lichtschutzfaktor kann sich um bis zu 30 Prozent reduzieren!

Chemisch betrachtet sind die modernen synthetischen Repellentien meist Amide, Alkohole, Ester oder Ether, die in einigen Präparaten auch in Kombination eingesetzt werden. Es handelt sich um Flüssigkeiten oder leicht schmelzende Feststoffe, die bei Raumtemperatur langsam verdunsten. Werden sie in einer Zubereitung auf die Haut aufgetragen, verdampfen sie und bilden über der Haut eine Art Hülle. Über einen bisher ungeklärten Mechanismus hält das Repellens dann Stechmücken, Bremsen oder Zecken davon ab, sich auf der Haut niederzulassen. Möglicherweise empfinden die Tiere die Substanzen als abstoßend, vielleicht können sie aber auch den Geruch des Wirts einfach nicht mehr wahrnehmen. Sobald die Konzentration des aufgetragenen Mittels wieder so weit gesunken ist, dass die schützende Hülle nicht mehr ausreicht, kann es wieder zu Stichen und Bissen kommen. Dabei hält die Schutzwirkung gegen Mücken meist deutlich länger als gegen Zecken. Im Gegensatz zu Insektiziden töten Repellentien die Tiere nicht, sondern verhindern nur, dass sie sich auf der Haut niederlassen und stechen beziehungsweise beißen. Damit sind sie im Vergleich zu Insektiziden wesentlich weniger toxisch und das Risiko für eine Resistenzentwicklung ist gering.

 

Goldstandard aus der US-Armee

 

Diethyltoluamid (DEET) wird schon seit mehr als 50 Jahren als Repellens eingesetzt. Das Mittel ist 1946 von der amerikanischen Armee patentiert worden und seit 1957 im Handel. Es wirkt gegen ein breites Spektrum von Fliegen, Mücken und Spinnentieren. Bienen, Wespen, Hummeln und Hornissen werden dagegen kaum abgewehrt. Aufgrund seines sehr guten Nutzen-Risiko-Profils wird DEET von der WHO empfohlen. Bei unsachgemäßer Anwendung kann DEET jedoch neurotoxisch und allergisierend wirken. Besondere Vorsicht ist daher bei großflächiger Anwendung geboten, das heißt bei einer Auftragungsfläche von mehr als 20 Prozent der Körperoberfläche und bei der Anwendung an Schleimhautgrenzen. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie im Säuglingsalter sollte DEET nicht verwendet werden. Bei Kindern hängt das frühstmögliche Anwendungsalter von der DEET-Konzentration ab. 25-prozentige Zubreitungen können ab dem zweiten Lebensjahr, 50-prozentige ab dem zehnten Lebensjahr angewendet werden. Man sollte die Kunden darauf hinweisen, dass DEET einige Kunststoffe angreift. Handys, Sonnenbrillen, Strandtaschen aus Plastik oder auch Stützstrümpfe könnten bei direktem Kontakt eine Materialauflösung zeigen. DEET ist in zahlreichen Präparaten, etwa Azaron® Zeckengebiete, Azaron® before Tropen-Gel und Nobite® Haut enthalten.

 

Der Wirkstoff Icaridin (Bayrepel®) ist zwar noch kein Klassiker wie DEET, aber ebenfalls gut untersucht. Hinsichtlich Wirkspektrum und -dauer ist es dem DEET weitgehend vergleichbar, bei einigen Spezies sogar wirksamer. In 10-prozentiger Konzentration wehrt es Mücken und Bremsen bis zu vier Stunden zuverlässig ab, in 20-prozentiger Zubereitung auch Zecken. Hautgefühl und Geruch werden von manchen Anwendern als angenehmer empfunden als bei DEET. Icaridin kann bei Kindern ab zwei Jahren sowie in Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden. Der Wirkstoff ist in Autan® enthalten. Weitere häufig eingesetzte Repellentien sind zum Beispiel Ethyl-Butylacetylaminopropionat (EBAAP, IR 3535), Dimethylphthalat (DMP) und 2-Ethylhexan-1,3-diol (Rutgers 612). Sie sind jedoch schwächer wirksam als DEET und Icaridin.

 

Der Kunde kann nicht nur zwischen unterschiedlichen Wirkstoffen, sondern auch aus einer Vielzahl von Darreichungsformen wählen: Stifte, Gele, Emulsionen, Lösungen, Sprays und Tücher. Mückenbänder und -streifen bieten keinen flächendeckenden Schutz und sind flüssigen Präparaten in der Wirksamkeit daher unterlegen. Für jeden Bedarf sollte aber ein geeignetes Produkt zu finden sein. Auch spezielle Zubereitungen für den lang andauernden Schutz (zum Beispiel nachts) sind erhältlich. Ob Schutz am Tag oder in der Nacht: Wichtig ist die richtige Anwendung

 

Wenig überzeugende Alternativen

 

Manche Kunden wünschen Repellentien zum Einnehmen. Sie fragen zum Beispiel nach Vitamin-B1-Kapseln (Thiamin). Auch Petersilienöl- und Knoblauchpräparate sollen nach einigen Tagen der Einnahme auf der Haut einen charakteristischen Geruch entfalten, der Mücken abwehrt. Tatsächlich schreckt man damit aber eher Mitmenschen ab als Insekten.

 

Auch Blaulichtlampen, spezielle Gartenfackeln und Ultraschallgeräte, die Stechmücken durch hochfrequente Schwingungen vertreiben sollen, sind praktisch unwirksam. Dagegen bieten Maßnahmen wie Fliegengitter oder Mückennetze einen zwar unspektakulären, dafür aber wirkungsvollen Schutz.

 

Insektizidsprays, Räucherspiralen und Biozidverdampfer geben Insektizide (meist Pyrethroide) an die Raumluft ab und machen Schlafräume auf diese Weise mückenfrei. Die Wirkstoffe vertreiben die Insekten nicht, sondern wirken als tödliche Atem- und Nervengifte. Bei sachgerechter Anwendung sollen für den Menschen keine gesundheitsschädigenden Insektizid-Konzentrationen in der Raumluft erreicht werden. Dies schließt jedoch nicht aus, dass empfindliche Personen Reizungen der Atemwege, Schleimhäute und Haut feststellen. Beispiele sind Baygon®, Paral®, Tyrax®. Auch Insektizide zum Aufsprühen auf die Kleidung (zum Beispiel Nobite® Kleidung) stehen zur Verfügung. Laut Herstellerangaben hält die Wirkung bis zu zwei Monate an und übersteht sogar zwei bis vier Wäschen.

 

Was tun, wenns doch passiert?

 

Repellentien bieten, die richtige Produktauswahl und korrekte Anwendung vorausgesetzt, einen guten, aber keinen 100-prozentigen Schutz gegen Insektenbisse und -stiche. Deswegen sollten sich gefährdete Personen in FSME-Risikogebieten in jedem Fall gegen das Virus impfen lassen. Auch in den Tropen sind Repellentien kein Ersatz für Moskitonetz und Chemoprophylaxe.

 

Kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zum Insektenstich, ist es sinnvoll, etwas gegen den Juckreiz aufzutragen. So verhindert man das Kratzen und möglicherweise eine sekundäre bakterielle Infektion. Mit Antihistaminika lassen sich Juckreiz und Schwellung wirksam eindämmen (zum Beispiel Azaron®, Fenistil®, Soventol®, Systral®, Tavegil®). Andere Produkte enthalten zum Beispiel Polidocanol als Anästhetikum und Menthol und Campher zum Kühlen (Autan® Akut).

 

Den Stachel von Bienen, Wespen und Hornissen sollte man möglichst herausziehen, um die Menge des austretenden Gifts zu mindern. Manche Outdoor-Fans benutzen dazu Unterdruck-Minipumpen wie Aspivenin®, die in jeden Rucksack passen. In jedem Fall ist Kühlen gut, um die Schwellung zu unterdrücken. Besteht eine bekannte Allergie gegen Wespengift, sollte man stets ein entsprechendes Notfallpaket mit sich führen, um einen anaphylaktischen Schock zu vermeiden.

 

Im Gegensatz zu Insektenstichen erfolgt ein Zeckenbiss meist unbemerkt. Nach Aufenthalten in Wald und Wiesen sollte man den Körper gründlich absuchen, ob irgendwo, bevorzugt an warmen feuchten Stellen wie in der Leiste oder unter den Achseln, eine Zecke sitzt. Mit einer feinen Pinzette greift man möglichst vorne am Kopf und zieht das Tier dann vorsichtig gerade aus der Haut, möglichst ohne es zu quetschen. Dabei braucht man weder gegen noch mit dem Uhrzeigersinn zu drehen, da Zecken kein schraubenartiges Beißwerkzeug besitzen. In der folgenden Zeit sollte beobachtet werden, ob es an der betreffenden Körperstelle zur Hautrötung kommt, was auf eine Borreliose hinweisen kann. Auch bei anderen Borreliose-Symptomen wie Grippegefühl, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß oder Herzrasen sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.


Die Mückenfänger von Italien

In dem norditalienischen Ort San Nazzaro Sesia geht es Mücken an den Kragen: Die Gegend in der Nähe von Novara, wird alljährlich von einer lästigen Mücken-Invasion heimgesucht. Die Männer des Städtchens messen sich daher alljährlich im Mückenfang-Wettbewerb. Wer es schafft, innerhalb von zehn Minuten die meisten der lästigen Tierchen mit der bloßen Hand oder einer eigens patentierten Fliegenklatsche zu erlegen, gewinnt die Meisterschaft. Neben 10 Euro pro getöteter Mücke winkt dem Sieger als Preis ein Esel.


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2007

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU